Für die Heilung ist es nie zu spät

Zumeist spricht man bei Krebs von Heilung, wenn ein Mensch gegen den Krebs angekämpft und den „Kampf“ gewonnen hat.

Er/ sie darf in diesem Prozess nicht aufgeben, die Hoffnung nicht verlieren, muss alles dran setzen, an der Heilung zu arbeiten, alles, was möglich ist, dafür tun, um gesund zu werden. So wird es an die Menschen herangetragen. Das ist ein enormer Druck.

So werden alle Möglichkeiten der Schul- und Komplementärmedizin in Anspruch genommen, Heiler und andere Helfer aufgesucht und Tausende Euro ausgegeben, um ja keine Möglichkeit auszulassen, „den Krebs zu besiegen.“  Das ist verständlich.

Es gibt jedoch eine Vielzahl von Beispielen, wo Menschen – wie es heißt – aufgegeben wurden, wo sie hören mussten, dass man nun leider wirklich nichts mehr für sie tun könne, und sie sich noch eine schöne letzte Zeit machen sollten,  und wo sie letztlich zum Sterben nach Hause entlassen wurden.

Und – die, ohne sichtbares Zutun, eine vollständige Heilung erfuhren.

Von drei Frauen, bei welchen eine derartige Totalremission wie eine Spontanheilung auch genannt wird, stattfand, will ich erzählen:

Teil 1 : Die heilende Kraft des Hier und Jetzt

Stefanie Gleising berichtet in ihrem gleichnamigen Buch von ihrer „wundersamen Heilung“.

Sie, die mit der Diagnose  Brustkrebs konfrontiert war, hat wirklich alles versucht, was an Möglichkeiten zur Verfügung stand – von der Operation, über Virenimpfung, Hyperthermie, Mistel, Infusionen mit Vitamin B17, Hormontherapie, Sport, Meditation, Lachtherapie bis zur Aufarbeitung von traumatischen Erlebnissen.

Und dennoch – der Tumor wuchs und streute, bis in die Knochen und ins Gehirn.

Jedoch –  immer wieder, bei all dem Stress und der Angst tat sich ein Feld des Friedens, der Stille und der Glückseligkeit auf.

Sie schreibt: „Ich musste so viel loslassen, meine Brust, Sport machen zu können, ein schmerzfreier Körper. Vor allem aber die Illusion, die Zukunft planen zu können. Im Grunde kann das keiner wirklich, auch die scheinbar Gesunden nicht. Dies alles katapultiert mich immer wieder direkt ins Hier und Jetzt. Manchmal kann ich dann weinen vor Liebe und Dankbarkeit, dass alles so ist, wie es ist.“ S. 199

Im sogenannten Endstadium ihrer Krankheit angelangt, kann sie nichts mehr zu sich nehmen, verliert dramatisch an Gewicht und dämmert immer länger einfach vor sich hin.

Sie ist mittlerweilen so schwach, dass sie einverstanden ist, diesen letzten Abschied – von ihrem Zuhause – zu vollziehen und in ein Hospiz zu kommen.

„Jeden Tag kamen Menschen, um sich von mir zu verabschieden. Doch anstatt zu sterben, geht es mir von Tag zu Tag etwas besser“. S. 205

Und sie – die Todkranke – kann nach einer Woche ein erstes richtiges Frühstück mit allem Drum und Dran, einem Ei, Saft, Kaffee, Topfen, Marmelade und Brötchen zu sich nehmen.

Bald kann sie in eine kleine Ferienwohnung im Hospiz übersiedeln, und nach ein paar Monaten sitzt sie wieder auf ihrem Pferd. Da sie seit 2014 keine schulmedizinische Behandlung mehr erhielt, gilt sie als geheilt.

Was trug zu dieser Heilung bei:

War es vielleicht der kathartische Traum vom KZ, den sie am Weg ins Hospiz hatte?

War es die Liebe und die unterstützenden Gedanken von vielen, vielen FreundInnen?

Oder das Absetzen eines Medikaments durch eine Hospizärztin, oder die Verdreifachung der Schmerzmitteldosis, wodurch sie leichter ins Hier und Jetzt zurückkehren konnte, da die Schmerzen sie nicht mehr vollständig bannten?

Oder war es das Auf- und Hingeben von allem Wollen, von den Illusionen dessen, was wir zu sein haben, oder wie sie selbst Markof Niemz Buchtitel zitiert: sich selbst verlieren und alles gewinnen.

Das Buch ist jedenfalls ein starkes Dokument dafür, dass egal, „wie schlimm die Umstände auch sind, es Hoffnung auf eine positive Entwicklung gibt“ S. 235

Und dass es immer wieder darum geht, ganz ins Hier und Jetzt zurück zu kehren und zu erkennen, „dass jede Situation, so schlimm sie auch nach außen sein möge, irgendwo auch einen Grund zur Freude bietet.“

Das können wir tun. Das ist unsere Wahl – zwischen einem Leben in Angst über eine unbestimmte Zukunft zu verharren oder uns für die Heilkraft des Moments zu öffnen.

Für mich ist es – das ist natürlich eine Interpretation, welche von der Autorin verifiziert werden müsste –  die Hingabe, das vollständige Ja zu allem Geschehen, ja auch das Aufgeben von Lebenswillen im Einverständnis für ein Hospiz, welche die Wende bringen kann.

Es ist damit nicht (nur) der oben genannte Kampf, wiewohl alle Beiträge zur Gesundung vielleicht doch auch eine Basis für die Heilung bildeten.

War es  letztlich vielleicht vielmehr das Ja zum Schicksal, an diesem Krebs sterben zu müssen, sich von allen lieben Menschen wirklich ein für allemal zu verabschieden, welche dann die Wendung brachte. Und dass es sich bei dieser Heilung um eine radikale Wendung handelte, kann man an der raschen Erholung – bereits nach wenigen Tagen – erkennen.

Diese radikale Wendung scheint sich für mich ganz von innen – aus dem innersten Zentrum heraus – ereignet zu haben. Ein Prozess, der sich vielleicht gerade nur in jenem Dämmerzustand, im vielen Schlafen, im mehr drüben als hier Sein ereignen kann.

Wenn wir diesen Gedanken glauben, was würde das wohl für unser Verständnis von Heilung und der dafür notwendigen Prozesse bedeuten? Wären wir dann nicht angehalten, die Menschen nicht zum weiteren dagegen Kämpfen, sondern zum Anerkennen und Sein Lassen, zur Tiefe  zu ermutigen?

Viele Fragen, auf welche nur die wirklich davon Betroffene Antworten finden werden. Dazu bräuchte es genaueste tiefgehende Fragen, nicht bloß einen Fragebogen, sondern prozessorientierte Untersuchungsmethoden, die vieles offen lassen, so dass nicht einfach Altbekanntes wiederholt, sondern Neues ergründet und erforscht wird. Und wo mein Organismus als Resonanzraum genutzt wird.

„Krebs lehrt uns viel über das Leben – Langversion

Das ist ein wunderbares Gespräch. Corinna Schöps und Claudia Wüstenhagen haben in der Online Zeit Ausgabe vom 14.Oktober 2016 einen Onkologen, einen Hämatologen und eine Palliativmedizinerin zu den verschiedensten Aspekten rund um die ärztliche Betreuung von krebskranken Menschen befragt.

Die Antworten berühren mein Herz und lassen mich Hoffnung schöpfen, dass es neben der Apparatemedizin und einem medizinischen Vorgehen, das sich nicht an der Individualität des Einzelnen orientiert, MedizinerInnen gibt, die den Menschen im wirklichen Sinne in den Mittelpunkt stellen

Die drei MedizinerInnen sprechen von gestiegenen Heilungsraten bei Kindern, von Erfolgen, was neue Operationstechniken, aber auch die Früherkennung betrifft und dem erfolgreichen Einsatz von Medikamenten bei bestimmten Krebsarten.

Sie sprechen aber auch über den Preis einer Chemotherapie im Sinne von Nebenwirkungen und Langzeitschäden.

Sie sprechen über die in der Fachwelt gefeierten Immuntherapien. Sie relativieren diesbezügliche Hoffnungen, da diese Therapien nur bei einigen Formen von fortgeschrittenem Krebs in Haut, Lunge und Niere und bei einer bestimmten Art von Leukämie wirken und die Überlebensdauer im Schnitt nur um einige Monate verlängert werden kann und dass davon „bloß eine kleine Gruppe von Patienten“ (Hämatologe) profitiert.

Ich finde es wesentlich diese Daten zu veröffentlichen, glauben viele Krebskranke doch – und so wird es ja von der Pharmaindustrie großflächig vermittelt -,  dass die Immuntherapie auch bei Brustkrebs eine Option ist, und dass damit Heilung erfahren werden kann.

Demgegenüber sagt der Onkologe im vorliegenden Interview, dass „wir immer noch nicht gut gerüstet (sind), wenn sehr häufige Krebsarten wie Darmkrebs oder Brustkrebs nach einer zunächst erfolgreichen Therapie wiederkommen.“

Sukzessive geht das Gespräch auf eine essentielle Ebene, es wird über die Machbarkeitsideologie gesprochen, die den Tod (durch Krebs) aus dem Leben ausschließen möchte.

Wertvolle Gesprächsimpulse kommen dazu naturgemäß von der Palliativmedizinerin.

Besonders berührend finde ich, wenn sie über den Umgang mit schwierigen Fragen oder Situationen mit Krebskranken berichtet. Dann wenn sie zum Beispiel über den Umgang mit Prognosen spricht:

Wir haben immer wieder Patienten in einem weit fortgeschrittenen Stadium, die uns fragen, wie viel Zeit bleibt mir denn? Die Frage fürchtet jeder von uns. Ich warne davor, konkrete Zahlen zu nennen. Ich gebe diese Frage immer an den Patienten zurück: „Was haben Sie selbst denn für ein Gefühl? Was sagt Ihr Bauch?“

Auch andere schwierige Aspekte innerhalb eines Krebsweges werden offenherzig benannt. Zum Beispiel der Umstand, dass oftmals bis zuletzt massive Therapien angewandt werden.

Es berührt mich, wenn der Onkologe ein Beispiel aus seiner Praxis beschreibt, wo ein Patient, mit einem fortgeschrittenen Magenkarzinom, Lebermetastasen, Bauchfellkrebs zu ihm kam und nach drei maliger palliativen Chemotherapie zwar eine „tolle Remission“ hatte, über die sich der Onkologe sehr gefreut hat, andererseits aber mit Hilfe einer selbst erstellten Kurve zeigen konnte, dass „mit zunehmendem Erfolg der Chemo wir seine Lebensqualität ruiniert (hatten). Er war ein Turniertänzer ….und am Ende seiner zweiten Chemo war er fix und fertig. Wir haben zwar den Krebs kleiner bekommen, aber der Patient hatte seiner Ansicht nach wenig davon. Ich habe das als Glücksfall empfunden, dass mir ein Patient das mal so krass mitteilt, auch wenn ich enttäuscht war. Ich hatte ihm doch helfen wollen.“

Wie schön, wenn ein Arzt den Patienten in seiner Ganzheit wahrnimmt und ihn darin respektiert. Wie schön auch, dass er sich davon anrühren lässt und dies auch ehrlich ausdrückt.

Das spricht auch ein anderes heikles Kapitel an – das der subjektiven Realität z.B. der Lebensqualität und wie sich ein Patient fühlt gegenüber den Daten, die man aus Röntgenbildern, Tumormarkern, Tumorgröße, gewinnt.

Und es wird auch angesprochen, dass der direkte Kontakt zwischen Ärztin und Patientin im Gespräch und im Erkunden dieser Lebensrealität aber auch die konkrete klinische Untersuchung-  face to face – gegenüber diesen technischen Daten sukzessive zu kurz kommt.

Die Palliativmedizinerin bringt es auf den Punkt: „In unserem perversen System wird auch noch das zwanzigste CT vergütet, aber kaum mal ein Gespräch. Das ist unser Dilemma in der Palliativmedizin. Wir sind sehr zurückhaltend und hinterfragen kritisch, was nötig ist. Aber für ein nicht gemachtes CT kriegen Sie kein Geld.“

Und der Onkologe fügt hinzu dass das fürsorgliche Unterlassen, wo nicht auch noch die nächste Chemotherapie gegeben wird, nicht belohnt wird. “ Wo im Übrigen (so der Hämatologe) Forschungsergebnissen gemäß „manchmal der dritte oder vierte Durchgang mit jeweils anderen Chemotherapeutika schadet, und man darauf verzichten sollte. Da setzt langsam ein Umdenken ein. Aber es wird nicht so systematisch überprüft wie zum Beispiel die Todesrate nach chirurgischen Eingriffen oder Probleme nach dem Einsetzen von Hüften“

Was für ein wunderbares Wort: Fürsorgliches Unterlassen. Ein Unterlassen, das eine Gabe ist im Sinne des Menschen. Und es braucht  viel Behutsamkeit und Feingefühl, die die drei interviewten ÄrztInnen walten lassen, wenn es darum geht die richtigen Worte und Taten zu finden, um den Menschen dort abzuholen, wo er ist – auch in seiner/ihrer vielleicht unrealistischen Hoffnung und ihm nicht das Gefühl zu vermitteln, dass er fallen gelassen wird.

„Diese Taten können auch ein bisschen im Grenzbereich liegen. Man kann zum Beispiel eine Infusion geben, die gar keine Chemo enthält. Für viele Patienten sind die Infusionen über die Jahre zur Gewohnheit geworden, die sind ja manchmal wöchentlich gekommen. Eine Infusion ist für sie identisch mit Therapie. Ich finde, in solchen Fällen ist es nicht falsch zu sagen: „Wir machen keine Chemotherapie mehr, aber wir geben Ihnen etwas anderes, wir gucken jetzt mal, wie wir Sie stärken.“ Ich würde den Patienten damit nicht betrügen. Und dann kann man Vitamine oder Kortison geben.“ so der Onkologe.

Und es zeigt sich, dass, wenn die Ärztin klar machen kann, dass sie den Patienten nicht fallen lässt, den Prozess sorgsam bis zuletzt begleitet, dass diese dann nicht mehr auf eine weitere Chemotherapie besteht.

Ich habe die schönsten Briefe von Angehörigen bekommen, nicht weil ich Patienten geheilt habe, sondern weil ich ihnen unnötige Dinge erspart habe. Das ist kein Therapieabbruch, sondern eine Änderung des Therapieziels. Die Bezeichnung „Therapie abbrechen“ ist ein furchtbarer, ein saudummer Begriff.“ so der Hämatologe.

Das Interview lässt in wunderbarer Weise durchklingen, dass die ÄrztInnen dem Fluss des Lebens folgen, auch wenn es sich um das Sterben handelt, und dass auch Aspekte, wie zum Beispiel das Verdrängen der furchteinflößenden Realität einer Krebsdiagnose als eine Ressource, eine Schutzfunktion gesehen wird.

Verdrängung ist wie eine Wand, aber meistens ist die irgendwo löchrig, und ich schaue dann immer vorsichtig, wo sie ein bisschen brüchig ist. Ich sage dann: „Lassen Sie uns mal überlegen, was wäre, wenn es jetzt nicht so gut laufen würde, haben Sie mal darüber nachgedacht? Wissen Sie, ich kenne Patienten, die hoffen auch ganz stark, aber manchmal haben sie doch ein paar Zweifel zwischendurch. Ist das bei Ihnen auch so?“ Und es ist erstaunlich, wie weit man da kommt. So führen wir Patienten behutsam an die Realität heran, damit sie Entscheidungen treffen können.“ so die Palliativmedizinerin.

Die Palliativmedizin erfährt in dem Gespräch explizit eine Würdigung, die über ihren Stellenwert am Ende des Lebens hinausreicht.

So sagt der Onkologe: „Die Palliativmedizin wurde ja lange Zeit gar nicht richtig ernst genommen und von manchen sogar verachtet. Ich denke aber, sie könnte den Medizinbetrieb still und unterschwellig revolutionieren. Hier herrscht ein anderes Verhältnis zwischen Arzt und Patient, eine andere Ethik, die die Grenzen des Machbaren anerkennt. Dieses subversive Potenzial sollten wir mehr nutzen.“

Was für eine Aussage!  Wie würde ein Medizinbetrieb wohl aussehen, wenn die Bedürfnisse des Patienten berücksichtigt würden, wenn darauf geachtet wird, dass die Bedingungen so freundlich sind, dass sich ein Wohlbefinden, ein Wohlgefühl einstellen kann.

Wie absurd, dass diese Art der Fürsorge so oft erst zum Ende des Lebens stattfindet. Und ich könnte mir vorstellen, dass sich derartige Bedingungen zu einem früheren Zeitpunkt vielleicht sogar lebensverlängernd auswirken, dann nämlich, wenn ein Aufatmen, ein Aufgehoben sein stattfindet, dann kann vielleicht auch ein Auf-Leben stattfinden.

Das ganze Gespräch zwischen den drei MedizinerInnen ist sehr differenziert, es gibt kein plakatives Entweder-Oder, kein Schwarz – Weiß. Es wird das Leben (mit Krebs) so vielschichtig beantwortet, wie es ist.

Auch wenn es sich um den Akt des Sterbens handelt. „Sterben ist so individuell wie das Leben.“ sagt dazu die Palliativmedizinerin und meint weiter, dass sich zwar viele Menschen wünschen zu Hause zu sterben, dass damit aber oftmals die Verwandten überfordert sind und damit nicht die Unterstützung geben können, die es braucht.

Es wird betont, wie wesentlich es ist, auf Fragen über das Sterben zu antworten, aufzuklären, welche Möglichkeiten der Linderung es gibt.

Und es ist heilsam zu lesen, dass  „die Erfahrung lehrt, dass wir doch ein relativ friedliches Sterben ermöglichen können. Diese Vorstellung, die immer in den Köpfen herumschwirrt, Sterben ist Agonie, ist Kampf, ist immer mit Schmerzen verbunden – stimmt überhaupt nicht. “ so die Palliativmedizinerin.

Dann, wenn Klarheit über den Vorgang und die Hilfen beim Sterben besteht, und wenn der Mensch schmerzfrei ist und auch seine Wünsche nach einem würdevollen Sterben berücksichtigt werden, dann erübrigt sich auch der Wunsch nach einer Sterbehilfe. „Die (welche ursprünglich einen Wunsch nach Sterbehilfe hatten; Anm. BTW) hatten eigentlich gemeint: Ich möchte so nicht mehr leben, ich kann diese Schmerzen nicht aushalten, diese Atemnot, die Angst. Wenn Sie das lindern, ist das kein Thema mehr.“

und weiter

„Es gibt Prozesse zum Ende des Lebens, die wir nicht absehen können, die wir auch nicht beurteilen können, da ist noch viel möglich, sodass ein Leben vielleicht doch ein Stück weit vollendet ist. Es gibt psychologische Phänomene, wie sich der Mensch an Situationen anpasst. Das nennt sich response shift. Ich kalibriere mein Wertesystem so, dass etwas für mich wertvoll ist oder Lebensqualität bekommt, von dem ich früher gesagt hätte, das ist für mich inakzeptabel.“ so die Palliativmedizinerin.

Abschließend – als eine Art Credo –  des Gesprächs möchte ich den Onkologen zitieren:

Man lernt so viel über das Leben, wenn man mit Krebskranken arbeitet. Das ist der Grund, warum ich mich mit der Onkologie beschäftige. Und ich denke, das neue Zeitalter könnte darin bestehen, dass man beharrlich weiterforscht, die Therapien verbessert, aber gleichzeitig akzeptiert, dass es Grenzen gibt, da kann eine gute Palliativmedizin trösten und helfen. Aber dass man Krebs als Teil unseres Lebens versteht, denn er ist ein Teil davon.“

Das einzig Irritierende an diesem wunderbaren, hoffnungsstiftenden Gespräch ist der Umstand, dass nirgends eine Namensnennung dieser ÄrztInnen zu finden ist.

Ist es vielleicht ein Tabu, vielleicht sogar existenzgefährdend als Arzt/ Ärztin, sich derart freimütig über den Umgang im Medizinbetrieb, über die übermäßige Großzügigkeit in der Anwendung von Chemotherapeutika, über die noch gar nicht so große Wirksamkeit von neuen Therapien zu äußern.

Ist es vielleicht gefährlich, den Krebs als Arzt nicht in erster Linie ausrotten zu wollen sondern ihn und  auch das Sterben zum Leben gehörig zu sehen und demgemäß zu behandeln .

Das ganze Interview ist unter  www.zeit.de/2016/38/chemotherapie-krebs-immuntherapien-palliativmedizin-onkologie-haematologie

 

„Krebs lehrt uns viel über das Leben“ – Kurzversion

Das ist ein wunderbares Gespräch. Corinna Schöps und Claudia Wüstenhagen haben in der Online Zeit Ausgabe vom 14. Oktober 2016 einen Onkologen, einen Hämatologen und eine Palliativmedizinerin zu den verschiedensten Aspekten rund um die ärztliche Betreuung von krebskranken Menschen befragt.

Die Antworten berühren mein Herz und lassen mich Hoffnung schöpfen, dass es neben der Apparatemedizin und einem medizinischen Vorgehen, das sich nicht an der Individualität des Einzelnen orientiert, MedizinerInnen gibt, die den Menschen im wirklichen Sinne in den Mittelpunkt stellen

Die drei MedizinerInnen sprechen von gestiegenen Heilungsraten bei Kindern, von Erfolgen, was neue Operationstechniken, aber auch die Früherkennung betrifft und dem erfolgreichen Einsatz von Medikamenten bei bestimmten Krebsarten.

Sie sprechen aber auch offen über den Preis einer Chemotherapie im Sinne von Nebenwirkungen und Langzeitschäden.

Sie sprechen über die in der Fachwelt gefeierten Immuntherapien. Sie relativieren diesbezügliche Hoffnungen, da diese Therapien nur bei einigen Formen von fortgeschrittenem Krebs in Haut, Lunge und Niere und bei einer bestimmten Art von Leukämie wirken und die Überlebensdauer im Schnitt nur um einige Monate verlängert werden kann und dass davon „bloß eine kleine Gruppe von Patienten“ (Hämatologe) profitiert.

Ich finde es wesentlich, diese Daten zu veröffentlichen, glauben viele Krebskranke doch – und so wird es ja von der Pharmaindustrie großflächig vermittelt -,  dass die Immuntherapie (bislang) auch bei Brustkrebs eine Option ist, und dass damit Heilung erfahren werden kann.

Demgegenüber sagt der Onkologe im vorliegenden Interview, dass „wir immer noch nicht gut gerüstet (sind), wenn sehr häufige Krebsarten wie Darmkrebs oder Brustkrebs nach einer zunächst erfolgreichen Therapie wiederkommen.“

Sukzessive geht das Gespräch auf eine essentielle Ebene, es wird über die Machbarkeitsideologie gesprochen, die den Tod (durch Krebs) aus dem Leben ausschließen möchte.

Wertvolle Gesprächsimpulse kommen dazu naturgemäß von der Palliativmedizinerin.

Besonders berührend finde ich, wenn sie über den Umgang mit schwierigen Fragen oder Situation mit Krebskranken berichtet. Dann wenn sie zum Beispiel über den Umgang mit Prognosen spricht oder andere schwierige Aspekte innerhalb eines Krebsweges offenherzig benannt werden. Zum Beispiel der Umstand, dass oftmals bis zuletzt massive Therapien angewandt werden.

Wie schön ist es zu hören, wenn ein Arzt (in diesem Fall der Onkologe, der aus seiner Praxis spricht) den Patienten in seiner Ganzheit wahrnimmt und ihn darin respektiert. Wie schön auch, dass er sich davon anrühren lässt und dies auch ehrlich ausdrückt.

Das spricht auch ein anderes heikles Kapitel an – das der subjektiven Realität z.B. der Lebensqualität und wie sich ein Patient fühlt gegenüber den Daten, die man aus Röntgenbildern, Tumormarkern, Tumorgröße, gewinnt.

Und es wird auch angesprochen, dass der direkte Kontakt zwischen Ärztin und Patientin im Gespräch und im Erkunden dieser Lebensrealität aber auch die konkrete klinische Untersuchung –  face to face – gegenüber diesen technischen Daten sukzessive zu kurz kommt.

Und es wird auch darüber gesprochen,  dass „das fürsorgliche Unterlassen nicht belohnt (wird) “ (so der Onkologe), wo nicht auch noch die nächste Chemotherapie gegeben wird, wenn absehbar ist, dass sie weder Linderung noch Heilung verspricht.

Was für ein wunderbares Wort: „Fürsorgliches Unterlassen.“ Ein Unterlassen, das eine Gabe ist im Sinne des Menschen. Diese Gabe gilt es mit Feingefühl und Behutsamkeit zu vermitteln, damit sich der Patient nicht fallen gelassen fühlt. Es gilt auch Taten zu setzen, die vielleicht im Grenzbereich liegen, wo eine Infusion ohne Chemo nur mit Vitaminen und Kortison gegeben wird, um dem Menschen nicht den letzten Strohhalm an Hoffnung zu nehmen.

Und es zeigt sich, dass, wenn die Ärztin klar machen kann, dass sie den Patienten nicht fallen lässt, den Prozess sorgsam bis zuletzt begleitet, dass dann die Patienten nicht mehr an der Chemotherapie festhalten..

Das Interview lässt in wunderbarer Weise durchklingen, dass die ÄrztInnen dem Fluss des Lebens folgen, auch wenn es sich um das Sterben handelt, und dass auch Aspekte, wie zum Beispiel das Verdrängen der furchteinflößenden Realität einer Krebsdiagnose als eine Ressource, eine Schutzfunktion gesehen wird.

Sensationell finde ich die Aussage des Onkologen, der die Palliativmedizin als revolutionäre Kraft im Medizinbetrieb würdigt, weil „hier ein anderes Verhältnis zwischen Arzt und Patient (herrscht), eine andere Ethik, die die Grenzen des Machbaren anerkennt.“

Was für eine Aussage!  Wie würde ein Medizinbetrieb wohl aussehen, wenn die Bedürfnisse des Patienten berücksichtigt würden, wenn darauf geachtet wird, dass die Bedingungen so freundlich sind, dass sich ein Wohlbefinden, ein Wohlgefühl einstellen kann.

Wie absurd, dass diese Art der Fürsorge so oft erst zum Ende des Lebens stattfindet. Und ich könnte mir vorstellen, dass sich derartige Bedingungen zu einem früheren Zeitpunkt vielleicht sogar lebensverlängernd auswirken, dann nämlich, wenn ein Aufatmen, ein Aufgehoben sein stattfindet, dann kann vielleicht auch ein Auf-Leben stattfinden.

Das ganze Gespräch zwischen den drei MedizinerInnen ist sehr differenziert, es gibt kein plakatives Entweder-Oder, kein Schwarz – Weiß. Es wird das Leben (mit Krebs) so vielschichtig beantwortet, wie es ist.

Auch wenn es sich um den Akt des Sterbens handelt, wird der Individualität Rechnung getragen

Es wird betont, wie wesentlich es ist, auf Fragen über das Sterben zu antworten, aufzuklären, welche Möglichkeiten der Linderung es gibt.

Und es ist heilsam zu lesen, dass  „die Erfahrung lehrt, dass wir doch ein relativ friedliches Sterben ermöglichen können. Diese Vorstellung, die immer in den Köpfen herumschwirrt, Sterben ist Agonie, ist Kampf, ist immer mit Schmerzen verbunden – stimmt überhaupt nicht. “ so die Palliativmedizinerin.

Dann, wenn Klarheit über den Vorgang und die Hilfen beim Sterben besteht, und wenn der Mensch schmerzfrei ist und auch seine Wünsche nach einem würdevollen Sterben berücksichtigt werden, dann erübrigt sich auch der Wunsch nach einer Sterbehilfe.

Abschließend – als eine Art Credo, des Gesprächs möchte ich den Onkologen zitieren:

Man lernt so viel über das Leben, wenn man mit Krebskranken arbeitet. Das ist der Grund, warum ich mich mit der Onkologie beschäftige. Und ich denke, das neue Zeitalter könnte darin bestehen, dass man beharrlich weiterforscht, die Therapien verbessert, aber gleichzeitig akzeptiert, dass es Grenzen gibt, da kann eine gute Palliativmedizin trösten und helfen. Aber dass man Krebs als Teil unseres Lebens versteht, denn er ist ein Teil davon.“

Das einzig Irritierende an diesem wunderbaren, hoffnungsstiftenden Gespräch ist der Umstand, dass nirgends eine Namensnennung dieser ÄrztInnen zu finden ist.

Ist es vielleicht ein Tabu, vielleicht sogar existenzgefährdend als Arzt/Ärztin, sich derart freimütig über den Umgang im Medizinbetrieb, über die übermäßige Großzügigkeit in der Anwendung von Chemotherapeutika, über die noch gar nicht so große Wirksamkeit von neuen Therapien zu äußern.

Ist es vielleicht gefährlich, den Krebs als Arzt nicht in erster Linie ausrotten zu wollen, sondern  ihn, und ja auch das Sterben, zum Leben gehörig zu sehen und ihn dementsprechend zu behandeln.

Das ganze Interview ist unter  www.zeit.de/2016/38/chemotherapie-krebs-immuntherapien-palliativmedizin-onkologie-haematologie

Diagnose Krebs – über sogenannte falsche Hoffnungen

„Ich will Ihnen keine falsche Hoffnung machen“ hört man oftmals von Ärzten, wenn es um Prognosen geht.

Müsste es nicht heißen, wenn es nur einen Fall gibt, wo Heilung wider Erwarten stattgefunden hat, dann gibt es Hoffnung, eine Möglichkeit, es ist nicht hoffnungs- und aussichtslos.

Ich denke, wir sollten genau sein mit den Worten, weil Worte lebensspendend oder lebenshemmend sein können.

Manche Krebsarten haben einen äußerst schlechten Ruf in Bezug auf eine Genesung, und oftmals hört man den Satz, dass es keine Hoffnung gibt.

Was macht das für den Betroffenen? Es schwindet jegliche Hoffnung auf Genesung. Das hat weitreichende Folgen: nicht nur auf der psychischen Ebene, wo sich Resignation, Hilfs- und Hoffnungslosigkeit vielleicht auch Todesangst  breit machen, nein, die Folgen reichen bis ins biologische Fundament. Man weiß, dass die Stärke des Immunsystems vom Lebenswillen und auch vom Bewusstsein über meine Selbstwirksamkeit in direkter Weise beeinflusst wird, in die eine wie in die andere Richtung.

Höre ich einen derartigen Satz, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich aufgebe. Dieser apodiktische, endgültige, jede andere Möglichkeit ausschließende Satz wirkt wie ein Hypnoid, dem man in einer self fulfilling prophecy folgt. Auch das weiß man mittlerweilen aus der Placeboforschung –  dass die positive oder negative Erwartung einen wesentlichen Einfluss auf die Wirksamkeit eines Arzneimittels hat.  Außer ich zähle zu den seltenen Menschen, die das als Aufruf sehen, den Gegenbeweis anzutreten.

Für mich geht es da mehr um eine falsche Hoffnungslosigkeit, in diesem Bemühen darum, keine falsche Hoffnung zu wecken.

Für mich ist eine falsche Hoffnung ein Heilversprechen, das in undifferenzierter Weise gegeben wird, ob sie jetzt von Schulmedizinern oder in diesem Falle leider häufiger von Heilern und Alternativmedizinern – von jenen Menschen also, die die letzte Adresse für von der Schulmedizin aufgegebenen Patienten sind – gegeben wird.

Wenn  gesagt wird, diese oder jene Vorgangsweise wird Sie (auf jeden Fall) heilen – dann ist das für mich ein falsches Versprechen, das eine falsche Hoffnung weckt. Hier übertönt die Eindringlichkeit und Macht der Aussage die innere Stimme der Patientin, die sehr wohl früher oder später  laut wird. Dann, wenn keine anderen therapeutischen Maßnahmen zugelassen werden, wenn nur das eine, vom Heiler propagierte und verkaufte Verfahren als wirksam anerkannt wird. Das ist eine falsche Hoffnung. Da wird die Not des Patienten ausgenützt.

Im Sinne von Vaclav Havels legendärem Zitats, dass „Hoffnung nicht die Überzeugung ist, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ meine ich, dass ich als von Krebs Betroffene gut daran täte, meiner inneren Stimme Gehör zu schenken, diesem tiefen Wissen, dass etwas sinnvoll ist, und dass dieser Schritt auf meinem Krebsweg der nächste gute ist.