Das Recht auf´s Nein als heilender Faktor

Jetzt hab´ ich schon wieder zu etwas zugesagt, von dem ich bereits im Zusagen spürte, dass ich es eigentlich nicht will.

Ein Freund/eine Freundin ist mit einem Wunsch, einer Einladung, einer Bitte an mich herangetreten. Ich spüre, dass es ihm/ihr ein Bedürfnis ist, dass ich ihm/ihr diese Bitte erfüllen möge. Bisweilen ist diese nicht mal explizit ausgesprochen, in unserem Verbundensein spüren wir jedoch, dass es wichtig wäre, dass ich der Bitte nachkomme. Das erzeugt einen inneren Konflikt – möchte die Freundin nicht enttäuschen, andererseits gibt es da mein organismisches Nein.

Dieses Nein bleibt zumeist ungehört und drückt sich nur in einem Unwohlsein, einem Unbehagen, einem Stress aus. Die Zeit verstreicht, der Zeitpunkt kommt näher, wo es das Versprechen einzulösen gilt. Ich stecke den Kopf  in den Sand –  das Unbehagen bleibt – ungehört, da muss ich durch, hab´s ja versprochen, es wird immer unmöglicher abzusagen, die Enge immer spürbarer, der Aufwand, mein organismisches Aufbegehren zurück zu drängen immer größer. Und das ganze Leben wird angepatzt vom Tintenklecks des ungesagten Neins.

Schade!

Viele Menschen mit einer Krebsdiagnose berichten, dass sie immer versuchten, den Bedürfnisse der anderen gerecht zu werden. Sie stellten diese über die eigenen und standen damit – bisweilen kaum merkbar – unter Stress.

Es gibt ja viele Theorien zur Krebsentstehung, viele davon wurden falsifiziert. Was ich aber sowohl in meinem persönlichen Bezug als auch in Krebsbiographien, beziehungsweise in neueren Betrachtungsweisen wiederholt bestätigt fand, ist der Aspekt der Ohnmacht dem eigenen Leben gegenüber, der Fremdbestimmtheit, der Ent-fremdung von sich, das sich oftmals im Inneren des krebskranken Menschen finden lässt.

Am Grund dieser Ent-Eignung finden sich oftmals viele, viele ungesagte Neins und die Überzeugung, nicht Nein sagen zu dürfen.

So wird das Leben fest, bisweilen ganz und gar ohne Lücken der Freiheit. Die stille Verzweiflung, welche krebskranken Menschen von Le Shan (siehe Buchempfehlungen) zu geschrieben wird, begleitet diese Menschen wie ein dunkler Schatten.

Es ist diese grenzenlose stumme Verzweiflung darüber, dass man keinen Aus-Weg sieht oder vielmehr keine Berechtigung hat, ein für sich gültiges, gemäßes Leben zu führen, ein Leben, das die Seele begrüßt.

So wird das Nein zu diesem Leben – mit einem Beruf, der mich nicht erfüllt und erschöpft, einem Partner, von dem ich mich nicht gesehen und geliebt fühle, mit den Freundschaften, welche mich nicht nähren, aber auch mit all den ungeliebten Verpflichtungen, die ich eingegangen bin, all den Konzessionen, die ich gemacht habe, all den Zusagen die ich wider besseren Spürens getroffen habe –  zu einem Nein zum Leben überhaupt.

Die Resignation ist tief und greift das biologische Fundament den Kern des Lebens an.

Das ist es, was Wilhelm Reich als Kern der Krebsbiopathie beschreibt, dieser Rückzug aus der Welt bis auf eine plasmatische Ebene.

Ja und Nein als die zwei Grundbewegungen des Lebens – Ja als öffnende , von sich ausgehende nach außen in alle Richtungen, in die Welt gewendete Bewegung, Nein kontrahierend, zusammenziehend, in den Kern hinein, wobei ein Nein, das nach außen gesprochen wird, auch ein Ja ist.

Ein nicht gesprochenes Nein führt jedoch zu einem Abziehen der Energie von der Peripherie, zu einer  Kontraktion – zu einer Lebensverneinung, fortschreitend.

Ich denke, dass dies ein wesentlicher, ganz grundlegender Prozess bei der Krebsentstehung ist.

So war es bei mir: ich wollte dieses Leben nicht mehr, ein von Leistung, Druck und Angst bestimmtes Leben, und da ich es nicht wagte, zu glauben, dass ich ein mir angemessenes Leben erschaffen kann, dass ich dazu berechtigt bin, lehnte ich das Leben an sich ab, wollte nicht mehr leben, raus aus dieser Welt, nein, dieses Leben war von meiner Seele nicht begrüßt.

Und dann die Diagnose:

Das Leben in seiner unmittelbaren Qualität ist bedroht, ich könnte sterben an meinem Krebs. Der Tod jetzt an die Seite gestellt, die Endlichkeit meiner irdischen Existenz wird bewusst.

Und plötzlich geht es nicht mehr ums Erfüllen von Erwartungen und Formen des Lebens, sondern ums Leben an sich, um mein Leben und vielleicht das allererste Mal um mich.

So wohnt der Krebsdiagnose neben dem Schock der Todesgefahr auch ein Potential inne. Das Potential aufzuwachen, das Leben als meines zu begreifen, und zu beginnen für dieses mein Leben zu sorgen.

Eine Lücke tut sich auf, durch die Lebens-Licht durchscheint. Viele krebskranke Menschen beschreiben eine Anhebung des Bewusstseins rund um die Diagnose, in dem vieles viel klarer gesehen wird. Das ist eine große Chance.

Hier in einer Situation, wo es wahrhaft ums Über-Leben geht, ist es vielleicht leichter, sich einzusetzen für die eigene Wahrheit, für das Nein oder Ja.

Es ist jedoch nicht übertrieben zu sagen, dass es immer um dieses mein Leben geht, darum, dass ich mich frage, was und wem ich in meinem Leben Raum geben will, was ich bejahe und verneine. Letztlich geht es um die Qualitäten von Ausdehnung,  Pulsation, Wohlgefühl und Freude.

Zu sehen, dass das hier mein Leben ist –  in jedem Moment.

Wenn all die ungesagten Neins unser Lebenslicht dimmen, so  schafft  ein ausgedrücktes Nein sofort Frei-Raum, es kräftigt uns, lässt uns uns aufrichten, öffnen.

Und schon entfaltet sich unser Ja zum Leben – ganz einfach und selbstverständlich.

Diagnose Krebs – eine Heraus-Forderung für Angehörige und FreundInnen

 

Zumeist stehen nach einer Krebs-Diagnose die davon Betroffenen im Vordergrund, sie haben den Schock zu verarbeiten, die richtige Wahl zu treffen, und sie haben sich auch den teilweise hefigen Behandlung auszusetzen.

Doch auch für Angehörige und FreundInnen ist dies eine sehr schwierige Zeit – schwieriger vielleicht noch, weil sie nicht in mitten des Geschehens sind, das all ihre Kräfte bündelt und die Aufmerksamkeit fokussiert. Sie stehen außerhalb und sind oftmals auch unsicher, was ein guter hilfreicher Beitrag von ihrer Seite sein könnte. Im Eindruck des Leids und der Not des Nächsten fühlen sie bisweilen auch kein Recht, ihre Bedürfnisse einzubringen und ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Und oft sind sie mit nie gekannten Aspekten und Seiten eines wohlbekannten Menschen konfrontiert.

Eine Krebsdiagnose trifft einen Menschen im Kern, er ist grundsätzlich erschüttert. Diese Erschütterung bringt Seiten an der Persönlichkeit zum Vorschein, welche wir als die Nächsten vielleicht noch nie wahrgenommen haben. Vor der Diagnose war unser Freund beispielsweise ein umgänglicher, verbindlicher Mensch, bei welchem wir nichts zu befürchten hatten. Plötzlich ist dieser so freundliche Mensch unwirsch, schroff, in sich zurückgezogen, weist uns zurück, schickt uns weg, will uns gar nicht sehen, er, der immer höflich und mitfühlend und im Kontakt mit den Bedürfnissen der anderen war, stößt uns mit einem schroffen Nein zurück und sagt beispielsweise den lange ausgemachten Besuch kurzfristig ab. Das ist hart und verunsichert. Wir verlieren die Selbstverständlichkeit, wissen nicht mehr, wie wir uns verhalten sollen, wir werden immer verklemmter und sprachloser.

Auch wir haben Bedürfnisse, wollen nahe sein, unterstützen, am Laufenden gehalten werden, wollen teilhaben. Und müssen schmerzlich bemerken, wie wir zunehmend den Kontakt verlieren.

Ich erinnere mich an meine liebe Freundin Gundi, welche mich bat, sie in ihrem Sterbeprozess zu begleiten und ich fühlte mich geehrt, war beglückt von diesem intimen Herzensgeschenk. Und dann, in ihrem Ringen um ein Sterben-Können war sie so gar nicht mehr meine Gundi, ich musste stundenlang in der Küche warten, ehe mir die Pflegerin mitteilte, dass sie mich heute doch nicht sehen möchte.  Das tat weh. Je mehr sie sich dem Tod näherte, desto ungehaltener im wahrsten Sinne des Wortes wurde sie, mal sollte ich leise, mal ganz normal sprechen. Meine Verunsicherung wuchs und damit mein Halt, den ich in mir hatte, und den ich ihr geben hätte können.

Was können wir tun: Ich glaube, das Wichtigste ist anzuerkennen, wie groß mein Schmerz ist, den anderen als meinen …..zu verlieren, die Trauer, meine Angst aber auch meine Wut, so behandelt zu werden, das Gefühl, dass ich so eine Behandlung nicht verdient habe – all das will angenommen werden oder wie Thich Nhat Hanh sagt, mich in all dem liebevoll zu umarmen und zu halten.

Und dann kann ich schauen, welcher Ausdruck stimmt, was ich davon wie mitteilen möchte, aus meinem Herzen heraus zu sprechen.

Vielleicht hilft es auch zu verstehen, dass meine Freundin es mit einem überwältigenden Geschehen zu tun hat, das all ihre Kräfte beansprucht, und dass das nicht gegen mich gerichtet ist. Und vielleicht ist es dann ja möglich, ihr/ihm den Raum zu geben, den er/sie braucht.

Einfach zu bleiben  – als eine vielleicht letzte Liebestat.

 

 

 

Über das Große und Kleine in uns

Wilhelm Reich´s „Rede an den kleinen Mann“ ist ein sehr herausfordernder Text, welchen ich nun schon zum wiederholten Mal vom genialen Ignaz Kirchner im Vestibül hören durfte.

Und wieder, wie schon zuvor, war ich zutiefst berührt vom Wahrheitsgehalt und der Zeitlosigkeit der Inhalte.

Der Text, der 1946 ohne die Absicht, ihn zu veröffentlichen von Wilhelm Reich verfasst wurde. „…. war das Ergebnis der inneren Stürme eines Naturforschers und Arztes, der jahrzehntelang zunächst mit Naivität, dann mit Staunen und schließlich mit Entsetzen erlebte, was der kleine Mann aus dem Volke sich selbst antut; wie er leidet, rebelliert, seine Feinde verehrt und seine Freunde mordet.“ (so Wilhelm Reich im Vorwort)

Er  ist eine schonungslose Aufdeckung von all dem Kleinen und Kleinlichen in uns, davon, wann wir anderen die Verantwortung überlassen, Autoritäten mehr Glauben schenken als unserem inneren Sensorium und Wahrheitsempfinden. Und es ist ein Appell an unseren Kern, das Lebendige, das „gütig und naiv ist“.

Was hat das nun mit der Krebserkrankung zu tun:

Ich konnte an mir selbst und an vielen anderen an Krebs erkrankten Menschen wahrnehmen, wie wir aus Angst um unsere Existenz, dem um jeden Preis in der Gesellschaft verankert bleiben wollen, unsere tiefsten Sehnsüchte und (körperlichen) Bedürfnisse verleugnen, und das Leben zunehmend freud- und sinnlos wird.

Ich kann auch bemerken, wie die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, dann, wenn man sich nicht ausbeutet und über seine Grenzen geht,  zunimmt. Und dass, wenn  die Konkurrenz in den (beruflichen) Beziehungen und die Wachstumsorientierung  unser Leben beherrscht, wir uns zunehmend von unserem So-Sein, unserer Berufung entfernen und uns jegliche Kraft geraubt wird. Auch dominiert in einer Zeit allgemeiner Existenzangst die Anpassung gegenüber dem Mut zur Selbsteinbringung und dem Aufstehen.

Und dennoch gibt es da eine Sehnsucht –  eine Sehnsucht nach Gemeinschaftlichkeit, Emotionalität und intensivem Erleben. Dies – und auch das konnte Wilhelm Reich in seiner tiefgreifenden Analyse „Massenpsychologie des Faschismus“ zeigen, wurde im Nationalsozialismus  bestens „bedient“ – Zugehörigkeit zu einer (Volks-)gemeinschaft, auserwählt sein, groß und mächtig  sein. Der Preis war, wie wir wissen, hoch – Unterwerfung unter übermächtige Autoritäten, Leugnung des eigenen Empfindens bis zur Unmenschlichkeit, Entmenschlichung.

Und das hat – das konnte Reich in seiner jahrzehntelangen Forschungstätigkeit zeigen –  eine Basis: die Unterdrückung der biologischen, natürlichen Bewegungen des Organismus und damit die Entfremdung von unserem (biologischen) Fundament.

Wollen wir wirklich gesund sein, so geht es darum, unserem Organismus erneut Gehör zu schenken, wahrzunehmen,  wenn etwas zu viel ist, wenn wir über unsere Grenzen gehen, uns ausdrücken wollen, den  natürlichen Rhythmen zu folgen und uns auf unsere „einfache, anständige Natur“ zu besinnen.

Oder um Wilhelm Reich selbst zu Wort kommen zu lassen:

„Du fragst, wann dein Leben gut und sicher sein wird, kleiner Mann: Dein Leben wird gut und sicher sein, wenn die Lebendigkeit mehr bedeuten wird als Sicherheit, Liebe mehr als Geld, deine Freiheit mehr als parteiliche oder öffentliche Meinung; wenn  die Stimmung Beethoven´scher oder Bach´scher Musik die Stimmung deiner gesamten Existenz wird (du hast sie in dir, kleiner Mann, irgendwo tief verborgen in einer Ecke deines Wesens!); wenn dein Denken in Einklang, und nicht mehr in Widerspruch mit deinen Gefühlen wirken wird; wenn du deine Gaben beizeiten erfassen und dein Altern beizeiten erkennen wirst; wenn du die Gedanken der großen Weisen, und nicht mehr die Untaten der großen Krieger, leben wirst, wenn die Lehrer deiner Kinder, und nicht die Politiker, von dir besser entlohnt sein werden; ….wenn du Erhebung beim Anhören von Wahrheiten, und Grauen beim Anblick von Formalitäten verspüren wirst, ….wenn die Menschengesichter auf den Straßen Freiheit, Beweglichkeit, Heiterkeit und nicht mehr Trauer und Elend ausdrücken werden; wenn ihre Körper nicht mehr wie heute, mit zurückgezogenen, eingesteiften Becken und erkalteten Geschlechtsorganen auf dieser Erde wandeln werden.“

und weiter

„Es gibt nichts außer diesem: das Leben gut und glücklich zu leben! Folge deinem Herzen, auch wenn es vom Pfade ängstlicher Seelen wegführt. Verhärte nicht, auch wenn dich mal das Leben quält.“

Krebs – die Krankheit hinter der Krankheit und die Gesundheit hinter der Symptombeseitigung

Die Krankheit hinter der Krankheit

„Den Tumor hat man mir (ab)nehmen können, das Leben habe ich zu führen. Das ist die Herausforderung.“  Diesen Satz habe ich einmal für einen Buchbeitrag mit dem Titel „Krebs sei Dank“ geschrieben.

Für mich war und ist das Leben das Schwierige, nicht so sehr der Krebs- Die Konfrontation mit einer Krebsdiagnose – so erschreckend diese auch für mich war –  war eine fokussierte Geschichte mit einer Richtung,  was zu tun ist – Infos recherchieren, Entscheidungen treffen, Behandlungen durchführen.

Da gibt es auch Fürsorge, Unterstützung durch andere und ganz konkret bekomme ich viel an Bemühen, an Aufmerksamkeit, ich habe ein Recht auf Selbstzentrierung. Andererseits fühle  ich mich –   wenn ich nichts offenkundig Bedrohliches, keinen Krebs habe – wie viele andere Menschen auch – oftmals allein.

Allein mit all den alltäglichen Unannehmlichkeiten, mit dem, was quälend in mir ist, allein mit dem, was unbewältigbar erscheint, und das kann schon die Einführung der Registrierkasse sein, ein Konflikt mit einem nahestehenden Menschen, die Angst, den Anforderungen des Lebens nicht gerecht werden zu können. Damit sind wir verschweigen, weil derartige Ängste nicht gesellschaftsfähig sind.

Dort fängt die Krankheit Krebs an – im Alleinsein, im Schweigen, im täglichen einsamen Ringen mit all dem, was mich bewegt. Oft steht am Anfang einer Krebserkrankung eine Überforderung, eine lange Zeit des Alleinkämpfertums, des Bemühens selbst mit Schwierigkeiten fertig zu werden. Mit all dem, was zu viel ist – zu viel Druck, zu viel Schmerz, zu viel Not, zu viel Angst…..

Und dann kommt die Diagnose und damit das Entpflichtetsein, und ein Raum entsteht in dem ich (ich) sein darf – Krebs gibt Erlaubnis.

Es ist allgemein verständlich, dass ich Angst habe, dass ich mich überfordert führe, dass ich Hilfe brauche. Dann – endlich werde ich wahr- und ernst genommen. Viele an Krebs erkrankte Menschen können nach der Diagnose und vor allem  nach den Behandlungen, – wenn sie es sich leisten und gestatten können, sich für die Genesung Zeit zu nehmen – erstmalig erfahren, wie sich die Essenz des Lebens anfühlt – einfach kochen, im Garten arbeiten, in entspannter Weise und nicht unter Druck dem Sohn bei der Hausaufgabe helfen. Und sie erfahren, wie sukzessive kritische innere Stimmen laut werden – „Jetzt sollte ich bald einmal wieder mit einer richtigen Arbeit anfangen.“ Viele Menschen können sich  nur  Achtung und Wertschätzung entgegenbringe, wenn sie viel leisten, über ihre Grenzen gehe, total im Stress sind.  Dann fühlen wir uns als ein wertvolles Mitglied in der Gesellschaft. – das ist der soziale Krebs.

Ist das nicht absurd – dass ich schwer erkranken muss, um das Leben wahrnehmen und  leben zu dürfen. An dieser Stelle ist auch der Förderwahn, der bereits an Kindergartenkindern angewandt wird, sehr kritisch zu sehen. Von früh an keine Freiräume mehr zu haben, Zielsetzungen erfüllen zu müssen, eingeteilt zu sein, nicht den Rhythmen des Lebens folgen zu können, nur mehr von einem Termin zum anderen hetzen zu müssen.

Das ist meiner Ansicht nach die wahre Krankheit Krebs – die kollektive Entfremdung von unseren  basalen Bedürfnissen nach Ruhe, Muße, Ausdruck, Bewegung und Innehalten. Und die Entfremdung von unserem innersten Wesen, unserem Angelegtsein.  Dort gilt es anzusetzen. Dort gilt es Gegenentwürfe in die Welt zu bringen, Ermutigung und Engagement.

Die Gesundheit hinter der Symptombeseitigung.

So wie am Anfang der Krebserkrankung die Trennung, die Entfremdung und Enteignung steht, so ist es die Wiederaneignung von mir selbst, indem ich meine Gefühle, Bedürfnisse, Nöte und Ängste aber auch mein Wesen wieder wahrnehme, die am Weg der Genesung stattfinden sollte.  In dem ich wieder in Kontakt trete mit mir und allen Bezügen, die mich ausmachen. Das braucht eine Offenheit, eine Stille und eine Entschleunigung. Dann kann Resonanz stattfinden.  In einer kürzlich gesendeten Radiokollegsendung zum Thema Resonanz wird betont, wie wichtig es ist, dass Kinder die Welt als tragend, wohlwollend, atmend und gütig  erleben. Im Gegensatz dazu wird das Kind oftmals zum „Objekt der erzieherischen Bemühung, ein Objekt, das an Erwartungen, Bewertungen und Zielen gemessen wird“ – so der Neurowissenschaftler Gerald Hüther in der Radiokollegsendung vom 21.3. 2016.  Wichtig wäre, – nicht nur für das Kind sondern auch für uns – sich mit dem Kind einzulassen, sich in seine Welt mitnehmen zu lassen, staunend sich zu öffnen für all die  bewegenden Äußerungsformen, die es zeigt. Dann kann Ausdehnung stattfinden und Wachstum.

Für uns Erwachsene braucht es, um diesem oben beschriebenen essentiellen Alleinsein entgegen zu wirken,  eine Gemeinschaft, die die Kultur des einander Wahrnehmens pflegt  – Wahlverwandtschaften, wo wirkliche An-er-kennung stattfindet.

Es braucht weiters:

Ein Bemühen, einander nicht bloß als Objekte in unserer Funktionalität wahr zu nehmen, sondern miteinander in Resonanz zu gehen. Räume zu schaffen, wo einfach Austausch stattfindet, wie es mir geht, worunter ich leide, wovor ich mich fürchte, worüber ich mich freue.  Einander nicht bloß mit der Brille von Bewertungen wahr zu nehmen, gemessen an Erwartungen und Zielen.

Um meinem Wesen gemäß zu sein, braucht es Menschen, die nach mir fragen, die sich für mich interessieren, für mich als Subjekt, als Individualität, in meiner Einzigartigkeit.

Es braucht Augen, die mich sehen und Ohren, die mich hören, die mich aus mir selbst heraus hören, mich heraus kennen, sodass ich vor – kommen kann.