Schön!

Lange habe ich mich vorbereitet, Abschied genommen von meinen beiden Brüsten, den Tag der OP sorgfältig ausgewählt, den Chirurgen gegen eine Chirurgin ausgetauscht, und dann war es soweit – ein großer Tag, an welchem ein grundlegend neuer Lebensabschnitt beginnen sollte, eine Neugeburt in ein neues Sein.

Schön war es, als mich meine beiden Lieben an jenem Dienstag vor drei Wochen ins Krankenhaus begleiteten.

Dass sie, meine liebe Tochter, „extra“ aus Montreal für die Zeit um meine OP zu mir gekommen ist, rührte mich zu Tränen.

Wie gut, dass ich die letzte, doch schwierige Nacht nicht im Spital verbringen musste. Welch´  ein komplexes System ein derartiges Krankenhaus doch ist. Für mich ist das Selbstverständliche ganz und gar nicht derart selbstverständlich. Alles ist geplant und läuft wie am Schnürchen.

Schon stand mein Zimmer bereit – wie schön!

Schnell noch Abschieds-Fotos gemacht von mir mit meinen Brüsten, dann die Schnittführung festgelegt –  „Bitte ein bisschen tiefer, damit ich auch weiter ausgeschnittene Kleider tragen kann, schließlich möchte ich ja nicht meine weibliche Ausstrahlung abgeben.“

Alles fand in aufgeregter Heiterkeit statt. Jetzt findet das statt, wovon ich mir in zahlreichen schlaflosen Nächten eine Vorstellung gemacht habe. In den Tagen zuvor war endlich der ersehnte Frieden eingekehrt, ich ging keine erneute innere Befragungsrunde mehr ab, ob das wohl eine richtige Entscheidung war.

Dieser Frieden konnte sich auch einstellen, weil ich mich nicht mehr zerstreute, die bereits konzipierten Blogbeiträge für mich behielt, wollte keine Resonanz mehr, keine weiteren Irritationen.

Nochmal in ein Kurhotel, nochmal in die Sauna als „normale“ Frau.

Da war dann bereits eine Vorfreude spürbar.

Schon bekomme ich die Wurschtigkeitspille und werde im Bett liegend in den OP geschoben.

Ich bin dem lieben Herrn Christian sehr dankbar, dass er mich zieht und nicht schiebt, sodass ich sein Gesicht sehen kann. Mir wird bewusst, wie viel Bedürfnis nach Halt durch menschlichen Kontakt wir in einer derartigen Situation haben. „Lass mich nicht allein in dieser ängstigenden, unbekannten, unvorhersehbaren Situation,  bleib´ bei mir, sichere mich über das Ansehen, das beruhigende Sprechen.“ Wie ein Anker ist das.

Schon werde ich neben meiner Vorgängerin positioniert, die lässt mich jedoch leider im Regen stehen, kein Blick, kein Wort, vielleicht hat sie ja eine höhere Dosis des Mittels bekommen.

Ich besinne mich auf meinen Atem – ein – aus – ein – aus.

Schon kommt meine liebe Chirurgin, setzt sich zu mir ans Bett und meint, dass wir eine besonders liebe Anästhesistin haben. Ja, das ist sie, nimmt meinen Kopf mit einem Halt gebenden Griff in die Hände und meint, ich möge an etwas Schönes denken –  Korsika, die Berge, das Meer, der Duft.

Und – schon bin ich wieder wach – ohne Schmerzen, ohne Übelkeit und vollkommen orientiert und siehe da, über mir an der Decke wunderbar bunte, gemalte Blumenranken.

Wie schön, mit Schönheit begrüßt zu werden.

Bin beglückt über die Liebe, die da waltet.

Ich freue mich an den Blumen im Zimmer, welche sich immer mehr öffnen, ich freue mich an der Stille im Raum, am vielen Alleinsein, und der Fürsorge und Liebe der Menschen, die mich betreuen.

Ich freue mich am innigen Kontakt zu meiner Ärztin, an dem an-erkannt werden. Ich bin unendlich dankbar, dass sie diesen meinen ungewöhnlichen Entschluss, mich auch von einer potentiell gesunden Brust zu trennen, versteht und mit trägt.

Und – ich freu mich über mein neues Aussehen. Schön ist die Narbenform. Schön ist es, dass ich einen klitzekleinen Brustansatz habe. Schön fühle ich  mich.

Schön bin ich.

Und – die, die mich kennen, wissen, dass ein derartiger Satz aus meinem Munde schier unglaublich ist.

So umhüllt ein lichter Schein die Zeit um die Operation. Das mag eigenartig anmuten, aber es war und ist eine schöne Erfahrung.

Einfach schön, das Alles!

Die Ärztin – oder was wirklich wichtig ist

Seit die Entscheidung gefallen ist, werde ich immer wieder von großen Ängsten ob der Folgen (Narkose, Schmerzen, Aussehen….) überfallen. Dann stelle ich sie in Frage, mache, wie ein wunderbares Buch von Tiziano Terziano heißt, die nächste Runde am Karussell. Um mich erneut an dem Punkt wieder zu finden: Ja es ist richtig, wie ich entschieden habe.

So war es auch gestern früh auf dem Weg ins Krankenhaus, wo ein neuerliches Gespräch mit meiner Chirurgin vereinbart war.

„Ich will Sie nicht lange aufhalten“ sagte ich gleich zur Begrüßung und wollte in diesem Sinne zügig meine Fragen vorbringen. Deshalb habe sie ja den Termin an das Ende eines Dienstes gelegt, damit wir Zeit haben, alle Fragen zu klären, entgegnete sie.

Und die wurden dann auch alle ganz genau beantwortet: Ich gehe in der Folge detaillierter darauf ein, weil sie für andere Patientinnen von großer Bedeutung sind, damit das Operationsergebnis vom medizinischen wie auch ästhetischen Gesichtspunkt ein gutes ist (siehe dazu auch das Buch von Susan Weed – Brustgesundheit/Brustkrebs, das ein wahrer Schatz an Anregungen und Wissen ist- https://krebscoaching.org/buchempfehlungen/bucher/).

Wie ist das Prozedere genau bei dieser Operation, wie kann ich sie mir vorstellen?

Ich finde es wichtig für meine Vorbereitung, dass ich ein gutes Bild dazu habe, damit ich die Operation innerlich begleiten kann. So finde ich die Vorstellung, dass das Gewebe Schicht für Schicht abgetragen wird –  besser als die, dass mir die Brust abgeschnitten wird.

Der Schnitt ist so kurz wie möglich, sie wird selbst nähen und das subkutan, sodass die Narbe so schön wie möglich wird. Wie die Narbe letztendlich aussieht hat sehr viel mit der Art des Nähens zu tun.

Sie wird zwar alles Brustgewebe abtragen, mir jedoch die dünne Fettgewebsschicht unter der Haut belassen, da es sich ja um eine bestrahlte Haut handelt. Das bietet ein, wenn auch geringes Potential, dass sich neuerlich Krebsherde bilden.

Ja, mein Mann kann im Aufwachraum mit mir sein, sie werde ihn dann anrufen, wann die OP fertig ist. Und ich muss nicht schon einen Tag und eine Nacht davor „einrücken“, kann in der Früh am selben Tag kommen. Viele Patientinnen denken nicht mal dran, dass sie nicht schon am Vortag im Spital sein müssen – immerhin einen Tag und eine Nacht, eine Zeit, die noch gut für eine Vorbereitung auf das Geschehen in der gewohnten, sicheren Umgebung genutzt werden kann. Die interne Operationsfreigabe kann nämlich auch schon davor –  bei einem niedergelassenen Arzt oder in der Ambulanz gemacht werden.

All das war mir wichtig, und all das habe ich gewagt zu fragen. „Gewagt“, das mag jetzt befremdlich klingen, doch habe ich die Erfahrung gemacht, dass auch ich mich einschüchtern lasse von Menschen in Weiß, die oftmals eine große Autorität ausstrahlen.

Nein, ich habe dafür kein hohes Honorar in der Privatordination zahlen müssen. Das sei ihr Job, die bestmögliche Beratung und das Bemühen um ein gutes Ergebnis zu erzielen.

Nochmal zeigte sie mir die Linienführung des Schnitts – sodass ich noch ein T-Shirt mit Ausschnitt tragen kann.  Wir lachten drüber, dass wir beide, obwohl schlank, diese gewissen Packerln rund ums Schulterblatt haben, und diese leider nicht zu entfernen sind.

Und dann schwebte ich gleichsam hinaus, so erleichtert war ich.

Und konnte wieder mal erkennen, wie wichtig es ist, ein haltgebendes Gegenüber zu haben, und dass es neben aller fachlichen Kompetenz ebenso sehr um Zugewandtheit, das Bemühen um Verstehen und das Miteinander geht und auch darum, dass ich mich frei fühle, all diese Fragen, Bedenken und Sorgen zu äußern, ohne auch nur ansatzweise ein Nasenrümpfen wahrzunehmen. Dass ich zum Beispiel auch äußern kann, dass mein Organismus schon auf einen Termin eingestellt ist, und dieser Termin auch mit den Mondphasen abgestimmt ist.

Dann kann ich mich sicher und gut aufgehoben fühlen. Auf dieser menschlichen Basis kann ich sodann eine derartige Unternehmung angehen, ohne in irrationalen Ängsten unter zu gehen.

Einfach angesehen, wahrgenommen und kompetent beantwortet zu werden, auch wenn das heißt, dass bisweilen unrealistische Vorstellungen (zum Beispiel, dass es im üblichen Sinne dem weiblichen Schönheitsideal entsprechen wird) enttäuscht werden müssen.

Auf dieser Grundlage kann ich mich vertrauensvoll auf den Operationsprozess einlassen.

Sie wird da sein.

Aus der Spur?

Diesmal ist es anders.

Das 1. Mal, als ich mit einer Krebsdiagnose konfrontiert war, lief alles wie am organismischen Schnürchen. Zumindest ist es in meiner Erinnerung so abgebildet.

Mein Organismus wusste, was nicht zu tun ist – mir die eine Brust ganz entfernen zu lassen, und mehr noch, nach State of the Art, gleich auch die zweite und die Eierstöcke dazu. Nein, das wusste ich genau, das wollte ich nicht, das war nicht dran, mit 41 Jahren, die ich damals war. Und mein Organismus wusste auch, was zu tun ist – welcher Chirurg, wann und wo und wie. (siehe dazu auch https://krebscoaching.org/eine-seite/18-2/)

Alles ging sehr stimmig und wie geführt vonstatten.

Nun, Mitte Dezember 2018 war ich zu meiner Überraschung erneut mit einem Krebsgeschehen, mit Sicherheit in einer und vielleicht auch in der 2. Brust konfrontiert.

Wieder wandte ich mich an meinen Chirurgen, nahm zunächst gar nicht an, dass er – aufgrund seines fortgeschrittenen Alters – noch arbeitete. Siehe da, es war eine Handynummer angegeben, und sogleich hörte ich seine sonore, professorale Stimme. Gleich am nächsten Tag konnte ich zu ihm kommen – „Wir behandeln ja keine Befunde, sondern Menschen, und deshalb möchte ich Sie sehen.“

Das war äußerst beruhigend, er ist noch da, ich kann zu ihm in die gute, vertraute Praxis kommen. Wie schön.

Die Wiedersehensfreude war groß, und er nahm sogleich den Prozess in die Hand, gleich morgen könne ich eine Biopsie machen lassen, der Termin sei schon mit einem kompetenten Spezialisten vereinbart.

Ja, dann mache ich das so!

Habe ich da bereits meine innere Spur verlassen, den bedächtigen (sic!!) Gang? Dass aus mir heraus, in meinem Tempo gehen, Schritt für Schritt?

Dennoch – es war gut, die Biopsie gemacht zu haben, war es doch eine Bestätigung schwarz auf weiß, was ich bereits ahnte.

Nach einem – auch von ihm empfohlenen – kleinen Abstecher bei einer plastischen Chirurgin, wonach ganz klar war, dass ich diesen schmerzenden, aufwendigen und für mich ganz und gar unsinnigen Prozess eines Brustaufbaus auf keinen Fall machen würde, musste ich meinen Chirurgen, der durch und durch Ästhet ist, und sein ganzes Leben der Erhaltung der Schönheit, wozu für ihn wesentlich die Brüste der Frau gehören, gewidmet hat, enttäuschen.

Dennoch vereinbarten wir einen Termin für Anfang März für die Ablatio beider Brüste. Dachte ich zumindest. Denn bei einem weiteren Gespräch wurde mir ganz deutlich, dass er mir zumindest die 2. Brust erhalten will, oder zumindest auch hier eine abklärende Biopsie für sinnvoll erachtet.

Meine Entscheidung ist jedoch eine andere, und so stehe ich jetzt in der unangenehmen Situation, ihm absagen zu müssen, kann ich mich doch auf eine derartige Unternehmung nur im Bewusstsein der vollen Übereinstimmung und Sicherheit, dass er diese meine Entscheidung gerne ausführt, einlassen.

Aus der Spur?

So könnte frau/man es sehen: Dass ich vielleicht die Ingredienzien, die Bestimmungsmerkmale dieser neuen, einmaligen und noch nie da gewesenen Situation nicht genügend berücksichtigt, mir und meiner Stimme nicht genügend Gehör geschenkt habe – mit Ausnahme der großen Zeitspanne zwischen Diagnose und Operation, die sich  jetzt als hilfreich erweist.

Habe ich das Alte ins Neue gebracht, wäre es notwendig gewesen, alles ganz neu und ganz anders von Anfang an wirken zu lassen, neuer Chirurg, gar kein Chirurg, aussteigen aus dem System?

Aus der Spur?

Ich könnte, ich möchte es so sehen: Diesmal ist es kein linearer Weg, mehr ein Erkunden eines Wegs wie in einem Dschungel.

Ein Weg, der sich mir im Gehen erschließt.

Ah, da geht´s lang, da sind Schritte möglich, da eröffnet sich eine Lichtung, wo ich verweilen kann, wahr-nehmend, aus mir heraus. Einem derartigen Weg haftet nicht die (Vorstellung von) Sicherheit und Klarheit an, wie bei meinem ersten Krebsweg.

Ja, und manchmal ist ein derartiger Weg unbequem. So ist es für mich, wie gesagt,  sehr unangenehm, dass ich meinem lieben Professor absagen muss.

Diese Situation habe ich mir jedoch geschaffen – so sehe ich das.

Ich habe sie mir vielleicht geschaffen, um (neuerlich) aufzustehen, um mich in meiner Wahl zu würdigen und dafür einzustehen.

Um meine Autorität nicht nur in anerkennenden Komfortzonen leben zu dürfen, sondern zu mir zu stehen in allem, was ich bin, und was für mich richtig und notwendig ist zu tun.

Mir zu gönnen, dass ich hier bestimme, was mit meinem Körper geschieht.

Und mir Raum zu geben, genau die richtigen PartneriInnen für dieses Gesamtkunstwerk meiner Heilung zu wählen.

Wenn der Krebs wiederkehrt….

Und wieder war da dieser besorgte Blick beim Ultraschall, das Stillwerden, kein plätscherndes Geplauder mehr, konzentriertes Schauen. „Bin ich gesund?“  Nochmal ein Blick auf die Mammographieaufnahmen. „Das muss ich mir nochmal genauer im Schall anschauen“.

Unklarer Befund, ein Grau, wo ein Schwarz sein sollte. Noch bin ich cool, doch dann, als mir mein lieber Arzt einen Termin beim MR in 5 Tagen gibt, fängt dieser „Zustand“ wieder an, das durcheinander und aus-der-Welt Sein, muss darauf achten,  nicht blind über die Straße zu laufen.

Wie gut, dass mein Mann in meinem Leben ist, den ich sogleich anrufen kann, ihm erzählen, dass ich diesmal nicht beruhigt und entlastet von der Untersuchung komme, wo ich alles benennen kann, was für und gegen einen Karzinomverdacht spricht.

Wie gut, dass sich zwischen mir und dem Röntgenologen mittlerweile eine Art freundschaftlicher Kontakt entwickelt hat. So kann ich ihn – jetzt schon gar nicht mehr cool – gleich nochmal anrufen, Fragen stellen, und er wehrt nicht ab,  ist beruhigend, ohne beschwichtigend zu sein.

Das Schlimmste ist das Warten, da gilt es die Anspannung auszuhalten, die Wenn und Dann´s auszuloten.

Und da gibt es noch etwas, was ich mich fast nicht getraue, einzugestehen. Da ist in einem innersten Winkel meiner Seele eine Sehnsucht, dass es wieder Krebs ist, weil das bedeutet, dass ich wieder „aus dem Verkehr gezogen“  werde, mich um mich selbst drehen muss und darf.

Offenbar ist das in den nahezu zwanzig Jahren nach meiner ersten Diagnose noch immer nicht selbstverständlich. Noch immer braucht es eine derartige – Not-Wendigkeit, um mein Leben radikal mir gemäß gestalten zu dürfen. Unnötiges auszuräumen, wie zum Beispiel einem von vielen inneren Ansprüchen gehorchend sechs verschiedene Kekssorten backen zu müssen – generalstabsmäßig geplant – um die ganze große Familie damit zu beglücken, dort und da Geschenke zu kaufen, Basare zu besuchen, weil FreundInnen dort ausstellen – hetzen, unterwegs sein.

So ist die Sehnsucht nach einer drastischen Diagnose die Sehnsucht nach der Möglichkeit eines selbstzentrierten unmittelbaren Seins.

Still.

Eine Sehnsucht, mir zu folgen, von mir auszugehen, eine Sehnsucht nach einem schöpferischen Raum, nach Kreation, nach mir selbst.

Dann kommt der MR Befund und die Biopsie, und nun wird es sehr real – die Diagnose – wieder Krebs, multizentrisch. Und dann spüre ich sie, die Angst – Angst vor dem, was jetzt folgt, Angst vor dem Krankenhausaufenthalt, Angst vor dem Schmerz, Angst vor einer brustlosen Brust.

Und auch, wenn es befremdlich klingen mag –  ich finde es gut, dass ich mittlerweile Angst wahrnehmen kann, zeigt es mir doch, dass ich nicht mehr derart von mir entfernt bin, dass nur die tapfere, mutige Frau am Werk ist, stolz, dass sie etwas wegstecken kann, was andere als eine große Belastung sehen würden, die immer (nur) das Positive sieht und sehen muss, die strahlende Heldin, unantastbar, bewundernswert, weil sie ja so toll damit umgeht.

Wären da nicht die Nächte, in welchen die Dämonen der Angst hochkriechen, wo alles groß und unüberwindbar scheint, wo ich mich fürchte wie ein Kind.

So ist es Vieles, was gleichzeitig in dieser Zeit stattfindet – neuerlich die Sehnsucht nach einer Da-Seins-Berechtigung meiner Selbst, nach einem Selbst-zentrierten Leben, das mich meint, und das es nur zu geben scheint, wenn ich mit einer unmittelbaren Sorge um meine leibliche Existenz beschäftigt bin.

Dann die Angst, Angst vor dem Unkontrollierbaren, davor, dass ich zu unachtsam war mit mir selbst und meiner Gesundheit.

Und es gibt auch das Schöne in dem Prozess – die Fürsorge meiner Ärzte, die  am Abend nach der Biospsie anrufen, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen und deren wissendes Bemühen.

Das Gehaltenwerden durch meinen Mann und die Liebe meiner Tochter, das warmherzige Interesse meiner FreundInnen, welches mir zeigt, dass ich wertvoll bin als die, die ich bin, und nicht nur als die, dich ich glaube, sein zu müssen.

Für all dies und dass mir das Schreiben als Ausdrucksmittel zur Verfügung steht und damit eine Möglichkeit der Vertiefung, Klärung und Distanzierung, bin ich  sehr dankbar.

Gut aufgehoben…..rund um die Diagnose

In der Regel ist eine Krebsdiagnose ein großer Schock. Teilweise aus heiterem Himmel z.B. bei einer Routineuntersuchung festgestellt, sind wir von einem Augenblick zum anderen plötzlich –  laut Befund! –  schwer krank.

Das Schock-  und Traumatisierungspotential ist dabei oft undifferenziert (das heißt, auch wenn der Krebs in einem sehr frühen Stadium entdeckt wurde), und ist zu einem (großen?) Teil einfach mit dem Wort „Krebs“ verbunden.

Krebs ist – obwohl Großteils mittlerweilen eine chronische Erkrankung – in unserem Bewusstsein mit großem Leid und einem (raschen) Tod verknüpft. Viele Krebspatientinnen beschreiben in diesem Sinne ihre Diagnose als Todesurteil.

Der zweite Faktor, der für eine posttraumatische Belastungsstörung nach einer Krebsdiagnose verantwortlich ist, ist die Art der Diagnosemitteilung, die leider nur allzu oft unempathisch und kontaktlos verläuft.

So hat der diagnostizierende Arzt einer meiner Klientinnen, nach der Diagnosemitteilung angefügt:  „Ich sag´ Ihnen gleich, das kommt wieder!“ Diese Reaktion fußt meiner Interpretation nach auf einer Unbewusstheit und Abwehr der Empfindungen, die dieser Arzt im Moment der Diagnose hatte. Bei der Klientin handelte es sich um eine junge, sehr sympathische Frau.  Ich kann mir vorstellen, dass es ihm, der sich sodann zu einem sehr gefühlvollen ärztlichen Begleiter entwickelte (er hüpfte am Spitalsgang vor Freude, als festgestellt wurde, dass die Chemotherapie eine gute Wirkung zeigte), einfach sehr nahe ging, dass diese junge Frau, der statistischen Realität gemäß, nicht mehr lange zu leben hat.

Ich stimme mit Fischer-Riedesser, dem Autor eines Traumafachbuches überein, dass es von Überlebens wichtiger Bedeutung wäre, dass Ärzte und medizinisches Personal über traumaspezifisches Wissen verfügen, damit die Gefahr einer Traumareaktion aufgrund einer Diagnose gering bleibt.

Es ginge also darum, dass jemand von Anfang an, also bereits rund um die Diagnose gut aufgehoben ist.

Ich habe in diesem Sinne Elemente einer traumasensiblen Diagnosestellung herausgearbeitet.  Diese Aspekte mögen selbstverständlich klingen, sind es jedoch erfahrungsgemäß leider nicht, weshalb ich sie explizit ins Bewusstsein rücken möchte.

– Ein angemessener Ort: Die Diagnosestellung, die ja heftige emotionale und auch körperliche Reaktionen auslösen kann, sollte an einem angemessenen Ort stattfinden, nicht im Nebenbei am Krankenbett mit anderen Anwesenden, ohne Intimität und der Möglichkeit zu reagieren. Sie sollte in einem ruhigen Raum stattfinden, in dem man auch ungestört ist und nicht immer wieder die Tür aufgeht, weil jemand etwas braucht.

In dem Raum sollte es still sein, weil man – so der Polyvagaltheoretiker Stephen Porges – in einer derart emotionalen Stressreaktion hypersensibel auf Hintergrundgeräusche ist.  Wir aktivieren nämlich in einer Bedrohungssituation, als welche eine Krebsdiagnose zumeist wahrgenommen wird, einen phylogentisch alten Überlebensmechanismus, indem wir alle  Sinne schärfen, um eine aus dem Hinterhalt  lauernde Gefahr abwenden zu können. Dieses Abwehrmuster hat zudem zur Folge, dass die menschliche Stimme – also die des Arztes – schwerer aus den Hintergrundgeräuschen herausgefiltert werden kann. Damit wird die Mitteilung tatsächlich nicht gehört.

– Es ist günstig, eine  Begleitperson mitzunehmen, die unterstützend ist und wahrnehmen kann, was die unmittelbar Betroffene nicht wahrnehmen kann. Das ist sehr wertvoll, weil diese Person verzerrte Wahrnehmungen des Gesagten danach korrigieren oder die Erinnerung vervollständigen kann. Zumeist sind es Angehörige, die begleiten, bisweilen sind diese jedoch zu betroffen und können daher eine zusätzliche Belastung darstellen, weshalb es gut ist, wenn die Betroffene sehr genau ist, wen sie wirklich als unterstützend empfindet.

Genügend Zeit: Gerhard Weber (siehe Literaturempfehlungen auf dieser Seite), der als Onkologe jahrzehntelange  Erfahrung in der Betreuung von Krebskranken hat, meint, dass Menschen nach der Diagnosemitteilung 7-8 Minuten in einer Starre verharren, wo sie nicht ansprechbar sind. Er wartet diese Minuten ab, um danach zu fragen, was in dieser Zeit vorgegangen ist. Das dient auch einer Reorientierung im Hier und Jetzt, weil Menschen durch einen Schock aus der gegenwärtigen Realität heraus kippen. Es wäre günstig zu vermitteln, dass der Arzt genügend Zeit hat, um auf drängende Fragen zu antworten bzw. auch, um den teilweise heftigen Reaktionen des Menschen Raum zu geben.

– Die Zugewandtheit des Arztes: Jeder Schock löst im Menschen eine Kaskade an physiologischen und auch emotionalen Reaktionen aus. Manche Menschen geraten in eine große (emotionale) Erregung, andere erstarren und hören die Worte wie aus weiter Ferne.  Porges, der  Begründer der Polyvagaltheorie, meint, dass die Präsenz, die Zugewandtheit, die Authentizität des Gegenübers (in diesem Fall des Arztes/der Ärztin) eminent wichtig ist, damit die oben beschriebenen Reaktionen gering bleiben.  Mit der Präsenz  des Gegenübers wird Sicherheit vermittelt, eine Sicherheit, die in den Eingeweiden spürbar ist – er nennt diese viszerale Sicherheit.

Was sind nun die Elemente dieser Präsenz:

Idealtypischerweise ist der Arzt mit sich selbst  in Kontakt. Er ist mit sich in Fühlung, also kongruent, er kann seine eigenen Ängste und Bedrohungsgefühle wahrnehmen, kann diesen eine wertschätzende Beachtung schenken und sie sodann zur Seite stellen, um sich erneut dem Patienten zu öffnen.

Da wir über die Spiegelneuronen wahrnehmen, was sich eigentlich beim anderen Menschen vollzieht, sollte sich der Arzt um diese Kongruenz bemühen, also darum, dass er wahrnimmt, was sich in ihm innerlich vollzieht, ob er Angst, Sorge, Mitgefühl, eigene Betroffenheit wahrnimmt – das gibt im neurozeptiven Sinn Sicherheit, während Inkongruenz eine tiefe Verunsicherung hervorruft („Der Arzt wirkt zwar souverän, bemüht sich auch, mir zu vermitteln, dass kein Grund zur Sorge besteht, aber irgendwas in meinem Inneren – in meinem Bauch – sagt mir, dass das nicht stimmt“).

Der Arzt/die Ärztin ist authentisch. Er kann sich über die Mimik und die Stimme differenziert ausdrücken.  Sie ist echt, es ist ihr  möglich, die verschiedenen Facetten ihres Erlebens der gegenwärtigen Situation in angemessener Weise und in steter Zugewandtheit auszudrücken. Er verfügt über einen  „warmherzigen Gesichtsausdruck, eine Offenheit signalisierende Körperhaltung sowie einen entsprechenden Klang der Stimme und stimmlichen Ausdruck“ meint Porges.

Um das zuvor erwähnte Beispiel nochmal heran zuziehen, könnte der Arzt meiner Klientin in dieser Situation sagen: „Es tut mir leid, Ihnen diese Diagnose mitteilen zu müssen. Das macht mich jetzt selbst sehr betroffen, ich möchte Ihnen aber auch versichern, dass wir alles tun werden, was in unseren Kräften steht, um Ihnen zu helfen.“

Ich möchte noch anfügen, dass es sichernd ist, wenn man die Patientin immer als ebenbürtige, erwachsene Partnerin behandelt (leider auch oft keine Selbstverständlichkeit), was bedeutet, dass sie über die ärztlichen Vorhaben gründlich aufgeklärt wird.

Metakommunikation: Am Ende des Diagnoseerlebnisses wäre ein Anfragen des Patienten auf einer erwachsenen Ebene angebracht – was ist davon in Erinnerung geblieben, gibt es Fragen usw.

Prognosen: Ich bin im Hinblick auf das Traumatisierungspotential  gegen eine ungefragte Mitteilung von Prognosen. Während der Situation einer Krebsdiagnose sind wir in einer Art Trancezustand, in welchem sich bedrohliche Botschaften in unser Gehirn eingraben und teilweise noch Jahre danach als Gedankenschleifen in unserem Bewusstsein bleiben.

Falls danach gefragt wird,  sind Prognosen zwar ehrlicherweise mitzuteilen, aber auch zu relativieren, z.B. mit dem Hinweis, dass die Statistik nichts über den Einzelnen aussagt, und man,  wie Servan Schreiber (siehe dazu Buchtipps) im Hinblick auf seinen eigene Prognose meinte, nicht weiß, ob man nicht  zu den 5%  am rechten Rand  der 5-Jahres Überlebenskurve gehört, was bei ihm ja der Fall war.

Therapieindikationen wie OP, Strahlen-, Chemo- und Immuntherapie sind zwar kurz als Behandlungsoptionen zu beschreiben, um eine hilfreiche, Zuversichts – fördernde  Orientierung zu geben, jedoch finde ich es äußerst ungünstig, wie leider auch oftmals der Fall, sofort den Patienten unter Druck setzend zu einer Entscheidung und Vereinbarung eines Behandlungsbeginns zu drängen. Untersuchungen haben gezeigt, dass, wie bei jeder anderen akuten Traumatisierung das Großhirn nur eingeschränkt funktioniert,  daher also keine im wahrsten Sinne des Wortes vernünftige Entscheidung getroffen werden kann.

– Letztlich geht es um die Vermittlung von Halt und dem Gefühl von Gemeinsamkeit und Zuversicht. Es wäre gut, wenn der Arzt/die Ärztin vermittelt, dass er/sie da ist und den Gesundungsprozess auch begleiten würde, wenn gewünscht. Sie vermittelt in diesem Sinne Zuversicht und ein Gefühl von Verbundensein auf einer menschlichen Ebene.

Auf dieser Basis wird der Schock der Diagnose gemildert, beziehungsweise kann er sich, da wir ja alle mit starken Selbstheilungstendenzen ausgestattet sind,  aus dem Organismus heraus lösen, und wir können sodann auf einer erwachsenen Ebene mit Umsicht und Klarheit die notwendigen Schritte unternehmen.

Achtung Befund!!

Eigentlich empfinde ich mich als einen gesunden Menschen. Das mag erstaunlich klingen, erhielt ich doch bereits zwei Mal die Diagnose Krebs.

Doch auch damals empfand ich mich nicht als körperlich krank. Ja – in vielen Jahren meines Lebens und insbesondere in den Monaten vor der Diagnose war meine Seele gekränkt, weil sie sich – wie ich jetzt weiß – nicht in einer Form ausdrücken konnte, wie es für ihre Entwicklung notwendig gewesen wäre.

Nein, den Krebs habe ich eigentlich nie als die eigentliche Krankheit empfunden, allen gesellschaftlichen Meinungen zum Trotz, die den Krebs als den“ König aller Krankheiten“ (so der gleichnamige Titel eines legendären Werks zum Thema) sehen.

Der Krebs war für mich nicht die Krankheit, sondern bereits deren Heilungsversuch.

Schon nach dem ersten Diagnoseschock erwachten meine Seelenkräfte, und ich empfand mich mit meinem Wesenskern derart verbunden, wie selten zuvor.

Interessanterweise ließ ich mich damals nicht von der dramatischen Diagnose blenden, im Gegenteil, sie erhellte mein Bewusstseins-Licht.

Nun machte ich kürzlich eine für mich beeindruckende Erfahrung: Im Zuge eines Kuraufenthalts wurde auch eine Blutuntersuchung durchgeführt. Im Gegensatz zu vielen meiner KurkollegInnen hatte ich nichts zu befürchten, ernähre ich mich doch gesund und betreibe regelmäßig Sport, Yoga und Meditation.

Zu meinem großen Erstaunen beziehungsweise, ich möchte fast sagen, zu meinem Entsetzen befand sich mein Cholesterinwert (nein nicht nur das Gesamtcholesterin sondern auch das Verhältnis von „gutem“ und „bösem“ (sic!!) ganz und gar nicht im Normbereich.

Das konnte ich sogleich bei der Befundbesprechung an den deutlich markierten Zahlen erkennen. Die gestrenge Ärztin, sagte, wir hätten da ein Problem, ich müsse fortan meine Ernährung umstellen – wohlgemerkt, ohne mich überhaupt zuvor zu fragen, wie ich mich denn ernähre. Auf meinen Einwurf, dass ich mich zu einem überwiegenden Teil vegan ernähre, meinte sie, ich esse sicher viel Süßes oder die schlechten Kohlenhydrate. Glücklicherweise war mein Mann dabei, der bestätigte, dass dem nicht so ist. Okay, dann habe ich wahrscheinlich Stress, meinte sie dann und der muss raus aus meinem Leben.

Ich startete einen weiteren Versuch auf meine persönliche Wirklichkeit hinzuweisen, indem ich erklärte, dass es sich dabei nicht so sehr um einen äußeren Stress handle, sondern um einen chronischen inneren, wie man sagt oxidativen Stress,  infolge früher traumatischer Belastungen, wodurch mein Organismus trotz vieler Therapien – in einer gelinderten Form zwar –  aber dennoch immer noch in einem Zustand erhöhter Wachheit und einer defensiven Bereitschaft ist. (Die Polyvagaltheorie von Porges gibt dazu ein für mich sehr schlüssiges Erklärungsmodell).

Okay, meinte sie, wenn ich Stress habe, dann muss ich den mithilfe von Sport abbauen. Die 3-5 Mal pro Woche 30-45 Minuten reichen da lang nicht aus, 50-60 Minuten sollten es jeweils mindestens sein, zuzüglich 2-3 mal pro Woche ein Krafttraining, aber ein wirklich forderndes.

Sofort wurde ich zum artigen Kind, das sich sehr bereitwillig zeigte. Mit ihrem Rat, bei all dem soll ich in erster Linie mein Leben genießen, aber das nächste Mal wolle sie hier eine deutlich niedrigere Zahl sehen, verließ ich den Behandlungsraum.

Es ist mir – wie man sieht – ein Bedürfnis, den Prozess derart detailliert zu schildern. Für mich selbst, aber auch, weil ich zeigen will, wie ich (man/frau) in einen Zustand der organismischen Defensivität und Wehrlosigkeit kommen kann, wo durch die Lücken, die eine derartige Befund-/Urteilsverkündung in die Selbstgrenzen schlägt, nachhaltig ein starker Ein-Druck entsteht.

„Ich habe einen erhöhten Cholesterinspiegel. Ich muss sofort etwas tun, um das zu ändern, den Anweisungen folgen, denn sonst….“

Noch schlimmer ist es natürlich, wenn Menschen eine Krebsdiagnose erhalten, wird diese doch allgemein mit einem nahe bevorstehenden Tod verbunden – etwas, was keine Bestätigung in der statistischen Realität erfährt. Oftmals ist ein drohender Zeigefinger dabei und ein Drängen auf die schnellstmögliche, natürlich schulmedizinische Behandlung.

Dann starren wir auf den Befund, auf diese Zahl, auf dieses Wort gleichsam wie auf ein Todesurteil, ganz und gar von Sinnen.

Und auch wenn mein Mann – selbst Arzt – versuchte mich zu beruhigen – „Das ist nur eine Zahl, eine Momentaufnahme“, und auch wenn ich selbst um die relativierende Bedeutung dieses Cholesterinwertes weiß, sind die Grenzwerte doch schon einige Male gesenkt worden, was meiner Ansicht nach auf den Einfluss der Pharmaindustrie zurückzuführen ist, so brauchte ich sicher 2-3 Stunden um mich aus dem Bann zu lösen.

Und endlich wieder meinem Organismus Gehör zu schenken:

Der sagt mir, dass er keinen weitere Stressfütterung braucht – kein Tatortkrimi am Sonntag, weil das eine im wahrsten Sinne fürchterliche Erregung in meinem System erweckt, keine Politsendungen, wo ich mehr oder weniger hilflos dem, was da an bedrohlichen Entwicklungen im Raum steht, ausgesetzt bin.

Auch will ich wach sein, wie lange ich mich in (ängstlichen, wütenden, sorgenvollen…) Gedanken/- Gefühlsspiralen aufhalte.

Aber auch:

Keine (weiteren) Daumenschrauben mehr, was körperliche Betätigung oder andere von außen verordnete Gesundheitsmaßnahmen betrifft, weil ich schon bei der Vorstellung bemerken kann, wie die Kontraktion meinen Körper ergreift, und es sich fast wie eine Zellquetschung anfühlt, wenn ich nur daran denke.

Vielmehr geht es um eine Lockerung des Disziplin-Korsetts, um ein neuerliches Bereinigen von Belastendem, Einengendem und um die Schaffung weiterer  Ausdehnungs- und Freiräumen, wo meine Seele das Leben begrüßt.

Und FREUDE!!

Aufsuchen, wo diese Freude berührt wird –  im Hören von wunderbarer Musik zum Beispiel oder im –  noch besser – selbst Musikspielen oder Singen. Singen besänftigt nämlich, nach der oben genannten Polyvagaltheorie, wesentlich die physiologische Stressaktivität, insbesondere wenn es gemeinsam geschieht.

Stricken, Sticken, einfach spazieren gehen, kochen, schreiben, tanzen, Katzen streicheln…..

Zu dieser Klarheit und neuerlichen Ausrichtung war diese Erfahrung gut, und ich bin dankbar dafür.

Mal sehen, wann, und ob ich wieder eine Blutuntersuchung machen lasse, denn wie ein Arzt einmal in einem Radiointerview sagte: „Es gibt keine gesunden Menschen, nur schlecht untersuchte“.

„Krebs lehrt uns viel über das Leben“ – Kurzversion

Das ist ein wunderbares Gespräch. Corinna Schöps und Claudia Wüstenhagen haben in der Online Zeit Ausgabe vom 14. Oktober 2016 einen Onkologen, einen Hämatologen und eine Palliativmedizinerin zu den verschiedensten Aspekten rund um die ärztliche Betreuung von krebskranken Menschen befragt.

Die Antworten berühren mein Herz und lassen mich Hoffnung schöpfen, dass es neben der Apparatemedizin und einem medizinischen Vorgehen, das sich nicht an der Individualität des Einzelnen orientiert, MedizinerInnen gibt, die den Menschen im wirklichen Sinne in den Mittelpunkt stellen

Die drei MedizinerInnen sprechen von gestiegenen Heilungsraten bei Kindern, von Erfolgen, was neue Operationstechniken, aber auch die Früherkennung betrifft und dem erfolgreichen Einsatz von Medikamenten bei bestimmten Krebsarten.

Sie sprechen aber auch offen über den Preis einer Chemotherapie im Sinne von Nebenwirkungen und Langzeitschäden.

Sie sprechen über die in der Fachwelt gefeierten Immuntherapien. Sie relativieren diesbezügliche Hoffnungen, da diese Therapien nur bei einigen Formen von fortgeschrittenem Krebs in Haut, Lunge und Niere und bei einer bestimmten Art von Leukämie wirken und die Überlebensdauer im Schnitt nur um einige Monate verlängert werden kann und dass davon „bloß eine kleine Gruppe von Patienten“ (Hämatologe) profitiert.

Ich finde es wesentlich, diese Daten zu veröffentlichen, glauben viele Krebskranke doch – und so wird es ja von der Pharmaindustrie großflächig vermittelt -,  dass die Immuntherapie (bislang) auch bei Brustkrebs eine Option ist, und dass damit Heilung erfahren werden kann.

Demgegenüber sagt der Onkologe im vorliegenden Interview, dass „wir immer noch nicht gut gerüstet (sind), wenn sehr häufige Krebsarten wie Darmkrebs oder Brustkrebs nach einer zunächst erfolgreichen Therapie wiederkommen.“

Sukzessive geht das Gespräch auf eine essentielle Ebene, es wird über die Machbarkeitsideologie gesprochen, die den Tod (durch Krebs) aus dem Leben ausschließen möchte.

Wertvolle Gesprächsimpulse kommen dazu naturgemäß von der Palliativmedizinerin.

Besonders berührend finde ich, wenn sie über den Umgang mit schwierigen Fragen oder Situation mit Krebskranken berichtet. Dann wenn sie zum Beispiel über den Umgang mit Prognosen spricht oder andere schwierige Aspekte innerhalb eines Krebsweges offenherzig benannt werden. Zum Beispiel der Umstand, dass oftmals bis zuletzt massive Therapien angewandt werden.

Wie schön ist es zu hören, wenn ein Arzt (in diesem Fall der Onkologe, der aus seiner Praxis spricht) den Patienten in seiner Ganzheit wahrnimmt und ihn darin respektiert. Wie schön auch, dass er sich davon anrühren lässt und dies auch ehrlich ausdrückt.

Das spricht auch ein anderes heikles Kapitel an – das der subjektiven Realität z.B. der Lebensqualität und wie sich ein Patient fühlt gegenüber den Daten, die man aus Röntgenbildern, Tumormarkern, Tumorgröße, gewinnt.

Und es wird auch angesprochen, dass der direkte Kontakt zwischen Ärztin und Patientin im Gespräch und im Erkunden dieser Lebensrealität aber auch die konkrete klinische Untersuchung –  face to face – gegenüber diesen technischen Daten sukzessive zu kurz kommt.

Und es wird auch darüber gesprochen,  dass „das fürsorgliche Unterlassen nicht belohnt (wird) “ (so der Onkologe), wo nicht auch noch die nächste Chemotherapie gegeben wird, wenn absehbar ist, dass sie weder Linderung noch Heilung verspricht.

Was für ein wunderbares Wort: „Fürsorgliches Unterlassen.“ Ein Unterlassen, das eine Gabe ist im Sinne des Menschen. Diese Gabe gilt es mit Feingefühl und Behutsamkeit zu vermitteln, damit sich der Patient nicht fallen gelassen fühlt. Es gilt auch Taten zu setzen, die vielleicht im Grenzbereich liegen, wo eine Infusion ohne Chemo nur mit Vitaminen und Kortison gegeben wird, um dem Menschen nicht den letzten Strohhalm an Hoffnung zu nehmen.

Und es zeigt sich, dass, wenn die Ärztin klar machen kann, dass sie den Patienten nicht fallen lässt, den Prozess sorgsam bis zuletzt begleitet, dass dann die Patienten nicht mehr an der Chemotherapie festhalten..

Das Interview lässt in wunderbarer Weise durchklingen, dass die ÄrztInnen dem Fluss des Lebens folgen, auch wenn es sich um das Sterben handelt, und dass auch Aspekte, wie zum Beispiel das Verdrängen der furchteinflößenden Realität einer Krebsdiagnose als eine Ressource, eine Schutzfunktion gesehen wird.

Sensationell finde ich die Aussage des Onkologen, der die Palliativmedizin als revolutionäre Kraft im Medizinbetrieb würdigt, weil „hier ein anderes Verhältnis zwischen Arzt und Patient (herrscht), eine andere Ethik, die die Grenzen des Machbaren anerkennt.“

Was für eine Aussage!  Wie würde ein Medizinbetrieb wohl aussehen, wenn die Bedürfnisse des Patienten berücksichtigt würden, wenn darauf geachtet wird, dass die Bedingungen so freundlich sind, dass sich ein Wohlbefinden, ein Wohlgefühl einstellen kann.

Wie absurd, dass diese Art der Fürsorge so oft erst zum Ende des Lebens stattfindet. Und ich könnte mir vorstellen, dass sich derartige Bedingungen zu einem früheren Zeitpunkt vielleicht sogar lebensverlängernd auswirken, dann nämlich, wenn ein Aufatmen, ein Aufgehoben sein stattfindet, dann kann vielleicht auch ein Auf-Leben stattfinden.

Das ganze Gespräch zwischen den drei MedizinerInnen ist sehr differenziert, es gibt kein plakatives Entweder-Oder, kein Schwarz – Weiß. Es wird das Leben (mit Krebs) so vielschichtig beantwortet, wie es ist.

Auch wenn es sich um den Akt des Sterbens handelt, wird der Individualität Rechnung getragen

Es wird betont, wie wesentlich es ist, auf Fragen über das Sterben zu antworten, aufzuklären, welche Möglichkeiten der Linderung es gibt.

Und es ist heilsam zu lesen, dass  „die Erfahrung lehrt, dass wir doch ein relativ friedliches Sterben ermöglichen können. Diese Vorstellung, die immer in den Köpfen herumschwirrt, Sterben ist Agonie, ist Kampf, ist immer mit Schmerzen verbunden – stimmt überhaupt nicht. “ so die Palliativmedizinerin.

Dann, wenn Klarheit über den Vorgang und die Hilfen beim Sterben besteht, und wenn der Mensch schmerzfrei ist und auch seine Wünsche nach einem würdevollen Sterben berücksichtigt werden, dann erübrigt sich auch der Wunsch nach einer Sterbehilfe.

Abschließend – als eine Art Credo, des Gesprächs möchte ich den Onkologen zitieren:

Man lernt so viel über das Leben, wenn man mit Krebskranken arbeitet. Das ist der Grund, warum ich mich mit der Onkologie beschäftige. Und ich denke, das neue Zeitalter könnte darin bestehen, dass man beharrlich weiterforscht, die Therapien verbessert, aber gleichzeitig akzeptiert, dass es Grenzen gibt, da kann eine gute Palliativmedizin trösten und helfen. Aber dass man Krebs als Teil unseres Lebens versteht, denn er ist ein Teil davon.“

Das einzig Irritierende an diesem wunderbaren, hoffnungsstiftenden Gespräch ist der Umstand, dass nirgends eine Namensnennung dieser ÄrztInnen zu finden ist.

Ist es vielleicht ein Tabu, vielleicht sogar existenzgefährdend als Arzt/Ärztin, sich derart freimütig über den Umgang im Medizinbetrieb, über die übermäßige Großzügigkeit in der Anwendung von Chemotherapeutika, über die noch gar nicht so große Wirksamkeit von neuen Therapien zu äußern.

Ist es vielleicht gefährlich, den Krebs als Arzt nicht in erster Linie ausrotten zu wollen, sondern  ihn, und ja auch das Sterben, zum Leben gehörig zu sehen und ihn dementsprechend zu behandeln.

Das ganze Interview ist unter  www.zeit.de/2016/38/chemotherapie-krebs-immuntherapien-palliativmedizin-onkologie-haematologie