Alles wieder ganz normal !?!

Vier Monate war ich mit Krebs beschäftigt, vier Monate, die nahezu vollständig vom Krebsgeschehen bestimmt waren.

Zunächst die Diagnoseschritte, Arztbesuche, Therapiewahl, die Bestimmung des richtigen Zeitpunkts, die Vorbereitung auf die Operation.

Auch die Gespräche mit FreundInnen rankten sich fast ausschließlich um dieses große Ereignis in meinem Leben.

Dann die Operation.

Und jetzt das Danach.

Langsam normalisiert sich das Leben wieder. Die Narben benötigen zwar noch etwas Zuwendung, jedoch brauche ich erst wieder in 6 Monaten zur Kontrolle zu gehen.

Nun steh ich da, entlassen in mein Krebs-freies Leben.

Frau könnte nun annehmen, dass das doch wunderbar ist, ich habe es überstanden.

Endlich ist das Leben nicht mehr vom Krebs bestimmt. Und das ist ja auch wunderbar.

Und:

Nicht einfach.

Vielmehr ist es wie eine Vollbremsung.

Alles könnte so sein wie davor, ich greife meinen All-Tag wieder auf, gehe ganz normal meinem Leben nach, mache die Dinge, die ich auch davor gemacht habe.

Ganz normal halt…

Natürlich ist es erleichternd, nicht mehr mit der Angst vor einem Rezidiv leben zu müssen, keine weiteren Therapieschritte gehen zu müssen.

Und dennoch –  da gibt es vieles, das ich vermisse.

Ich vermisse die Intensität dieser Zeit, ich vermisse die Klarheit meines Bewusstseins, das Angehobensein, die Erkenntnisflut.

Ich befürchte, dass alles in die Normalität abzusinken droht.

Ich befürchte, wieder in Verpflichtungsgefühlen zu ersticken, mich erneut für alles und jeden zuständig zu fühlen.

Und manchmal befürchte ich, dass ich mich neuerlich veräußere. Dass dieses Krebsrezidiv bloß ein weiteres Intermezzo an Selbstfürsorge und Selbstzentriertheit war, in einem sonst oftmals fremdbestimmten Leben.

Und dann  fürchte ich auch, dass das nie aufhört, dass ich nicht die Kraft habe, diese eingefleischten Muster zu transzendieren.

Dass es nie still wird, das Rasen nicht aufhört, ich die Essenz des Lebens, dieses pure Sein, von welchem ich hin und wieder gekostet habe, nicht spüren kann. Dass ich am Leben bin, ohne zu leben, dass ich die Bedürfnisse anderer erfülle, ohne erfüllt zu sein.

Den Tumor hat man mir (ab)nehmen können, das Leben habe ich zu führen. Das ist die Herausforderung.

Während die Diagnose für mich ein Geschenk war, in Fühlung zu kommen mit der Person, die leben will, so ist die Zeit danach geprägt von eben dieser Herausforderung,  dieses, mein Leben zu würdigen, es zu genießen in jedem Moment, für mich zu sorgen, und mich einfach wohl zu fühlen.

Das ist (nach wie vor) oftmals schwer.

Und nein, heute möchte ich nicht mit einem Zuversichts-fördernden Satz schließen, nur ein paar Liedzeilen von meinem verehrten André Heller seien (mir) Trost:

Weine wieder, wenn Du weinen willst.

Verzichte nicht auf die Verzweiflung.

Leiste Dir eine Mutlosigkeit,

Sabotiere die Heldin in Dir,

Tauch´ manchmal in den Rauch der Angst.

Ein Abgrund fehlt Dir doch nie.

Zum Kotzen ist doch wirklich bloß die viele falsche Sympathie.

(André Heller aus dem Lied: Das System)

Schön!

Lange habe ich mich vorbereitet, Abschied genommen von meinen beiden Brüsten, den Tag der OP sorgfältig ausgewählt, den Chirurgen gegen eine Chirurgin ausgetauscht, und dann war es soweit – ein großer Tag, an welchem ein grundlegend neuer Lebensabschnitt beginnen sollte, eine Neugeburt in ein neues Sein.

Schön war es, als mich meine beiden Lieben an jenem Dienstag vor drei Wochen ins Krankenhaus begleiteten.

Dass sie, meine liebe Tochter, „extra“ aus Montreal für die Zeit um meine OP zu mir gekommen ist, rührte mich zu Tränen.

Wie gut, dass ich die letzte, doch schwierige Nacht nicht im Spital verbringen musste. Welch´  ein komplexes System ein derartiges Krankenhaus doch ist. Für mich ist das Selbstverständliche ganz und gar nicht derart selbstverständlich. Alles ist geplant und läuft wie am Schnürchen.

Schon stand mein Zimmer bereit – wie schön!

Schnell noch Abschieds-Fotos gemacht von mir mit meinen Brüsten, dann die Schnittführung festgelegt –  „Bitte ein bisschen tiefer, damit ich auch weiter ausgeschnittene Kleider tragen kann, schließlich möchte ich ja nicht meine weibliche Ausstrahlung abgeben.“

Alles fand in aufgeregter Heiterkeit statt. Jetzt findet das statt, wovon ich mir in zahlreichen schlaflosen Nächten eine Vorstellung gemacht habe. In den Tagen zuvor war endlich der ersehnte Frieden eingekehrt, ich ging keine erneute innere Befragungsrunde mehr ab, ob das wohl eine richtige Entscheidung war.

Dieser Frieden konnte sich auch einstellen, weil ich mich nicht mehr zerstreute, die bereits konzipierten Blogbeiträge für mich behielt, wollte keine Resonanz mehr, keine weiteren Irritationen.

Nochmal in ein Kurhotel, nochmal in die Sauna als „normale“ Frau.

Da war dann bereits eine Vorfreude spürbar.

Schon bekomme ich die Wurschtigkeitspille und werde im Bett liegend in den OP geschoben.

Ich bin dem lieben Herrn Christian sehr dankbar, dass er mich zieht und nicht schiebt, sodass ich sein Gesicht sehen kann. Mir wird bewusst, wie viel Bedürfnis nach Halt durch menschlichen Kontakt wir in einer derartigen Situation haben. „Lass mich nicht allein in dieser ängstigenden, unbekannten, unvorhersehbaren Situation,  bleib´ bei mir, sichere mich über das Ansehen, das beruhigende Sprechen.“ Wie ein Anker ist das.

Schon werde ich neben meiner Vorgängerin positioniert, die lässt mich jedoch leider im Regen stehen, kein Blick, kein Wort, vielleicht hat sie ja eine höhere Dosis des Mittels bekommen.

Ich besinne mich auf meinen Atem – ein – aus – ein – aus.

Schon kommt meine liebe Chirurgin, setzt sich zu mir ans Bett und meint, dass wir eine besonders liebe Anästhesistin haben. Ja, das ist sie, nimmt meinen Kopf mit einem Halt gebenden Griff in die Hände und meint, ich möge an etwas Schönes denken –  Korsika, die Berge, das Meer, der Duft.

Und – schon bin ich wieder wach – ohne Schmerzen, ohne Übelkeit und vollkommen orientiert und siehe da, über mir an der Decke wunderbar bunte, gemalte Blumenranken.

Wie schön, mit Schönheit begrüßt zu werden.

Bin beglückt über die Liebe, die da waltet.

Ich freue mich an den Blumen im Zimmer, welche sich immer mehr öffnen, ich freue mich an der Stille im Raum, am vielen Alleinsein, und der Fürsorge und Liebe der Menschen, die mich betreuen.

Ich freue mich am innigen Kontakt zu meiner Ärztin, an dem an-erkannt werden. Ich bin unendlich dankbar, dass sie diesen meinen ungewöhnlichen Entschluss, mich auch von einer potentiell gesunden Brust zu trennen, versteht und mit trägt.

Und – ich freu mich über mein neues Aussehen. Schön ist die Narbenform. Schön ist es, dass ich einen klitzekleinen Brustansatz habe. Schön fühle ich  mich.

Schön bin ich.

Und – die, die mich kennen, wissen, dass ein derartiger Satz aus meinem Munde schier unglaublich ist.

So umhüllt ein lichter Schein die Zeit um die Operation. Das mag eigenartig anmuten, aber es war und ist eine schöne Erfahrung.

Einfach schön, das Alles!

Aus der Spur?

Diesmal ist es anders.

Das 1. Mal, als ich mit einer Krebsdiagnose konfrontiert war, lief alles wie am organismischen Schnürchen. Zumindest ist es in meiner Erinnerung so abgebildet.

Mein Organismus wusste, was nicht zu tun ist – mir die eine Brust ganz entfernen zu lassen, und mehr noch, nach State of the Art, gleich auch die zweite und die Eierstöcke dazu. Nein, das wusste ich genau, das wollte ich nicht, das war nicht dran, mit 41 Jahren, die ich damals war. Und mein Organismus wusste auch, was zu tun ist – welcher Chirurg, wann und wo und wie. (siehe dazu auch https://krebscoaching.org/eine-seite/18-2/)

Alles ging sehr stimmig und wie geführt vonstatten.

Nun, Mitte Dezember 2018 war ich zu meiner Überraschung erneut mit einem Krebsgeschehen, mit Sicherheit in einer und vielleicht auch in der 2. Brust konfrontiert.

Wieder wandte ich mich an meinen Chirurgen, nahm zunächst gar nicht an, dass er – aufgrund seines fortgeschrittenen Alters – noch arbeitete. Siehe da, es war eine Handynummer angegeben, und sogleich hörte ich seine sonore, professorale Stimme. Gleich am nächsten Tag konnte ich zu ihm kommen – „Wir behandeln ja keine Befunde, sondern Menschen, und deshalb möchte ich Sie sehen.“

Das war äußerst beruhigend, er ist noch da, ich kann zu ihm in die gute, vertraute Praxis kommen. Wie schön.

Die Wiedersehensfreude war groß, und er nahm sogleich den Prozess in die Hand, gleich morgen könne ich eine Biopsie machen lassen, der Termin sei schon mit einem kompetenten Spezialisten vereinbart.

Ja, dann mache ich das so!

Habe ich da bereits meine innere Spur verlassen, den bedächtigen (sic!!) Gang? Dass aus mir heraus, in meinem Tempo gehen, Schritt für Schritt?

Dennoch – es war gut, die Biopsie gemacht zu haben, war es doch eine Bestätigung schwarz auf weiß, was ich bereits ahnte.

Nach einem – auch von ihm empfohlenen – kleinen Abstecher bei einer plastischen Chirurgin, wonach ganz klar war, dass ich diesen schmerzenden, aufwendigen und für mich ganz und gar unsinnigen Prozess eines Brustaufbaus auf keinen Fall machen würde, musste ich meinen Chirurgen, der durch und durch Ästhet ist, und sein ganzes Leben der Erhaltung der Schönheit, wozu für ihn wesentlich die Brüste der Frau gehören, gewidmet hat, enttäuschen.

Dennoch vereinbarten wir einen Termin für Anfang März für die Ablatio beider Brüste. Dachte ich zumindest. Denn bei einem weiteren Gespräch wurde mir ganz deutlich, dass er mir zumindest die 2. Brust erhalten will, oder zumindest auch hier eine abklärende Biopsie für sinnvoll erachtet.

Meine Entscheidung ist jedoch eine andere, und so stehe ich jetzt in der unangenehmen Situation, ihm absagen zu müssen, kann ich mich doch auf eine derartige Unternehmung nur im Bewusstsein der vollen Übereinstimmung und Sicherheit, dass er diese meine Entscheidung gerne ausführt, einlassen.

Aus der Spur?

So könnte frau/man es sehen: Dass ich vielleicht die Ingredienzien, die Bestimmungsmerkmale dieser neuen, einmaligen und noch nie da gewesenen Situation nicht genügend berücksichtigt, mir und meiner Stimme nicht genügend Gehör geschenkt habe – mit Ausnahme der großen Zeitspanne zwischen Diagnose und Operation, die sich  jetzt als hilfreich erweist.

Habe ich das Alte ins Neue gebracht, wäre es notwendig gewesen, alles ganz neu und ganz anders von Anfang an wirken zu lassen, neuer Chirurg, gar kein Chirurg, aussteigen aus dem System?

Aus der Spur?

Ich könnte, ich möchte es so sehen: Diesmal ist es kein linearer Weg, mehr ein Erkunden eines Wegs wie in einem Dschungel.

Ein Weg, der sich mir im Gehen erschließt.

Ah, da geht´s lang, da sind Schritte möglich, da eröffnet sich eine Lichtung, wo ich verweilen kann, wahr-nehmend, aus mir heraus. Einem derartigen Weg haftet nicht die (Vorstellung von) Sicherheit und Klarheit an, wie bei meinem ersten Krebsweg.

Ja, und manchmal ist ein derartiger Weg unbequem. So ist es für mich, wie gesagt,  sehr unangenehm, dass ich meinem lieben Professor absagen muss.

Diese Situation habe ich mir jedoch geschaffen – so sehe ich das.

Ich habe sie mir vielleicht geschaffen, um (neuerlich) aufzustehen, um mich in meiner Wahl zu würdigen und dafür einzustehen.

Um meine Autorität nicht nur in anerkennenden Komfortzonen leben zu dürfen, sondern zu mir zu stehen in allem, was ich bin, und was für mich richtig und notwendig ist zu tun.

Mir zu gönnen, dass ich hier bestimme, was mit meinem Körper geschieht.

Und mir Raum zu geben, genau die richtigen PartneriInnen für dieses Gesamtkunstwerk meiner Heilung zu wählen.

Die wissende Lücke….

Der folgende Artikel ist erstmals im  FocusingJournal (Nr. 24, S. 20-23, 2010) erschienen. Er ist die Zusammenschrift eines Vortrages im Rahmen einer Psychoonkologietagung

Die wissende Lücke.

Zur Weisheit des Organismus im Leben mit Krebs

von Beatrix Teichmann-Wirth

Es war vor einem Jahr, im September 2008[1], als ich einer Einladung folgte, im Rahmen eines Psychoonkologie-Kongresses einen Vortrag zu halten. Ich wählte den oben genannten Titel.

Mein Vortrag sollte am letzten Tag des Kongresses stattfinden. Ich hatte in den Tagen zuvor Gelegenheit zu erfahren, wie sehr auch die Psychoonkologie – bei aller Anreicherung durch Menschlichkeit – in naturwissenschaftlichem Denken befangen ist.

Referiert wurden Ergebnisse basierend auf Untersuchungen an vielen Menschen. Die Psychoonkologie stellte sich auf diesem Kongress als eine „third person science“ dar, wie Gendlin all jene Wissenschaften bezeichnet, in denen die Person, das Subjekt, herausfällt. Dabei habe ich, inspiriert durch die Lektüre des Buches „Focusing und Philosophie“ (Wiltschko, 2008) die „Person“ vermisst.

Es war eine große Herausforderung, mich als diese „Erste Person“, die selbst von der Diagnose Krebs zweimalig betroffen war, zu zeigen. Der vorliegende Beitrag ist eine Abschrift meines Vortrages. Über große Strecken habe ich den Wortlaut des Gesprochenen beibehalten, um der Lebendigkeit des Moments Rechnung zu tragen.

Heute morgen, als ich mich entschieden hatte, zu Hause zu bleiben, um mich noch auf meinen Vortrag vorzubereiten, erhielt ich eine SMS von Birgit Konteh, einer Freundin und Mitreferentin: „Deinem Thema gemäß musst du dich wohl ganz persönlich heute der ‚Lücke’ aussetzen, um wissend zu werden – eine Absicherung gibt es nicht…“

Das hat mich sehr berührt. Eigentlich wäre es ja wirklich konsequent, jetzt die Situation hier zu „beantworten“. Das bräuchte Mut – Mut mir meine Zeit zu nehmen, auch wenn sie die mir zugestandenen 20 Minuten überschreitet; Mut für gute Bedingungen zu sorgen, also beispielsweise die Sessel umzustellen und mich um einen guten Platz zu kümmern; es bräuchte Mut zur Blöße, mich nicht hinter meinen Konzepten und Vorstellungen zu verstecken. Es bräuchte Mut, zu verzichten – darauf zu verzichten, alles, was ich an Gescheitem vorbereitet habe, auch vorzubringen. Letztlich bräuchte es Mut, dem Prozess zu folgen.

Durch all das ist auch ein krebskranker Mensch herausgefordert – mit der Notwendigkeit, für sich zu sorgen, und dem Mut, für sich einzutreten und oftmals auch Tabus zu brechen, wenn man die engen Grenzen der Konvention sprengt.

Und zuallererst bräuchte es Vertrauen – Vertrauen, dass alles da ist.

Ja, das bräuchte es jetzt: mich dieser wissenden Lücke auszusetzen, es darauf ankommen zu lassen, was sich jetzt offenbaren will – und – ich fühle, dass ich mich das jetzt gar nicht so ganz traue in diesem Kreis der vielen klugen Menschen.

So will ich sanft-mütig sein, mir und dem Ganzen Genüge tun und das geben, was mir jetzt angemessen erscheint.

So will ich im Sinne des Vortragstitels die noch verbleibenden Wissenslücken nicht mit Inhalten „stopfen“, sondern die „wissende Lücke“ offenhalten und in der Öffnung eines Erfahrungsraumes die Möglichkeit geben, mit diesem Wissen, das hinter einem vermeintlichen Unwissen liegt, in Berührung zu kommen.

Ich möchte Sie also einladen, mir mit einem – ich nenne es – „Ganzkörperohr“ zuzuhören.

 

Von einem inneren Ort

Der Ort, von dem aus ich spreche, ist ein innerer Ort. Es ist ein Platz, an dem ich jetzt, nach 10 Jahren Leben mit Krebs, angekommen bin. Das, was ich sage, gründet auf intensiver Selbsterforschung in dieser Zeit. Ich sage es im Vertrauen darauf, dass, wie Carl Rogers sagte, das Persönlichste das Allgemeinste ist.

Ich spreche auch von einem Ort, der meiner Krebserkrankung sehr dankbar ist, weil sie mir ermöglicht hat, mich auf den Weg zu machen und herauszufinden, dass es ein Leben hinter dem Erfüllen von Ansprüchen und äußeren Bewertungen gibt, mein Leben neu auszurichten nach diesem unsicheren und doch so ganz sicheren inneren organismischem Wissen.

 

Zwei „Felt Shifts“ – zwei Entscheidungen

Der Ausgangspunkt meiner Erkenntnisse über das Vorhandensein eines umfassenderen Wissens waren zwei Erfahrungen im Zuge meines Krebs-Ganges: Die erste Diagnose war zunächst ein großer Schock, der massive Angst in mir auslöste. Zugleich bemerkte ich, dass mein Bewusstsein angehoben war, sich mein Blick weitete und ich plötzlich sehr klar wusste, was jetzt zu tun ist. Diese unerschütterliche Gewissheit war mir unerklärlich, aber sie sagte mir unmissverständlich: „Ja genau, das tue ich jetzt. Von diesem Chirurgen lasse ich mich operieren, zu diesem Zeitpunkt, in diesem Krankenhaus.“

Die zweite eindrückliche Erfahrung: Nach der zweiten Brustkrebsdiagnose und im Zuge der starken unvorhersehbaren Nebenwirkungen der Bestrahlung erkannte ich, diesmal während meiner täglichen Meditation und wieder zweifelsfrei, eindeutig, mit absoluter Gewissheit, dass es darum geht, meine psychotherapeutische Praxis zuzusperren – was ich dann auch für eineinhalb Jahre tat.

Beide Erkenntnisse waren körperlich stark spürbar, im Sinne einer Öffnung, einer Erdung, so wie ein Ruck nach unten durch den Körper. Eugene Gendlin, nennt das „felt shift“.

Es gibt also etwas, das mehr weiß als ich, und dieses Etwas äußert sich, wenn ich ihm Raum gebe, in spürbaren körperlichen Reaktionen.

 

Die zweifache Realität

Im Hinblick auf die Realität einer Krebsdiagnose sind zwei Aspekte bedeutsam:

Durch den Einbruch der Diagnose in die Lebensrealität, in das Festgefügte, das immer schon so Gewusste eröffnet sich eine Lücke, und durch diese Lücke scheint ein Bewusstseinslicht – wenn es gelingt, sie offenzuhalten, ihr Raum und Zeit zu geben und somit hinter die Angst, die Wut, die Verzweiflung, das Anklagen und Hadern zu gelangen.

Das ist die eine Realität: die Eröffnung eines nicht determinierten, freien, offenen Bewusstseinsfeldes.

Die zweite, ebenso wesentliche Realität ist die äußere: die Reaktionen der Angehörigen in ihrer verständlichen Angst und Sorge, aber auch die Zugangsweisen der Betreuer, der Ärzte, die die Diagnosen mitteilen, und all der Betreuungspersonen, die rund um die Diagnosestellung an den Patienten herantreten.

Da gibt es also eine Lücke, einen Einbruch in das Strukturgewordene durch die Diagnose, ein, wenn auch erschrecktes Erwachen. Und dann gibt es eine Maschinerie, einen Ablauf, der eigenen Gesetzen folgt und der aus sich heraus erklärt auch verständlich ist.

Der von einer Krebsdiagnose betroffene Patient wird mit einer Vielzahl von Informationen konfrontiert, er ist vielen für ihn unbekannten Situationen ausgesetzt, und dies alles oftmals unter großem Zeitdruck. „Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit!“, ist eine der wesentlichen Botschaften. Alles drängt, zwingt, verengt.

Was bewirkt das? Die Lücke, gerade geöffnet, schließt sich erneut, und der Mensch kommt im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr vor.

Beim Schreiben merke ich, wie ich mich eingeladen fühle zu werten: „Ja, aber das ist doch auch notwendig und das muss man ja von ärztlicher Seite auch so machen“. Das ist es gerade, was ich vermitteln möchte: dass es hier nicht um ein Entweder-Oder geht.

Was ich sagen möchte, ist: Da gibt es ein tieferes, höheres Wissen darüber, was gut und heilsam für mich ist und welche Menschen, Orte, Behandlungsmaßnahmen von meiner Seele begrüßt werden. Dieses Wissen ist, so behaupte ich, in jedem Menschen vorhanden.

 

Mein „Spür-Wissen“ weiß mehr als ich

Dieses Wissen ist ein aus dem Körper Kommendes, es ist ein Spür-Wissen. Es ist der „Felt Sense“, dieser im Körper gefühlte Bedeutungsgehalt, der immer abrufbar ist. Man kann es auch Körperintelligenz nennen oder organismische Weisheit, zelluläres Wissen, Lücke des Impliziten, Intuition oder gefühltes Wissen.

Es ist ein Wissen, das über das, was ich weiß, hinausreicht. Es ist neu, noch nie gedacht, überraschend und ganz gewiss. Es ist ein Wissen, dass alle Umstände, alle Fakten, alle relevanten Bezüge einschließt. Es schließt die vergangenen Erfahrungen ebenso ein, wie auch die weiterführenden Schritte, die mein Leben auf „richtige“ Weise fortsetzen.

Wie Gendlin sagt: „Der Felt Sense hat in sich implizit eine ganze Menge Verbindungen“ (in Wiltschko 2008, S. 88). Carl Rogers (1959/1987) nennt dies „organismische Bewertung“ – im Gegensatz zur Bewertung, die aufgrund von Konzepten und äußeren Bewertungskriterien erfolgt.

Mein Organismus weiß, und er weiß mehr als Ich.

 

Innehalten, um sich zu spüren

Damit sich dieses Wissen entfalten kann, braucht es zuallererst Zeit-Räume – „Frei-Raum“ wird das im Focusing genannt. Ein Verweilen mit dem, was jetzt ist. Und das ist ja auch ganz natürlich. Wenn wir uns verirren, wenn unsere Landkarte des Lebens nicht mehr gilt, wie das bei einer Krebsdiagnose der Fall ist, halten wir zunächst an, wir halten inne, wir folgen sodann unserer Intuition.

Es gilt also, den Menschen einzuladen innezuhalten, mit sich in Fühlung zu kommen, sich in seiner inneren Antwort auf die Komplexität der Situation wahrzunehmen. Diese Antwort wird sich vielleicht nicht sofort einstellen, und dann ist sie da, diese Lücke des vermeintlichen Unwissens.

„Wenn man eine ganz komplizierte Situation hat, die noch nie jemand ganz genau so gehabt hat, und daher das, was in der Blaupause vorgesehen ist, nicht mehr passt – es geht nicht mehr, so wie gewohnt weiterzuleben, und das, was geht, weiß man noch nicht; der Atem ist angehalten und dann impliziert der Körper einen nächsten Schritt. Der ist so wie Ausatmen. Und doch ist er ganz neu“ (Gendlin in Wiltschko 2008, S. 119).

Wir sind nicht gewohnt, unser Inneres, unseren Körper zu befragen. Wir versuchen viel eher, über Gedanken und innere Dialoge herauszufinden, was richtig ist zu tun.

 

Verweilen im Un-ge-wissen

Verweilen im Ungewissen braucht Vertrauen, Vertrauen eben in jenes dahinterliegende Wissen. Gendlin sagt einen schönen Satz: „Es ist immer jemand drinnen“ (in Wiltschko 2008, S. 136).

Da ist immer jemand drinnen hinter dem Krebs, im Krebs, um den Krebs herum. Und diese Person, dieser Mensch, den gilt es aufzusuchen, dieses Ich, das den Krebs hat. Oft scheint es so, als ob nur der Krebs da wäre oder nur die Gefühle zu der Diagnose.

Krebs jedoch war zumindest für mich eine wunderbare Möglichkeit zu erfahren, dass ich mehr bin als meine Geschichte, meine Rollen, meine Definitionen, meine Beziehungen, mein Beruf, mein Determiniert­sein, und selbst mehr als meine Erkrankung. Dahinter, darüber hinaus, darunter bin ich, wer ich wesenhaft bin.

 

Was braucht das von uns Betreuern/­Therapeuten/Ärzten?

Zuallererst die Bereitschaft, mit sich in Fühlung zu kommen, ebenso innezuhalten, mir meiner Gefühle, meiner Gedanken, meiner Konzepte zu dieser Diagnose dieses Menschen bewusst zu sein. Das ist nicht analytisch zu erfassen, sondern nur im Wahrnehmen des Felt Sense, dieses körperlichen Gespürs über das Ganze, über die ganze Situation zu erfahren.

Es braucht sodann eine Bereitschaft, sich dem Kontakt jetzt zu öffnen, in Verbindung mit diesem betroffenen Menschen zu treten und mich von ihm anstimmen zu lassen, jetzt, im Bewusstsein, dass es nicht meine Gefühle sind, sondern die des Patienten, welche ich über meine „organismische Resonanz“, wie Wiltschko (1992) es nennt, über diese tiefe körperliche Empathie in mir wahrnehme. Wilhelm Reich (1948/1989) nannte das „vegetative Identifikation“.

Dann ist es möglich zu spüren, ob der Patient die Behandlungsmethode ablehnt, weil er aufgrund von Mitteilungen oder Vorurteilen Angst vor ihr hat, oder weil dieses tiefe Etwas in ihm weiß, dass sie ihm nicht zum Heil gereicht. Dies gilt es auszuhalten – auch im Wissen, dass das Ja des Patienten zur Therapie ein heilsamer Faktor ist (Teichmann-Wirth, 2002).

Angereichert durch die fachlichen Informationen kann sodann ein Kreuzen stattfinden zwischen dem Felt Sense und den relevanten Fakten. Und auf dieser ganzheitlichen Basis kann dann das Verhalten „implizit gesteuert“ sein[2].

 

Der nächste kleine Schritt

Eigentlich ist alles ganz einfach. Es fängt ganz basal und damit banal anmutend an. Es ist wie mit dem Sitzen auf diesen Sesseln hier im Raum. Da gibt es einen Sessel, der mich mit seinen Lehnen begrenzt, und es gibt eine Freiheit, eben in dieser Begrenzung die jetzt stimmigste Haltung einzunehmen. Jene Haltung, die ein gesamtorganismisches Ausatmen auslöst: Ja, genau so ist es richtig. Das ist die Freiheit in der Determiniertheit.

Gendlin sagt, der Körper impliziert den nächsten Schritt. Dieser nächste Schritt trägt den Lebens-Prozess weiter; das ist ganz selbstverständlich, weil das Leben das so will oder, um mit Gendlin zu sprechen: „Das Ziel ändert sich, aber dass man leben will, ändert sich nicht. Es will leben, von Anfang an“ (in Wiltschko 2008, S. 120).

Krebskranke Menschen sind oft mit einer Vielzahl von Ratschlägen konfrontiert und auch mit der angstgetönten Überzeugung, dass sie ihr Leben zu ändern haben und zwar radikal und sofort. Das ist oft nicht zu machen.

Aber was ich tun kann, ist, zunächst dieses Nicht-mehr-weiter-Wissen, diese Lücke zu würdigen, sie da sein zu lassen und mich dann zu fragen, was ein guter nächster, vielleicht kleiner Schritt wäre.

Mit jedem kleinsten angemessenen, guten Schritt bekräftigen wir unsere Lebenskompetenz und fördern eine lebensbejahende Qualität. Um mit Le Shan (1989) zu sprechen: All diese Schritte sind wie Noten unserer Lebensmelodie, einer Melodie, die wir so vielleicht noch nie vernommen haben und in der immer wieder neue Harmonien, Obertöne und Bassstimmen hinzukommen, die aber immer unsere ureigenste Melodie ist.

In all der Endlichkeit, die uns im Leben mit Krebs so bewusst wird, eröffnet der gute Schritt, das „stimmige Jetzt“ ein zeitloses Fenster, in welchem die zeitliche Grenze unbedeutend wird.

Es ist eine große Herausforderung für den (psychotherapeutischen) Begleiter, immer wieder für die Bedingungen zu sorgen, die ermöglichen, dass die nächste Gedichtzeile im Leben des von Krebs betroffenen Menschen geschrieben werden kann. Dies erfordert eine Würdigung des Stockens, eine Würdigung des Steckenbleibens und des Noch-nicht-Wissens. Es erfordert Vertrauen. Vertrauen in dem von meinem Lehrer Michael Smith ausgedrückten Sinn, der einmal zu mir sagte: „Life is bigger than you.“ Letztlich geht es um ein tief verankertes Wissen, dass das Leben nicht mit dem Tod des Körpers endet, sondern sich immer weiter über den physischen Tod hinaus fortsetzt, sich weiter-lebt.

 

Literatur

Le Shan, L. (1989). Diagnose Krebs. Wendepunkt und Neubeginn. Stuttgart: Klett-Cotta

Reich, W. (1948/1989). Charakteranalyse. Köln. Kiepenheuer&Witsch

Rogers, C.R. (1959/1987). Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Entwickelt im Rahmen der des klientenzentrierten Ansatzes. Köln. GwG

Teichmann-Wirth, B. (2006). Von der Seele begrüßt. Das Ja zur Therapie als heilender Faktor. Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (Hrsg.), Mitteilungen der Sanitätsverwaltung, 107, 11, 9-13

Teichmann-Wirth, B. (2008 ). (M)eine Krebserkrankung. Eine personzentrierte Wegbeschreibung. In M. Tuczai, G. Stumm, D. Kimbacher & N. Nemeskeri (Hrsg.). Offenheit und Vielfalt. Wien: Krammer

Wiltschko, J. (1992). Von der Sprache zum Körper. Focusing Bibliothek. Bd 2. Würzburg: DAF

Wiltschko, J. (Hrsg.) (2008). Focusing und Philosophie. Eugene T. Gendlin über die Praxis körperbezogenen Philosophierens. Wien: Facultas

 

 

 

 

 

[1] Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Psychoonkologie (ÖGPO) vom 3.-6.9. 2008 in Baden bei Wien

[2] „Kreuzen“ und „implizit gesteuert“ sind zwei Termini in Gendlins körperbezogener Philosophie (siehe Wiltschko 2008, S. 102ff)

Mein Krebs ist kein böser….

Bösartig nennt man gemeinhin die Krankheit Krebs.

Bösartig, schädlich und zerstörerisch. Er gilt als der Feind im Inneren, von dem eine existentielle Bedrohung ausgeht. (Siehe dazu auch das wunderbare Buch von Susan Sontag „Krankheit als Metapher).

Überhaupt wird so getan, als gäbe es diesen einen Krebs, dessen Gesetzmäßigkeiten über alle individuellen Bedingungen hinweg sich unweigerlich in immer der gleichen, letztlich todbringenden Art vollziehen.

Dem steht gegenüber, dass Krebs nicht eine Krankheit ist, und die Erfahrung zeigt, dass es selbst bei ein und demselben Krebs und ein und derselben Behandlung und ein und derselben Prognose, verschiedene Ausgänge gibt.

Diese Konnotation von Krebs hat weitreichende Folgen. Es ist der bewusstseinsmäßige Boden, auf den eine Krebs-Diagnose fällt, ein Boden, der irrational, undifferenziert einen unheilvollen Weg vorzeichnet, wo das Schicksal von vornherein besiegelt scheint. Die natürliche Reaktion ist verständlicherweise eine Abwehr, eine Wegbewegung, ein Wegsehen, ein Weghaben wollen –  so schnell wie möglich.

Nein, bösartig ist er nicht, mein Krebs. Schon im Ultraschall schaut er nicht aggressiv aus. Ja, da sind einige graue Schleier, wo es, wenn es eine harmlose Zyste wäre, ganz schwarz sein müsste. Das ist eine Andeutung, ein An-Zeichen.

Er, mein Krebs, lädt mich ein, hinzuschauen auf das, was nicht in Ordnung ist, was eine Eigendynamik entwickelt hat, etwas, was sich aus dem Ganzen herausgelöst hat.

Nein, (noch) wuchert er nicht, nein, noch überschreitet er nicht Grenzen und dringt  ins umliegende Gewebe. Er ist in situ – „unmittelbar am Ort“.

Still zeichnet er, wie man diesen Prozess nennt:  „Schau hin“, sagt er mir, „was aus der Ordnung gefallen ist, was in Deinem Leben wuchert, wo Du das ordnende Zentrum verloren hast, wo Du die Verbindung zur inneren (spirituellen) Heimat verloren hast, die Wurzeln, das Stillsein, wo zu viel Aufruhr, Veräußerung, Ent-Fremdung, Peripherie und Ent-Eignung stattfindet.

„Hej, da gibt es einen Prozess“, sagt er mir, „um den solltest Du Dich kümmern.“ Und das ist eigentlich ganz einfach – nichts Großes, in der Zukunft liegendes.

Step by Step: Informationen einholen, die wissende Lücke offen lassen, mit Allem sein, was stattfindet, mit den Emotionen, den Up and Downs, den Gewissheiten und Unsicherheiten, all die Therapieoptionen bewegen, sie vor-kosten, gleich-gültig da sein lassen, sich von Drängern entfernen, zu mir kommen, mich in meiner Antwort auf diese Situation wahrnehmen, auch die vielen Konzepte, dass ich eine bestimmte Maßnahme auf keinen Fall ergreifen darf, oder eine andere auf jeden Fall machen muss.

Dann der organismischen Wahl Gehör schenken, diesem Ja meiner Seele, wo sich mein Inneres weitet und ein Interesse an der Erfahrung, die ich mit dieser Therapiewahl machen werde, spürbar ist.

Und dann die Erfahrung machen, sie sodann verdauen und integrieren, mir Zeit und Raum nehmen, ungestört, so lange, wie es braucht.

Und dann freudig den nächsten Lebens-Schritt tun, welcher er immer ist.

So gibt uns das Leben die Richtung vor.

Und der Krebs, mein Freund, ist dabei eine Wegmarke.

 

P.S. Zur wissenden Lücke siehe meinen Artikel (2010). Die wissende Lücke. Zur Weisheit des Organismus im Leben mit Krebs. In FocusingJournal Nr. 24, S. 20-23).

 

 

Taumel Taumel….klingelingling

Welch´ eine Zeit! Keine Spur von der viel gerühmten Besinnlichkeit und Stille.

Ein Rauschen und Tosen ist das seit dem ersten Krebsverdacht, einen Tag vor meinem Geburtstag.

Seit dem geht´s rund.

Mein ohnedies schon zur Aufregung neigendes Nervensystem ist außer Rand und Band.

Ja, ich weiß, grad dann sollte ich keinen Kaffee trinken, nicht mal einen einzigen. Besänftigende Kräutertees wären da indiziert. Stattdessen nütze ich jede Gelegenheit  – Untersuchung, Befund abholen, Bewilligung hinbringen, um mich in das nette Kaffee Franze http://xn--kaffeersterei-omb.wien/am Rande des Kutschkermarkts zu setzen.

Wie eine Oase ist das, und da könnte ich mir gleich einen zweiten bestellen, was ich natürlich dann doch nicht tue.

Ich sollte vieles tun oder nicht tun, wenn ich meinen Ansprüchen gerecht werden will. Natürlich meine Yoga-  und Meditationspraxis konsequent fortsetzen, wie ich es über Jahrzehnte getan habe. In die Stille gehen käme jedoch einer Vollbremsung eines Lastwagens gleich, und so mache ich das jetzt mal nur, wenn es mich wirklich danach verlangt.

Und dann ist es gut und besänftigend, aber nicht, wenn ich gleich einen neuen, mich stressende Auftrag draus mache – dass ich das jetzt wirklich wieder regelmäßig aufgreife, weil es mir doch gut tut.

Auch sollte ich natürlich weiterhin Sport machen, und manchmal zieht es mich auf den Rathausplatz, um meine Runden am Eis zu ziehen. Oft bleibe ich jedoch lieber zuhause, wo kein Wind und die Masse der Menschen mich noch mehr durcheinander bringt.

Ja, da gibt es so einiges, was nicht meinen hehren und auch wohl erprobten Anforderungen an mich gehorcht.

So ist das jetzt.

Sehr anders ist es, als es bei den letzten beiden Malen war, als ich mit einer Krebsdiagnose konfrontiert war, und ich spüre auch eine leise Enttäuschung (über mich) und ein Bedauern, dass es mich diesmal nicht sogleich an diesen inneren Ort bringt, wo es still und zentriert ist.

Diese Vor-Stellung, dass es so sein muss, damit es heilsam ist, möchte ich jetzt einmal hingeben und mich dem (jetzt halt reißenden) Strom der Erfahrung überlassen – im Vertrauen, dass alles gut ist, so wie es ist, wenn man es da sein lässt, oder wie mein lieber Lehrer Michael Smith sagte: „Life is bigger than you“ – sowieso.

So will ich jetzt aufstehen, vielleicht den Sauhaufen am Schreibtisch beseitigen, dann vielleicht einen Kaffee trinken, den restlichen Teig zu Vanillekipferl formen – sehr beruhigend! – und dann weitersehen, was ich bis zum heutigen nachmittäglichen Termin bei der Chirurgin noch mache – vielleicht doch raus in die Sonne gehen?

Ode an die Begeisterung!

Be-Geist-erung – vom Geist erfasst, durchgeistet. Alles hebt sich an, ich bin ergriffen, habe die Niederungen des Bedrücktseins und der Materie verlassen.

Begeisterung ist auch mit Freude verbunden und damit, dass sich mir  in der Tiefe ein Sinn erschließt.

Es ist, wie wenn sich die vom Himmel trennende Decke hebt. Frei strömt das Himmelslicht herein und mein Seelenlicht aus mir heraus.

Begeisterung bringt man nicht unbedingt mit einer Krebserkrankung in Zusammenhang. Da ist es oft die Verzweiflung, die Wut, vor allem die Angst, von welcher gesprochen wird.

Und doch – liest man die Heilungsgeschichten in den wunderbaren Büchern von  Kelly Turner, Hirshberg und Barasch oder auch die von Thomas Hartl herausgegebenen Bücher (https://krebscoaching.org/buchempfehlungen/bucher/), in welchen ungewöhnliche Heilverläufe beschrieben werden, dann fällt auf, dass viele dieser Menschen nicht wie die Opferlämmer durch die Therapien gegangen sind, verzagt und ängstlich und nur der dringenden Empfehlung des Arztes gehorchend, ohne selbst voll nachvollziehen zu können, warum genau diese Therapie genau zu diesem Zeitpunkt notwendig ist.

Es zeigt sich vielmehr, dass sie (freudig!) und mit großem Engagement an die Umsetzung der als heilsam erkannten Maßnahmen heran gingen. Ja sie waren mit Begeisterung dabei – sei es bei einer tiefgreifenden Nahrungsumstellung, beim Einschlagen eines spirituellen Weges, bei sportlichen Aktivitäten, weil etwas in ihnen die Sinnhaftigkeit dieser Handlungen erkannte.

Es mag eine gewagte These sein: Aber genau um diese Begeisterung, auf der Basis eines tiefen Erkennens der Sinnhaftigkeit geht es auch bei schulmedizinischen Therapien.

Es geht um das tief empfundene Verstehen der Wirksamkeit dieser Therapie für mich. Dann kann ich auch Freude und ja auch Be-Geist-erung empfinden, weiß ich doch, dass es hilfreich und heilsam ist.

Das Ergriffenwerden von großen Emotionen wie Dankbarkeit, Freude, Freiheit und einer generellen Berührtheit scheint ein wesentliches Element der Heilung zu sein. Dispenza schreibt in seinem wertvollen Buch „Du bist das Placebo“, wie wesentlich es ist, dass Erkenntnisse (z.B. über die geeignete Therapiewahl) oder Vorstellungen (über Heilungsprozesse) nicht nur intellektueller Art sind, sondern auch emotional spürbar werden, weil nur dann die für die Veränderung wesentlichen Bereiche im Nervensystem bzw. im Gehirn aktiviert werden.

Ebenso wesentlich scheint die Aktivierung von tranceähnlichen Bewusstseinszuständen zu sein, wie das durch Visualisierungen (siehe Simonton –https://krebscoaching.org/buchempfehlungen/bucher/) aber auch durch das Hören von Musik beziehungsweise auch durch schamanisches Trommeln möglich ist.

Als ich vor ca. einem Jahr an einem Seminar von Joe Dispenza in Wien teilnahm, konnte ich im Zuge der Meditationen, welche alle mit emotional berührender,  bombastischer Musik befeuert wurden, erkennen, wie wesentlich es ist, in einen Bereich des Bewusstseins zu kommen, wo ich berührt bin, wo ich spüren kann, dass es sich sozusagen auszahlt am Leben zu bleiben, wo ich mich in meiner Sehnsucht, in meiner Größe und Inspiration fühlen kann.

Das liegt nicht in trockenen, intellektuellen Vorstellungen über meine Berufung, meine Aufgabe, meinen Lebenssinn. Derartige Fragen sind im Übrigen oftmals eine große Belastung für Menschen, weil sich dieser Sinn nicht aus der kognitiven Ebene erschließt, und sie sich angstgetönt mit diesen Fragen quälen – wird doch gesagt, dass ihr Leben an der Verwirklichung dieses einen großen Lebenssinns hängt.

Nein, das ist nicht nur eine kognitive Idee, das ist eine gefühlte Erinnerung an meinen Daseinsgrund.

In diesen Bewusstseinssphären spüre ich eine Übereinstimmung mit mir selbst,  meine Tönung, meinen Klang, mein ureigenstes Sein. Und das begeistert.

Bei mir geschieht das zum Beispiel, wenn ich großen Geistern zuhöre, die Neues denken, die selbst von etwas ergriffen sind, oder wenn es aus mir heraus schreibt,  im Tanzen, vor allem über die Musik.

Es geschieht, wenn etwas, das größer ist als ich, mich ergreift. Das hebt mich an.

„Dann bin I ka Liliputaner mehr, I wochs, I wochs…“ sagt Andre Heller in einem seiner wunderbaren Lieder.

Zutiefst berührt bin ich dann, die Brust weitet sich, Tränen fließen, aufstehen möchte ich, was Gutes tun, schon fühle ich mich ganz und gar heil und schöpferisch.

Ich könnte jetzt unendlich viele Musikbeispiele anführen –  Monteverdis Marienvesper, Händel, Gluck, Bach, Schuberts Streichquintett, mein geliebter Beethoven, ein Meister der großen Töne, Mozart immer und überall, Mumford&Sons, Estas Tonne mit seiner radikalen Hingabe, Elvis Presley mit seiner Herzensstimme, um nur einige zu nennen.

Heute möchte ich Euch zwei Lieder von einem Begeisterten mitgeben – Konstantin Wecker. Er hat mich wahrlich schon aus so mancher Depression gerettet.  DANKE! https://www.youtube.com/watch?v=PA6tWxfemIk Da geht bei Minute 3.30 die Post ab und https://www.youtube.com/watch?v=q5LS6YyLVAA –  eine gute Ermutigung gegen das Still- und Angepasst sein.

Was begeistert Dich?