Von der Seele begrüßt….

Der von einer Krebsdiagnose betroffene Mensch steht vor einer Vielfalt an lebenswichtigen Entscheidungen – Operation, Chemotherapie, Bestrahlung…., oder aber ein alternativmedizinischer Weg.

Es stehen Entscheidungen über die Arztwahl, das Krankenhaus, die Wahl des richtigen Zeitpunkts an. Leider wird bisweilen bereits bei Diagnosestellung ein großer Druck ausgeübt („Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit“).  Das birgt die Gefahr, dass der Mensch (neuerlich) fremdbestimmt und überfordert wird.

Auch weiß man aus traumatherapeutischen Untersuchungen, dass im Schockzustand unsere kortikalen Aktivitäten herabgesetzt sind. Damit ist die Fähigkeit zu einer differenzierten, alles berücksichtigenden Urteilsfähigkeit eingeschränkt, vielmehr dominieren Überlebensmechanismen.

Eine so getroffene Entscheidung ist aus der Angst geboren, und wie Cecily Corti einmal bei einem wunderbaren Vortrag meinte, „wenn die Angst den Geist besetzt, schwächt dies“.

Auf der anderen Seite – das ist meine Erfahrung –  scheint es, dass sich durch die Erschütterung, durch diesen Einbruch in unser als sicher geglaubtes Fundament so etwas wie ein Himmelsfenster auftut, durch das Bewusstseinslicht hindurch scheint, und ich zu einer tieferen oder höheren Ebene meines Seins (Selbst) Zugang bekomme. Und hier ist alles nötige Wissen vorhanden. Ich habe dies einmal in einem Vortrag „die wissende Lücke“  genannt.

Dieses Wissen ist ein aus dem Körper Kommendes, es ist ein Spür-Wissen.  Man kann es auch Körperintelligenz, zelluläres Wissen, organismische Weisheit oder Intuition nennen.

Es ist ein Wissen, das über das, was ich weiß, hinausreicht. Es ist neu,  bisweilen sehr überraschend und ganz gewiss. Es schließt die vergangenen Erfahrungen ebenso ein, wie auch die weiterführenden Schritte.

Damit sich dieses Wissen entfalten kann, braucht es zuallererst Zeit-Räume – „Frei-Raum“ wird das im Focusing genannt. Ein Verweilen mit dem, was jetzt ist. Und das ist ja auch ganz natürlich. Wenn wir uns verirren, wenn unsere Landkarte des Lebens nicht mehr gilt, wie das bei einer Krebsdiagnose der Fall ist, halten wir zunächst an, wir halten inne, wir folgen sodann unserer Intuition.

Es gilt also, den Menschen einzuladen innezuhalten, mit sich in Fühlung zu kommen, sich in seiner inneren Antwort auf die Komplexität der Situation wahrzunehmen. Diese Antwort wird sich vielleicht nicht sofort einstellen, aber es gilt diese Lücke des vermeintlichen Unwissens offen zu halten.

„Wenn man eine ganz komplizierte Situation hat, die noch nie jemand ganz genau so gehabt hat, und daher das, was in der Blaupause vorgesehen ist, nicht mehr passt – es geht nicht mehr, so wie gewohnt weiterzuleben, und das, was geht, weiß man noch nicht; der Atem ist angehalten und dann impliziert der Körper einen nächsten Schritt. Der ist so wie Ausatmen. Und doch ist er ganz neu“, sagt mein verehrter Eugene Gendlin.

Wenn wir also unseren Körper, unser Inneres befragen, ist die Therapiewahl von der Seele begrüßt, wie ich einmal einen Vortrag nannte. Sie ist entschieden nicht allein aufgrund von Fakten, Prozentzahlen, Heilungsquoten, Vernunftgründen, sondern dies alles einschließend. Die alles einschließende Entscheidungs-Kraft ist genau in der Mitte von allem, un-bedingt, alle Bedingungen berücksichtigend, jedoch nicht in der Vereinzelung sondern in ihrer Ganzheit, vor sich hingelegt, betrachtet, wieder weiter weggestellt, sodann im rechten Abstand, sodass nicht eins vor dem anderen hervor sticht und den Seelenblick verstellt.

Und dann – wenn ich mich nicht einmische, dann offenbart sich ein tieferes, vielleicht höheres Wissen, das da sagt, „auch wenn ich es vielleicht nicht begründen kann rational, so weiß ich, so weiß etwas in mir, dass es richtig ist.“ Ja genau, das mach´ ich und dann spüre ich  diesen „felt shift“, wie Gendlin, der Focusing Begründer diesen organismischen Ruck nennt, wenn etwas als wahr erkannt wird. Ja genau, Bestrahlung jetzt, dort an diesem Platz. Und dann ebnen sich Wege, Termine stehen bereit, ohne Kampf, einfach so…

Und die Therapie jetzt von mir mit meinem organismischen Ja unterstützt entfaltet ihre heilsame Wirkung.

Ode an die Begeisterung!

Be-Geist-erung – vom Geist erfasst, durchgeistet. Alles hebt sich an, ich bin ergriffen, habe die Niederungen des Bedrücktseins und der Materie verlassen.

Begeisterung ist auch mit Freude verbunden und damit, dass sich mir  in der Tiefe ein Sinn erschließt.

Es ist, wie wenn sich die vom Himmel trennende Decke hebt. Frei strömt das Himmelslicht herein und mein Seelenlicht aus mir heraus.

Begeisterung bringt man nicht unbedingt mit einer Krebserkrankung in Zusammenhang. Da ist es oft die Verzweiflung, die Wut, vor allem die Angst, von welcher gesprochen wird.

Und doch – liest man die Heilungsgeschichten in den wunderbaren Büchern von  Kelly Turner, Hirshberg und Barasch oder auch die von Thomas Hartl herausgegebenen Bücher (https://krebscoaching.org/buchempfehlungen/bucher/), in welchen ungewöhnliche Heilverläufe beschrieben werden, dann fällt auf, dass viele dieser Menschen nicht wie die Opferlämmer durch die Therapien gegangen sind, verzagt und ängstlich und nur der dringenden Empfehlung des Arztes gehorchend, ohne selbst voll nachvollziehen zu können, warum genau diese Therapie genau zu diesem Zeitpunkt notwendig ist.

Es zeigt sich vielmehr, dass sie (freudig!) und mit großem Engagement an die Umsetzung der als heilsam erkannten Maßnahmen heran gingen. Ja sie waren mit Begeisterung dabei – sei es bei einer tiefgreifenden Nahrungsumstellung, beim Einschlagen eines spirituellen Weges, bei sportlichen Aktivitäten, weil etwas in ihnen die Sinnhaftigkeit dieser Handlungen erkannte.

Es mag eine gewagte These sein: Aber genau um diese Begeisterung, auf der Basis eines tiefen Erkennens der Sinnhaftigkeit geht es auch bei schulmedizinischen Therapien.

Es geht um das tief empfundene Verstehen der Wirksamkeit dieser Therapie für mich. Dann kann ich auch Freude und ja auch Be-Geist-erung empfinden, weiß ich doch, dass es hilfreich und heilsam ist.

Das Ergriffenwerden von großen Emotionen wie Dankbarkeit, Freude, Freiheit und einer generellen Berührtheit scheint ein wesentliches Element der Heilung zu sein. Dispenza schreibt in seinem wertvollen Buch „Du bist das Placebo“, wie wesentlich es ist, dass Erkenntnisse (z.B. über die geeignete Therapiewahl) oder Vorstellungen (über Heilungsprozesse) nicht nur intellektueller Art sind, sondern auch emotional spürbar werden, weil nur dann die für die Veränderung wesentlichen Bereiche im Nervensystem bzw. im Gehirn aktiviert werden.

Ebenso wesentlich scheint die Aktivierung von tranceähnlichen Bewusstseinszuständen zu sein, wie das durch Visualisierungen (siehe Simonton –https://krebscoaching.org/buchempfehlungen/bucher/) aber auch durch das Hören von Musik beziehungsweise auch durch schamanisches Trommeln möglich ist.

Als ich vor ca. einem Jahr an einem Seminar von Joe Dispenza in Wien teilnahm, konnte ich im Zuge der Meditationen, welche alle mit emotional berührender,  bombastischer Musik befeuert wurden, erkennen, wie wesentlich es ist, in einen Bereich des Bewusstseins zu kommen, wo ich berührt bin, wo ich spüren kann, dass es sich sozusagen auszahlt am Leben zu bleiben, wo ich mich in meiner Sehnsucht, in meiner Größe und Inspiration fühlen kann.

Das liegt nicht in trockenen, intellektuellen Vorstellungen über meine Berufung, meine Aufgabe, meinen Lebenssinn. Derartige Fragen sind im Übrigen oftmals eine große Belastung für Menschen, weil sich dieser Sinn nicht aus der kognitiven Ebene erschließt, und sie sich angstgetönt mit diesen Fragen quälen – wird doch gesagt, dass ihr Leben an der Verwirklichung dieses einen großen Lebenssinns hängt.

Nein, das ist nicht nur eine kognitive Idee, das ist eine gefühlte Erinnerung an meinen Daseinsgrund.

In diesen Bewusstseinssphären spüre ich eine Übereinstimmung mit mir selbst,  meine Tönung, meinen Klang, mein ureigenstes Sein. Und das begeistert.

Bei mir geschieht das zum Beispiel, wenn ich großen Geistern zuhöre, die Neues denken, die selbst von etwas ergriffen sind, oder wenn es aus mir heraus schreibt,  im Tanzen, vor allem über die Musik.

Es geschieht, wenn etwas, das größer ist als ich, mich ergreift. Das hebt mich an.

„Dann bin I ka Liliputaner mehr, I wochs, I wochs…“ sagt Andre Heller in einem seiner wunderbaren Lieder.

Zutiefst berührt bin ich dann, die Brust weitet sich, Tränen fließen, aufstehen möchte ich, was Gutes tun, schon fühle ich mich ganz und gar heil und schöpferisch.

Ich könnte jetzt unendlich viele Musikbeispiele anführen –  Monteverdis Marienvesper, Händel, Gluck, Bach, Schuberts Streichquintett, mein geliebter Beethoven, ein Meister der großen Töne, Mozart immer und überall, Mumford&Sons, Estas Tonne mit seiner radikalen Hingabe, Elvis Presley mit seiner Herzensstimme, um nur einige zu nennen.

Heute möchte ich Euch zwei Lieder von einem Begeisterten mitgeben – Konstantin Wecker. Er hat mich wahrlich schon aus so mancher Depression gerettet.  DANKE! https://www.youtube.com/watch?v=PA6tWxfemIk Da geht bei Minute 3.30 die Post ab und https://www.youtube.com/watch?v=q5LS6YyLVAA –  eine gute Ermutigung gegen das Still- und Angepasst sein.

Was begeistert Dich?

„Krebs lehrt uns viel über das Leben – Langversion

Das ist ein wunderbares Gespräch. Corinna Schöps und Claudia Wüstenhagen haben in der Online Zeit Ausgabe vom 14.Oktober 2016 einen Onkologen, einen Hämatologen und eine Palliativmedizinerin zu den verschiedensten Aspekten rund um die ärztliche Betreuung von krebskranken Menschen befragt.

Die Antworten berühren mein Herz und lassen mich Hoffnung schöpfen, dass es neben der Apparatemedizin und einem medizinischen Vorgehen, das sich nicht an der Individualität des Einzelnen orientiert, MedizinerInnen gibt, die den Menschen im wirklichen Sinne in den Mittelpunkt stellen

Die drei MedizinerInnen sprechen von gestiegenen Heilungsraten bei Kindern, von Erfolgen, was neue Operationstechniken, aber auch die Früherkennung betrifft und dem erfolgreichen Einsatz von Medikamenten bei bestimmten Krebsarten.

Sie sprechen aber auch über den Preis einer Chemotherapie im Sinne von Nebenwirkungen und Langzeitschäden.

Sie sprechen über die in der Fachwelt gefeierten Immuntherapien. Sie relativieren diesbezügliche Hoffnungen, da diese Therapien nur bei einigen Formen von fortgeschrittenem Krebs in Haut, Lunge und Niere und bei einer bestimmten Art von Leukämie wirken und die Überlebensdauer im Schnitt nur um einige Monate verlängert werden kann und dass davon „bloß eine kleine Gruppe von Patienten“ (Hämatologe) profitiert.

Ich finde es wesentlich diese Daten zu veröffentlichen, glauben viele Krebskranke doch – und so wird es ja von der Pharmaindustrie großflächig vermittelt -,  dass die Immuntherapie auch bei Brustkrebs eine Option ist, und dass damit Heilung erfahren werden kann.

Demgegenüber sagt der Onkologe im vorliegenden Interview, dass „wir immer noch nicht gut gerüstet (sind), wenn sehr häufige Krebsarten wie Darmkrebs oder Brustkrebs nach einer zunächst erfolgreichen Therapie wiederkommen.“

Sukzessive geht das Gespräch auf eine essentielle Ebene, es wird über die Machbarkeitsideologie gesprochen, die den Tod (durch Krebs) aus dem Leben ausschließen möchte.

Wertvolle Gesprächsimpulse kommen dazu naturgemäß von der Palliativmedizinerin.

Besonders berührend finde ich, wenn sie über den Umgang mit schwierigen Fragen oder Situationen mit Krebskranken berichtet. Dann wenn sie zum Beispiel über den Umgang mit Prognosen spricht:

Wir haben immer wieder Patienten in einem weit fortgeschrittenen Stadium, die uns fragen, wie viel Zeit bleibt mir denn? Die Frage fürchtet jeder von uns. Ich warne davor, konkrete Zahlen zu nennen. Ich gebe diese Frage immer an den Patienten zurück: „Was haben Sie selbst denn für ein Gefühl? Was sagt Ihr Bauch?“

Auch andere schwierige Aspekte innerhalb eines Krebsweges werden offenherzig benannt. Zum Beispiel der Umstand, dass oftmals bis zuletzt massive Therapien angewandt werden.

Es berührt mich, wenn der Onkologe ein Beispiel aus seiner Praxis beschreibt, wo ein Patient, mit einem fortgeschrittenen Magenkarzinom, Lebermetastasen, Bauchfellkrebs zu ihm kam und nach drei maliger palliativen Chemotherapie zwar eine „tolle Remission“ hatte, über die sich der Onkologe sehr gefreut hat, andererseits aber mit Hilfe einer selbst erstellten Kurve zeigen konnte, dass „mit zunehmendem Erfolg der Chemo wir seine Lebensqualität ruiniert (hatten). Er war ein Turniertänzer ….und am Ende seiner zweiten Chemo war er fix und fertig. Wir haben zwar den Krebs kleiner bekommen, aber der Patient hatte seiner Ansicht nach wenig davon. Ich habe das als Glücksfall empfunden, dass mir ein Patient das mal so krass mitteilt, auch wenn ich enttäuscht war. Ich hatte ihm doch helfen wollen.“

Wie schön, wenn ein Arzt den Patienten in seiner Ganzheit wahrnimmt und ihn darin respektiert. Wie schön auch, dass er sich davon anrühren lässt und dies auch ehrlich ausdrückt.

Das spricht auch ein anderes heikles Kapitel an – das der subjektiven Realität z.B. der Lebensqualität und wie sich ein Patient fühlt gegenüber den Daten, die man aus Röntgenbildern, Tumormarkern, Tumorgröße, gewinnt.

Und es wird auch angesprochen, dass der direkte Kontakt zwischen Ärztin und Patientin im Gespräch und im Erkunden dieser Lebensrealität aber auch die konkrete klinische Untersuchung-  face to face – gegenüber diesen technischen Daten sukzessive zu kurz kommt.

Die Palliativmedizinerin bringt es auf den Punkt: „In unserem perversen System wird auch noch das zwanzigste CT vergütet, aber kaum mal ein Gespräch. Das ist unser Dilemma in der Palliativmedizin. Wir sind sehr zurückhaltend und hinterfragen kritisch, was nötig ist. Aber für ein nicht gemachtes CT kriegen Sie kein Geld.“

Und der Onkologe fügt hinzu dass das fürsorgliche Unterlassen, wo nicht auch noch die nächste Chemotherapie gegeben wird, nicht belohnt wird. “ Wo im Übrigen (so der Hämatologe) Forschungsergebnissen gemäß „manchmal der dritte oder vierte Durchgang mit jeweils anderen Chemotherapeutika schadet, und man darauf verzichten sollte. Da setzt langsam ein Umdenken ein. Aber es wird nicht so systematisch überprüft wie zum Beispiel die Todesrate nach chirurgischen Eingriffen oder Probleme nach dem Einsetzen von Hüften“

Was für ein wunderbares Wort: Fürsorgliches Unterlassen. Ein Unterlassen, das eine Gabe ist im Sinne des Menschen. Und es braucht  viel Behutsamkeit und Feingefühl, die die drei interviewten ÄrztInnen walten lassen, wenn es darum geht die richtigen Worte und Taten zu finden, um den Menschen dort abzuholen, wo er ist – auch in seiner/ihrer vielleicht unrealistischen Hoffnung und ihm nicht das Gefühl zu vermitteln, dass er fallen gelassen wird.

„Diese Taten können auch ein bisschen im Grenzbereich liegen. Man kann zum Beispiel eine Infusion geben, die gar keine Chemo enthält. Für viele Patienten sind die Infusionen über die Jahre zur Gewohnheit geworden, die sind ja manchmal wöchentlich gekommen. Eine Infusion ist für sie identisch mit Therapie. Ich finde, in solchen Fällen ist es nicht falsch zu sagen: „Wir machen keine Chemotherapie mehr, aber wir geben Ihnen etwas anderes, wir gucken jetzt mal, wie wir Sie stärken.“ Ich würde den Patienten damit nicht betrügen. Und dann kann man Vitamine oder Kortison geben.“ so der Onkologe.

Und es zeigt sich, dass, wenn die Ärztin klar machen kann, dass sie den Patienten nicht fallen lässt, den Prozess sorgsam bis zuletzt begleitet, dass diese dann nicht mehr auf eine weitere Chemotherapie besteht.

Ich habe die schönsten Briefe von Angehörigen bekommen, nicht weil ich Patienten geheilt habe, sondern weil ich ihnen unnötige Dinge erspart habe. Das ist kein Therapieabbruch, sondern eine Änderung des Therapieziels. Die Bezeichnung „Therapie abbrechen“ ist ein furchtbarer, ein saudummer Begriff.“ so der Hämatologe.

Das Interview lässt in wunderbarer Weise durchklingen, dass die ÄrztInnen dem Fluss des Lebens folgen, auch wenn es sich um das Sterben handelt, und dass auch Aspekte, wie zum Beispiel das Verdrängen der furchteinflößenden Realität einer Krebsdiagnose als eine Ressource, eine Schutzfunktion gesehen wird.

Verdrängung ist wie eine Wand, aber meistens ist die irgendwo löchrig, und ich schaue dann immer vorsichtig, wo sie ein bisschen brüchig ist. Ich sage dann: „Lassen Sie uns mal überlegen, was wäre, wenn es jetzt nicht so gut laufen würde, haben Sie mal darüber nachgedacht? Wissen Sie, ich kenne Patienten, die hoffen auch ganz stark, aber manchmal haben sie doch ein paar Zweifel zwischendurch. Ist das bei Ihnen auch so?“ Und es ist erstaunlich, wie weit man da kommt. So führen wir Patienten behutsam an die Realität heran, damit sie Entscheidungen treffen können.“ so die Palliativmedizinerin.

Die Palliativmedizin erfährt in dem Gespräch explizit eine Würdigung, die über ihren Stellenwert am Ende des Lebens hinausreicht.

So sagt der Onkologe: „Die Palliativmedizin wurde ja lange Zeit gar nicht richtig ernst genommen und von manchen sogar verachtet. Ich denke aber, sie könnte den Medizinbetrieb still und unterschwellig revolutionieren. Hier herrscht ein anderes Verhältnis zwischen Arzt und Patient, eine andere Ethik, die die Grenzen des Machbaren anerkennt. Dieses subversive Potenzial sollten wir mehr nutzen.“

Was für eine Aussage!  Wie würde ein Medizinbetrieb wohl aussehen, wenn die Bedürfnisse des Patienten berücksichtigt würden, wenn darauf geachtet wird, dass die Bedingungen so freundlich sind, dass sich ein Wohlbefinden, ein Wohlgefühl einstellen kann.

Wie absurd, dass diese Art der Fürsorge so oft erst zum Ende des Lebens stattfindet. Und ich könnte mir vorstellen, dass sich derartige Bedingungen zu einem früheren Zeitpunkt vielleicht sogar lebensverlängernd auswirken, dann nämlich, wenn ein Aufatmen, ein Aufgehoben sein stattfindet, dann kann vielleicht auch ein Auf-Leben stattfinden.

Das ganze Gespräch zwischen den drei MedizinerInnen ist sehr differenziert, es gibt kein plakatives Entweder-Oder, kein Schwarz – Weiß. Es wird das Leben (mit Krebs) so vielschichtig beantwortet, wie es ist.

Auch wenn es sich um den Akt des Sterbens handelt. „Sterben ist so individuell wie das Leben.“ sagt dazu die Palliativmedizinerin und meint weiter, dass sich zwar viele Menschen wünschen zu Hause zu sterben, dass damit aber oftmals die Verwandten überfordert sind und damit nicht die Unterstützung geben können, die es braucht.

Es wird betont, wie wesentlich es ist, auf Fragen über das Sterben zu antworten, aufzuklären, welche Möglichkeiten der Linderung es gibt.

Und es ist heilsam zu lesen, dass  „die Erfahrung lehrt, dass wir doch ein relativ friedliches Sterben ermöglichen können. Diese Vorstellung, die immer in den Köpfen herumschwirrt, Sterben ist Agonie, ist Kampf, ist immer mit Schmerzen verbunden – stimmt überhaupt nicht. “ so die Palliativmedizinerin.

Dann, wenn Klarheit über den Vorgang und die Hilfen beim Sterben besteht, und wenn der Mensch schmerzfrei ist und auch seine Wünsche nach einem würdevollen Sterben berücksichtigt werden, dann erübrigt sich auch der Wunsch nach einer Sterbehilfe. „Die (welche ursprünglich einen Wunsch nach Sterbehilfe hatten; Anm. BTW) hatten eigentlich gemeint: Ich möchte so nicht mehr leben, ich kann diese Schmerzen nicht aushalten, diese Atemnot, die Angst. Wenn Sie das lindern, ist das kein Thema mehr.“

und weiter

„Es gibt Prozesse zum Ende des Lebens, die wir nicht absehen können, die wir auch nicht beurteilen können, da ist noch viel möglich, sodass ein Leben vielleicht doch ein Stück weit vollendet ist. Es gibt psychologische Phänomene, wie sich der Mensch an Situationen anpasst. Das nennt sich response shift. Ich kalibriere mein Wertesystem so, dass etwas für mich wertvoll ist oder Lebensqualität bekommt, von dem ich früher gesagt hätte, das ist für mich inakzeptabel.“ so die Palliativmedizinerin.

Abschließend – als eine Art Credo –  des Gesprächs möchte ich den Onkologen zitieren:

Man lernt so viel über das Leben, wenn man mit Krebskranken arbeitet. Das ist der Grund, warum ich mich mit der Onkologie beschäftige. Und ich denke, das neue Zeitalter könnte darin bestehen, dass man beharrlich weiterforscht, die Therapien verbessert, aber gleichzeitig akzeptiert, dass es Grenzen gibt, da kann eine gute Palliativmedizin trösten und helfen. Aber dass man Krebs als Teil unseres Lebens versteht, denn er ist ein Teil davon.“

Das einzig Irritierende an diesem wunderbaren, hoffnungsstiftenden Gespräch ist der Umstand, dass nirgends eine Namensnennung dieser ÄrztInnen zu finden ist.

Ist es vielleicht ein Tabu, vielleicht sogar existenzgefährdend als Arzt/ Ärztin, sich derart freimütig über den Umgang im Medizinbetrieb, über die übermäßige Großzügigkeit in der Anwendung von Chemotherapeutika, über die noch gar nicht so große Wirksamkeit von neuen Therapien zu äußern.

Ist es vielleicht gefährlich, den Krebs als Arzt nicht in erster Linie ausrotten zu wollen sondern ihn und  auch das Sterben zum Leben gehörig zu sehen und demgemäß zu behandeln .

Das ganze Interview ist unter  www.zeit.de/2016/38/chemotherapie-krebs-immuntherapien-palliativmedizin-onkologie-haematologie

 

Diagnose Krebs – Alles ist richtig!

 

Die Art, wie die Betroffenen auf die Diagnose reagieren ist sehr unterschiedlich und teilweise für die Angehörigen oder Freundinnen nicht verstehbar.

Die meisten Menschen sind im Eindruck des Diagnoseschocks sehr gefasst.

Es gibt jedoch auch welche, die sofort in Tränen ausbrechen, die außer sich geraten, vielleicht auch toben, schreien, und so ihre Panik ausdrücken. Andere verstummen,  ziehen sich zum Leidwesen der Angehörigen, die ja dieses Erleben teilen und hilfreich sein wollen, in sich zurück. Manche beginnen eifrig zu handeln, indem sie sogleich telefonieren oder im Internet  recherchieren. Andere wollen immer wieder alle Details der Diagnose erzählen. Manche hingegen verschweigen die Diagnose, und versuchen ganz allein damit umzugehen. Und manche entscheiden sich, die Diagnose gar nicht ernst zu nehmen. Sie bleiben weiteren Untersuchungen fern, und verleugnen über lange Zeit die Tatsache ihrer Krebserkrankung.

All dies sind Formen der Bewältigung und sind richtig, so eigenartig sie uns vorkommen mögen. In der Traumatherapie gilt das Prinzip der Normalität, der zufolge alle Symptome als ein Selbstheilungsversuch, ein Versuch die belastenden Ereignisse zu verarbeiten,  gesehen werden.

Es  ist an uns, uns von Konzepten, wie die Reaktion auf eine Krebsdiagnose auszusehen hat, was normal und gesund ist, zu lösen. Ich hege immer sehr zwiespältige Gefühle, wenn in einer Zeitung ein tapferer und gefasster Umgang mit der Diagnose als vorbildhaft gelobt wird, ist das doch ein Hinweis, dass man nicht emotional sein soll. Sophie Sabbage ließ ihren Tränen inmitten der allgemeinen stoischen Stille im Warteraum der Ambulanz, wo sie auf ihre erste Bestrahlung wartete, freien Lauf. Sofort trat eine Schwester zu ihr, mit der Frage, ob alles in Ordnung sei. „Wahrscheinlich bin ich die Einzige hier, mit der alles in Ordnung ist“, antwortete sie.

Die eigene Angst, dass es auch mich treffen könnte, das Entsetzen, wie schnell es gehen kann, kann nur schwer verborgen werden. Auch werden Menschen mit Krebs oftmals gemieden, oder sie erhalten eine Flut von Ratschlägen und Deutungsversuchen über die Ursachen der Erkrankung. Das erzeugt einen großen Druck und behindert die Selbstheilungsvorgänge.

Ich kann mich noch gut an meine eigenen Erfahrungen erinnern: So sagte mir eine gar nicht freundliche Freundin, dass ich mich jetzt endlich meiner eigenen Tiefe und Abgründigkeit stellen müsse, oder eine etwas esoterisch angehauchte Frau teilte mir mit, dass Krebs in der linken (oder war es die rechte?) Brust für Schwierigkeiten in der Partnerschaft steht, und ich mir eine Trennung zu überlegen hätte. Eine Nachbarin schrie mir auf die Mitteilung meiner zweiten Diagnose entgegen, dass das alles Unsinn sei, und ich sicher keinen neuerlichen Krebs hätte.

All das prasselt ungefragt auf die ungewappnete Person ein und schwächt sie in der Bewältigung der Aufgaben, die sich ihr stellen. Viele Betroffen schweigen deshalb, weil sie die Überforderung der Mitmenschen nicht aushalten wollen. Er/sie spürt, dass es dem Angehörigen zu viel ist, dass er/sie ihre Reaktionen und Vorgangsweisen ablehnt. Das geschieht teilweise sehr subtil, und dennoch hat das weitreichende Folgen. „Ich kann die anderen nicht belasten, es ist ihnen zu viel, ich muss alleine damit fertig werden. Im Grunde bin ich allein“, ist daher eine häufige Aussage von Betroffenen. Hier an diesem Punkt findet oftmals das Verlassen – Werden statt.

Was ist zu tun:

Um mit den verschiedenen Reaktionsweisen unserer krebskranken Angehörigen umgehen zu können, ist es notwendig,  mich mir selbst zu zuwenden und wahrzunehmen, wie viel Angst und Schrecken in mir ist. Dies ist auch verständlich, haben wir als Angehörige und FreundInnen doch große Angst, den Liebsten zu verlieren, und sind selbst höchst verunsichert und überfordert mit der Situation. Diese Zuwendung zu mir selbst beugt den oben beschriebenen automatischen Reaktionsweisen vor, die der Abwehr von Gefühlen dienen.

Dann braucht es einen Mut zur Offenheit. Mut, damit ich, als Betroffene, sagen kann, dass ich beispielsweise beim Gegenüber einen kritischen Blick wahrnehme oder eine abwehrende Geste, die mich irritiert.  Und auch den Mut, eigene Wünsche zu äußern: „Ich möchte, dass Du mir nur zuhörst, damit ich meine Gedanken und Gefühle äußern kann, ich möchte, dass Du mich in den Arm nimmst, damit ich mich ausweinen kann, damit sich mein Zittern der Angst aus dem Körper herauslösen kann, dass Du mir Halt gibst und für mich da bist.“ Da es um eine existentielle Bedrohung durch die Krankheit geht, fällt es den Betroffenen in dieser Zeit relativ leicht, für sich selbst einzutreten, auch wenn es für die Person in all den vorhergehenden Jahren sehr schwierig war, Nein zu sagen oder um eine Hilfe zu bitten.

Aber auch die Angehörige, die Freundin hat das Recht offen zu äußern, dass ihr etwas zu viel wird,  dass sie zum Beispiel als Begleiterin beim Arztbesuch überfordert ist, dass sie für die nächsten Stunden Abstand braucht, für sich sein muss, um ihren Schock zu verarbeiten, um zu sich zu kommen und ihren eigenen Gefühlen Raum zu geben. Gut ist es, ganz konkrete umschriebene Vereinbarungen zu treffen. „Ich kann zwar dem (vermeintlichen) Anspruch nicht entsprechen, die ganze Zeit für Dich da zu sein, aber ich kann mit voller Aufmerksamkeit das letzte Erlebnis im Spital für die nächste Stunde aufnehmen, und wenn ich gefragt werde, auch meine Meinung, meine Resonanz dazu äußern.“

Sabbage  hat zwei Listen für ihre Mitmenschen erstellt – eine, in der sie Hilfreiches notierte, wozu auch ganz pragmatische Wünsche aufschienen, wie z.B. basisches, veganes  Bioessen zu kochen, sich um das Kind zu kümmern, aber auch „Es mir zu gestatten, zu fühlen, was ich gerade fühle, auch  Hoffnungslosigkeit und Angst.“  Auf der „Nicht-hilfreich“ Liste fand sich zum Beispiel, dass man ihr nicht sagen möge, dass sie positiv zu denken habe, auch das Analysieren, warum sie Krebs habe, und was das über ihr Karma aussagt, sei unerwünscht.

Ich habe in der Begleitung von Krebskranken und ihren Angehörigen die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, diese Notwendigkeiten  in einem unaufgeregten Kontext – vielleicht mit Begleitung eines Coach oder einer Therapeutin – grundsätzlich zu besprechen.

Zusammenfassend ist rund um die Diagnose Folgendes unterstützend: Ein Umfeld, welches die Angst und den Schock da sein lässt, ohne einzugreifen.  Menschen die einfach da sind, menschlich präsent, sodass sich der Schock herauslösen darf aus dem Organismus. Kongruenz, Authentizität, ein Bewusstsein, was in mir selbst abläuft, und eine authentische Vermittlung. Sagen, dass ich sprachlos bin, ausdrücken, was in mir vorgeht oder die schlichte Frage stellen – „Was brauchst du? Was kann ich für Dich tun?“ anstelle sich den Kopf zu zerbrechen, was wohl gewünscht ist.  Ebenso ist es notwendig, sich um eine eigenen Freiraum und auch eine Unterstützung bemühen.

Hilfreiche Bücher:

Fischer, G. (2013): Neue Wege aus dem Trauma. Erste Hilfe bei schweren seelischen Belastungen. Ostfildern: Patmos.

Jellouschek, H. (2010): Trotzdem Leben! Wenn ein Partner Krebs hat. Freiburg im Breisgau: Herder.

Sabbage, S. (2016): Die Krebsflüsterin. Der 8-Schritte-Kompass für einen selbstbestimmten Umgang mit der Krankheit. München: Irisiana.

Geburt-Sterben

Das ist eigentlich gar kein Thema – das Sterben zu Weihnachten – könnte man denken.

Aber so hat sie es sich ausgesucht, meine liebe Marianna*.

Damals vor 2 Jahren, am 24. Dezember in einem Wiener Krankenhaus.

Es war dies ein strahlender Wintertag, der Himmel wolkenlos blau, die Atmosphäre erwartungsvoll ausgerichtet auf die Christgeburt, als sie ihren letzten Atemzug tat.

Lange hatten wir einander nicht gesehen, nur manchmal noch telefoniert, auch das immer seltener.

Vieles hatten wir aufarbeiten können zusammen – Belastendes aus ihrer Kindheit, Operationen, Einsamkeit, Gewalt. Und immer fand im Zuge der EMDR Sitzungen eine Öffnung zum Spirituellen statt, zu dem, was größer war als sie selbst und das Schicksal.

So fand Versöhnung statt. Stück um Stück.

Sie, die ihr Leben lang sehr leise ihre Arbeit und ihre Liebesdienste verrichtete, wurde in den letzten Monaten noch stiller, eingekehrter in sich.

Dann war es klar, dass sie nicht mehr alleine zu Hause bleiben konnte, und so wurde ich ein paar Tage vor ihrem Tod von ihrer Tochter in Kenntnis gesetzt, dass sie nun in einem Krankenhaus sei, um ihre letzten Tage dort zu verbringen.

Sie, die sich stets mit oberflächlichen Kontakten und Gesprächen schwer tat, war nun in einem Zimmer mit 2 älteren Frauen untergebracht und sie, die immer Angst vor allem Ärztlichen hatte – kein Wunder bei all den traumatisierenden medizinischen Erlebnisse in ihrer Kindheit – erfuhr nun eine liebevolle, schmerzlindernde ärztliche Hilfe.

Ja sie wollte mich noch einmal sehen, da freute ich mich,  ist es mir doch immer wichtig, mich persönlich zu verabschieden von meinen lieben Krebsklientinnen, speziell wenn die Beziehung wie bei Marianna so zart und innig ist.

Es wurde vereinbart, dass ich am 24.12. auf dem Weg zum Weihnachtsfest bei meiner Mutter vorbeikommen sollte.

Dann in der Früh merkte ich einen „Ruf“,  und so machte ich mich nicht erst am Nachmittag sondern schon am späten Vormittag auf den Weg.

Wie immer empfand ich eine Scheu und auch eine Unsicherheit, wie ich diesen sterbenden Menschen wohl vorfinden werde.

Da lag sie, Marianna, noch zarter als ich sie erinnerte und tat ihre „Arbeit“ – ich empfinde es immer als eine (Geburts-) Arbeit, das Sterben.

Sie tat das unaufgeregt, wie das so ihre Art war und ganz und gar konzentriert.

Einatmen – Ausatmen. Immer weniger Einatmen, immer länger Ausatmen.

Wir – ihre Tochter und ich – saßen am Bettrand und sprachen über sie, über das, was wir mit Marianna erfahren hatten, und wer sie war.

Daneben im Zimmer waren ihre zwei Zimmergenossinnen, mit Lockenwicklern im Haar, wollten sie doch schön sein, wenn sie von ihren Angehörigen abgeholt wurden. Sie sprachen Belangloses, schienen die Größe des Ereignisses im Raum nicht zu bemerken.

Wie wunderbar, dachte ich, dass Leben auf so vielen Ebenen gleichzeitig stattfindet und wie schön, dass dieses selbstverständlich, einfach Menschliche den Hintergrund für Marianna´s letzte Lebensmomente bildete.

Dann eine Stunde nach meinem Weggehen tat sie ihren letzten Atemzug, so unscheinbar, dass es zunächst gar nicht bemerkt wurde.

Auch das so ganz Marianna.

Danke.

 

*den Namen habe ich aus Diskretionsgründen geändert.

 

I Agree – in voller Fülle!

I AGREE!

Ich stimme zu…..Ich stimme überein…..Ich bin einverstanden…..Ich befürworte….

Im letzten Blog Beitrag im November habe ich eingeladen, sich von den Bedeutungen von „I Agree“ anstimmen zu lassen. Einige LeserInnen haben geantwortet. Nun habe ich dem Beitrag Fülle verliehen mit meinen eigenen Gedanken zum Thema und dem was als Resonanz hinzugefügt wurde.

I Agree….

Dazu kann ich doch nicht zustimmen, damit kann ich doch nicht einverstanden sein, dass ich an Krebs erkrankt bin, dass mein Körper schmerzt, ich ängstlich bin, keinen Partner finde, meinen Job verloren habe, mich bedrückt und ratlos fühle, – wie kann ich damit einverstanden sein?

Alles wehrt und stemmt sich dagegen. Sicher nicht!

Das würde ja bedeuten, dass ich mich damit abfinde, aufhöre zu kämpfen, resigniere, mich und alle Hoffnung aufgebe. Sicher nicht!

Es würde bedeuten, dass ich das, was geschehen ist verzeihe, es ungeschehen mache, es in Vergessenheit gerät. Nein, sicher nicht!

I agree….

so wie ich es meine, nimmt nicht in Kauf, heißt nicht gut, was nicht gut ist, ist nicht ein moralisch getöntes Ja. Die Zustimmung, die ich meine ist genau da, wo ich jetzt bin.

Ich stimme zu, dass ich Angst habe und ganz und gar keine Hoffnung empfinden kann, dass ich mich ungerecht behandelt fühle, dass ich empört bin, dass ich mich zum Kampf bereit mache, ja sogar Hass empfinde und Ablehnung.

Zuzustimmen bedeutet in diesem Sinne für mich, dass ich mich in all diesen Emotionen anerkenne.

Ja genau so ist das.

Und schon weitet sich etwas in mir, alles wird leichter und eine Bewegung kann zu Ende kommen und eine neue beginnen.

Das ist Labsal.

Und es bedeutet nicht, dass ich nicht handeln werde, in meinem Einverstandensein sitzen bleibe. Ich werde sicher wieder aufstehen, handeln, nur dass dieses Handeln nicht aus der Angst und Abwehr kommt, sondern aus dem alles einschließenden Wahr-nehmen von dem was ist.

Über die Not-Wendigkeit von Fürsorge und Mitgefühl

Anlässlich eines Unfalles meines Mannes hatte ich viel Gelegenheit, Einblicke in Förderliches und Schwächendes in der klinischen Versorgung wahr zu nehmen.

Ein Unfall wie auch eine Krebsdiagnose sind ein Schock, ein Einschnitt, wo plötzlich das Leben nicht mehr so ist, wie es gerade noch war. Dieser Schock hat Wirkungen auf alle Ebenen unseres Seins – im Körper durch die Ausschüttung von Stresshormonen, im Gehirn durch die Aktivierung von alten dem Überleben dienenden Gehirnregionen, die uns signalisieren, dass wir in Gefahr sind. Wir werden sehr erregt – wollen flüchten oder kämpfen und können dies oftmals nicht – bei einem Unfall wegen der körperlichen Einschränkung  und bei der Krebsdiagnose nicht, weil das Bedrohliche  in unserem Körper ist.

Damit sich der Schock aus dem Körper herauslösen kann, und die dem Körper innewohnenden Selbstheilungsmaßnahmen einsetzen können, braucht es gute Bedingungen.

Das ist zu allererst menschliche Zugewandtheit – mit dem Namen angesprochen werden, im Blickkontakt sein, eine angemessene Berührung – schlicht menschliche Zuwendung. Das klingt selbstverständlich, ist es leider oftmals nicht. Natürlich geht es bei einem Unfall um die Abklärung der vielleicht lebensgefährlichen Symptome, wie auch am Anfang eines Krebsgeschehens eine genaue Differentialdiagnose unbedingt notwendig ist. Wie diese Untersuchung und diese erste Kontaktnahme erfolgt, ist, – in Bezugnahme auf traumaspezifischen Wissen – jedoch ebenso bedeutsam. Bei vielen Menschen zeigt sich eine Erstarrungsreaktion im Schock, d.h. sie sind „nicht ganz da“, nicht orientiert in Zeit und Raum. Wenn ohne Erklärung und Kontaktnahme eingreifende Maßnahmen erfolgen, bleibt die Erstarrung, das Geschockte und Geängstigte in uns aktiviert. Wir können uns nicht ausdehnen und wie der geniale Traumaforscher Peter Levine sagt – der Traumaablauf als physiologisches Geschehen im Sinne einer unterbrochenen Handlung – kann sich nicht vervollständigen.  Die Reste der Erstarrung, der Lähmung, des Übererregtseins, der Wut und Angst bleiben im Körper eingeschrieben und werden dann oftmals durch Reize, die mit dem traumatischen Ereignis verknüpft sind, aktiviert. Hier sind es vor allem Orte, Personen, Gerüche, Stimmen, die triggern.

Die menschliche Zugewandtheit, das in Resonanz Sein mit dem Patienten ist meiner Ansicht nach eine der zentralen Qualitäten, die verhindert, dass aus einem Schock eine posttraumatische Belastungsstörung wird.

Die Zugewandtheit aktiviert nämlich den ventralen (klugen, sozialen) Vagus, der für eine angemessene Orientierung im Hier und Jetzt verantwortlich ist. Es hemmt gleichzeitig den dorsalen Vagus, den archaisch angelegten Abschaltmechanismus, den Totstellreflex.

Ich konnte auch erfahren, wie angewiesen wir in einer derart bedrohlichen Situation auf die Qualität des Mitgefühls durch andere sind- wie wir faktisch danach lechzen, dass sich die Sanitäter zum Beispiel für das Geschehene interessieren, ihr Bedauern formulieren, nachfragen und alles Gute wünschen.

Es  ist auch wichtig zu spüren, dass behutsam umgegangen wird,  dass darauf geachtet wird, nicht unnötigerweise wo anzustoßen. Auch dieses Kontaktbedürfnis ist tief in uns angelegt, das Bindungssystem, das Halt und Stütze in anderen Menschen sucht, ist in Notsituationen aktiviert, wir wollen uns anhalten, ausweinen, aussprechen, brauchen Trost und Sicherheit. Interessant war für mich, dass dieses Kontaktbedürfnis sich auch auf unbekannte Personen richtet, also zum Beispiel auf die Sanitäter beim Transport. Sind diese nett und liebenswürdig, werden sie zu rettenden Engeln.

Angekommen im Krankenhaus finde ich es sehr wichtig, dass es einen Stützpunkt gibt, wo jemand hinter einem Glasfenster zu sehen ist. Bei der Erstaufnahme meines Mannes an einem Sonntag fand ich auf der Suche nach seinem Zimmer auf der Unfallstation nur verschlossene Türen. Auf einer war auf einem Schild zu lesen, dass man nur eintreten dürfe, wenn man aufgerufen wird. Keine AnsprechpartnerInnen, nur andere verunfallte Menschen. Das ist sehr verunsichernd, ist da überhaupt jemand, wird man angenommen, gibt es Hilfe?

Wie anders ist es, wenn man – von der Rettung angekündigt – erkannt wird, „Ah Sie sind es –  wir müssen noch kurz das Bett herrichten, dann kommt Frau Doktor……zu Ihnen und wird die Erstuntersuchung vornehmen.“ – Und da kommt dann wirklich schnell einmal die besagte Frau Doktor und sie erkundigt sich und gibt Raum, dass man den Unfallhergang schildern kann – auch ein großes Bedürfnis in einer Notsituation, das Geschehene zu berichten und auch das ist sehr notwendig, weil man, indem man das Geschehene von Anfang bis zum Ende berichtet eine zeitliche und räumliche Einordnung trifft und sich damit orientiert – das Ereignis gehört der Vergangenheit an und jetzt bin ich hier – in Sicherheit und in guten Händen.

Weiters ist die Beschreibung der nächsten Behandlungsmaßnahmen nötig – in ruhigem Ton vorgetragen, schafft das  Vertrauen und Zuversicht, dass etwas getan wird, was Schmerzen lindert und heilt. Da wird auch die Erwachsene in uns angesprochen, sind wir doch in einer derartigen Situation oftmals zum Kind geworden, dass der Maschinerie hilflos ausgeliefert ist.

Immer geht es um Kontakt und ob dies nur ein paar Worte des Trägers sind, wenn man flach am Rücken liegend in den OP geschoben wird.

Eigentlich ist es ganz einfach – menschliche Präsenz vermag es, aus einer sehr belastenden Situation ein bereicherndes Erlebnis zu machen, wo ich mein Aufgehobensein, meinen Wert und mein Eingebundensein in der menschlichen Gemeinschaft erfahren kann.