Busen-los glücklich. Ein Gegenentwurf!

„Es ist eine sehr schwere Zeit“ sagt Elia Bragagna im Radiokollegbeitrag vom 13.3.2018 in Bezug auf die Zeit nach einer Brustkrebsoperation. „Es ist eine schwere Zeit, und es ist harte Arbeit“, zu einem neuen Verhältnis und einem Selbstbild zu kommen, sagt sie da.

Nein, will ich gleich widersprechen. War es nicht. Dieses Jahr – heute jährt sich die 3. Brustkrebsdiagnose – war kein schweres und nein, es war auch keine harte Arbeit, mich mit meinem neuen Selbstbild wohl zu fühlen.

Ja, es war eine intensive Zeit, oftmals eine Hochschaubahn der Gefühle, ein Aufgeregtsein war es, aber nicht dunkel und nicht schwer. So habe ich es erlebt.

Zu allererst war es eine wandelnde Zeit.

Ich durfte noch einmal ganz tief in die Schichten meiner Selbst eindringen, mich von Altlasten befreien. Und dazu gehört auch meine Brust. Ich musste sie nicht hergeben, da hätte es auch andere Wege gegeben, hat es sich doch nicht um einen schnell wachsenden, aggressiven Tumor gehandelt. Diese anderen Wege wollte ich nicht gehen. Ziemlich schnell war klar, dass ich mich von ihr trennen wollte.

Viele wunderbare Erlebnisse hatte ich in diesem Jahr, angefangen von der Suche nach einer geeigneten Form des Umgangs mit der Diagnose. Konnte wieder mal die Bewusstseinsanhebung rund um die Diagnose bemerken, meine Klarheit, die Unbeirrbarkeit in meinem Wissen, was zu tun ist.

Dann durfte ich mich in meinem Mut erfahren, meinen bei den ersten beiden Diagnosen außerordentlich dienlichen Chirurgen zu „entlassen“, weil ich merkte, dass seine Haltung (dass die Brust zu erhalten ist) keine stabile Basis für eine derartig große Unternehmung ist. Dann die Begegnung mit meiner Chirurgin, wir zwei Frauen – zu erleben, wie viel nahezu schwesterliches Einverständnis es in unserer Beziehung gibt.

Für mich war diese Zeit eine lichtvolle.  Eine Zeit der Befreiung, eine Befreiung auch von Konzessionen und Konzepten, woran die Schönheit einer Frau geknüpft ist.

Und dann war sie weg, die Brust, und gar nichts, wirklich gar nichts fehlt mir. So ist es.

Mehr noch, ich habe das Gefühl, endlich in meinem Körper angekommen zu sein, so bizarr das klingen mag. Und der ist nicht mal brustlos, gibt es ja noch diese innere Brust und auch diesen kleinen Brustansatz, der dank der wunderbaren Operation noch immer da ist.

Schön fühl ich mich.

Bei allem Respekt und Verständnis, dass es für viele Frauen leider eine schwere Zeit ist und eine große Belastung,  gilt es dies mitzuteilen:

Nein, es muss keine Katastrophe sein, wir sind keine kastrierten Frauen, Brust- und Sexualitäts-amputiert. Wir können über einen derartigen Einschnitt, der auch patriarchale Bilder von uns, wie wir sein sollen, durchtrennt, zu unserer wahren Kraft und Schönheit finden.

Das gibt es auch.

Da steht sie auf, die alte Feministin in mir und möchte  entgegenrufen: Hej, es ist wichtig, auch davon zu erzählen und nicht bloß, dass es ach´ so schlimm ist (sein muss) und ach´ so eine schwere Zeit.

Lasst uns die Frauen mit ermutigenden Botschaften speisen, dass es im Wesentlichen sooooo was von wurscht ist, für uns und unseren Weg, ob da zwei Gewebsteile an uns dran hängen oder nicht.

Das musste jetzt einmal gesagt werden.

Dem Leben folgen….

Alles hat so gut ausgesehen.

So konnte ich bereits 2 Tage nach der Operation im Krankenhaus herum spazieren, Entlassung nach 4 Tagen, schmerzfrei nach kurzer Zeit. Auch die Narbe verheilte zügig und wir – meine liebe Chirugin und ich – waren bei jeder Kontrolle begeistert über das schöne Operationsergebnis.

Und dann – nahezu 5(!!) Monate danach hat sich etwas aufgetan in meiner linken Brust, ein Gefäß scheint sich geöffnet zu haben, ein Hämatom hat sich gebildet, und da wuchs sie wieder meine Brust, zunehmend härter wurde sie, grün und blau verfärbt.

Nicht schön, nicht angenehm.

Neuerliche Punktionen wurden nötig, jedes Mal mit tagelangem Bandagiertsein – auch nicht angenehm. Kein Sport mehr, nicht mal mehr Yoga und immer, wenn ich mich aus der Ruhezone hinaus wagte, wuchs sie wieder, die Brust, das Hämatom war wieder da.

Das Interpretationsspektrum war breit – hab ich mich beim Schwimmen übernommen, beim Yoga nicht auf meine Grenzen geachtet? Hat es etwa tiefere Gründe, was bedeutet es, dass mir jetzt wieder eine Brust wächst, wo ich doch gar keine mehr habe? All diese Fragen tauchten auf, die zu beantworten ich auch gar nicht so viel Lust hatte.

Viel Verunsicherung war da: Das ist ja kein Zustand, 7 Monate nach der Operation, hat es doch bereits nach 2 Wochen schöner ausgesehen. Sollte ich einen Ultraschall machen lassen, ist vielleicht sogar eine nochmalige Operation nötig?

Dann, nach einer erneuten Punktion – und wahrscheinlich durch die ruhige, umsichtige Art meiner Chirurgin, wo ich wieder einmal merkte, dass ich ihr wirklich alle meine Fragen stellen kann und dass es ein gemeinsamer Weg ist – kehrte plötzlich Ruhe in mich ein.

Okay, ich werde jetzt neuerlich punktiert, eine Bandage wird angelegt, nein, nach wie vor ist das nicht angenehm, doch ist sie Halt gebend und neuerliches Wachstum verhindernd.

Bin weiterhin zur Ruhe angehalten, jetzt einmal kein Laufen, kein Yoga, nicht mal die sanfte Lymphdrainage soll stattfinden. Einfach zur Ruhe kommen lassen das virulente Geschehen.

Und da, als der Schalter vom Aktiv- Sein – Müssen zum Ruhig -Sein – Müssen/Dürfen umgelegt war, wurde es still in mir.

Mal sehen, wie es weiter geht.

Mal sehen, was dann dran ist.

Und das werde ich dann wissen, darüber brauche ich mir jetzt nicht den Kopf zu zerbrechen.

Mehr noch, ich kann es jetzt gar nicht wissen, weil ich ja nicht alle Informationen, die zur Situation dann gehören, zur Verfügung habe und alle Überlegungen bloß (irrationellen) Ängsten entspringen, Ängsten, die sich wiederum aus Phantasien über Bedrohliches in der Zukunft speisen.

„Wenn es wirklich ums Sterben geht, wenn jemand tatsächlich im Sterben ist, dann hört die Angst, die den Menschen die ganze Zeit davor beherrscht hat, auf.“ Dieser sinngemäß wiedergegebene Satz von einem Palliativmediziner hat mich sehr beeindruckt.

Offenbar ist das Reale einfach real und hinter allen Schichten ist diese Realität nur das, was sie ist. Und sie ist es, die uns sagt, was und ob überhaupt etwas zu tun ist.

Das Leben gibt die Schritte vor.

Step by Step.

Ganz einfach.

Jetzt.

Nicht mehr und nicht weniger.

Meine Tochter ist eine besondere Frau

Und das ist sie in vielerlei Hinsicht – in ihrer Weisheit, die der einer älteren, lebenserfahrenen Frau gleicht, in ihrer Mädchenhaftigkeit, die mit kindlicher Stimme ein Glas Leitungswasser bestellt, in der Verbindung von weit auseinander liegenden Welten – der Wissenschaft, der Kunst, der Emotionalität und Nüchternheit…..

Vor nunmehr einem Jahr hat sie sich, inspiriert durch ein sehr freies Umfeld in Montreal, entschieden, keinen BH mehr zu tragen, und sich auch nicht mehr zu rasieren.

Wir könnten jetzt glauben, sie habe ohnedies nur eine kleine, nicht weiter auffällige Brust, aber nein, der Busen meiner Tochter ist nicht klein sondern deutlich sichtbar.

Und nein, sie verhüllt diesen nicht mit weiten dunklen Hängerchen, sie trägt enganliegende T-Shirts, die auch ihre Brustwarzen zu erkennen geben. T-Shirts, die ihre Brüste offenbaren.

Und nein, sie hält sich auch nichts schützend vor, wie ich es jahrzehntelang gemacht habe. Sie verschränkt nicht ihre Arme, auch wenn sie durch eine Menschen-Männer-Menge geht.

Damit habe ich es bisweilen schwer. Ich, die ich mich mit meinen Brüsten immer zu exponiert fühlte, sie weg haben wollte, weil sie Hauptangriffspunkt anonymen Begehrens waren, die mich zu-  und eindringlichen Blicken aussetzten.

„Willst Dir keinen BH anziehen?“, sag ich dann, wenn uns ein Tag voller Ausgesetztseins bevorsteht. „Nein,“ sagt sie, „sind doch meine lieben Brüste, die ich nicht in einen BH zwängen will. Die gehören zu mir, wie zu jeder Frau dazu.“

Ich möchte mich vor sie stellen, wenn ich merke, dass die mit uns fahrenden Männer sie anstarren. Ich lasse es, unter Aufbietung aller Ein-Sicht, die ich in einer derartigen Situation aufbringen kann, und weil ich es toll finde, dass sich meine Scham über die offenkundigen Zeichen meiner Weiblichkeit nicht in die nächste Generation tradiert hat.

Und weil ich es bewundernswert finde, dass meine Tochter frei ist, ein Zeichen zu setzen.

Und sie – sie geht völlig unbeeindruckt munter vorbei, selbst-verständlich und selbst-vergessen, gibt es doch so viel Wichtigeres, was ihre Aufmerksamkeit anzieht.

Sie hat das Gefängnis der Selbst-Bezüglichkeit, dass das Leben so vieler Frauen (meiner Generation ?!) prägt, verlassen – dieser Selbstbezüglichkeit, sich ständig des eigenen Körpers bewusst zu sein, wie er aussieht, wo etwas zu viel oder zu wenig ist, wo etwas wackelt und hervorschaut, wo etwas Begierden hervorlocken könnte, was frau essen darf und vermeiden muss.

Die Burka des kritischen Selbst-Blicks.

Meine Tochter isst, wenn sie Hunger hat und das, wonach ihr Körper gerade verlangt.

Sie liebt ihren Körper in seinem So-Sein und sie achtet darauf, was für ihn gut ist.

Sie ist frei und mutig.

Dafür und für so vieles mehr liebe ich sie.
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