Von der Seele begrüßt….

Der von einer Krebsdiagnose betroffene Mensch steht vor einer Vielfalt an lebenswichtigen Entscheidungen – Operation, Chemotherapie, Bestrahlung…., oder aber ein alternativmedizinischer Weg.

Es stehen Entscheidungen über die Arztwahl, das Krankenhaus, die Wahl des richtigen Zeitpunkts an. Leider wird bisweilen bereits bei Diagnosestellung ein großer Druck ausgeübt („Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit“).  Das birgt die Gefahr, dass der Mensch (neuerlich) fremdbestimmt und überfordert wird.

Auch weiß man aus traumatherapeutischen Untersuchungen, dass im Schockzustand unsere kortikalen Aktivitäten herabgesetzt sind. Damit ist die Fähigkeit zu einer differenzierten, alles berücksichtigenden Urteilsfähigkeit eingeschränkt, vielmehr dominieren Überlebensmechanismen.

Eine so getroffene Entscheidung ist aus der Angst geboren, und wie Cecily Corti einmal bei einem wunderbaren Vortrag meinte, „wenn die Angst den Geist besetzt, schwächt dies“.

Auf der anderen Seite – das ist meine Erfahrung –  scheint es, dass sich durch die Erschütterung, durch diesen Einbruch in unser als sicher geglaubtes Fundament so etwas wie ein Himmelsfenster auftut, durch das Bewusstseinslicht hindurch scheint, und ich zu einer tieferen oder höheren Ebene meines Seins (Selbst) Zugang bekomme. Und hier ist alles nötige Wissen vorhanden. Ich habe dies einmal in einem Vortrag „die wissende Lücke“  genannt.

Dieses Wissen ist ein aus dem Körper Kommendes, es ist ein Spür-Wissen.  Man kann es auch Körperintelligenz, zelluläres Wissen, organismische Weisheit oder Intuition nennen.

Es ist ein Wissen, das über das, was ich weiß, hinausreicht. Es ist neu,  bisweilen sehr überraschend und ganz gewiss. Es schließt die vergangenen Erfahrungen ebenso ein, wie auch die weiterführenden Schritte.

Damit sich dieses Wissen entfalten kann, braucht es zuallererst Zeit-Räume – „Frei-Raum“ wird das im Focusing genannt. Ein Verweilen mit dem, was jetzt ist. Und das ist ja auch ganz natürlich. Wenn wir uns verirren, wenn unsere Landkarte des Lebens nicht mehr gilt, wie das bei einer Krebsdiagnose der Fall ist, halten wir zunächst an, wir halten inne, wir folgen sodann unserer Intuition.

Es gilt also, den Menschen einzuladen innezuhalten, mit sich in Fühlung zu kommen, sich in seiner inneren Antwort auf die Komplexität der Situation wahrzunehmen. Diese Antwort wird sich vielleicht nicht sofort einstellen, aber es gilt diese Lücke des vermeintlichen Unwissens offen zu halten.

„Wenn man eine ganz komplizierte Situation hat, die noch nie jemand ganz genau so gehabt hat, und daher das, was in der Blaupause vorgesehen ist, nicht mehr passt – es geht nicht mehr, so wie gewohnt weiterzuleben, und das, was geht, weiß man noch nicht; der Atem ist angehalten und dann impliziert der Körper einen nächsten Schritt. Der ist so wie Ausatmen. Und doch ist er ganz neu“, sagt mein verehrter Eugene Gendlin.

Wenn wir also unseren Körper, unser Inneres befragen, ist die Therapiewahl von der Seele begrüßt, wie ich einmal einen Vortrag nannte. Sie ist entschieden nicht allein aufgrund von Fakten, Prozentzahlen, Heilungsquoten, Vernunftgründen, sondern dies alles einschließend. Die alles einschließende Entscheidungs-Kraft ist genau in der Mitte von allem, un-bedingt, alle Bedingungen berücksichtigend, jedoch nicht in der Vereinzelung sondern in ihrer Ganzheit, vor sich hingelegt, betrachtet, wieder weiter weggestellt, sodann im rechten Abstand, sodass nicht eins vor dem anderen hervor sticht und den Seelenblick verstellt.

Und dann – wenn ich mich nicht einmische, dann offenbart sich ein tieferes, vielleicht höheres Wissen, das da sagt, „auch wenn ich es vielleicht nicht begründen kann rational, so weiß ich, so weiß etwas in mir, dass es richtig ist.“ Ja genau, das mach´ ich und dann spüre ich  diesen „felt shift“, wie Gendlin, der Focusing Begründer diesen organismischen Ruck nennt, wenn etwas als wahr erkannt wird. Ja genau, Bestrahlung jetzt, dort an diesem Platz. Und dann ebnen sich Wege, Termine stehen bereit, ohne Kampf, einfach so…

Und die Therapie jetzt von mir mit meinem organismischen Ja unterstützt entfaltet ihre heilsame Wirkung.

Von der Patientin zur Zeugin

Patiens bedeutet im Lateinischen erleiden, erdulden.

In der Tat spielt das Erleiden und Erdulden im Zusammenhang mit Krebs eine große Rolle.

Zunächst ist es die Diagnose, welche ins Leben herein bricht, teilweise aus heiterem Himmel. Sogleich wird das medizinische System aktiv, mit all den Maßnahmen, die aus dieser Sicht notwendig sind, und die sofort angewandt werden sollen.

Da ist es schwer, aufrecht zu bleiben, die eigene Selbstwirksamkeit zu bewahren, das Ebenbürtige, Autonome und Eigenverantwortliche. Grad noch ein selbstbewusster, erwachsener Mensch wird man alsbald zum Patienten.

So taumeln viele Menschen (zu) schnell in sehr fordernde Therapien, zu welchen sie sich nicht mit vollem Bewusstsein entschieden haben, weil dafür keine Zeit gegeben wurde. Und dann – innerlich nicht ausreichend vorbereitet – erleiden sie all die Prozeduren, welche an ihnen angewandt werden.

Ich konnte am eigenen Leib erfahren, wie wesentlich es ist, sich für die Therapiewahl die je eigene Zeit zuzugestehen. In meinem Fall waren es über 4 Monate, um mich für die Bestrahlung zu entscheiden – trotz des Drucks von allen Seiten.

Die Entscheidung bezog nicht nur die statistischen Daten, die Nebenwirkungen und Gefahren mit ein. Sie wurde aus einer tieferen Ebene meines Organismus getroffen, oder wie ich es einmal in einem Vortrag beschrieb: Sie wurde von meiner Seele begrüßt.

Voll entschieden zu dem Zeitpunkt des Bestrahlungsbeginns und des konkreten Ortes – dort wo die Räume hell und einladend sind, verfügte ich über ein gutes Fundament, um die Therapie nicht bloß zu erleiden sondern mitzutragen.

Und – es war zu allererst eine sehr intensive, bereichernde, gute Erfahrung.

So machte ich mich – das mag jetzt sehr ungewöhnlich klingen –  freudig täglich auf den Weg ins radioonkologische Institut des KFJ. In der Wartezeit konnte ich vieles wahrnehmen, Menschen in unterschiedlichen Phasen der Erkrankung, verschiedenen Alters und Geschlechts, doch vereint in der Diagnose Krebs – ein intimer Kontakt der Schwesterlichkeit.

Ich fühlte mich in meiner Mitmenschlichkeit berührt und wurde als Mensch berührt.

Auch  der Kontakt mit dem röntgentechnischen Personal, welches im Wissen der schwierigen Situation besonders behutsam war, war wohltuend.

Dann die Erfahrung des Bestrahlungsprozederes: Mich hinlegen auf die Liege, das Bestrahlungsfeld wird eingestellt, alle verlassen den Raum, eine rote Lampe leuchtet auf, ein warnendes Geräusch ertönt, und ich bin allein, für ein paar Minuten, kon-zentriert, dass die Strahlen nur dieses bestimmte Areal be-treffen, dass sie heilsames Licht sind, die meine Krebszellen umhüllen. Das alles war zu allererst eine sehr intensive Erfahrung, und ich war dankbar dafür.

Natürlich ist eine derartige Haltung weit schwieriger, wenn man es mit größeren Beschwerden zu tun hat, etwas mit der Übelkeit, den Sensiblitätsstörungen, dem unangenehmen Geschmack im Mund usw. während einer Chemotherapie.

Aber auch da ist es manchen Menschen möglich, in der wertungsfreien Wahrnehmung zu bleiben. So war ich sehr beeindruckt im wunderbaren Buch von Sandy Boucher “ Im Herzen des Feuers. Eine buddhistische Frau durchlebt Krebs“ zu lesen, wie sie vollkommen geschwächt durch die Erkrankung und die Behandlung das nahezu unmögliche Stiegensteigen zu einer Achtsamkeitsübung nützte.

Ich möchte diesen Text nicht als Aufforderung zum positiven Denken verstanden wissen, als ein Schönreden von Leid.

Möchte vielmehr aufzeigen, dass es meistens – außer ich habe es mit überwältigenden Schmerzen und Schwäche zu tun – einen Frei-Raum gibt, die Situation in ihrer Vielschichtigkeit wahr zu nehmen, wozu auch die Intensität der Situation zählt, die vielen Facetten dieser Erfahrung – meine Gefühle, meine Empfindungen  – und auch das Gute – die Fürsorge, die Zuwendung, das Engagement, die Hilfe und Unterstützung.

Die Krebserkrankung konfrontiert uns mit dem (scheinbar!) Unausweichlichen. In unserer Stellungnahme dazu sind wir frei.

Wir sind frei in der Qualität der „zärtlichen Bejahung“, das anzuerkennen, was ist.  Wir sind frei, sich all dem, was wir zu erleiden haben bereit-willig zuzuwenden und diese intensive Erfahrung zu erkunden.

Dann schwindet das Erleidende gegenüber der aktiven Zeuginnenschaft.

Und ich werde von einer Patientin zu einem Menschen, der die dem Mensch-Sein innewohnende Freiheit realisieren kann.

Krebs und ganzheitliche Gesundheit bei Wilhelm Reich

Wilhelm Reich, Psychoanalytiker, Arzt und Forscher (1897-1957) ist zu Unrecht in weiten Kreisen unbekannt. Er  erkannte, dass am Grund jeder Erkrankung eine Störung im bioenergetischen Funktionieren des Menschen besteht. Diese Störung drückt sich sowohl auf der körperlichen Ebene in Form von chronischen Kontraktionen, von ihm Panzerungen genannt,  aus, wie auch im Charakterlichen, in der Unfähigkeit sich auszudrücken und sich dem Leben hinzugeben. Er gilt als Vater der modernen Körperpsychotherapie, welche nicht nur an der Psyche sondern auch direkt am Körper ansetzt.

Ab den 40-er Jahren des letzten Jahrhunderts begann er systematisch mit der Erforschung der Krebserkrankung wie auch mit Untersuchungen zu ihrer Heilung.

Er erkannte, dass der Krebserkrankung eine Pulsationsstörung zu Grunde liegt, die sich chronisch  über mehrere Stadien bis zum Krebssymptom entwickelt. Diese Pulsationsstörung nannte er Schrumpfungsbiopathie. Er beschrieb, dass bei Menschen, die letztlich an Krebs erkranken ein Überwiegen der Kontraktion besteht, eine Sympathikotonie des vegetativen Nervensystems, was mit vegetativem Stress und Veränderungen im immunologischen System und in der endokrinen Regulation einhergeht.

Es ist eine Erschöpfung des Gesamtsystems, welche eine Krebserkrankung begünstigt. Im Psychischen drückt sich diese in einer Resignation, einem Aufgeben, einem Nein zu Welt und zum Leben aus. Viele Krebskranke berichten von dieser Erschöpfung in den Monaten vor der Krebserkrankung. Die Lebensfreude ist abhanden gekommen und das Leben erscheint entfremdet und sinnlos.

Es ist unglaublich, wie weitsichtig dieser Sichtweise von Reich war. Sie deckt sich eins zu eins mit den neueren Untersuchungen aus der Psychoneuroimmunologie bei Krebs, wie sie zum Beispiel durch Christian Schubert an der Universitätsklinik in Innsbruck durchgeführt werden.

Reich betrachtet also die Krebsgeschwulst  als ein Symptom der Krebserkrankung. Konsequent setzt seine Behandlung demzufolge an diesem tieferliegenden Mechanismus des bioenergetischen Funktionierens an. Er wandte dazu Orgonakkumulatoren an. mit dem Ziel „der Aufhebung der Kontraktion und der Erzeugung einer Expansion…“

Die Pulsationsfähigkeit, also das Pendeln zwischen Kontraktion und Expansion ist die Grundlage für Gesundheit. Die Anwendung des Orgonakkumulators – bisweilen begleitet von einer psychosomatisch orientierten Vegetotherapie  – führte zu dramatischen Verbesserungen sowohl was objektive Befunde aus den Ergebnisse der Blutuntersuchung betrifft – Reich brachte eine Lebendblutuntersuchung zur Anwendung – auch dieser meiner Ansicht nach äußerst bedeutsame Test ist in Vergessenheit geraten und wird kaum noch angewandt.

Vielfach ging auch die Metastasierung zurück, vor allem zeigten sich Verbesserung im subjektiven Empfinden des Menschen – Gewichtszunahme, vermehrter Appetit, weniger Übelkeit und Schmerzen, verbesserte Hautdurchblutung, Zunahme an Lebendigkeit, Empfindung von Wohlbefinden und Lust.

Er beschreibt, wie wichtig es ist, das wie er sagt in der „Tiefe festgeklemmte Nein – Nein zu befreien und die gesamtorganismische Fähigkeit zum Ja zu fördern. Gesundheit ist in diesem Sinne dann gegeben, „wenn der Organismus als ein totales Ganzes funktioniert, ….wenn die Ausdrucksbewegungen des Menschen frei ablaufen können.“ (Reich, Charakteranalyse S. 386, 1976)

Am 11.3. 2017 werde ich am Abend zum Thema „Ganzheitliche Gesundheit bei Wilhelm Reich“ sprechen. Genauere Infos zur Veranstaltung siehe hier: www.tzg.at/dieveranstaltungenimeinzelnen/tag-der-ganzheitlichen-gesundheit.html

Information über Wilhelm Reich, seine Therapieansätze und TherapeutInnen bzw. ÄrztInnen, welche in seiner Tradition arbeiten siehe www.wilhelmreich.at