Über das Recht auf´s Allein-Sein

Dieser Beitrag richtet sich in erster Linie an Menschen, die in einer Beziehung oder in einem Familienzusammenhang leben. Es ist mir bewusst, dass es viele Menschen gibt, die sich nach Gemeinsamkeit und einem Aufgehoben sein in einer Familie sehnen und deren Allein-Sein nicht freiwillig ist, und welche vielmehr an einem Zuviel davon leiden.

Alleinsein gehört zu meinen Hauptnahrungsmitteln – Tür zu, niemand im Haus, nur ich und die Stille.

Ausatmen. Sein.

Es war eines der größten Geschenke, welche mir die Krebsdiagnose gab – die Möglichkeit, oft allein zu sein, ungestört. Dankenswerterweise konnte ich es mir leisten, mir sowohl nach der ersten als auch nach der zweiten Operation einige Monate ohne Berufstätigkeit zu gönnen. Das war eine richtige Frei-Zeit – ohne Projekte, ohne Aufgaben und mit viel freier Zeit, alleine.

Wie ich es schon in meinem Blogbeitrag „Das Recht auf´s Nein“ https://krebscoaching.org/2017/04/  beschrieb, fällt es manchen Menschen schwer, Nein zu den Bedürfnissen der anderen zu sagen. Sie sind ausgerichtet auf deren Erfüllung, können schwer in ihrem eigenen energetischen Raum bleiben und erschöpfen sich damit zunehmend.

Für solche Menschen ist es wichtig, sich immer wieder aus den Kontakten zurückzuziehen, für sich zu sein, in einem sicheren ungestörten Raum. Gerade bei Menschen, welche eine schwere Traumatisierung mit Übergriff, Missbrauch und Gewalt erlebt haben, reicht nicht mal die geschlossene Tür zum eigenen Zimmer, um  Sicherheit zu empfinden, und damit die Möglichkeit, sich wirklich auszudehnen. Sie brauchen es, dass niemand in der ganzen Wohnung ist, um ausatmen zu können.

Das mag für Menschen, welche diese Erfahrung nicht gemacht haben, sehr befremdlich klingen, aber es gilt dies zu würdigen. Da nützt es nichts, mit Forderungen an sie oder sich selbst heran zutreten, dass man doch bei sich bleiben können muss, auch wenn man im Kontakt mit anderen ist.

Es gilt wahrzunehmen, wie ich angelegt bin, mit einer Durchlässigkeit meiner energetischen Grenzen, wo vieles von außen einfließt. So ist es einfach.

Und dann gibt es noch die gesellschaftlichen Vorgaben, dass es um eine Beziehung bereits schlecht bestellt ist, wenn man sich zurückziehen, für sich sein will, einen Tag oder vielleicht sogar einen Urlaub ohne den/die PartnerIn verbringen will. Da muss schon was im Argen sein, wenn man nicht Tag und Nacht mit dem Partner/der Partnerin sein will. Auch das getrennt Schlafen gilt als Anfang vom Ende.

So halten wir vieles aus. Und das tut uns und auch unserer Beziehung nicht gut. Wir werden grantig, fokussieren zunehmend auf die Fehler und Eigenartigkeiten des anderen und schaffen damit eine Distanz  – eine Distanz jedoch, die sich – weil konflikthaft –  nicht gut anfühlt.

Ich glaube, dass sich viele Menschen von ihrem Partner trennen, weil sie über Jahre einem derartigen vorgegebenen Konzept von Beziehung gehorchten, wo es dazu gehört, das man/frau so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen wollen muss, dass das Paar selbstverständlich jede Nacht das Bett teilen und auch noch nach jahrzehntelanger Beiziehung leidenschaftlichen Sex miteinander haben soll.

Sie halten aus, bis dieses Aushalten nicht mehr geht, sie sich trennen müssen oder eine Krankheit „einspringt“, und mir einen Frei – Raum gewährt. Jetzt  darf ich mich um mich kümmern, zum Beispiel im Zuge einer Kur mehrere Wochen nur auf mich schauen ohne Orientierung auf den anderen. Das ist erholsam.

An der Basis dieses Gebots, dieses Tabus ist wie bei so vielen Lebensrichtlinien ein Mangel an Vertrauen in die rhythmische Natur unseres Organismus.

Dieser Rhythmus pendelt zwischen Öffnung, nahe kommen wollen und Intimität und einem Rückzug, einer Distanz, einem zu mir kommen und einer Innigkeit mit mir selbst.

Im Alleinsein zentriere ich mich, schwinge mich in mich selbst ein, komme in Berührung mit meinem Wesen und meiner schöpferischen Kraft. Und ich kann auch erleben, dass ich mir genug bin und nicht angewiesen auf die Erfüllung von Bedürfnissen durch andere. Gleichgültig, was ich dann tue, es ist zutiefst verbunden mit mir.

In dieser Vertiefung meiner Beziehung zu mir selbst öffnet sich sodann – das ist meine Erfahrung – erneut die Liebe zu ihm,  ich kann die Sehnsucht nach Begegnung erneut spüren und im Kontakt ist wirklich er gemeint.

Jetzt verweilen solange bis……

Diagnose Krebs – Alles ist richtig!

 

Die Art, wie die Betroffenen auf die Diagnose reagieren ist sehr unterschiedlich und teilweise für die Angehörigen oder Freundinnen nicht verstehbar.

Die meisten Menschen sind im Eindruck des Diagnoseschocks sehr gefasst.

Es gibt jedoch auch welche, die sofort in Tränen ausbrechen, die außer sich geraten, vielleicht auch toben, schreien, und so ihre Panik ausdrücken. Andere verstummen,  ziehen sich zum Leidwesen der Angehörigen, die ja dieses Erleben teilen und hilfreich sein wollen, in sich zurück. Manche beginnen eifrig zu handeln, indem sie sogleich telefonieren oder im Internet  recherchieren. Andere wollen immer wieder alle Details der Diagnose erzählen. Manche hingegen verschweigen die Diagnose, und versuchen ganz allein damit umzugehen. Und manche entscheiden sich, die Diagnose gar nicht ernst zu nehmen. Sie bleiben weiteren Untersuchungen fern, und verleugnen über lange Zeit die Tatsache ihrer Krebserkrankung.

All dies sind Formen der Bewältigung und sind richtig, so eigenartig sie uns vorkommen mögen. In der Traumatherapie gilt das Prinzip der Normalität, der zufolge alle Symptome als ein Selbstheilungsversuch, ein Versuch die belastenden Ereignisse zu verarbeiten,  gesehen werden.

Es  ist an uns, uns von Konzepten, wie die Reaktion auf eine Krebsdiagnose auszusehen hat, was normal und gesund ist, zu lösen. Ich hege immer sehr zwiespältige Gefühle, wenn in einer Zeitung ein tapferer und gefasster Umgang mit der Diagnose als vorbildhaft gelobt wird, ist das doch ein Hinweis, dass man nicht emotional sein soll. Sophie Sabbage ließ ihren Tränen inmitten der allgemeinen stoischen Stille im Warteraum der Ambulanz, wo sie auf ihre erste Bestrahlung wartete, freien Lauf. Sofort trat eine Schwester zu ihr, mit der Frage, ob alles in Ordnung sei. „Wahrscheinlich bin ich die Einzige hier, mit der alles in Ordnung ist“, antwortete sie.

Die eigene Angst, dass es auch mich treffen könnte, das Entsetzen, wie schnell es gehen kann, kann nur schwer verborgen werden. Auch werden Menschen mit Krebs oftmals gemieden, oder sie erhalten eine Flut von Ratschlägen und Deutungsversuchen über die Ursachen der Erkrankung. Das erzeugt einen großen Druck und behindert die Selbstheilungsvorgänge.

Ich kann mich noch gut an meine eigenen Erfahrungen erinnern: So sagte mir eine gar nicht freundliche Freundin, dass ich mich jetzt endlich meiner eigenen Tiefe und Abgründigkeit stellen müsse, oder eine etwas esoterisch angehauchte Frau teilte mir mit, dass Krebs in der linken (oder war es die rechte?) Brust für Schwierigkeiten in der Partnerschaft steht, und ich mir eine Trennung zu überlegen hätte. Eine Nachbarin schrie mir auf die Mitteilung meiner zweiten Diagnose entgegen, dass das alles Unsinn sei, und ich sicher keinen neuerlichen Krebs hätte.

All das prasselt ungefragt auf die ungewappnete Person ein und schwächt sie in der Bewältigung der Aufgaben, die sich ihr stellen. Viele Betroffen schweigen deshalb, weil sie die Überforderung der Mitmenschen nicht aushalten wollen. Er/sie spürt, dass es dem Angehörigen zu viel ist, dass er/sie ihre Reaktionen und Vorgangsweisen ablehnt. Das geschieht teilweise sehr subtil, und dennoch hat das weitreichende Folgen. „Ich kann die anderen nicht belasten, es ist ihnen zu viel, ich muss alleine damit fertig werden. Im Grunde bin ich allein“, ist daher eine häufige Aussage von Betroffenen. Hier an diesem Punkt findet oftmals das Verlassen – Werden statt.

Was ist zu tun:

Um mit den verschiedenen Reaktionsweisen unserer krebskranken Angehörigen umgehen zu können, ist es notwendig,  mich mir selbst zu zuwenden und wahrzunehmen, wie viel Angst und Schrecken in mir ist. Dies ist auch verständlich, haben wir als Angehörige und FreundInnen doch große Angst, den Liebsten zu verlieren, und sind selbst höchst verunsichert und überfordert mit der Situation. Diese Zuwendung zu mir selbst beugt den oben beschriebenen automatischen Reaktionsweisen vor, die der Abwehr von Gefühlen dienen.

Dann braucht es einen Mut zur Offenheit. Mut, damit ich, als Betroffene, sagen kann, dass ich beispielsweise beim Gegenüber einen kritischen Blick wahrnehme oder eine abwehrende Geste, die mich irritiert.  Und auch den Mut, eigene Wünsche zu äußern: „Ich möchte, dass Du mir nur zuhörst, damit ich meine Gedanken und Gefühle äußern kann, ich möchte, dass Du mich in den Arm nimmst, damit ich mich ausweinen kann, damit sich mein Zittern der Angst aus dem Körper herauslösen kann, dass Du mir Halt gibst und für mich da bist.“ Da es um eine existentielle Bedrohung durch die Krankheit geht, fällt es den Betroffenen in dieser Zeit relativ leicht, für sich selbst einzutreten, auch wenn es für die Person in all den vorhergehenden Jahren sehr schwierig war, Nein zu sagen oder um eine Hilfe zu bitten.

Aber auch die Angehörige, die Freundin hat das Recht offen zu äußern, dass ihr etwas zu viel wird,  dass sie zum Beispiel als Begleiterin beim Arztbesuch überfordert ist, dass sie für die nächsten Stunden Abstand braucht, für sich sein muss, um ihren Schock zu verarbeiten, um zu sich zu kommen und ihren eigenen Gefühlen Raum zu geben. Gut ist es, ganz konkrete umschriebene Vereinbarungen zu treffen. „Ich kann zwar dem (vermeintlichen) Anspruch nicht entsprechen, die ganze Zeit für Dich da zu sein, aber ich kann mit voller Aufmerksamkeit das letzte Erlebnis im Spital für die nächste Stunde aufnehmen, und wenn ich gefragt werde, auch meine Meinung, meine Resonanz dazu äußern.“

Sabbage  hat zwei Listen für ihre Mitmenschen erstellt – eine, in der sie Hilfreiches notierte, wozu auch ganz pragmatische Wünsche aufschienen, wie z.B. basisches, veganes  Bioessen zu kochen, sich um das Kind zu kümmern, aber auch „Es mir zu gestatten, zu fühlen, was ich gerade fühle, auch  Hoffnungslosigkeit und Angst.“  Auf der „Nicht-hilfreich“ Liste fand sich zum Beispiel, dass man ihr nicht sagen möge, dass sie positiv zu denken habe, auch das Analysieren, warum sie Krebs habe, und was das über ihr Karma aussagt, sei unerwünscht.

Ich habe in der Begleitung von Krebskranken und ihren Angehörigen die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, diese Notwendigkeiten  in einem unaufgeregten Kontext – vielleicht mit Begleitung eines Coach oder einer Therapeutin – grundsätzlich zu besprechen.

Zusammenfassend ist rund um die Diagnose Folgendes unterstützend: Ein Umfeld, welches die Angst und den Schock da sein lässt, ohne einzugreifen.  Menschen die einfach da sind, menschlich präsent, sodass sich der Schock herauslösen darf aus dem Organismus. Kongruenz, Authentizität, ein Bewusstsein, was in mir selbst abläuft, und eine authentische Vermittlung. Sagen, dass ich sprachlos bin, ausdrücken, was in mir vorgeht oder die schlichte Frage stellen – „Was brauchst du? Was kann ich für Dich tun?“ anstelle sich den Kopf zu zerbrechen, was wohl gewünscht ist.  Ebenso ist es notwendig, sich um eine eigenen Freiraum und auch eine Unterstützung bemühen.

Hilfreiche Bücher:

Fischer, G. (2013): Neue Wege aus dem Trauma. Erste Hilfe bei schweren seelischen Belastungen. Ostfildern: Patmos.

Jellouschek, H. (2010): Trotzdem Leben! Wenn ein Partner Krebs hat. Freiburg im Breisgau: Herder.

Sabbage, S. (2016): Die Krebsflüsterin. Der 8-Schritte-Kompass für einen selbstbestimmten Umgang mit der Krankheit. München: Irisiana.

Diagnose Krebs – eine Heraus-Forderung für Angehörige und FreundInnen

 

Zumeist stehen nach einer Krebs-Diagnose die davon Betroffenen im Vordergrund, sie haben den Schock zu verarbeiten, die richtige Wahl zu treffen, und sie haben sich auch den teilweise hefigen Behandlung auszusetzen.

Doch auch für Angehörige und FreundInnen ist dies eine sehr schwierige Zeit – schwieriger vielleicht noch, weil sie nicht in mitten des Geschehens sind, das all ihre Kräfte bündelt und die Aufmerksamkeit fokussiert. Sie stehen außerhalb und sind oftmals auch unsicher, was ein guter hilfreicher Beitrag von ihrer Seite sein könnte. Im Eindruck des Leids und der Not des Nächsten fühlen sie bisweilen auch kein Recht, ihre Bedürfnisse einzubringen und ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Und oft sind sie mit nie gekannten Aspekten und Seiten eines wohlbekannten Menschen konfrontiert.

Eine Krebsdiagnose trifft einen Menschen im Kern, er ist grundsätzlich erschüttert. Diese Erschütterung bringt Seiten an der Persönlichkeit zum Vorschein, welche wir als die Nächsten vielleicht noch nie wahrgenommen haben. Vor der Diagnose war unser Freund beispielsweise ein umgänglicher, verbindlicher Mensch, bei welchem wir nichts zu befürchten hatten. Plötzlich ist dieser so freundliche Mensch unwirsch, schroff, in sich zurückgezogen, weist uns zurück, schickt uns weg, will uns gar nicht sehen, er, der immer höflich und mitfühlend und im Kontakt mit den Bedürfnissen der anderen war, stößt uns mit einem schroffen Nein zurück und sagt beispielsweise den lange ausgemachten Besuch kurzfristig ab. Das ist hart und verunsichert. Wir verlieren die Selbstverständlichkeit, wissen nicht mehr, wie wir uns verhalten sollen, wir werden immer verklemmter und sprachloser.

Auch wir haben Bedürfnisse, wollen nahe sein, unterstützen, am Laufenden gehalten werden, wollen teilhaben. Und müssen schmerzlich bemerken, wie wir zunehmend den Kontakt verlieren.

Ich erinnere mich an meine liebe Freundin Gundi, welche mich bat, sie in ihrem Sterbeprozess zu begleiten und ich fühlte mich geehrt, war beglückt von diesem intimen Herzensgeschenk. Und dann, in ihrem Ringen um ein Sterben-Können war sie so gar nicht mehr meine Gundi, ich musste stundenlang in der Küche warten, ehe mir die Pflegerin mitteilte, dass sie mich heute doch nicht sehen möchte.  Das tat weh. Je mehr sie sich dem Tod näherte, desto ungehaltener im wahrsten Sinne des Wortes wurde sie, mal sollte ich leise, mal ganz normal sprechen. Meine Verunsicherung wuchs und damit mein Halt, den ich in mir hatte, und den ich ihr geben hätte können.

Was können wir tun: Ich glaube, das Wichtigste ist anzuerkennen, wie groß mein Schmerz ist, den anderen als meinen …..zu verlieren, die Trauer, meine Angst aber auch meine Wut, so behandelt zu werden, das Gefühl, dass ich so eine Behandlung nicht verdient habe – all das will angenommen werden oder wie Thich Nhat Hanh sagt, mich in all dem liebevoll zu umarmen und zu halten.

Und dann kann ich schauen, welcher Ausdruck stimmt, was ich davon wie mitteilen möchte, aus meinem Herzen heraus zu sprechen.

Vielleicht hilft es auch zu verstehen, dass meine Freundin es mit einem überwältigenden Geschehen zu tun hat, das all ihre Kräfte beansprucht, und dass das nicht gegen mich gerichtet ist. Und vielleicht ist es dann ja möglich, ihr/ihm den Raum zu geben, den er/sie braucht.

Einfach zu bleiben  – als eine vielleicht letzte Liebestat.