Dem Leben folgen….

Alles hat so gut ausgesehen.

So konnte ich bereits 2 Tage nach der Operation im Krankenhaus herum spazieren, Entlassung nach 4 Tagen, schmerzfrei nach kurzer Zeit. Auch die Narbe verheilte zügig und wir – meine liebe Chirugin und ich – waren bei jeder Kontrolle begeistert über das schöne Operationsergebnis.

Und dann – nahezu 5(!!) Monate danach hat sich etwas aufgetan in meiner linken Brust, ein Gefäß scheint sich geöffnet zu haben, ein Hämatom hat sich gebildet, und da wuchs sie wieder meine Brust, zunehmend härter wurde sie, grün und blau verfärbt.

Nicht schön, nicht angenehm.

Neuerliche Punktionen wurden nötig, jedes Mal mit tagelangem Bandagiertsein – auch nicht angenehm. Kein Sport mehr, nicht mal mehr Yoga und immer, wenn ich mich aus der Ruhezone hinaus wagte, wuchs sie wieder, die Brust, das Hämatom war wieder da.

Das Interpretationsspektrum war breit – hab ich mich beim Schwimmen übernommen, beim Yoga nicht auf meine Grenzen geachtet? Hat es etwa tiefere Gründe, was bedeutet es, dass mir jetzt wieder eine Brust wächst, wo ich doch gar keine mehr habe? All diese Fragen tauchten auf, die zu beantworten ich auch gar nicht so viel Lust hatte.

Viel Verunsicherung war da: Das ist ja kein Zustand, 7 Monate nach der Operation, hat es doch bereits nach 2 Wochen schöner ausgesehen. Sollte ich einen Ultraschall machen lassen, ist vielleicht sogar eine nochmalige Operation nötig?

Dann, nach einer erneuten Punktion – und wahrscheinlich durch die ruhige, umsichtige Art meiner Chirurgin, wo ich wieder einmal merkte, dass ich ihr wirklich alle meine Fragen stellen kann und dass es ein gemeinsamer Weg ist – kehrte plötzlich Ruhe in mich ein.

Okay, ich werde jetzt neuerlich punktiert, eine Bandage wird angelegt, nein, nach wie vor ist das nicht angenehm, doch ist sie Halt gebend und neuerliches Wachstum verhindernd.

Bin weiterhin zur Ruhe angehalten, jetzt einmal kein Laufen, kein Yoga, nicht mal die sanfte Lymphdrainage soll stattfinden. Einfach zur Ruhe kommen lassen das virulente Geschehen.

Und da, als der Schalter vom Aktiv- Sein – Müssen zum Ruhig -Sein – Müssen/Dürfen umgelegt war, wurde es still in mir.

Mal sehen, wie es weiter geht.

Mal sehen, was dann dran ist.

Und das werde ich dann wissen, darüber brauche ich mir jetzt nicht den Kopf zu zerbrechen.

Mehr noch, ich kann es jetzt gar nicht wissen, weil ich ja nicht alle Informationen, die zur Situation dann gehören, zur Verfügung habe und alle Überlegungen bloß (irrationellen) Ängsten entspringen, Ängsten, die sich wiederum aus Phantasien über Bedrohliches in der Zukunft speisen.

„Wenn es wirklich ums Sterben geht, wenn jemand tatsächlich im Sterben ist, dann hört die Angst, die den Menschen die ganze Zeit davor beherrscht hat, auf.“ Dieser sinngemäß wiedergegebene Satz von einem Palliativmediziner hat mich sehr beeindruckt.

Offenbar ist das Reale einfach real und hinter allen Schichten ist diese Realität nur das, was sie ist. Und sie ist es, die uns sagt, was und ob überhaupt etwas zu tun ist.

Das Leben gibt die Schritte vor.

Step by Step.

Ganz einfach.

Jetzt.

Nicht mehr und nicht weniger.

Die Entscheidung

Nach all dem anstrengendem Hin und Her, dem Für und Wider ist nun eine Entscheidung gefallen, die sich die letzten 4 Wochen gefestigt hat. Ja natürlich sind dazwischen kleine Schwenkbewegungen, aber bald einmal bin ich wieder in meiner Mitte und damit die Entscheidung:

Ja, ich lasse mir beide Brüste abnehmen. Dabei ist das Wort „abnehmen“ wichtig. Ich lasse mir meine beiden Brüste ab-nehmen.

Schon höre ich die (inneren) Stimmen: das ist doch kein Weg, da muss/könnte ich anders damit umgehen!

Und ja, auch ich weiß, dass diese Brust-Abnahme keine unbedingte Not-Wendigkeit ist, dass es bei meinem Stadium, wie übrigens in jedem Krebsstadium viele andere Heilungswege gibt.

Auch weiß ich natürlich, dass Krebs ein Ausdruck von etwas Dahinterliegendem, Ausdruck von Traumatisierung, von Undurchdrungenem,  Blockiertem sein kann. Und so könnte ich auch an dieser Ursachenbehandlung ansetzen, um Heilung zu erfahren.

Ja, es gäbe andere Wege: Achtsames Warten, Beobachten, mich ganz der Heilung zu widmen, zu entsäuern, zu entstressen, meine Nahrung von jeglichem krebsfördernden Zutaten zu befreien, – gar keinen Zucker, vielmehr gar kein oder minimalst dosierte Kohlenhydrate, jedes einzelne Glas Wein in dem Wissen eingenommen, dass es die Krebszellen befeuert und speist.

Auch würde ich natürlich Visualisierungen zur Gesundung der Zellen machen, wie ich es schon so oft mit meinen lieben Krebs-Schwestern in der Praxis machte.

All das könnte ich –  hab ich mir doch oftmals bewiesen, dass ich höchst diszipliniert ein strenges Regime durchziehen kann – teilweise über Jahrzehnte.

Und all das würde ich tun, und dann zu engmaschigen Kontrollen gehen, was bedeutet, mir die Brüste nicht nur einmal jährlich quetschen zu lassen, sondern halbjährlich immer mit einem (nicht sehr) aber doch ängstlichen Blick auf den Ultraschallbildschirm, ob meine Maßnahmen Erfolg zeigen, oder im Gegenteil die Herde größer wurden, und ich sodann neuerlich mit weitreichenden Entscheidungen befasst bin.

Ganz abgesehen von der Tatsache, dass ich fortgesetzt dem Druck von schulmedizinischer Seite ausgesetzt wäre, Hormonsupressiva einzunehmen, die mir, abgesehen von den nicht zu unterschätzenden potentiellen Nebenwirkungen, den letzten Rest von weiblichem „Sprit“ nehmen würden.

Ich habe sie schon beim 1. und 2. Krebs abgelehnt, und frau/man kann mir glauben, dass das nicht leicht ist, wird ein Hormonrezeptor positiver Tumor doch als Glücksfall angesehen, weil man davon ausgeht, dass man die Rezidivrate mit Hormonsupressiva deutlich vermindern kann.

Nein, das alles will ich nicht.

Ich will, dass mir beide Brüste abgenommen werden, in einer Sitzung. Nein diesmal nicht von meinem damals so fürsorglichen und liebevoll praktizierenden Chirurgen, sondern von einer Frau, die kompetent und offen all meine Fragen beantwortete, und die mich sicherlich im Bewusstheit meines Frauseins und der Ästhetik operieren wird.

Und nein, ich werde mir auch keinen Brustaufbau machen und auch keine Implantate einsetzen lassen. Werde sodann flach sein, mit dem spielerischen Frei-Raum eines größeren oder kleineren Fake Dekolletés.

Und auch, wenn mir bei der konkreten Vorstellung der Dimension eines derartigen Eingriffs, die Vorstellung des Akts der Operation und der doch längerdauernden Folgen (Schmerz, Narbenbildung, Sichtbarkeit….) doch etwas unbehaglich zumute wird, so ist die Tat-Sache, dass es so geschieht, eine immense Erleichterung, und da meine ich nicht nur die Befreiung von Krebs.

Schon sehe ich mich leichtfüßig durch ein mir gemäßes Leben hüpfen, wie jener Pinguin, https://www.facebook.com/EdinburghZoo/videos/10155906184747243/, der mich immer und immer wieder erheitert.

Aus der Spur?

Diesmal ist es anders.

Das 1. Mal, als ich mit einer Krebsdiagnose konfrontiert war, lief alles wie am organismischen Schnürchen. Zumindest ist es in meiner Erinnerung so abgebildet.

Mein Organismus wusste, was nicht zu tun ist – mir die eine Brust ganz entfernen zu lassen, und mehr noch, nach State of the Art, gleich auch die zweite und die Eierstöcke dazu. Nein, das wusste ich genau, das wollte ich nicht, das war nicht dran, mit 41 Jahren, die ich damals war. Und mein Organismus wusste auch, was zu tun ist – welcher Chirurg, wann und wo und wie. (siehe dazu auch https://krebscoaching.org/eine-seite/18-2/)

Alles ging sehr stimmig und wie geführt vonstatten.

Nun, Mitte Dezember 2018 war ich zu meiner Überraschung erneut mit einem Krebsgeschehen, mit Sicherheit in einer und vielleicht auch in der 2. Brust konfrontiert.

Wieder wandte ich mich an meinen Chirurgen, nahm zunächst gar nicht an, dass er – aufgrund seines fortgeschrittenen Alters – noch arbeitete. Siehe da, es war eine Handynummer angegeben, und sogleich hörte ich seine sonore, professorale Stimme. Gleich am nächsten Tag konnte ich zu ihm kommen – „Wir behandeln ja keine Befunde, sondern Menschen, und deshalb möchte ich Sie sehen.“

Das war äußerst beruhigend, er ist noch da, ich kann zu ihm in die gute, vertraute Praxis kommen. Wie schön.

Die Wiedersehensfreude war groß, und er nahm sogleich den Prozess in die Hand, gleich morgen könne ich eine Biopsie machen lassen, der Termin sei schon mit einem kompetenten Spezialisten vereinbart.

Ja, dann mache ich das so!

Habe ich da bereits meine innere Spur verlassen, den bedächtigen (sic!!) Gang? Dass aus mir heraus, in meinem Tempo gehen, Schritt für Schritt?

Dennoch – es war gut, die Biopsie gemacht zu haben, war es doch eine Bestätigung schwarz auf weiß, was ich bereits ahnte.

Nach einem – auch von ihm empfohlenen – kleinen Abstecher bei einer plastischen Chirurgin, wonach ganz klar war, dass ich diesen schmerzenden, aufwendigen und für mich ganz und gar unsinnigen Prozess eines Brustaufbaus auf keinen Fall machen würde, musste ich meinen Chirurgen, der durch und durch Ästhet ist, und sein ganzes Leben der Erhaltung der Schönheit, wozu für ihn wesentlich die Brüste der Frau gehören, gewidmet hat, enttäuschen.

Dennoch vereinbarten wir einen Termin für Anfang März für die Ablatio beider Brüste. Dachte ich zumindest. Denn bei einem weiteren Gespräch wurde mir ganz deutlich, dass er mir zumindest die 2. Brust erhalten will, oder zumindest auch hier eine abklärende Biopsie für sinnvoll erachtet.

Meine Entscheidung ist jedoch eine andere, und so stehe ich jetzt in der unangenehmen Situation, ihm absagen zu müssen, kann ich mich doch auf eine derartige Unternehmung nur im Bewusstsein der vollen Übereinstimmung und Sicherheit, dass er diese meine Entscheidung gerne ausführt, einlassen.

Aus der Spur?

So könnte frau/man es sehen: Dass ich vielleicht die Ingredienzien, die Bestimmungsmerkmale dieser neuen, einmaligen und noch nie da gewesenen Situation nicht genügend berücksichtigt, mir und meiner Stimme nicht genügend Gehör geschenkt habe – mit Ausnahme der großen Zeitspanne zwischen Diagnose und Operation, die sich  jetzt als hilfreich erweist.

Habe ich das Alte ins Neue gebracht, wäre es notwendig gewesen, alles ganz neu und ganz anders von Anfang an wirken zu lassen, neuer Chirurg, gar kein Chirurg, aussteigen aus dem System?

Aus der Spur?

Ich könnte, ich möchte es so sehen: Diesmal ist es kein linearer Weg, mehr ein Erkunden eines Wegs wie in einem Dschungel.

Ein Weg, der sich mir im Gehen erschließt.

Ah, da geht´s lang, da sind Schritte möglich, da eröffnet sich eine Lichtung, wo ich verweilen kann, wahr-nehmend, aus mir heraus. Einem derartigen Weg haftet nicht die (Vorstellung von) Sicherheit und Klarheit an, wie bei meinem ersten Krebsweg.

Ja, und manchmal ist ein derartiger Weg unbequem. So ist es für mich, wie gesagt,  sehr unangenehm, dass ich meinem lieben Professor absagen muss.

Diese Situation habe ich mir jedoch geschaffen – so sehe ich das.

Ich habe sie mir vielleicht geschaffen, um (neuerlich) aufzustehen, um mich in meiner Wahl zu würdigen und dafür einzustehen.

Um meine Autorität nicht nur in anerkennenden Komfortzonen leben zu dürfen, sondern zu mir zu stehen in allem, was ich bin, und was für mich richtig und notwendig ist zu tun.

Mir zu gönnen, dass ich hier bestimme, was mit meinem Körper geschieht.

Und mir Raum zu geben, genau die richtigen PartneriInnen für dieses Gesamtkunstwerk meiner Heilung zu wählen.

Die wissende Lücke….

Der folgende Artikel ist erstmals im  FocusingJournal (Nr. 24, S. 20-23, 2010) erschienen. Er ist die Zusammenschrift eines Vortrages im Rahmen einer Psychoonkologietagung

Die wissende Lücke.

Zur Weisheit des Organismus im Leben mit Krebs

von Beatrix Teichmann-Wirth

Es war vor einem Jahr, im September 2008[1], als ich einer Einladung folgte, im Rahmen eines Psychoonkologie-Kongresses einen Vortrag zu halten. Ich wählte den oben genannten Titel.

Mein Vortrag sollte am letzten Tag des Kongresses stattfinden. Ich hatte in den Tagen zuvor Gelegenheit zu erfahren, wie sehr auch die Psychoonkologie – bei aller Anreicherung durch Menschlichkeit – in naturwissenschaftlichem Denken befangen ist.

Referiert wurden Ergebnisse basierend auf Untersuchungen an vielen Menschen. Die Psychoonkologie stellte sich auf diesem Kongress als eine „third person science“ dar, wie Gendlin all jene Wissenschaften bezeichnet, in denen die Person, das Subjekt, herausfällt. Dabei habe ich, inspiriert durch die Lektüre des Buches „Focusing und Philosophie“ (Wiltschko, 2008) die „Person“ vermisst.

Es war eine große Herausforderung, mich als diese „Erste Person“, die selbst von der Diagnose Krebs zweimalig betroffen war, zu zeigen. Der vorliegende Beitrag ist eine Abschrift meines Vortrages. Über große Strecken habe ich den Wortlaut des Gesprochenen beibehalten, um der Lebendigkeit des Moments Rechnung zu tragen.

Heute morgen, als ich mich entschieden hatte, zu Hause zu bleiben, um mich noch auf meinen Vortrag vorzubereiten, erhielt ich eine SMS von Birgit Konteh, einer Freundin und Mitreferentin: „Deinem Thema gemäß musst du dich wohl ganz persönlich heute der ‚Lücke’ aussetzen, um wissend zu werden – eine Absicherung gibt es nicht…“

Das hat mich sehr berührt. Eigentlich wäre es ja wirklich konsequent, jetzt die Situation hier zu „beantworten“. Das bräuchte Mut – Mut mir meine Zeit zu nehmen, auch wenn sie die mir zugestandenen 20 Minuten überschreitet; Mut für gute Bedingungen zu sorgen, also beispielsweise die Sessel umzustellen und mich um einen guten Platz zu kümmern; es bräuchte Mut zur Blöße, mich nicht hinter meinen Konzepten und Vorstellungen zu verstecken. Es bräuchte Mut, zu verzichten – darauf zu verzichten, alles, was ich an Gescheitem vorbereitet habe, auch vorzubringen. Letztlich bräuchte es Mut, dem Prozess zu folgen.

Durch all das ist auch ein krebskranker Mensch herausgefordert – mit der Notwendigkeit, für sich zu sorgen, und dem Mut, für sich einzutreten und oftmals auch Tabus zu brechen, wenn man die engen Grenzen der Konvention sprengt.

Und zuallererst bräuchte es Vertrauen – Vertrauen, dass alles da ist.

Ja, das bräuchte es jetzt: mich dieser wissenden Lücke auszusetzen, es darauf ankommen zu lassen, was sich jetzt offenbaren will – und – ich fühle, dass ich mich das jetzt gar nicht so ganz traue in diesem Kreis der vielen klugen Menschen.

So will ich sanft-mütig sein, mir und dem Ganzen Genüge tun und das geben, was mir jetzt angemessen erscheint.

So will ich im Sinne des Vortragstitels die noch verbleibenden Wissenslücken nicht mit Inhalten „stopfen“, sondern die „wissende Lücke“ offenhalten und in der Öffnung eines Erfahrungsraumes die Möglichkeit geben, mit diesem Wissen, das hinter einem vermeintlichen Unwissen liegt, in Berührung zu kommen.

Ich möchte Sie also einladen, mir mit einem – ich nenne es – „Ganzkörperohr“ zuzuhören.

 

Von einem inneren Ort

Der Ort, von dem aus ich spreche, ist ein innerer Ort. Es ist ein Platz, an dem ich jetzt, nach 10 Jahren Leben mit Krebs, angekommen bin. Das, was ich sage, gründet auf intensiver Selbsterforschung in dieser Zeit. Ich sage es im Vertrauen darauf, dass, wie Carl Rogers sagte, das Persönlichste das Allgemeinste ist.

Ich spreche auch von einem Ort, der meiner Krebserkrankung sehr dankbar ist, weil sie mir ermöglicht hat, mich auf den Weg zu machen und herauszufinden, dass es ein Leben hinter dem Erfüllen von Ansprüchen und äußeren Bewertungen gibt, mein Leben neu auszurichten nach diesem unsicheren und doch so ganz sicheren inneren organismischem Wissen.

 

Zwei „Felt Shifts“ – zwei Entscheidungen

Der Ausgangspunkt meiner Erkenntnisse über das Vorhandensein eines umfassenderen Wissens waren zwei Erfahrungen im Zuge meines Krebs-Ganges: Die erste Diagnose war zunächst ein großer Schock, der massive Angst in mir auslöste. Zugleich bemerkte ich, dass mein Bewusstsein angehoben war, sich mein Blick weitete und ich plötzlich sehr klar wusste, was jetzt zu tun ist. Diese unerschütterliche Gewissheit war mir unerklärlich, aber sie sagte mir unmissverständlich: „Ja genau, das tue ich jetzt. Von diesem Chirurgen lasse ich mich operieren, zu diesem Zeitpunkt, in diesem Krankenhaus.“

Die zweite eindrückliche Erfahrung: Nach der zweiten Brustkrebsdiagnose und im Zuge der starken unvorhersehbaren Nebenwirkungen der Bestrahlung erkannte ich, diesmal während meiner täglichen Meditation und wieder zweifelsfrei, eindeutig, mit absoluter Gewissheit, dass es darum geht, meine psychotherapeutische Praxis zuzusperren – was ich dann auch für eineinhalb Jahre tat.

Beide Erkenntnisse waren körperlich stark spürbar, im Sinne einer Öffnung, einer Erdung, so wie ein Ruck nach unten durch den Körper. Eugene Gendlin, nennt das „felt shift“.

Es gibt also etwas, das mehr weiß als ich, und dieses Etwas äußert sich, wenn ich ihm Raum gebe, in spürbaren körperlichen Reaktionen.

 

Die zweifache Realität

Im Hinblick auf die Realität einer Krebsdiagnose sind zwei Aspekte bedeutsam:

Durch den Einbruch der Diagnose in die Lebensrealität, in das Festgefügte, das immer schon so Gewusste eröffnet sich eine Lücke, und durch diese Lücke scheint ein Bewusstseinslicht – wenn es gelingt, sie offenzuhalten, ihr Raum und Zeit zu geben und somit hinter die Angst, die Wut, die Verzweiflung, das Anklagen und Hadern zu gelangen.

Das ist die eine Realität: die Eröffnung eines nicht determinierten, freien, offenen Bewusstseinsfeldes.

Die zweite, ebenso wesentliche Realität ist die äußere: die Reaktionen der Angehörigen in ihrer verständlichen Angst und Sorge, aber auch die Zugangsweisen der Betreuer, der Ärzte, die die Diagnosen mitteilen, und all der Betreuungspersonen, die rund um die Diagnosestellung an den Patienten herantreten.

Da gibt es also eine Lücke, einen Einbruch in das Strukturgewordene durch die Diagnose, ein, wenn auch erschrecktes Erwachen. Und dann gibt es eine Maschinerie, einen Ablauf, der eigenen Gesetzen folgt und der aus sich heraus erklärt auch verständlich ist.

Der von einer Krebsdiagnose betroffene Patient wird mit einer Vielzahl von Informationen konfrontiert, er ist vielen für ihn unbekannten Situationen ausgesetzt, und dies alles oftmals unter großem Zeitdruck. „Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit!“, ist eine der wesentlichen Botschaften. Alles drängt, zwingt, verengt.

Was bewirkt das? Die Lücke, gerade geöffnet, schließt sich erneut, und der Mensch kommt im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr vor.

Beim Schreiben merke ich, wie ich mich eingeladen fühle zu werten: „Ja, aber das ist doch auch notwendig und das muss man ja von ärztlicher Seite auch so machen“. Das ist es gerade, was ich vermitteln möchte: dass es hier nicht um ein Entweder-Oder geht.

Was ich sagen möchte, ist: Da gibt es ein tieferes, höheres Wissen darüber, was gut und heilsam für mich ist und welche Menschen, Orte, Behandlungsmaßnahmen von meiner Seele begrüßt werden. Dieses Wissen ist, so behaupte ich, in jedem Menschen vorhanden.

 

Mein „Spür-Wissen“ weiß mehr als ich

Dieses Wissen ist ein aus dem Körper Kommendes, es ist ein Spür-Wissen. Es ist der „Felt Sense“, dieser im Körper gefühlte Bedeutungsgehalt, der immer abrufbar ist. Man kann es auch Körperintelligenz nennen oder organismische Weisheit, zelluläres Wissen, Lücke des Impliziten, Intuition oder gefühltes Wissen.

Es ist ein Wissen, das über das, was ich weiß, hinausreicht. Es ist neu, noch nie gedacht, überraschend und ganz gewiss. Es ist ein Wissen, dass alle Umstände, alle Fakten, alle relevanten Bezüge einschließt. Es schließt die vergangenen Erfahrungen ebenso ein, wie auch die weiterführenden Schritte, die mein Leben auf „richtige“ Weise fortsetzen.

Wie Gendlin sagt: „Der Felt Sense hat in sich implizit eine ganze Menge Verbindungen“ (in Wiltschko 2008, S. 88). Carl Rogers (1959/1987) nennt dies „organismische Bewertung“ – im Gegensatz zur Bewertung, die aufgrund von Konzepten und äußeren Bewertungskriterien erfolgt.

Mein Organismus weiß, und er weiß mehr als Ich.

 

Innehalten, um sich zu spüren

Damit sich dieses Wissen entfalten kann, braucht es zuallererst Zeit-Räume – „Frei-Raum“ wird das im Focusing genannt. Ein Verweilen mit dem, was jetzt ist. Und das ist ja auch ganz natürlich. Wenn wir uns verirren, wenn unsere Landkarte des Lebens nicht mehr gilt, wie das bei einer Krebsdiagnose der Fall ist, halten wir zunächst an, wir halten inne, wir folgen sodann unserer Intuition.

Es gilt also, den Menschen einzuladen innezuhalten, mit sich in Fühlung zu kommen, sich in seiner inneren Antwort auf die Komplexität der Situation wahrzunehmen. Diese Antwort wird sich vielleicht nicht sofort einstellen, und dann ist sie da, diese Lücke des vermeintlichen Unwissens.

„Wenn man eine ganz komplizierte Situation hat, die noch nie jemand ganz genau so gehabt hat, und daher das, was in der Blaupause vorgesehen ist, nicht mehr passt – es geht nicht mehr, so wie gewohnt weiterzuleben, und das, was geht, weiß man noch nicht; der Atem ist angehalten und dann impliziert der Körper einen nächsten Schritt. Der ist so wie Ausatmen. Und doch ist er ganz neu“ (Gendlin in Wiltschko 2008, S. 119).

Wir sind nicht gewohnt, unser Inneres, unseren Körper zu befragen. Wir versuchen viel eher, über Gedanken und innere Dialoge herauszufinden, was richtig ist zu tun.

 

Verweilen im Un-ge-wissen

Verweilen im Ungewissen braucht Vertrauen, Vertrauen eben in jenes dahinterliegende Wissen. Gendlin sagt einen schönen Satz: „Es ist immer jemand drinnen“ (in Wiltschko 2008, S. 136).

Da ist immer jemand drinnen hinter dem Krebs, im Krebs, um den Krebs herum. Und diese Person, dieser Mensch, den gilt es aufzusuchen, dieses Ich, das den Krebs hat. Oft scheint es so, als ob nur der Krebs da wäre oder nur die Gefühle zu der Diagnose.

Krebs jedoch war zumindest für mich eine wunderbare Möglichkeit zu erfahren, dass ich mehr bin als meine Geschichte, meine Rollen, meine Definitionen, meine Beziehungen, mein Beruf, mein Determiniert­sein, und selbst mehr als meine Erkrankung. Dahinter, darüber hinaus, darunter bin ich, wer ich wesenhaft bin.

 

Was braucht das von uns Betreuern/­Therapeuten/Ärzten?

Zuallererst die Bereitschaft, mit sich in Fühlung zu kommen, ebenso innezuhalten, mir meiner Gefühle, meiner Gedanken, meiner Konzepte zu dieser Diagnose dieses Menschen bewusst zu sein. Das ist nicht analytisch zu erfassen, sondern nur im Wahrnehmen des Felt Sense, dieses körperlichen Gespürs über das Ganze, über die ganze Situation zu erfahren.

Es braucht sodann eine Bereitschaft, sich dem Kontakt jetzt zu öffnen, in Verbindung mit diesem betroffenen Menschen zu treten und mich von ihm anstimmen zu lassen, jetzt, im Bewusstsein, dass es nicht meine Gefühle sind, sondern die des Patienten, welche ich über meine „organismische Resonanz“, wie Wiltschko (1992) es nennt, über diese tiefe körperliche Empathie in mir wahrnehme. Wilhelm Reich (1948/1989) nannte das „vegetative Identifikation“.

Dann ist es möglich zu spüren, ob der Patient die Behandlungsmethode ablehnt, weil er aufgrund von Mitteilungen oder Vorurteilen Angst vor ihr hat, oder weil dieses tiefe Etwas in ihm weiß, dass sie ihm nicht zum Heil gereicht. Dies gilt es auszuhalten – auch im Wissen, dass das Ja des Patienten zur Therapie ein heilsamer Faktor ist (Teichmann-Wirth, 2002).

Angereichert durch die fachlichen Informationen kann sodann ein Kreuzen stattfinden zwischen dem Felt Sense und den relevanten Fakten. Und auf dieser ganzheitlichen Basis kann dann das Verhalten „implizit gesteuert“ sein[2].

 

Der nächste kleine Schritt

Eigentlich ist alles ganz einfach. Es fängt ganz basal und damit banal anmutend an. Es ist wie mit dem Sitzen auf diesen Sesseln hier im Raum. Da gibt es einen Sessel, der mich mit seinen Lehnen begrenzt, und es gibt eine Freiheit, eben in dieser Begrenzung die jetzt stimmigste Haltung einzunehmen. Jene Haltung, die ein gesamtorganismisches Ausatmen auslöst: Ja, genau so ist es richtig. Das ist die Freiheit in der Determiniertheit.

Gendlin sagt, der Körper impliziert den nächsten Schritt. Dieser nächste Schritt trägt den Lebens-Prozess weiter; das ist ganz selbstverständlich, weil das Leben das so will oder, um mit Gendlin zu sprechen: „Das Ziel ändert sich, aber dass man leben will, ändert sich nicht. Es will leben, von Anfang an“ (in Wiltschko 2008, S. 120).

Krebskranke Menschen sind oft mit einer Vielzahl von Ratschlägen konfrontiert und auch mit der angstgetönten Überzeugung, dass sie ihr Leben zu ändern haben und zwar radikal und sofort. Das ist oft nicht zu machen.

Aber was ich tun kann, ist, zunächst dieses Nicht-mehr-weiter-Wissen, diese Lücke zu würdigen, sie da sein zu lassen und mich dann zu fragen, was ein guter nächster, vielleicht kleiner Schritt wäre.

Mit jedem kleinsten angemessenen, guten Schritt bekräftigen wir unsere Lebenskompetenz und fördern eine lebensbejahende Qualität. Um mit Le Shan (1989) zu sprechen: All diese Schritte sind wie Noten unserer Lebensmelodie, einer Melodie, die wir so vielleicht noch nie vernommen haben und in der immer wieder neue Harmonien, Obertöne und Bassstimmen hinzukommen, die aber immer unsere ureigenste Melodie ist.

In all der Endlichkeit, die uns im Leben mit Krebs so bewusst wird, eröffnet der gute Schritt, das „stimmige Jetzt“ ein zeitloses Fenster, in welchem die zeitliche Grenze unbedeutend wird.

Es ist eine große Herausforderung für den (psychotherapeutischen) Begleiter, immer wieder für die Bedingungen zu sorgen, die ermöglichen, dass die nächste Gedichtzeile im Leben des von Krebs betroffenen Menschen geschrieben werden kann. Dies erfordert eine Würdigung des Stockens, eine Würdigung des Steckenbleibens und des Noch-nicht-Wissens. Es erfordert Vertrauen. Vertrauen in dem von meinem Lehrer Michael Smith ausgedrückten Sinn, der einmal zu mir sagte: „Life is bigger than you.“ Letztlich geht es um ein tief verankertes Wissen, dass das Leben nicht mit dem Tod des Körpers endet, sondern sich immer weiter über den physischen Tod hinaus fortsetzt, sich weiter-lebt.

 

Literatur

Le Shan, L. (1989). Diagnose Krebs. Wendepunkt und Neubeginn. Stuttgart: Klett-Cotta

Reich, W. (1948/1989). Charakteranalyse. Köln. Kiepenheuer&Witsch

Rogers, C.R. (1959/1987). Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Entwickelt im Rahmen der des klientenzentrierten Ansatzes. Köln. GwG

Teichmann-Wirth, B. (2006). Von der Seele begrüßt. Das Ja zur Therapie als heilender Faktor. Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (Hrsg.), Mitteilungen der Sanitätsverwaltung, 107, 11, 9-13

Teichmann-Wirth, B. (2008 ). (M)eine Krebserkrankung. Eine personzentrierte Wegbeschreibung. In M. Tuczai, G. Stumm, D. Kimbacher & N. Nemeskeri (Hrsg.). Offenheit und Vielfalt. Wien: Krammer

Wiltschko, J. (1992). Von der Sprache zum Körper. Focusing Bibliothek. Bd 2. Würzburg: DAF

Wiltschko, J. (Hrsg.) (2008). Focusing und Philosophie. Eugene T. Gendlin über die Praxis körperbezogenen Philosophierens. Wien: Facultas

 

 

 

 

 

[1] Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Psychoonkologie (ÖGPO) vom 3.-6.9. 2008 in Baden bei Wien

[2] „Kreuzen“ und „implizit gesteuert“ sind zwei Termini in Gendlins körperbezogener Philosophie (siehe Wiltschko 2008, S. 102ff)

Mein Krebs ist kein böser….

Bösartig nennt man gemeinhin die Krankheit Krebs.

Bösartig, schädlich und zerstörerisch. Er gilt als der Feind im Inneren, von dem eine existentielle Bedrohung ausgeht. (Siehe dazu auch das wunderbare Buch von Susan Sontag „Krankheit als Metapher).

Überhaupt wird so getan, als gäbe es diesen einen Krebs, dessen Gesetzmäßigkeiten über alle individuellen Bedingungen hinweg sich unweigerlich in immer der gleichen, letztlich todbringenden Art vollziehen.

Dem steht gegenüber, dass Krebs nicht eine Krankheit ist, und die Erfahrung zeigt, dass es selbst bei ein und demselben Krebs und ein und derselben Behandlung und ein und derselben Prognose, verschiedene Ausgänge gibt.

Diese Konnotation von Krebs hat weitreichende Folgen. Es ist der bewusstseinsmäßige Boden, auf den eine Krebs-Diagnose fällt, ein Boden, der irrational, undifferenziert einen unheilvollen Weg vorzeichnet, wo das Schicksal von vornherein besiegelt scheint. Die natürliche Reaktion ist verständlicherweise eine Abwehr, eine Wegbewegung, ein Wegsehen, ein Weghaben wollen –  so schnell wie möglich.

Nein, bösartig ist er nicht, mein Krebs. Schon im Ultraschall schaut er nicht aggressiv aus. Ja, da sind einige graue Schleier, wo es, wenn es eine harmlose Zyste wäre, ganz schwarz sein müsste. Das ist eine Andeutung, ein An-Zeichen.

Er, mein Krebs, lädt mich ein, hinzuschauen auf das, was nicht in Ordnung ist, was eine Eigendynamik entwickelt hat, etwas, was sich aus dem Ganzen herausgelöst hat.

Nein, (noch) wuchert er nicht, nein, noch überschreitet er nicht Grenzen und dringt  ins umliegende Gewebe. Er ist in situ – „unmittelbar am Ort“.

Still zeichnet er, wie man diesen Prozess nennt:  „Schau hin“, sagt er mir, „was aus der Ordnung gefallen ist, was in Deinem Leben wuchert, wo Du das ordnende Zentrum verloren hast, wo Du die Verbindung zur inneren (spirituellen) Heimat verloren hast, die Wurzeln, das Stillsein, wo zu viel Aufruhr, Veräußerung, Ent-Fremdung, Peripherie und Ent-Eignung stattfindet.

„Hej, da gibt es einen Prozess“, sagt er mir, „um den solltest Du Dich kümmern.“ Und das ist eigentlich ganz einfach – nichts Großes, in der Zukunft liegendes.

Step by Step: Informationen einholen, die wissende Lücke offen lassen, mit Allem sein, was stattfindet, mit den Emotionen, den Up and Downs, den Gewissheiten und Unsicherheiten, all die Therapieoptionen bewegen, sie vor-kosten, gleich-gültig da sein lassen, sich von Drängern entfernen, zu mir kommen, mich in meiner Antwort auf diese Situation wahrnehmen, auch die vielen Konzepte, dass ich eine bestimmte Maßnahme auf keinen Fall ergreifen darf, oder eine andere auf jeden Fall machen muss.

Dann der organismischen Wahl Gehör schenken, diesem Ja meiner Seele, wo sich mein Inneres weitet und ein Interesse an der Erfahrung, die ich mit dieser Therapiewahl machen werde, spürbar ist.

Und dann die Erfahrung machen, sie sodann verdauen und integrieren, mir Zeit und Raum nehmen, ungestört, so lange, wie es braucht.

Und dann freudig den nächsten Lebens-Schritt tun, welcher er immer ist.

So gibt uns das Leben die Richtung vor.

Und der Krebs, mein Freund, ist dabei eine Wegmarke.

 

P.S. Zur wissenden Lücke siehe meinen Artikel (2010). Die wissende Lücke. Zur Weisheit des Organismus im Leben mit Krebs. In FocusingJournal Nr. 24, S. 20-23).

 

 

Die Hochschaubahn

Endlich eine Entscheidung – ja, so mach´  ich das – keine aufwendigen Operationen mit zweifelhaftem Ausgang, eine Ablatio (Totaloperation) auf der linken Seite – ein klarer Schnitt, dann ist es, was es ist.

Dass eine Entscheidung gefallen ist, und dass sich diese richtig anfühlt, versetzt mich augenblicklich in eine Hochstimmung, das ist befreiend.

Doch schon bald schleicht sich erneut ein Zweifel ein – vielleicht ist das ja bei meinem Krebs gar nicht notwendig, vielleicht könnte ich noch zuwarten, den Selbstheilungskräften vertrauen, vielleicht müsste ich das sogar, bei allem, wovon ich überzeugt bin?

Auch was ich mit der anderen Brust tun soll, die ja ebenfalls Anzeichen eines neuerlichen Krebsgeschehens zeigt, lässt die Hochschaubahn sogleich steil abwärts fahren. Enge,  Betrübnis und Angst breiten sich in mir aus.

So sitze ich zur Zeit auf der Hochschaubahn:

Ein ermutigendes, bestätigendes Gespräch mit einer Freundin oder eine tolle, anspruchsvolle Radiosendung – up, das Ausbleiben eines Rückrufs meines Chirurgen  – down.

Der Gedanke, dass die Brustlosigkeit meinen Forschergeist weckt, und dies ein Anlass sein kann, mich mit der Mythologie der Amazonen oder mit der Geschichte von St. Agatha und der grundsätzlichen Bedeutung unserer Brust für uns Frauen zu befassen, ist,  beflügelt mich – up.

Der Gedanke, was ich jetzt endlich ändern sollte, und ob ich wohl mutig genug bin, das zu schaffen(!?) – schon geht die Stimmung in den Keller – down.

So kann jeder Gedanke, jedes Erlebnis Anlass für ein Hoch oder Tief sein, mein ganzes System ist davon betroffen, eine Kaskade von Gefühlen, Körperempfindungen und Stimmungen werden sogleich ausgelöst.

Wie schön, dass ich zu Silvester im Tarot die Karte der 2 Stäbe gezogen habe – Dominion. Da geht es um die Zentriertheit, das Versammeltsein, um den Träger, die feste Verankerung in mir selbst, die all diese Bewegungen betrachtet, von einer sicheren erdnahen Position.

Oder um es noch viel besser mit Rilke auszudrücken:

Da schwang die Schaukel durch den Schmerz -, doch siehe, 
der Schatten war´s des Baums, an dem sie hängt.

Ob ich nun vorwärtsschwinge oder fliehe,
vom Schwunge in den Gegenschwung gedrängt,
das alles ist noch nicht einmal der Baum.
Mag ich nun steiler schwingen oder schräger,
ich fühle nur die Schaukel; meinen Träger
gewahr ich kaum.

So lass uns herrlich einen Baum vermuten,
der sich aus Riesenwurzeln aufwärtsstammt,
durch den unendlich Wind und Vögel fluten
und unter dem, in reinen Hirtenamt,
die Hirten sannen und die Herden ruhten.

Und dass durch ihn die starken Sterne blitzen, 
macht ihn zur Maske einer ganzen Nacht.
Wer reicht aus ihm bis zu den Göttersitzen, 

da uns sein Wesen schon nachdenklich macht?

UP!

Von der Seele begrüßt….

Der von einer Krebsdiagnose betroffene Mensch steht vor einer Vielfalt an lebenswichtigen Entscheidungen – Operation, Chemotherapie, Bestrahlung…., oder aber ein alternativmedizinischer Weg.

Es stehen Entscheidungen über die Arztwahl, das Krankenhaus, die Wahl des richtigen Zeitpunkts an. Leider wird bisweilen bereits bei Diagnosestellung ein großer Druck ausgeübt („Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit“).  Das birgt die Gefahr, dass der Mensch (neuerlich) fremdbestimmt und überfordert wird.

Auch weiß man aus traumatherapeutischen Untersuchungen, dass im Schockzustand unsere kortikalen Aktivitäten herabgesetzt sind. Damit ist die Fähigkeit zu einer differenzierten, alles berücksichtigenden Urteilsfähigkeit eingeschränkt, vielmehr dominieren Überlebensmechanismen.

Eine so getroffene Entscheidung ist aus der Angst geboren, und wie Cecily Corti einmal bei einem wunderbaren Vortrag meinte, „wenn die Angst den Geist besetzt, schwächt dies“.

Auf der anderen Seite – das ist meine Erfahrung –  scheint es, dass sich durch die Erschütterung, durch diesen Einbruch in unser als sicher geglaubtes Fundament so etwas wie ein Himmelsfenster auftut, durch das Bewusstseinslicht hindurch scheint, und ich zu einer tieferen oder höheren Ebene meines Seins (Selbst) Zugang bekomme. Und hier ist alles nötige Wissen vorhanden. Ich habe dies einmal in einem Vortrag „die wissende Lücke“  genannt.

Dieses Wissen ist ein aus dem Körper Kommendes, es ist ein Spür-Wissen.  Man kann es auch Körperintelligenz, zelluläres Wissen, organismische Weisheit oder Intuition nennen.

Es ist ein Wissen, das über das, was ich weiß, hinausreicht. Es ist neu,  bisweilen sehr überraschend und ganz gewiss. Es schließt die vergangenen Erfahrungen ebenso ein, wie auch die weiterführenden Schritte.

Damit sich dieses Wissen entfalten kann, braucht es zuallererst Zeit-Räume – „Frei-Raum“ wird das im Focusing genannt. Ein Verweilen mit dem, was jetzt ist. Und das ist ja auch ganz natürlich. Wenn wir uns verirren, wenn unsere Landkarte des Lebens nicht mehr gilt, wie das bei einer Krebsdiagnose der Fall ist, halten wir zunächst an, wir halten inne, wir folgen sodann unserer Intuition.

Es gilt also, den Menschen einzuladen innezuhalten, mit sich in Fühlung zu kommen, sich in seiner inneren Antwort auf die Komplexität der Situation wahrzunehmen. Diese Antwort wird sich vielleicht nicht sofort einstellen, aber es gilt diese Lücke des vermeintlichen Unwissens offen zu halten.

„Wenn man eine ganz komplizierte Situation hat, die noch nie jemand ganz genau so gehabt hat, und daher das, was in der Blaupause vorgesehen ist, nicht mehr passt – es geht nicht mehr, so wie gewohnt weiterzuleben, und das, was geht, weiß man noch nicht; der Atem ist angehalten und dann impliziert der Körper einen nächsten Schritt. Der ist so wie Ausatmen. Und doch ist er ganz neu“, sagt mein verehrter Eugene Gendlin.

Wenn wir also unseren Körper, unser Inneres befragen, ist die Therapiewahl von der Seele begrüßt, wie ich einmal einen Vortrag nannte. Sie ist entschieden nicht allein aufgrund von Fakten, Prozentzahlen, Heilungsquoten, Vernunftgründen, sondern dies alles einschließend. Die alles einschließende Entscheidungs-Kraft ist genau in der Mitte von allem, un-bedingt, alle Bedingungen berücksichtigend, jedoch nicht in der Vereinzelung sondern in ihrer Ganzheit, vor sich hingelegt, betrachtet, wieder weiter weggestellt, sodann im rechten Abstand, sodass nicht eins vor dem anderen hervor sticht und den Seelenblick verstellt.

Und dann – wenn ich mich nicht einmische, dann offenbart sich ein tieferes, vielleicht höheres Wissen, das da sagt, „auch wenn ich es vielleicht nicht begründen kann rational, so weiß ich, so weiß etwas in mir, dass es richtig ist.“ Ja genau, das mach´ ich und dann spüre ich  diesen „felt shift“, wie Gendlin, der Focusing Begründer diesen organismischen Ruck nennt, wenn etwas als wahr erkannt wird. Ja genau, Bestrahlung jetzt, dort an diesem Platz. Und dann ebnen sich Wege, Termine stehen bereit, ohne Kampf, einfach so…

Und die Therapie jetzt von mir mit meinem organismischen Ja unterstützt entfaltet ihre heilsame Wirkung.