Flat Is Beautiful – der Lauf

Idee und Wirklichkeit

Plötzlich war sie da – die Idee.

Damals vor einem Jahr, als ich den Frauenlauf lief, da hatte ich die Idee. Sie half mir die 5 km, untrainiert wie ich so knapp nach der Operation war, zu bewältigen. Immer, wenn mich diese Idee während des Laufs ergriff, fühlte ich, dass es einen Sinn macht, hier zu laufen, in der Hitze und der Anstrengung.

Die Idee: das mach´ ich – ein Team gründe ich mit dem Titel „Flat Is Beautiful“. Ein Zeichen will ich setzen – ein Zeichen, dass die Brustlosigkeit unsere Schönheit und Weiblichkeit nicht mindert. Dass wir schön sind, ob unsere Brüste flach, klein, groß, verschieden, wie auch immer sind.

Und dann habe ich dazu eingeladen.

5 Freundinnen haben sich bei mir gemeldet, einige andere ihr Interesse bekundet und sich auch tatsächlich angemeldet. Clara, eine nahe Freundin lief zu meiner Freude für unser Team die zehn Kilometer mit einer tollen Zeit.

Viele Ideen hatte ich: Eine Selbsterfahrungsgruppe wollte ich ins Leben rufen, wo es um unsere Beziehung zu unseren Brüsten geht, eine Fotosession veranstalten, Medien kontaktieren.

Groß aufziehen wollte ich es und so war ich auch sehr glücklich, dass mich einflussreiche Personen kontaktierten, die großzügige Angebote machten  – und dann vergaß ich gleich einmal die Kontaktadresse – dort ging es offenbar nicht lang.

So beschränkte ich mich alsbald auf unsere kleine feine Gruppe und auch da hatte ich so meine Ideen. Zum Beispiel, dass wir – der engere Kreis –  einander ja kennen lernen sollten, zumindest einmal uns zusammensetzen.

Auch das kam einfach nicht zustande.

Oder dass wir ordentlich trainieren müssten, uns einer der Laufgruppen anschließen, konsequent den Trainingsplan einhalten. Das versuchten wir dann auch und liefen einige wenige Male bei einer der vom Frauenlauf organisierten Laufgruppen mit. Es war gut, dass wir das gemeinsam taten, denn ohne die aufmunternde Gegenwart meiner Freundinnen hätte ich die Anstrengung nicht ausgehalten. Unglaublich, wie lange 3 Minuten sein können und das 10 mal. Nein, das war es auch nicht.

Alsbald entließ ich mich und die anderen aus der Pflicht aufgrund der Erkenntnis, dass uns die Freude einen soll, mehr noch, dass wir ohnedies vereint waren in der Idee, egal welche Zeit und ob überhaupt jede von uns dann tatsächlich läuft. Das war sehr befreiend.

Siehe da, eine Woche vor dem Lauf fand sich ein Termin, wo wir die ganze 5 km Runde ablaufen wollten. Wir verirrten uns und auch das war lustig.

Die Idee, ein T-Shirt designen zu lassen, fand eine wunderschöne Verwirklichung. Ich traf zufällig eine Freundin Leni Artaker http://libellen.biz/kontakt/, welche ein  wunderbares Design gestaltete – mit einer Schönheitsköniginnen gleichen Scherpenaufschrift (Flat Is Beautiful) vorne und der Botschaft (Breast Cancer is not the End of Femininity) auf der Rückseite des Shirts. Leni schlug sogleich das Geschäft  „Guter Stoff “ https://guterstoff.com/– vor, wo die T-Shirts bio und fairtrade produziert werden. In einem heiteren Prozess der Abstimmung von T-Shirt- und Aufschrift- Farbe fanden wir die schöne Kombination eines sehr weiblichen Rosas und einer kupfergoldenen Aufschrift.

Alles war leicht, einfach und freudig.

Und dann war der Lauf und natürlich waren wir alle sehr aufgeregt, aber auch sehr freudig, das gemeinsam zu machen. Und es war anstrengend und es war heiß. Und stolz waren wir, diese Botschaft in die Welt zu tragen als die rosa Punkte im sonst orangenen Leiberlmeer. Unsere lieben Männer waren auch dabei, sie haben uns liebevoll begleitet, angefeuert, fotografiert und empfangen. Alles perfekt.

Was habe ich aus der Erfahrung gelernt:

– dass der Weg die Schritte vorgibt

– dass zwar der Spirit einer Idee leitend ist, dass ich jedoch nicht an einer Vorstellung über die Form der Realisation festhalten sollte,

– dass es um die Frage geht, was jetzt wirklich (!) getan werden will.

– dass es immer richtig ist, wie es ist.

– dass es beglückend ist, sich ohne Widerstand in den Fluss des Prozesses einzugeben.

– dass eine Gemeinschaft, die sich um eine als wahr erkannte Idee rankt und die Raum gibt, dass jede Person diese Idee in der je eigenen Art verwirklicht eine Vertrautheit schafft, die sonst nur in jahrelangen Freundschaften zu finden ist.

Angefragt über ihre essentiellste Erfahrung während der Unternehmung meinten meine Mitläuferinnen einiges, was auch Gerald Hüther in seinem Buch „Wie Träume wahr werden“ beschreibt:  „dieses Gefühl der Gemeinsamkeit und Vertrautheit, obwohl wir einander ja kaum kannten.“ (Hanna), „voll Stolz deinen Spirit hinaustragen“ (Marion), „meine essentiellste Erfahrung dabei war aber, dass ich soviel Energie mobilisieren konnte, trotz denkbar schlechter Voraussetzungen!“ (Marion), „Ohne Eure Unterstützung hätte ich es nie geschafft ..“ (Bettina), „Meine essentiellste Erfahrung? Dass ich das Ganze trotz Hitze und Anstrengung so genossen habe. Dazu hat das Gemeinschaftsgefühl mit Euch, allen anderen Frauen und allen weiteren Beteiligten sehr beigetragen.“ (Laura)

Oder wie Gerald Hüther zusammenfassend im oben genanntem Buch sagt: „Menschen, die nicht mehr gezwungen werden, die Vorstellungen anderer zu realisieren, sondern selbst ein gemeinsames Anliegen verfolgen, fangen an, auf ungeahnte Weise über sich hinauszuwachsen. Ganz allmählich beginnen nun immer mehr Menschen zu ahnen, welche Kraft und wie viel Potential sie zu entfalten imstande sind, wenn sie sich gemeinsam auf den Weg begeben, um etwas zu verwirklichen, was ihnen allen gleichermaßen am Herzen liegt.“

Natürlich habe ich/haben wir so einige Ideen für das nächste Jahr: dass wir wieder laufen wollen, dass ich mich durchgängig wohlfühle während des Laufs, dass ich natürlich eine bessere Zeit laufen möchte als dieses Jahr und dass unsere Initiative vielleicht wirklich eine größere Reichweite hat….

Mal sehen, wie es dann wirklich läuft…..

Embrace

Zwei Tage nach der Totaloperation meiner Brüste vor einem Jahr sah ich am Frauentag den Film „Embrace“. Er hat  mich sehr berührt, weil er aufzeigt, wie sehr das Diktat, was als schön gilt, in uns Frauen wirkt. Und auch weil er ermutigend ist, zeigt er doch viele Frauen, die in Bezug auf ihr Aussehen und ihren Körper einen tiefen Transformationsprozess durchliefen.

Mir gefällt mein neues Brust-loses Sein. Mein Leben lang habe ich mich für meine Brüste geniert, obwohl sie „eigentlich“ schön waren, weder waren sie zu groß, noch zu klein, auch waren sie symmetrisch. Nichts auszusetzen. Immer fühlte ich mich exponiert durch sie, dem anonymen, männlichen Blick ausgesetzt, trachtete sie daher zu verbergen, mich einzustülpen.

Jetzt bin ich flach und die Scham ist vorbei, zumindest, wenn ich bekleidet bin, kann ich mich ohne Fritz und Fritzi, meine beiden Ergänzungsteilchen – auch unschön Prothesen genannt, einfach flachbusig zeigen. Selbstverständlich.

Dellen haben sie, wegen des oftmaligen Punktierens und auch Hautverfärbungen, die sich aufgrund der Hämatome nicht zurückgebildet haben. Und natürlich gibt es keine Brustwarzen mehr.

Nein genieren tu´ ich mich nicht dafür.

„Flat is beautiful“ wurde bald zu meiner Devise – (siehe dazu auch: https://krebscoaching.org/2019/02/.  Ich habe leicht reden, bin ich doch seit Jahrzehnten mit meinem lieben Mann verheiratet, der mich liebt und mich schön findet und begehrt, ob mit oder ohne Brüste, auch wenn er sie bisweilen vermisst.

Nur, wenn ich mir vorstelle, dass ich mich im Zuge einer Ayurvedakur massieren lasse oder in eine Sauna gehe, wird mir etwas unbehaglich zumute. Fühle mich aufgefordert, vorzuwarnen.

Da will noch etwas umarmt werden, sodass ich zu meinem Anderssein selbstverständlich stehen kann.

Im Film Embrace werden Frauen vorgestellt, die zum Beispiel aufgrund einer Verbrennung oder eines hormonell bedingten Bartwuchses vor die Wahl gestellt wurden, sich lebenslänglich zu verbergen oder aufwendige Prozeduren auf sich zu nehmen, um den Makel unkenntlich zu machen.

Und es werden viele –  schöne! – Frauen befragt, wie sie ihren Körper finden und die Antworten sind erschreckend – hässlich, zu fett, abstoßend… sei er. Das war schmerzlich zu hören.

Der Film war ein neuerlicher Weckruf, mich immer wieder zu versöhnen mit diesem meinen Körper, wie immer er ist.

Dass es darum geht, uns von der ständigen selbstbezüglichen kritischen Betrachtung unseres Äußeren zu lösen.

Dass es darum geht, nicht mehr unsere Zeit, unser Geld und unsere Energie zu investieren, um einer suspekten – künstlich kreierten – Norm zu entsprechen.

Dass wir Räume – in guter alter feministischer Tradition – kreieren, wo wir uns über all das ehrlich austauschen können und einander zeigen, wie wir aussehen und sind. Dass wir einander auch bekräftigen und unterstützen, in dem was wir eigentlich hier zu schaffen haben.

Dann kann unsere Lebenskraft in unser Wirken hier auf die Erde strömen, wo es ja wahrlich nötig gebraucht wird.

Flat is beautiful

Ein paar Wochen nach meiner Brustkrebsoperation im Jahr 2018 habe ich, damals im Team der Österreichischen PsychologInnen am Frauenlauf teilgenommen. Hier habe ich, weil ziemlich untrainiert, im Schweiße meines Angesichts die Idee geboren, beim nächsten Mal ein Team zu gründen mit dem Titel „FlatIsBeautiful“.

Ich möchte damit ein Zeichen setzen, dass die Brust nicht darüber entscheidet, ob wir schön und weiblich sind. Dass wir vielmehr immer schön sind, ob unsere Brüste groß, klein, oder nur mehr innerlich vorhanden sind.

Wenn Ihr am 26.5.2019 beim Frauenlauf dabei sein, diese Botschaft mitteilen, und dem Team angehören wollt, dann gebt bitte bei der Anmeldung beim Punkt „Zusätzliche Informationen“ an, dass Ihr in einem Team mitlaufen wollt unter dem Teamnamen FlatIsBeautiful. Es muss genauso geschrieben werden. Alle Infos: https://www.oesterreichischer-frauenlauf.at/ 

Die Anmeldung beginnt am 2.3. 2019 und wie jedes Jahr wird es ziemlich bald ausgebucht sein. Ich laufe 5 km, man kann walken oder 10 km laufen. Es lohnt sich eine Stornoversicherung abzuschließen, die ist günstig und gut, wenn frau nicht sicher ist, ob sie teilnehmen kann.

Wenn Ihr dabei sein, oder in einer anderen Form an dem Projekt teilhaben möchtet, dann bitte mir eine email unter beawirth@yahoo.de schicken.

Ich habe vor, dass es Treffen gibt, und wir uns vielleicht auch eine Lauf-Coachin organisieren.

Außerdem möchte ich ein Leiberl designen lassen, wo vorne FlatIsBeautiful steht und hinten „Breast Cancer is not the End  – of Femininity“.

Für Ideen und Mitwirkung in jeglicher Form bin ich dankbar.

 

Busen-los glücklich. Ein Gegenentwurf!

„Es ist eine sehr schwere Zeit“ sagt Elia Bragagna im Radiokollegbeitrag vom 13.3.2018 in Bezug auf die Zeit nach einer Brustkrebsoperation. „Es ist eine schwere Zeit, und es ist harte Arbeit“, zu einem neuen Verhältnis und einem Selbstbild zu kommen, sagt sie da.

Nein, will ich gleich widersprechen. War es nicht. Dieses Jahr – heute jährt sich die 3. Brustkrebsdiagnose – war kein schweres und nein, es war auch keine harte Arbeit, mich mit meinem neuen Selbstbild wohl zu fühlen.

Ja, es war eine intensive Zeit, oftmals eine Hochschaubahn der Gefühle, ein Aufgeregtsein war es, aber nicht dunkel und nicht schwer. So habe ich es erlebt.

Zu allererst war es eine wandelnde Zeit.

Ich durfte noch einmal ganz tief in die Schichten meiner Selbst eindringen, mich von Altlasten befreien. Und dazu gehört auch meine Brust. Ich musste sie nicht hergeben, da hätte es auch andere Wege gegeben, hat es sich doch nicht um einen schnell wachsenden, aggressiven Tumor gehandelt. Diese anderen Wege wollte ich nicht gehen. Ziemlich schnell war klar, dass ich mich von ihr trennen wollte.

Viele wunderbare Erlebnisse hatte ich in diesem Jahr, angefangen von der Suche nach einer geeigneten Form des Umgangs mit der Diagnose. Konnte wieder mal die Bewusstseinsanhebung rund um die Diagnose bemerken, meine Klarheit, die Unbeirrbarkeit in meinem Wissen, was zu tun ist.

Dann durfte ich mich in meinem Mut erfahren, meinen bei den ersten beiden Diagnosen außerordentlich dienlichen Chirurgen zu „entlassen“, weil ich merkte, dass seine Haltung (dass die Brust zu erhalten ist) keine stabile Basis für eine derartig große Unternehmung ist. Dann die Begegnung mit meiner Chirurgin, wir zwei Frauen – zu erleben, wie viel nahezu schwesterliches Einverständnis es in unserer Beziehung gibt.

Für mich war diese Zeit eine lichtvolle.  Eine Zeit der Befreiung, eine Befreiung auch von Konzessionen und Konzepten, woran die Schönheit einer Frau geknüpft ist.

Und dann war sie weg, die Brust, und gar nichts, wirklich gar nichts fehlt mir. So ist es.

Mehr noch, ich habe das Gefühl, endlich in meinem Körper angekommen zu sein, so bizarr das klingen mag. Und der ist nicht mal brustlos, gibt es ja noch diese innere Brust und auch diesen kleinen Brustansatz, der dank der wunderbaren Operation noch immer da ist.

Schön fühl ich mich.

Bei allem Respekt und Verständnis, dass es für viele Frauen leider eine schwere Zeit ist und eine große Belastung,  gilt es dies mitzuteilen:

Nein, es muss keine Katastrophe sein, wir sind keine kastrierten Frauen, Brust- und Sexualitäts-amputiert. Wir können über einen derartigen Einschnitt, der auch patriarchale Bilder von uns, wie wir sein sollen, durchtrennt, zu unserer wahren Kraft und Schönheit finden.

Das gibt es auch.

Da steht sie auf, die alte Feministin in mir und möchte  entgegenrufen: Hej, es ist wichtig, auch davon zu erzählen und nicht bloß, dass es ach´ so schlimm ist (sein muss) und ach´ so eine schwere Zeit.

Lasst uns die Frauen mit ermutigenden Botschaften speisen, dass es im Wesentlichen sooooo was von wurscht ist, für uns und unseren Weg, ob da zwei Gewebsteile an uns dran hängen oder nicht.

Das musste jetzt einmal gesagt werden.

Dem Leben folgen….

Alles hat so gut ausgesehen.

So konnte ich bereits 2 Tage nach der Operation im Krankenhaus herum spazieren, Entlassung nach 4 Tagen, schmerzfrei nach kurzer Zeit. Auch die Narbe verheilte zügig und wir – meine liebe Chirugin und ich – waren bei jeder Kontrolle begeistert über das schöne Operationsergebnis.

Und dann – nahezu 5(!!) Monate danach hat sich etwas aufgetan in meiner linken Brust, ein Gefäß scheint sich geöffnet zu haben, ein Hämatom hat sich gebildet, und da wuchs sie wieder meine Brust, zunehmend härter wurde sie, grün und blau verfärbt.

Nicht schön, nicht angenehm.

Neuerliche Punktionen wurden nötig, jedes Mal mit tagelangem Bandagiertsein – auch nicht angenehm. Kein Sport mehr, nicht mal mehr Yoga und immer, wenn ich mich aus der Ruhezone hinaus wagte, wuchs sie wieder, die Brust, das Hämatom war wieder da.

Das Interpretationsspektrum war breit – hab ich mich beim Schwimmen übernommen, beim Yoga nicht auf meine Grenzen geachtet? Hat es etwa tiefere Gründe, was bedeutet es, dass mir jetzt wieder eine Brust wächst, wo ich doch gar keine mehr habe? All diese Fragen tauchten auf, die zu beantworten ich auch gar nicht so viel Lust hatte.

Viel Verunsicherung war da: Das ist ja kein Zustand, 7 Monate nach der Operation, hat es doch bereits nach 2 Wochen schöner ausgesehen. Sollte ich einen Ultraschall machen lassen, ist vielleicht sogar eine nochmalige Operation nötig?

Dann, nach einer erneuten Punktion – und wahrscheinlich durch die ruhige, umsichtige Art meiner Chirurgin, wo ich wieder einmal merkte, dass ich ihr wirklich alle meine Fragen stellen kann und dass es ein gemeinsamer Weg ist – kehrte plötzlich Ruhe in mich ein.

Okay, ich werde jetzt neuerlich punktiert, eine Bandage wird angelegt, nein, nach wie vor ist das nicht angenehm, doch ist sie Halt gebend und neuerliches Wachstum verhindernd.

Bin weiterhin zur Ruhe angehalten, jetzt einmal kein Laufen, kein Yoga, nicht mal die sanfte Lymphdrainage soll stattfinden. Einfach zur Ruhe kommen lassen das virulente Geschehen.

Und da, als der Schalter vom Aktiv- Sein – Müssen zum Ruhig -Sein – Müssen/Dürfen umgelegt war, wurde es still in mir.

Mal sehen, wie es weiter geht.

Mal sehen, was dann dran ist.

Und das werde ich dann wissen, darüber brauche ich mir jetzt nicht den Kopf zu zerbrechen.

Mehr noch, ich kann es jetzt gar nicht wissen, weil ich ja nicht alle Informationen, die zur Situation dann gehören, zur Verfügung habe und alle Überlegungen bloß (irrationellen) Ängsten entspringen, Ängsten, die sich wiederum aus Phantasien über Bedrohliches in der Zukunft speisen.

„Wenn es wirklich ums Sterben geht, wenn jemand tatsächlich im Sterben ist, dann hört die Angst, die den Menschen die ganze Zeit davor beherrscht hat, auf.“ Dieser sinngemäß wiedergegebene Satz von einem Palliativmediziner hat mich sehr beeindruckt.

Offenbar ist das Reale einfach real und hinter allen Schichten ist diese Realität nur das, was sie ist. Und sie ist es, die uns sagt, was und ob überhaupt etwas zu tun ist.

Das Leben gibt die Schritte vor.

Step by Step.

Ganz einfach.

Jetzt.

Nicht mehr und nicht weniger.

Meine Tochter ist eine besondere Frau

Und das ist sie in vielerlei Hinsicht – in ihrer Weisheit, die der einer älteren, lebenserfahrenen Frau gleicht, in ihrer Mädchenhaftigkeit, die mit kindlicher Stimme ein Glas Leitungswasser bestellt, in der Verbindung von weit auseinander liegenden Welten – der Wissenschaft, der Kunst, der Emotionalität und Nüchternheit…..

Vor nunmehr einem Jahr hat sie sich, inspiriert durch ein sehr freies Umfeld in Montreal, entschieden, keinen BH mehr zu tragen, und sich auch nicht mehr zu rasieren.

Wir könnten jetzt glauben, sie habe ohnedies nur eine kleine, nicht weiter auffällige Brust, aber nein, der Busen meiner Tochter ist nicht klein sondern deutlich sichtbar.

Und nein, sie verhüllt diesen nicht mit weiten dunklen Hängerchen, sie trägt enganliegende T-Shirts, die auch ihre Brustwarzen zu erkennen geben. T-Shirts, die ihre Brüste offenbaren.

Und nein, sie hält sich auch nichts schützend vor, wie ich es jahrzehntelang gemacht habe. Sie verschränkt nicht ihre Arme, auch wenn sie durch eine Menschen-Männer-Menge geht.

Damit habe ich es bisweilen schwer. Ich, die ich mich mit meinen Brüsten immer zu exponiert fühlte, sie weg haben wollte, weil sie Hauptangriffspunkt anonymen Begehrens waren, die mich zu-  und eindringlichen Blicken aussetzten.

„Willst Dir keinen BH anziehen?“, sag ich dann, wenn uns ein Tag voller Ausgesetztseins bevorsteht. „Nein,“ sagt sie, „sind doch meine lieben Brüste, die ich nicht in einen BH zwängen will. Die gehören zu mir, wie zu jeder Frau dazu.“

Ich möchte mich vor sie stellen, wenn ich merke, dass die mit uns fahrenden Männer sie anstarren. Ich lasse es, unter Aufbietung aller Ein-Sicht, die ich in einer derartigen Situation aufbringen kann, und weil ich es toll finde, dass sich meine Scham über die offenkundigen Zeichen meiner Weiblichkeit nicht in die nächste Generation tradiert hat.

Und weil ich es bewundernswert finde, dass meine Tochter frei ist, ein Zeichen zu setzen.

Und sie – sie geht völlig unbeeindruckt munter vorbei, selbst-verständlich und selbst-vergessen, gibt es doch so viel Wichtigeres, was ihre Aufmerksamkeit anzieht.

Sie hat das Gefängnis der Selbst-Bezüglichkeit, dass das Leben so vieler Frauen (meiner Generation ?!) prägt, verlassen – dieser Selbstbezüglichkeit, sich ständig des eigenen Körpers bewusst zu sein, wie er aussieht, wo etwas zu viel oder zu wenig ist, wo etwas wackelt und hervorschaut, wo etwas Begierden hervorlocken könnte, was frau essen darf und vermeiden muss.

Die Burka des kritischen Selbst-Blicks.

Meine Tochter isst, wenn sie Hunger hat und das, wonach ihr Körper gerade verlangt.

Sie liebt ihren Körper in seinem So-Sein und sie achtet darauf, was für ihn gut ist.

Sie ist frei und mutig.

Dafür und für so vieles mehr liebe ich sie.
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