Die Passion

Man/frau könnte meinen, dass die Krebsdiagnose zu den schlimmsten Ereignissen im Leben eines Menschen gehört. Für mich war es das nicht – wie schon öfter beschrieben.

Da gibt es vieles, was mich weit mehr belastet und leiden lässt. Jetzt gerade kommen beispielsweise  (quälende) Fragen hoch, ob ich wohl wertvoll bin, wenn ich nicht mal mehr psychotherapeutisch arbeite, ob mein Leben einen Wert hat, wenn ich es nicht durch bisweilen über meine Grenzen gehende Leistungen rechtfertige.

Ist mein Leben etwas wert, einfach wenn ich hier bin, hier auf der Erde?

Ist es noch etwas wert, wenn ich nicht an immer neuen Projekten, nicht an herausfordernden (wichtigen!) Artikeln arbeite, wenn ich keinen anderen Menschen helfe, wenn ich nicht spirituell praktiziere, mich (strengen) Regimen unterwerfe, wenn ich einfach mein Leben lebe – so wie ich es  in https://krebscoaching.org/2019/04/03/mein-gutes-leben/ beschrieben habe.

Da kann ich dann ganz schön verzweifelt werden und im Leid untergehen. Möchte sogleich einen Ausweg suchen, eine Lösung finden. Und weiß doch, dass sie nirgends zu finden ist. Dass es vielmehr um eine Bejahung, oder wie Thich Nhat Hanh meint, um eine Umarmung dieses meines Leides geht.

Tröstlich sind dabei die Worte von großen Menschen. Wenn zum Beispiel  Friedrich Benesch, ein Pfarrer der Christengemeinschaft, meiner religiösen Heimat, davon spricht, dass das Leiden zu einer Vertiefung, einer Verwesentlichung, einer Verinnerlichung führt, wenn es freiwillig angenommen wird, dann ermutigen mich diese Worte.

Und es ist erleichternd, wenn ich folgende Zeilen von der von mir sehr verehrten Pema Chödrön lese:

Things falling apart is a kind of testing and also a kind of healing. We think that the point is to pass the test or to overcome the problem, but the truth is that things don’t really get solved. They come together and they fall apart. Then they come together again and fall apart again. It’s just like that. The healing comes from letting there be room for all of this to happen: room for grief, for relief, for misery, for joy.

Tröstlicher noch als all das Gesagte ist die göttliche Musik von  Bach in der Matthäuspassion https://www.youtube.com/watch?v=YszmEsvI6h8

Und es ist wunderbar, dass ich über das Schreiben all das ausdrücken kann.  Dass ich mich dadurch über die Niederungen erhebe, mein Blick sich neuerlich lichtet und ich wahrnehmen kann, wie groß das Leben ist.

Und schon wird die Passion zur Passion – zur leidenschaftlichen Hingabe!

(M)ein gutes Leben

Das gute Leben ist anders. Anders als wir es uns vorstellen mögen und auch anders als es die Anderen leben. Das gute Leben ist mein gutes Leben.

Es ist kein perfektes Leben, das für mich das gute Leben ist. Und es schließt vieles ein, was nicht zu einem guten Leben zu gehören scheint – Hinfallen, Krisen, Scheitern, Hoffnungslosigkeit, Krankheit und Sterben….

Mein gutes Leben ist zuallererst still. Außen und Innen still. Es ist dies diese intensiv belebte Stille, die mir nur manchmal vergönnt ist zu hören.

Mein gutes Leben  muss ich nicht mit Ereignissen füllen, im Gegenteil. Es ist er- und nicht gefüllt – vom Leben selbst. Dann brauche ich keinen Zeitvertreib (sic!!). Folge nicht mehr den unzähligen Onlinekongressen auf der Suche nach noch mehr Wissen, weil ich mir gewiss bin, dass ohnehin alles, was gebraucht ist, bereits in mir lebt.

Nicht mal einen Theater- , Konzert- oder Vortragsbesuch brauche ich, wenngleich ich das eine oder andere vielleicht hin und wieder mache.

Einfach so.

Aber da bin ich mir gar nicht so sicher, wie ich mir auch nicht sicher bin, ob ich dann noch jemanden treffen will, einfach zum plaudern.

In meinem guten Leben trinke ich meinen geliebten Waldemar Kaffee, auch wenn mir mein Ohrakupunkturarzt sagt, dass der Coffein Punkt anzeigt, dass da was nicht so günstig ist dran.

In meinem guten Leben sehe ich mich verweilen. Im Jetzt könnte man sagen, wenn es nicht so kitschig klänge.

Ich liege viel herum. Kann mich am Nichts-Tun freuen. Dann stehe ich wieder auf, wenn sich ein Bedürfnis regt. Und bald einmal lasse ich mich wieder nieder. Bis ich einen Impuls verspüre, rauszugehen vielleicht an die frische Luft, mich zu bewegen, nein auch da nicht im Sinne eines Intervalltrainings, sondern wie auch immer. Oder eine Zeile zu schreiben oder….

In meinem guten Leben sind Menschen, welche aneinander innig interessiert sind. Einfach so, nicht aus Gründen der Netzwerkbildung, nicht um einer Funktion willen. Menschen, die sich aneinander freuen. FreundInnen im Herzens-Sinn.

In meinem guten Leben gibt es viel Dürfen und Wollen und kein Müssen im alten Sinne. Und weil dem so ist, muss ich mir jetzt auch nicht noch viele andere kluge Aspekte zum guten Leben einfallen lassen, sondern darf aufhören.

Jetzt.

Einfach so.

Embrace

Zwei Tage nach der Totaloperation meiner Brüste vor einem Jahr sah ich am Frauentag den Film „Embrace“. Er hat  mich sehr berührt, weil er aufzeigt, wie sehr das Diktat, was als schön gilt, in uns Frauen wirkt. Und auch weil er ermutigend ist, zeigt er doch viele Frauen, die in Bezug auf ihr Aussehen und ihren Körper einen tiefen Transformationsprozess durchliefen.

Mir gefällt mein neues Brust-loses Sein. Mein Leben lang habe ich mich für meine Brüste geniert, obwohl sie „eigentlich“ schön waren, weder waren sie zu groß, noch zu klein, auch waren sie symmetrisch. Nichts auszusetzen. Immer fühlte ich mich exponiert durch sie, dem anonymen, männlichen Blick ausgesetzt, trachtete sie daher zu verbergen, mich einzustülpen.

Jetzt bin ich flach und die Scham ist vorbei, zumindest, wenn ich bekleidet bin, kann ich mich ohne Fritz und Fritzi, meine beiden Ergänzungsteilchen – auch unschön Prothesen genannt, einfach flachbusig zeigen. Selbstverständlich.

Dellen haben sie, wegen des oftmaligen Punktierens und auch Hautverfärbungen, die sich aufgrund der Hämatome nicht zurückgebildet haben. Und natürlich gibt es keine Brustwarzen mehr.

Nein genieren tu´ ich mich nicht dafür.

„Flat is beautiful“ wurde bald zu meiner Devise – (siehe dazu auch: https://krebscoaching.org/2019/02/.  Ich habe leicht reden, bin ich doch seit Jahrzehnten mit meinem lieben Mann verheiratet, der mich liebt und mich schön findet und begehrt, ob mit oder ohne Brüste, auch wenn er sie bisweilen vermisst.

Nur, wenn ich mir vorstelle, dass ich mich im Zuge einer Ayurvedakur massieren lasse oder in eine Sauna gehe, wird mir etwas unbehaglich zumute. Fühle mich aufgefordert, vorzuwarnen.

Da will noch etwas umarmt werden, sodass ich zu meinem Anderssein selbstverständlich stehen kann.

Im Film Embrace werden Frauen vorgestellt, die zum Beispiel aufgrund einer Verbrennung oder eines hormonell bedingten Bartwuchses vor die Wahl gestellt wurden, sich lebenslänglich zu verbergen oder aufwendige Prozeduren auf sich zu nehmen, um den Makel unkenntlich zu machen.

Und es werden viele –  schöne! – Frauen befragt, wie sie ihren Körper finden und die Antworten sind erschreckend – hässlich, zu fett, abstoßend… sei er. Das war schmerzlich zu hören.

Der Film war ein neuerlicher Weckruf, mich immer wieder zu versöhnen mit diesem meinen Körper, wie immer er ist.

Dass es darum geht, uns von der ständigen selbstbezüglichen kritischen Betrachtung unseres Äußeren zu lösen.

Dass es darum geht, nicht mehr unsere Zeit, unser Geld und unsere Energie zu investieren, um einer suspekten – künstlich kreierten – Norm zu entsprechen.

Dass wir Räume – in guter alter feministischer Tradition – kreieren, wo wir uns über all das ehrlich austauschen können und einander zeigen, wie wir aussehen und sind. Dass wir einander auch bekräftigen und unterstützen, in dem was wir eigentlich hier zu schaffen haben.

Dann kann unsere Lebenskraft in unser Wirken hier auf die Erde strömen, wo es ja wahrlich nötig gebraucht wird.

Die Bärin

Die Bärin

Der folgende Text ist nach einer schamanistischen Krafttierreise bei meiner Freundin Manuela Pusker (https://manuelapusker.com/) entstanden.

Das Spur-Finden, und diesen meinen Weg gehen, welches ich im Blogbeitrag https://krebscoaching.org/2018/02/11/aus-der-spur/ beschrieben habe, fußt im wahrsten Sinne des Wortes auf diesem Erleben der Kraft der Bärin.

Die Bärin bäumt sich auf

Kraft im Rücken

Kraft in den Hinterbeinen

Bei sich sein

Nichts tun müssen

Bereit!

Kräftige Ruhe

Durchgehen

Durch-Gehen

Einfach Durch-Gehen

Ohne Aufwand

Ohne inneren Widerstand

Die Kraft ent-scheidet,

Trennt das, was im Weg steht,

Schafft den Weg.

Die Entscheidungskraft sitzt in der Mitte der Stirn

Gezielt

Aus sich heraus

Da ist kein Ziel im außen.

Es ist ein Ziel aus dem Innen

Einfach Gehen, wohin auch immer es geht.

Und dann ausruhen.

Und dann sich erneut erheben…

Und dann…..

Trotzdem und sowieso heil…..

Irgendwann werden sie länger die Antwortzeiten auf eine Nachricht, irgendwann bleiben sie ganz aus.

Irgendwann beginnt das Sterben, der Rückzug aus unserem Kontakt, und möge er noch so innig gewesen sein, bei den letzten Schritten bin ich oftmals nicht mehr dabei.

Und dann kommt die Nachricht „Ich möchte Ihnen mitteilen, dass meine Frau vergangenen Montag gestorben ist..“

Und jedes Mal ist es wieder ein Schock – die Tat-Sache, dass sie mir nicht mehr gegenüber sitzen wird, mit der ihr eignen Anmut, die Beine übereinander geschlagen, die schönen Hände das von ihr Gesagte unterstreichend.

Dankbar bin ich, dass ich diesen intensiven Weg begleiten durfte.

Dankbar bin ich über das Vertrauen.

Dankbar bin ich, dass wir miteinander in die höchsten geistigen Sphären vordringen konnten.

Dankbar bin ich, dass Du dann in unserer letzen Stunde von der Seligkeit sprachst, die Du manchmal erlebst, einfach liegen, keine Übungen mehr, einfach liegen,

Sein.

Da hab ich das Einverstanden-Sein wahrgenommen, dass Einverstanden-Sein, dass das irdische Leben zu Ende geht. Und dass das in Ordnung ist, weil es ein tiefes Wissen gibt, dass das Leben nicht aufhört, auch wenn wir diesen Körper ablegen.

Dankbar bin ich, dass Du Dich in Deiner Wesenhaftigkeit, in diesem kristallklaren, strahlenden Sein wahrnehmen konntest.

„Trotzdem und sowieso heil“, hab ich einmal nach einer unserer letzten Stunden über das Protokoll geschrieben.

Trotzdem und sowieso heil – das warst Du, das bist Du und das wirst Du immer sein.

DANKE, dass ich dabei Zeugin sein durfte.

https://www.youtube.com/watch?v=zAaJzTWX_Io

 

Ode an die Begeisterung!

Be-Geist-erung – vom Geist erfasst, durchgeistet. Alles hebt sich an, ich bin ergriffen, habe die Niederungen des Bedrücktseins und der Materie verlassen.

Begeisterung ist auch mit Freude verbunden und damit, dass sich mir  in der Tiefe ein Sinn erschließt.

Es ist, wie wenn sich die vom Himmel trennende Decke hebt. Frei strömt das Himmelslicht herein und mein Seelenlicht aus mir heraus.

Begeisterung bringt man nicht unbedingt mit einer Krebserkrankung in Zusammenhang. Da ist es oft die Verzweiflung, die Wut, vor allem die Angst, von welcher gesprochen wird.

Und doch – liest man die Heilungsgeschichten in den wunderbaren Büchern von  Kelly Turner, Hirshberg und Barasch oder auch die von Thomas Hartl herausgegebenen Bücher (https://krebscoaching.org/buchempfehlungen/bucher/), in welchen ungewöhnliche Heilverläufe beschrieben werden, dann fällt auf, dass viele dieser Menschen nicht wie die Opferlämmer durch die Therapien gegangen sind, verzagt und ängstlich und nur der dringenden Empfehlung des Arztes gehorchend, ohne selbst voll nachvollziehen zu können, warum genau diese Therapie genau zu diesem Zeitpunkt notwendig ist.

Es zeigt sich vielmehr, dass sie (freudig!) und mit großem Engagement an die Umsetzung der als heilsam erkannten Maßnahmen heran gingen. Ja sie waren mit Begeisterung dabei – sei es bei einer tiefgreifenden Nahrungsumstellung, beim Einschlagen eines spirituellen Weges, bei sportlichen Aktivitäten, weil etwas in ihnen die Sinnhaftigkeit dieser Handlungen erkannte.

Es mag eine gewagte These sein: Aber genau um diese Begeisterung, auf der Basis eines tiefen Erkennens der Sinnhaftigkeit geht es auch bei schulmedizinischen Therapien.

Es geht um das tief empfundene Verstehen der Wirksamkeit dieser Therapie für mich. Dann kann ich auch Freude und ja auch Be-Geist-erung empfinden, weiß ich doch, dass es hilfreich und heilsam ist.

Das Ergriffenwerden von großen Emotionen wie Dankbarkeit, Freude, Freiheit und einer generellen Berührtheit scheint ein wesentliches Element der Heilung zu sein. Dispenza schreibt in seinem wertvollen Buch „Du bist das Placebo“, wie wesentlich es ist, dass Erkenntnisse (z.B. über die geeignete Therapiewahl) oder Vorstellungen (über Heilungsprozesse) nicht nur intellektueller Art sind, sondern auch emotional spürbar werden, weil nur dann die für die Veränderung wesentlichen Bereiche im Nervensystem bzw. im Gehirn aktiviert werden.

Ebenso wesentlich scheint die Aktivierung von tranceähnlichen Bewusstseinszuständen zu sein, wie das durch Visualisierungen (siehe Simonton –https://krebscoaching.org/buchempfehlungen/bucher/) aber auch durch das Hören von Musik beziehungsweise auch durch schamanisches Trommeln möglich ist.

Als ich vor ca. einem Jahr an einem Seminar von Joe Dispenza in Wien teilnahm, konnte ich im Zuge der Meditationen, welche alle mit emotional berührender,  bombastischer Musik befeuert wurden, erkennen, wie wesentlich es ist, in einen Bereich des Bewusstseins zu kommen, wo ich berührt bin, wo ich spüren kann, dass es sich sozusagen auszahlt am Leben zu bleiben, wo ich mich in meiner Sehnsucht, in meiner Größe und Inspiration fühlen kann.

Das liegt nicht in trockenen, intellektuellen Vorstellungen über meine Berufung, meine Aufgabe, meinen Lebenssinn. Derartige Fragen sind im Übrigen oftmals eine große Belastung für Menschen, weil sich dieser Sinn nicht aus der kognitiven Ebene erschließt, und sie sich angstgetönt mit diesen Fragen quälen – wird doch gesagt, dass ihr Leben an der Verwirklichung dieses einen großen Lebenssinns hängt.

Nein, das ist nicht nur eine kognitive Idee, das ist eine gefühlte Erinnerung an meinen Daseinsgrund.

In diesen Bewusstseinssphären spüre ich eine Übereinstimmung mit mir selbst,  meine Tönung, meinen Klang, mein ureigenstes Sein. Und das begeistert.

Bei mir geschieht das zum Beispiel, wenn ich großen Geistern zuhöre, die Neues denken, die selbst von etwas ergriffen sind, oder wenn es aus mir heraus schreibt,  im Tanzen, vor allem über die Musik.

Es geschieht, wenn etwas, das größer ist als ich, mich ergreift. Das hebt mich an.

„Dann bin I ka Liliputaner mehr, I wochs, I wochs…“ sagt Andre Heller in einem seiner wunderbaren Lieder.

Zutiefst berührt bin ich dann, die Brust weitet sich, Tränen fließen, aufstehen möchte ich, was Gutes tun, schon fühle ich mich ganz und gar heil und schöpferisch.

Ich könnte jetzt unendlich viele Musikbeispiele anführen –  Monteverdis Marienvesper, Händel, Gluck, Bach, Schuberts Streichquintett, mein geliebter Beethoven, ein Meister der großen Töne, Mozart immer und überall, Mumford&Sons, Estas Tonne mit seiner radikalen Hingabe, Elvis Presley mit seiner Herzensstimme, um nur einige zu nennen.

Heute möchte ich Euch zwei Lieder von einem Begeisterten mitgeben – Konstantin Wecker. Er hat mich wahrlich schon aus so mancher Depression gerettet.  DANKE! https://www.youtube.com/watch?v=PA6tWxfemIk Da geht bei Minute 3.30 die Post ab und https://www.youtube.com/watch?v=q5LS6YyLVAA –  eine gute Ermutigung gegen das Still- und Angepasst sein.

Was begeistert Dich?

Eigentlich…..

Beim folgenden sehr persönlich gehaltenen Text mag man denken, das sei Leiden auf hohem Niveau, besonders wenn man es mit gewiss schwierigeren Belastungen, wie dies eine Krebsdiagnose ist, zu tun hat.

Ich habe mich dennoch entschieden, mich derart zu offenbaren, weil ich es wichtig finde, aufzuzeigen, wie eine (kleine) Unannehmlichkeit nahezu unaushaltbar ist.

Dann nämlich, wenn es Themen berührt, wie in meinen Fall die ignorante Rücksichtslosigkeit und Übergriffigkeit, welchen ich in der Kindheit wehrlos ausgesetzt war, und welche mich neuerlich in eine Ohnmacht und Hilflosigkeit versetzen.

Das ist für Außenstehende dann schwer zu verstehen, und oftmals ist es auch für die davon Betroffene unbegreiflich. Sie fühlt sich ver-rückt, eigen-artig, nicht normal.

In diesem Sinne habe ich mich entschieden, genau jene Prozesse zu beschreiben, welche in derartigen Triggersituationen ablaufen und wie es möglich ist, förderlich damit umzugehen.

Möge der Text ein Beitrag zu  einem vermehrten (Selbst)-Verständnis und Selbsthilfe sein.

Eigentlich ist es nur ein Geräusch – das Geräusch einer Motorsäge um 7 Uhr 30 in meinem Rückzugsort auf der Pionierinsel an der Donau.

Gleich neben uns baut unser Nachbar großzügig sein Haus um, der Garten wird durchgebaggert, Flächen betoniert, die Hausfassade neu gestaltet. Emsig wie die Bienen arbeiten sie – der Nachbar und seine Helferleins – nahezu Tag und Nacht. Gleich neben unserem Haus in 2 Meter Entfernung.

Eigentlich ist es nur ein Geräusch, um halb acht an einem Samstag im August.

Nur dass ich das Geräusch nicht einfach als ein Geräusch, wenn auch ein etwas unangenehmes, sein lassen kann.

Nein dieses Geräusch löst vielmehr eine Kaskade von Gedanken und Emotionen aus.

Aufgescheucht von meiner Yogamatte geht es ganz unentspannt los – „Welche Zumutung, um halb 8, sind wir doch in einem Kleingartenverein mit strikten Regeln, Motorzeit ab 9 Uhr und dann auch nur bis zwölf, nein nicht bis 8 Minuten nach zwölf – so sagt es die Vereinsregel…“

Was hier vielleicht lustig klingen mag, fühlt sich für mich sehr leidvoll an, in mir streiten die Stimmen, welche ja auch von meiner Umgebung verstärkt werden – „Es gibt echt Schlimmeres, es hat ein Ablaufdatum, da mussten wir alle durch, er ist eh nett usw. “

Das vergrößert meinen Konflikt, ich darf nicht so empfinden, im Übrigen verändern negative Gedanken das Gehirn, sodass man sich auf Negatives programmiert und damit die Realität gestaltet – lese ich in einer Kolumne.

Und dennoch – da ist meine Not, meine Not darüber, dass jemand rücksichtslos meine Grenzen überschreitet, mir zur absoluten heiligen Hauptsaison derartige Riesenumbauprojekte zumutet, jetzt, wo ich endlich Urlaub habe, den ich hier an meinem wunderbaren Ort am Wasser genießen will – in Ruhe.

„Was ist das für ein Mensch,“  denkt es in mir, „der sowas macht, was habe ich da noch alles zu erwarten an Lärm und Unverbundensein?“

Sukzessive gerate ich in einen State, wie man in der Traumatherapie sagt. Der Trigger ist das rücksichtslose Überschreiten meiner Grenzen, unverbunden. Fassungslos nehme ich wahr, dass man sowas wirklich machen kann.

Im State reagiert der Körper mit Aufruhr, Übelkeit, innerem Rasen, die Emotionen schwanken zwischen Wut, Empörung, und nackter Panik und der Geist rast, versucht Möglichkeiten zu finden, diesen Zustand zu beenden.

Und – ich kann die Realität, wie sie auch ist, nicht wahrnehmen, dass es schön ist hier, dass es wunderbare Bäume gibt, auf die ich schauen kann, dass es ein Wasser gibt, in dem ich schwimmen kann, dass  ich mich aufs Rad setzen kann, um der unangenehmen Situation zu entfliehen.

Dass ich frei bin – zu tun und zu lassen, was ich will. Unverklemmt, frei, erwachsen.

Heilung erwächst nicht aus einem moralischen Imperativ, dass ich so großzügig sein müsste, um dem Nachbarn das alles zu gewähren, im Sinne einer guten Nachbarschaft.

Schon gar nicht kann sie geschehen, wenn ich in der (selbst-)gerechten Anklage und Abwehr der für mich gar nicht freundlichen Tatsachen verbleibe – eine Mauer nach der anderen betoniere.

Da braucht es zu allererst eine Hinwendung zu dem verängstigten, hilflosen Kind in mir, ein Umarmen von mir in dieser Not, eine volle An-erkennung von dem, was sich in mir ereignet, ein liebevolles zu mir sprechen, ein Bestätigen meiner inneren Erfahrung, ja und ein Fragen, was es jetzt braucht, um in Sicherheit zu kommen und besänftigt zu sein.

Dann kann ich dem Zustand ent-wachsen, er-wachsen.

Das Kind ist gut aufgehoben und ich, die 60-Jährige bin frei, zu tun, was ansteht und die Situation zum Besseren wendet – ums-sichtig, in Kontakt mit allen relevanten Fakten dieser Situation, zu welchen ja auch zählt, dass wir wahrscheinlich noch lange mit ihm Haus an Haus zu tun haben werden.

Heilung kann geschehen, wenn ich eben diesem oben beschriebenen Kind in mir Beachtung schenke und neuerlich in meine Freiheit zu einer angemessenen Handlung komme.

P.S. Heute ist Sonntag und es regnet…Schön still ist es hier!