Meine Tochter ist eine besondere Frau

Und das ist sie in vielerlei Hinsicht – in ihrer Weisheit, die der einer älteren, lebenserfahrenen Frau gleicht, in ihrer Mädchenhaftigkeit, die mit kindlicher Stimme ein Glas Leitungswasser bestellt, in der Verbindung von weit auseinander liegenden Welten – der Wissenschaft, der Kunst, der Emotionalität und Nüchternheit…..

Vor nunmehr einem Jahr hat sie sich, inspiriert durch ein sehr freies Umfeld in Montreal, entschieden, keinen BH mehr zu tragen, und sich auch nicht mehr zu rasieren.

Wir könnten jetzt glauben, sie habe ohnedies nur eine kleine, nicht weiter auffällige Brust, aber nein, der Busen meiner Tochter ist nicht klein sondern deutlich sichtbar.

Und nein, sie verhüllt diesen nicht mit weiten dunklen Hängerchen, sie trägt enganliegende T-Shirts, die auch ihre Brustwarzen zu erkennen geben. T-Shirts, die ihre Brüste offenbaren.

Und nein, sie hält sich auch nichts schützend vor, wie ich es jahrzehntelang gemacht habe. Sie verschränkt nicht ihre Arme, auch wenn sie durch eine Menschen-Männer-Menge geht.

Damit habe ich es bisweilen schwer. Ich, die ich mich mit meinen Brüsten immer zu exponiert fühlte, sie weg haben wollte, weil sie Hauptangriffspunkt anonymen Begehrens waren, die mich zu-  und eindringlichen Blicken aussetzten.

„Willst Dir keinen BH anziehen?“, sag ich dann, wenn uns ein Tag voller Ausgesetztseins bevorsteht. „Nein,“ sagt sie, „sind doch meine lieben Brüste, die ich nicht in einen BH zwängen will. Die gehören zu mir, wie zu jeder Frau dazu.“

Ich möchte mich vor sie stellen, wenn ich merke, dass die mit uns fahrenden Männer sie anstarren. Ich lasse es, unter Aufbietung aller Ein-Sicht, die ich in einer derartigen Situation aufbringen kann, und weil ich es toll finde, dass sich meine Scham über die offenkundigen Zeichen meiner Weiblichkeit nicht in die nächste Generation tradiert hat.

Und weil ich es bewundernswert finde, dass meine Tochter frei ist, ein Zeichen zu setzen.

Und sie – sie geht völlig unbeeindruckt munter vorbei, selbst-verständlich und selbst-vergessen, gibt es doch so viel Wichtigeres, was ihre Aufmerksamkeit anzieht.

Sie hat das Gefängnis der Selbst-Bezüglichkeit, dass das Leben so vieler Frauen (meiner Generation ?!) prägt, verlassen – dieser Selbstbezüglichkeit, sich ständig des eigenen Körpers bewusst zu sein, wie er aussieht, wo etwas zu viel oder zu wenig ist, wo etwas wackelt und hervorschaut, wo etwas Begierden hervorlocken könnte, was frau essen darf und vermeiden muss.

Die Burka des kritischen Selbst-Blicks.

Meine Tochter isst, wenn sie Hunger hat und das, wonach ihr Körper gerade verlangt.

Sie liebt ihren Körper in seinem So-Sein und sie achtet darauf, was für ihn gut ist.

Sie ist frei und mutig.

Dafür und für so vieles mehr liebe ich sie.
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Alles wieder ganz normal !?!

Vier Monate war ich mit Krebs beschäftigt, vier Monate, die nahezu vollständig vom Krebsgeschehen bestimmt waren.

Zunächst die Diagnoseschritte, Arztbesuche, Therapiewahl, die Bestimmung des richtigen Zeitpunkts, die Vorbereitung auf die Operation.

Auch die Gespräche mit FreundInnen rankten sich fast ausschließlich um dieses große Ereignis in meinem Leben.

Dann die Operation.

Und jetzt das Danach.

Langsam normalisiert sich das Leben wieder. Die Narben benötigen zwar noch etwas Zuwendung, jedoch brauche ich erst wieder in 6 Monaten zur Kontrolle zu gehen.

Nun steh ich da, entlassen in mein Krebs-freies Leben.

Frau könnte nun annehmen, dass das doch wunderbar ist, ich habe es überstanden.

Endlich ist das Leben nicht mehr vom Krebs bestimmt. Und das ist ja auch wunderbar.

Und:

Nicht einfach.

Vielmehr ist es wie eine Vollbremsung.

Alles könnte so sein wie davor, ich greife meinen All-Tag wieder auf, gehe ganz normal meinem Leben nach, mache die Dinge, die ich auch davor gemacht habe.

Ganz normal halt…

Natürlich ist es erleichternd, nicht mehr mit der Angst vor einem Rezidiv leben zu müssen, keine weiteren Therapieschritte gehen zu müssen.

Und dennoch –  da gibt es vieles, das ich vermisse.

Ich vermisse die Intensität dieser Zeit, ich vermisse die Klarheit meines Bewusstseins, das Angehobensein, die Erkenntnisflut.

Ich befürchte, dass alles in die Normalität abzusinken droht.

Ich befürchte, wieder in Verpflichtungsgefühlen zu ersticken, mich erneut für alles und jeden zuständig zu fühlen.

Und manchmal befürchte ich, dass ich mich neuerlich veräußere. Dass dieses Krebsrezidiv bloß ein weiteres Intermezzo an Selbstfürsorge und Selbstzentriertheit war, in einem sonst oftmals fremdbestimmten Leben.

Und dann  fürchte ich auch, dass das nie aufhört, dass ich nicht die Kraft habe, diese eingefleischten Muster zu transzendieren.

Dass es nie still wird, das Rasen nicht aufhört, ich die Essenz des Lebens, dieses pure Sein, von welchem ich hin und wieder gekostet habe, nicht spüren kann. Dass ich am Leben bin, ohne zu leben, dass ich die Bedürfnisse anderer erfülle, ohne erfüllt zu sein.

Den Tumor hat man mir (ab)nehmen können, das Leben habe ich zu führen. Das ist die Herausforderung.

Während die Diagnose für mich ein Geschenk war, in Fühlung zu kommen mit der Person, die leben will, so ist die Zeit danach geprägt von eben dieser Herausforderung,  dieses, mein Leben zu würdigen, es zu genießen in jedem Moment, für mich zu sorgen, und mich einfach wohl zu fühlen.

Das ist (nach wie vor) oftmals schwer.

Und nein, heute möchte ich nicht mit einem Zuversichts-fördernden Satz schließen, nur ein paar Liedzeilen von meinem verehrten André Heller seien (mir) Trost:

Weine wieder, wenn Du weinen willst.

Verzichte nicht auf die Verzweiflung.

Leiste Dir eine Mutlosigkeit,

Sabotiere die Heldin in Dir,

Tauch´ manchmal in den Rauch der Angst.

Ein Abgrund fehlt Dir doch nie.

Zum Kotzen ist doch wirklich bloß die viele falsche Sympathie.

(André Heller aus dem Lied: Das System)

Schön!

Lange habe ich mich vorbereitet, Abschied genommen von meinen beiden Brüsten, den Tag der OP sorgfältig ausgewählt, den Chirurgen gegen eine Chirurgin ausgetauscht, und dann war es soweit – ein großer Tag, an welchem ein grundlegend neuer Lebensabschnitt beginnen sollte, eine Neugeburt in ein neues Sein.

Schön war es, als mich meine beiden Lieben an jenem Dienstag vor drei Wochen ins Krankenhaus begleiteten.

Dass sie, meine liebe Tochter, „extra“ aus Montreal für die Zeit um meine OP zu mir gekommen ist, rührte mich zu Tränen.

Wie gut, dass ich die letzte, doch schwierige Nacht nicht im Spital verbringen musste. Welch´  ein komplexes System ein derartiges Krankenhaus doch ist. Für mich ist das Selbstverständliche ganz und gar nicht derart selbstverständlich. Alles ist geplant und läuft wie am Schnürchen.

Schon stand mein Zimmer bereit – wie schön!

Schnell noch Abschieds-Fotos gemacht von mir mit meinen Brüsten, dann die Schnittführung festgelegt –  „Bitte ein bisschen tiefer, damit ich auch weiter ausgeschnittene Kleider tragen kann, schließlich möchte ich ja nicht meine weibliche Ausstrahlung abgeben.“

Alles fand in aufgeregter Heiterkeit statt. Jetzt findet das statt, wovon ich mir in zahlreichen schlaflosen Nächten eine Vorstellung gemacht habe. In den Tagen zuvor war endlich der ersehnte Frieden eingekehrt, ich ging keine erneute innere Befragungsrunde mehr ab, ob das wohl eine richtige Entscheidung war.

Dieser Frieden konnte sich auch einstellen, weil ich mich nicht mehr zerstreute, die bereits konzipierten Blogbeiträge für mich behielt, wollte keine Resonanz mehr, keine weiteren Irritationen.

Nochmal in ein Kurhotel, nochmal in die Sauna als „normale“ Frau.

Da war dann bereits eine Vorfreude spürbar.

Schon bekomme ich die Wurschtigkeitspille und werde im Bett liegend in den OP geschoben.

Ich bin dem lieben Herrn Christian sehr dankbar, dass er mich zieht und nicht schiebt, sodass ich sein Gesicht sehen kann. Mir wird bewusst, wie viel Bedürfnis nach Halt durch menschlichen Kontakt wir in einer derartigen Situation haben. „Lass mich nicht allein in dieser ängstigenden, unbekannten, unvorhersehbaren Situation,  bleib´ bei mir, sichere mich über das Ansehen, das beruhigende Sprechen.“ Wie ein Anker ist das.

Schon werde ich neben meiner Vorgängerin positioniert, die lässt mich jedoch leider im Regen stehen, kein Blick, kein Wort, vielleicht hat sie ja eine höhere Dosis des Mittels bekommen.

Ich besinne mich auf meinen Atem – ein – aus – ein – aus.

Schon kommt meine liebe Chirurgin, setzt sich zu mir ans Bett und meint, dass wir eine besonders liebe Anästhesistin haben. Ja, das ist sie, nimmt meinen Kopf mit einem Halt gebenden Griff in die Hände und meint, ich möge an etwas Schönes denken –  Korsika, die Berge, das Meer, der Duft.

Und – schon bin ich wieder wach – ohne Schmerzen, ohne Übelkeit und vollkommen orientiert und siehe da, über mir an der Decke wunderbar bunte, gemalte Blumenranken.

Wie schön, mit Schönheit begrüßt zu werden.

Bin beglückt über die Liebe, die da waltet.

Ich freue mich an den Blumen im Zimmer, welche sich immer mehr öffnen, ich freue mich an der Stille im Raum, am vielen Alleinsein, und der Fürsorge und Liebe der Menschen, die mich betreuen.

Ich freue mich am innigen Kontakt zu meiner Ärztin, an dem an-erkannt werden. Ich bin unendlich dankbar, dass sie diesen meinen ungewöhnlichen Entschluss, mich auch von einer potentiell gesunden Brust zu trennen, versteht und mit trägt.

Und – ich freu mich über mein neues Aussehen. Schön ist die Narbenform. Schön ist es, dass ich einen klitzekleinen Brustansatz habe. Schön fühle ich  mich.

Schön bin ich.

Und – die, die mich kennen, wissen, dass ein derartiger Satz aus meinem Munde schier unglaublich ist.

So umhüllt ein lichter Schein die Zeit um die Operation. Das mag eigenartig anmuten, aber es war und ist eine schöne Erfahrung.

Einfach schön, das Alles!

Gleich-Gültig

Seit ich meine neuerliche Krebs – Diagnose veröffentlicht habe, erhalte ich viel Zuspruch, Mitgefühl aber auch Bewunderung für meinen Mut und die Art, wie ich damit umgehe. Das berührt mich, ist wirklich wohltuend und ich bin dankbar dafür.

Andererseits ist die Krebsdiagnose – das mag jetzt komisch klingen –  noch nie das Schlimmste in meinem Leben gewesen.  Er ist ja auch kein wirklich böser (https://krebscoaching.org/2018/01/20/mein-krebs-ist-kein-boeser/).

Vielmehr bringt mich die Diagnose in meine Klarheit, in mein höheres Wissen, in meine Essenz und meine Kraft.

Ich kann es nicht mal Krankheit nennen, weil ich mich nicht krank fühle, und deshalb mich nicht als krank bezeichnen möchte. Ich habe bloß eine Krebs-Diagnose. Da ist was in meiner Brust – sehr umschrieben und nicht groß, aber rundherum bin ich gesund und fühle mich auch so.

Ich glaube, es könnte vielen Menschen Vieles erspart werden, wenn sie sich (auch!!) an das halten, wie sie sich fühlen.

So hat mir vor einiger Zeit eine Frau mit metastasierendem Brustkrebs gesagt, dass sie sich fortan nicht mehr von der Höhe der Tumormarker beeindrucken lassen will und auch nicht von der doch sehr drastischen Diagnose.

Sie misst ihre Gesundheit an ihrem Befinden, ihrer Energie und daran gemessen, erscheint sie mir gesünder als viele andere, die sich mit schweren Schritten und Atemlosigkeit die 2 Stock zu mir hinauf plagen.

Auch ist die Krebsdiagnose im Gegensatz zu anderen wie HIV, Hepatitis C, aber auch Colitis ulcerosa …. mittlerweile gesellschaftsfähig und anerkennungswürdig. Für eine Krebsdiagnose erfahren wir viel Verständnis, echtes Interesse und ganz konkrete Unterstützung

Für mich ist das ganz normale Leben oftmals viel schwieriger zu bewältigen als das geordnete Vorgehen, das meine Krebsdiagnose nach sich zieht.

Krebs ordnete mein Leben, und gibt bestimmte für mich bewältigbare Schritte vor – Ärzte kontaktieren, Untersuchungen, die Therapiewahl, dann die Therapie, die Berücksichtigung der Nebenwirkungen und die Behandlung der Konsequenzen.

All das ist für mich im wahrsten Sinne des Wortes überschaubar und damit auch machbar, auch wenn es teilweise unangenehm ist.

Aber (wie vor ein paar Tagen) einen den Strom in einer Wohnung einleiten lassen müssen, einen Energieanbieter wählen, die ganze Prozedur zunächst heraus finden – dass es zum Beispiel einen Unterschied zwischen Netzbetreiber und Anbieter gibt, dass man einen Zählpunkt angeben muss, und der nicht wie vermutet am Zählerkasten steht, dass ich mich da sowas von nicht auskenne, und mich in all dem Unwissen äußerst blöd fühle….

Dass sodann der Strom nicht in 8 bis höchstens 24 Stunden angedreht wird, sondern erst in  zwei Wochen, dass ich das um 21 Uhr erfahre, wo ich natürlich niemanden mehr erreiche, um da gleich Gegenmaßnahmen einleiten zu können, da die zwei jugendlichen Menschen, die ab übermorgen drin leben werden, sicher nicht all die Tage in einer kalten Wohnung verbringen können….

Das ist es, was mich an den Rand der ohnmächtigen Verzweiflung bringt. Umso mehr, als es mich sehr beschämt, wie sehr mir das zusetzt, und was das mit mir macht.

Welch ein Problem? Da gibt es ja echt Ärgeres, Schlimmeres, wie zum Beispiel meine Krebsdiagnose.

Nein gibt es für mich (zu diesem Zeitpunkt) nicht.

Weil diese Dinge einfach alte Überforderungen in mir berühren, oder wie man in der traumtherapeutischen Diktion sagt, sie triggern mich. Und dann hänge ich Stunden im State – auch das ein Fachterminus aus der Traumatherapie – mit allem Drum und Dran.

So gibt es viele Beispiele von Belastungen, die nicht als solche gewürdigt werden, und die damit in den Bereich der Verschwiegenheit geraten:

Zum Beispiel über Jahre auf  Bewerbungen um einen Arbeitsplatz keine Antwort bekommen, depressiv sein, vor allem und jedem Angst zu haben, Zwänge (sehr tabuisiert !!), Panikattacken, Lustlosigkeit, Schamgefühle über das eigene Aussehen, das Süchtig Sein, oder noch größere „Kleinigkeiten“ wie zum Beispiel, dass ein geliebter Mensch nicht antwortet auf meine Nachricht, und ich mich Tage nicht beruhigen kann deshalb, oder wenn ich zum Beispiel ein Geheimnis verrate, und das nicht tun hätte dürfen, und damit lange umgehe, wie wenn ich eine Todsünde begangen hätte….

So ist alles relativ.

Und nichts ist so, wie es von außen erscheint.

Vielleicht müssten Menschen ja gar nicht so schwer krank werden – eine gewagte These (!) – , wenn wir uns selbst und denen, welche mit derartigen Nöten und „Kinkerlitzchen“, die für uns und diese Menschen gar keine sind, die selbe Beachtung schenken, das selbe Mitgefühl und wahrhaftige Interesse für das Leid und die Not entgegenbringen würden, wie wenn wir es mit einer allgemein anerkanntem Belastung wie Krebs zu tun hätten.

Das wäre wahrlich heilsam.

Dir zur Feier….

Zu meinen wesentlichsten Nahrungs-/Lebensmitteln zählen die Gedichte von Rainer Maria Rilke.

Heute möchte ich zwei davon meiner lieben Gundel zu ihrem 55. Geburtstag widmen.

Noch habe ich einen Hauch ihrer Stimme im Ohr, als wir damals im Jahre 2011 für die Lesung probten.

Sie saß in ihrem großen Sessel, wie auf einem Thron, eingehüllt in viele Decken und las mit ihrer unnachahmlichen, wohl tönenden Stimme Rilke.

„Uns zur Feier“ wollten wir die Lesung nennen. sie sollte an meinem Geburtstag stattfinden, an jenem Tag, an dem sie dann von uns ging.

So denke ich heute an Dich, liebe Gundel und schicke Dir Rilkes Worte.

Sicher bist Du ihm ja jetzt ganz nahe.

 

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gieb mir Gewand.
Hinter den Dingen wachse als Brand,
dass ihre Schatten, ausgespannt,
immer mich ganz bedecken.

Lass dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Lass dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.

Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gieb mir die Hand.

 

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken

und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

Taumel Taumel….klingelingling

Welch´ eine Zeit! Keine Spur von der viel gerühmten Besinnlichkeit und Stille.

Ein Rauschen und Tosen ist das seit dem ersten Krebsverdacht, einen Tag vor meinem Geburtstag.

Seit dem geht´s rund.

Mein ohnedies schon zur Aufregung neigendes Nervensystem ist außer Rand und Band.

Ja, ich weiß, grad dann sollte ich keinen Kaffee trinken, nicht mal einen einzigen. Besänftigende Kräutertees wären da indiziert. Stattdessen nütze ich jede Gelegenheit  – Untersuchung, Befund abholen, Bewilligung hinbringen, um mich in das nette Kaffee Franze http://xn--kaffeersterei-omb.wien/am Rande des Kutschkermarkts zu setzen.

Wie eine Oase ist das, und da könnte ich mir gleich einen zweiten bestellen, was ich natürlich dann doch nicht tue.

Ich sollte vieles tun oder nicht tun, wenn ich meinen Ansprüchen gerecht werden will. Natürlich meine Yoga-  und Meditationspraxis konsequent fortsetzen, wie ich es über Jahrzehnte getan habe. In die Stille gehen käme jedoch einer Vollbremsung eines Lastwagens gleich, und so mache ich das jetzt mal nur, wenn es mich wirklich danach verlangt.

Und dann ist es gut und besänftigend, aber nicht, wenn ich gleich einen neuen, mich stressende Auftrag draus mache – dass ich das jetzt wirklich wieder regelmäßig aufgreife, weil es mir doch gut tut.

Auch sollte ich natürlich weiterhin Sport machen, und manchmal zieht es mich auf den Rathausplatz, um meine Runden am Eis zu ziehen. Oft bleibe ich jedoch lieber zuhause, wo kein Wind und die Masse der Menschen mich noch mehr durcheinander bringt.

Ja, da gibt es so einiges, was nicht meinen hehren und auch wohl erprobten Anforderungen an mich gehorcht.

So ist das jetzt.

Sehr anders ist es, als es bei den letzten beiden Malen war, als ich mit einer Krebsdiagnose konfrontiert war, und ich spüre auch eine leise Enttäuschung (über mich) und ein Bedauern, dass es mich diesmal nicht sogleich an diesen inneren Ort bringt, wo es still und zentriert ist.

Diese Vor-Stellung, dass es so sein muss, damit es heilsam ist, möchte ich jetzt einmal hingeben und mich dem (jetzt halt reißenden) Strom der Erfahrung überlassen – im Vertrauen, dass alles gut ist, so wie es ist, wenn man es da sein lässt, oder wie mein lieber Lehrer Michael Smith sagte: „Life is bigger than you“ – sowieso.

So will ich jetzt aufstehen, vielleicht den Sauhaufen am Schreibtisch beseitigen, dann vielleicht einen Kaffee trinken, den restlichen Teig zu Vanillekipferl formen – sehr beruhigend! – und dann weitersehen, was ich bis zum heutigen nachmittäglichen Termin bei der Chirurgin noch mache – vielleicht doch raus in die Sonne gehen?

Gut aufgehoben – im Geboren-Werden und Sterben

Als ich vor einigen Wochen mit der Blog Serie „Gut aufgehoben…“ begann, kam mir sofort die Bedeutung des Gut Aufgehobenseins im Sterben in den Sinn. Sogleich verwarf ich diese Idee jedoch, weil dies ja nicht hoffnungsfördernd sei, und ich mich auf die „positiven“ Seiten im Krebscoaching zu konzentrieren hätte.

Heute, an meinem Geburtstag will ich es jedoch tun – auch im Angedenken an meine liebe Cordula, die vor sechs Jahren an meinem Geburtstag starb.

Gut aufgehoben war ich bei meiner Geburt wahrlich nicht. Meine Mutter wusste nicht, dass sie Zwillinge erwartete, die Ärzte streikten, wollten es schnell vorbei haben, Begleitung durch meinen Vater, ihren Mann, war damals undenkbar. Er durfte ihr gerade mal das Köfferchen tragen bis zur Schwelle und sie dann ihrem Schicksal überlassen.

Ich bahnte mir zwar relativ rasch einen Weg, doch dann war da ja noch eine zweite Tochter, die geboren werden wollte, und um die rasch heraus zu bekommen, wurden härtere Mittel eingesetzt – sich auf den Bauch meiner Mutter setzen, schroff auf sie einsprechend, dass sie doch endlich mitarbeiten möge, flach auf dem Rücken liegend, festgeschnallt.

Dann waren wir da, und wie damals üblich, wurden wir sofort an den Füßen gepackt, Kopf unter hängend erhielten wir einen kräftigen Klapps auf den Po, um das Atmen in Gang zu bringen.

Hier wird das Nein zum Leben und zur Welt konstituiert, sagt mein verehrter Wilhelm Reich, ein Nein, das im Körper eingeschrieben das Potential für eine abwehrende lebenslängliche Kontraktion bildet. Ein Nein aber auch zu Menschen, war doch der erste Kontakt mit ihnen ein unverbundener, gewaltsamer.

Als ich diesen Satz von Reich das erste Mal las, fühlte ich mich erkannt. Ja, hier begann mein energetischer Rückzug vom Leben und den Menschen und ein von Angst und Vorsicht geprägtes Leben. Und ich sehe meine Krebserkrankung als einen Ausdruck dieses Rückzugs, dieses Mangels an  tiefer freudvoller Expansion, wie ich sie auch als Wendepunkt sehe zu einem Leben, das von meiner Seele begrüßt wird.

Wie anders ist es, wenn man eine natürliche Geburt erlebt, wo sich die Frau die passende Geburtsposition aussuchen kann, wo sie einfühlsam in ihren Bedürfnissen unterstützt und begleitet wird.

Hier in der Bedeutung einer von Einfühlsamkeit und Feinfühligkeit gekennzeichneten Beziehung findet sich die Verbindung von Geburt und Sterben.

In einer Begleitung, die sich durch das auszeichnet, was Wilhelm Reich als vegetative Identifikation, als eine tiefe organismische Resonanz bezeichnet. Dass ich als Begleiterin derart in eine energetische Verbindung treten kann, dass ich in meinem Organismus fühlen kann, was bei der Gebärenden ebenso wie bei der Sterbenden an Ausdrucksbewegungen stattfindet, und wie diese beantwortet werden wollen.

Wunderbar kommt diese Qualität in Antonin Svobodas Film „Cry Baby Cry“ zum Ausdruck, wenn Thomas Harms den Füßchen des Babies einen angemessenen Widerstand bietet, damit die Geburt, die für die Eltern und für das Baby traumatisierend war, zu Ende geführt werden kann, indem all die Bewegungen gemacht werden können, die es nicht machen konnte.

Es ist unglaublich beeindruckend, was uns die Babys in ihrer Körper-Sprache zeigen, wenn wir ihnen zuhören und zusehen. Sie zeigen uns in chaotischen Bewegungen, dass in den 1. Schwangerschaftswochen etwas Verstörendes passierte, sie zeigen uns über Reibungsbewegungen einer Kopfseite, dass hier ein Feststecken stattfand, und sie zeigen uns, wenn es vollbracht ist, weil dann ein himmlischer Frieden und der lang ersehnte menschliche Kontakt stattfindet.

Nie sind Konzepte so wenig und menschliche Präsenz so gebraucht, wie in der allerersten und allerletzten Lebenszeit.

Dann kann die Natur machen, was sie angelegt ist, zu tun, dann kann sich das Leben – wozu ja auch das Sterben gehört – fortsetzen.

Und ich kann als Begleiterin in Fühlung mit dem Geschehen spüren, wann der Arm einer Sterbenden Unterstützung durch einen Polster braucht, der Kopf gehalten werden will, die Füße aufgestellt, die Lage verändert. Eine wunderbare Beschreibung der sogenannten basalen Stimulation und ihrer heilsame Wirkung auf Sterbende findet sich im Buch „Die sieben Geheimnisse guten Sterbens“ von Dorothea Mihm.

Bis jetzt bedaure ich es zutiefst, dass ich diese Selbstverständlichkeit, meine wissende Präsenz nicht voll zur Verfügung hatte, damals beim Sterben meiner lieben Cordula. War zu beeindruckt von ihrer Not, die sich bisweilen als fordernde Dominanz äußerte.

Genauso wie Babys, die den Halt der Eltern brauchen, wenn sie in Not sind, brauchen Sterbende diesen Halt, um durch den heftigen Prozess der Lösung aus dem Festen gehen zu können. Da braucht es eine Selbstanbindung, wie Thomas Harms sagt, ein bei mir sein. Dann kann eine Hingabe an den Prozess stattfinden.

Ganz einfach in meinen Bauch atmen – ein – aus – ein – aus… dann kann ich einfach dem Geschehen folgen, präsent wach in der gemeinsamen Energiesuppe schwimmend – bis das Kind/der Tod geboren ist.