Eigentlich…..

Beim folgenden sehr persönlich gehaltenen Text mag man denken, das sei Leiden auf hohem Niveau, besonders wenn man es mit gewiss schwierigeren Belastungen, wie dies eine Krebsdiagnose ist, zu tun hat.

Ich habe mich dennoch entschieden, mich derart zu offenbaren, weil ich es wichtig finde, aufzuzeigen, wie eine (kleine) Unannehmlichkeit nahezu unaushaltbar ist.

Dann nämlich, wenn es Themen berührt, wie in meinen Fall die ignorante Rücksichtslosigkeit und Übergriffigkeit, welchen ich in der Kindheit wehrlos ausgesetzt war, und welche mich neuerlich in eine Ohnmacht und Hilflosigkeit versetzen.

Das ist für Außenstehende dann schwer zu verstehen, und oftmals ist es auch für die davon Betroffene unbegreiflich. Sie fühlt sich ver-rückt, eigen-artig, nicht normal.

In diesem Sinne habe ich mich entschieden, genau jene Prozesse zu beschreiben, welche in derartigen Triggersituationen ablaufen und wie es möglich ist, förderlich damit umzugehen.

Möge der Text ein Beitrag zu  einem vermehrten (Selbst)-Verständnis und Selbsthilfe sein.

Eigentlich ist es nur ein Geräusch – das Geräusch einer Motorsäge um 7 Uhr 30 in meinem Rückzugsort auf der Pionierinsel an der Donau.

Gleich neben uns baut unser Nachbar großzügig sein Haus um, der Garten wird durchgebaggert, Flächen betoniert, die Hausfassade neu gestaltet. Emsig wie die Bienen arbeiten sie – der Nachbar und seine Helferleins – nahezu Tag und Nacht. Gleich neben unserem Haus in 2 Meter Entfernung.

Eigentlich ist es nur ein Geräusch, um halb acht an einem Samstag im August.

Nur dass ich das Geräusch nicht einfach als ein Geräusch, wenn auch ein etwas unangenehmes, sein lassen kann.

Nein dieses Geräusch löst vielmehr eine Kaskade von Gedanken und Emotionen aus.

Aufgescheucht von meiner Yogamatte geht es ganz unentspannt los – „Welche Zumutung, um halb 8, sind wir doch in einem Kleingartenverein mit strikten Regeln, Motorzeit ab 9 Uhr und dann auch nur bis zwölf, nein nicht bis 8 Minuten nach zwölf – so sagt es die Vereinsregel…“

Was hier vielleicht lustig klingen mag, fühlt sich für mich sehr leidvoll an, in mir streiten die Stimmen, welche ja auch von meiner Umgebung verstärkt werden – „Es gibt echt Schlimmeres, es hat ein Ablaufdatum, da mussten wir alle durch, er ist eh nett usw. “

Das vergrößert meinen Konflikt, ich darf nicht so empfinden, im Übrigen verändern negative Gedanken das Gehirn, sodass man sich auf Negatives programmiert und damit die Realität gestaltet – lese ich in einer Kolumne.

Und dennoch – da ist meine Not, meine Not darüber, dass jemand rücksichtslos meine Grenzen überschreitet, mir zur absoluten heiligen Hauptsaison derartige Riesenumbauprojekte zumutet, jetzt, wo ich endlich Urlaub habe, den ich hier an meinem wunderbaren Ort am Wasser genießen will – in Ruhe.

„Was ist das für ein Mensch,“  denkt es in mir, „der sowas macht, was habe ich da noch alles zu erwarten an Lärm und Unverbundensein?“

Sukzessive gerate ich in einen State, wie man in der Traumatherapie sagt. Der Trigger ist das rücksichtslose Überschreiten meiner Grenzen, unverbunden. Fassungslos nehme ich wahr, dass man sowas wirklich machen kann.

Im State reagiert der Körper mit Aufruhr, Übelkeit, innerem Rasen, die Emotionen schwanken zwischen Wut, Empörung, und nackter Panik und der Geist rast, versucht Möglichkeiten zu finden, diesen Zustand zu beenden.

Und – ich kann die Realität, wie sie auch ist, nicht wahrnehmen, dass es schön ist hier, dass es wunderbare Bäume gibt, auf die ich schauen kann, dass es ein Wasser gibt, in dem ich schwimmen kann, dass  ich mich aufs Rad setzen kann, um der unangenehmen Situation zu entfliehen.

Dass ich frei bin – zu tun und zu lassen, was ich will. Unverklemmt, frei, erwachsen.

Heilung erwächst nicht aus einem moralischen Imperativ, dass ich so großzügig sein müsste, um dem Nachbarn das alles zu gewähren, im Sinne einer guten Nachbarschaft.

Schon gar nicht kann sie geschehen, wenn ich in der (selbst-)gerechten Anklage und Abwehr der für mich gar nicht freundlichen Tatsachen verbleibe – eine Mauer nach der anderen betoniere.

Da braucht es zu allererst eine Hinwendung zu dem verängstigten, hilflosen Kind in mir, ein Umarmen von mir in dieser Not, eine volle An-erkennung von dem, was sich in mir ereignet, ein liebevolles zu mir sprechen, ein Bestätigen meiner inneren Erfahrung, ja und ein Fragen, was es jetzt braucht, um in Sicherheit zu kommen und besänftigt zu sein.

Dann kann ich dem Zustand ent-wachsen, er-wachsen.

Das Kind ist gut aufgehoben und ich, die 60-Jährige bin frei, zu tun, was ansteht und die Situation zum Besseren wendet – ums-sichtig, in Kontakt mit allen relevanten Fakten dieser Situation, zu welchen ja auch zählt, dass wir wahrscheinlich noch lange mit ihm Haus an Haus zu tun haben werden.

Heilung kann geschehen, wenn ich eben diesem oben beschriebenen Kind in mir Beachtung schenke und neuerlich in meine Freiheit zu einer angemessenen Handlung komme.

P.S. Heute ist Sonntag und es regnet…Schön still ist es hier!

 

 

 

Über das Recht auf´s Allein-Sein

Dieser Beitrag richtet sich in erster Linie an Menschen, die in einer Beziehung oder in einem Familienzusammenhang leben. Es ist mir bewusst, dass es viele Menschen gibt, die sich nach Gemeinsamkeit und einem Aufgehoben sein in einer Familie sehnen und deren Allein-Sein nicht freiwillig ist, und welche vielmehr an einem Zuviel davon leiden.

Alleinsein gehört zu meinen Hauptnahrungsmitteln – Tür zu, niemand im Haus, nur ich und die Stille.

Ausatmen. Sein.

Es war eines der größten Geschenke, welche mir die Krebsdiagnose gab – die Möglichkeit, oft allein zu sein, ungestört. Dankenswerterweise konnte ich es mir leisten, mir sowohl nach der ersten als auch nach der zweiten Operation einige Monate ohne Berufstätigkeit zu gönnen. Das war eine richtige Frei-Zeit – ohne Projekte, ohne Aufgaben und mit viel freier Zeit, alleine.

Wie ich es schon in meinem Blogbeitrag „Das Recht auf´s Nein“ https://krebscoaching.org/2017/04/  beschrieb, fällt es manchen Menschen schwer, Nein zu den Bedürfnissen der anderen zu sagen. Sie sind ausgerichtet auf deren Erfüllung, können schwer in ihrem eigenen energetischen Raum bleiben und erschöpfen sich damit zunehmend.

Für solche Menschen ist es wichtig, sich immer wieder aus den Kontakten zurückzuziehen, für sich zu sein, in einem sicheren ungestörten Raum. Gerade bei Menschen, welche eine schwere Traumatisierung mit Übergriff, Missbrauch und Gewalt erlebt haben, reicht nicht mal die geschlossene Tür zum eigenen Zimmer, um  Sicherheit zu empfinden, und damit die Möglichkeit, sich wirklich auszudehnen. Sie brauchen es, dass niemand in der ganzen Wohnung ist, um ausatmen zu können.

Das mag für Menschen, welche diese Erfahrung nicht gemacht haben, sehr befremdlich klingen, aber es gilt dies zu würdigen. Da nützt es nichts, mit Forderungen an sie oder sich selbst heran zutreten, dass man doch bei sich bleiben können muss, auch wenn man im Kontakt mit anderen ist.

Es gilt wahrzunehmen, wie ich angelegt bin, mit einer Durchlässigkeit meiner energetischen Grenzen, wo vieles von außen einfließt. So ist es einfach.

Und dann gibt es noch die gesellschaftlichen Vorgaben, dass es um eine Beziehung bereits schlecht bestellt ist, wenn man sich zurückziehen, für sich sein will, einen Tag oder vielleicht sogar einen Urlaub ohne den/die PartnerIn verbringen will. Da muss schon was im Argen sein, wenn man nicht Tag und Nacht mit dem Partner/der Partnerin sein will. Auch das getrennt Schlafen gilt als Anfang vom Ende.

So halten wir vieles aus. Und das tut uns und auch unserer Beziehung nicht gut. Wir werden grantig, fokussieren zunehmend auf die Fehler und Eigenartigkeiten des anderen und schaffen damit eine Distanz  – eine Distanz jedoch, die sich – weil konflikthaft –  nicht gut anfühlt.

Ich glaube, dass sich viele Menschen von ihrem Partner trennen, weil sie über Jahre einem derartigen vorgegebenen Konzept von Beziehung gehorchten, wo es dazu gehört, das man/frau so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen wollen muss, dass das Paar selbstverständlich jede Nacht das Bett teilen und auch noch nach jahrzehntelanger Beiziehung leidenschaftlichen Sex miteinander haben soll.

Sie halten aus, bis dieses Aushalten nicht mehr geht, sie sich trennen müssen oder eine Krankheit „einspringt“, und mir einen Frei – Raum gewährt. Jetzt  darf ich mich um mich kümmern, zum Beispiel im Zuge einer Kur mehrere Wochen nur auf mich schauen ohne Orientierung auf den anderen. Das ist erholsam.

An der Basis dieses Gebots, dieses Tabus ist wie bei so vielen Lebensrichtlinien ein Mangel an Vertrauen in die rhythmische Natur unseres Organismus.

Dieser Rhythmus pendelt zwischen Öffnung, nahe kommen wollen und Intimität und einem Rückzug, einer Distanz, einem zu mir kommen und einer Innigkeit mit mir selbst.

Im Alleinsein zentriere ich mich, schwinge mich in mich selbst ein, komme in Berührung mit meinem Wesen und meiner schöpferischen Kraft. Und ich kann auch erleben, dass ich mir genug bin und nicht angewiesen auf die Erfüllung von Bedürfnissen durch andere. Gleichgültig, was ich dann tue, es ist zutiefst verbunden mit mir.

In dieser Vertiefung meiner Beziehung zu mir selbst öffnet sich sodann – das ist meine Erfahrung – erneut die Liebe zu ihm,  ich kann die Sehnsucht nach Begegnung erneut spüren und im Kontakt ist wirklich er gemeint.

Jetzt verweilen solange bis……

Liegen lernen oder ein Lob dem Kranksein

Als ich 1998 das erste Mal mit einer Krebsdiagnose konfrontiert war, war das natürlich zunächst ein großer Schock. Zugleich war es auch ein Befreiungsschlag.

„Krebs berechtigt. Krebs berechtigte mich, auf mich zu schauen, mich zum Mittelpunkt des Lebens zu machen, Termine und Verpflichtungen abzusagen, mich um mich selbst zu drehen, aus mir heraus zu sein.“ schrieb ich damals in einem Artikel mit dem Titel „Krebs Sei Dank“

Jetzt viele Jahre später und krebsfrei bin ich natürlich auch immer wieder mit „normalen“ Krankheiten konfrontiert, wie zur Zeit mit einem grippalen Infekt, mit allem was dazu gehört, aber ! ich habe kein Fieber, schon gar nicht habe ich (Gott sei Dank!) eine derartig spektakuläre Diagnose wie Krebs.

Und da fängt es dann wieder an: „Darf ich meine Therapiestunden absagen, die KlientInnen enttäuschen, sie, die mich brauchen, allein lassen?“ frage ich mich.

So verhandle ich täglich mit mir, ob es nicht eh schon wieder geht, anstatt in einem Akt alle Stunden für die Woche abzusagen. Auch bei privaten Terminen wie einem gemeinsamen Essen befällt mich das schlechte Gewissen. Und es fällt mir sogar schwer, selbstauferlegte Verpflichtungen wie mein Fitnessprogramm (man/frau beachte das Wort!) sausen zu lassen.

So halte ich meinen Geist und damit auch meinen Körper auf Trab, gönne ihm nicht die Ruhe, die er jetzt braucht. Er, der so lieb eingesprungen ist, mich aufmerksam gemacht hat, dass eine Auszeit dran ist, wird neuerlich nicht erhört.

Dass wir erst dann von der Schule fernbleiben dürfen, wenn wir wirklich krank sind, haben wir früh erfahren. Da gilt es nicht als ein Entschuldigungsgrund, dass ich einfach nur Bauch- oder Kopfweh habe, dass ich mich schlecht und gestresst fühle.

Auch wenn wir erwachsen sind, sollten wir uns so früh wie möglich gegen Grippe impfen lassen, damit sie uns nicht erwischt, wir nicht ausfallen aus dem Arbeitsprozess, wird uns beständig gesagt.

Das alles ist ein – wie ich meine – kranker Umgang mit Krankheit, der, so bin ich überzeugt, krank macht. Im Gegensatz dazu wäre es höchst notwendig, die einfachen Krankheiten zu würdigen in ihrem Wert für unser Leben und ihrem Beitrag zur Prophylaxe von schwerer chronischer Krankheit, (denn die haben sie!).

Auf diesem Boden der gesellschaftlichen Wertschätzung könnten wir in Fühlung mit unseren Bedürfnisse kommen, wenn wir krank sind. Wir würden  uns zuallererst Ruhe gönnen, uns zurückziehen, statt zu laufen, zu gehen, zu sitzen einfach liegen, abgeben, uns versorgen lassen und reduzieren auf allen Ebenen.

Wir würden tun, was wir wollen – lesen oder nicht lesen, Radio hören, nicht einfach nur im Nebenbei, die Blumen ansehen und uns an ihnen freuen, das Fenster öffnen, um frische Luft rein zulassen, inhalieren, Tee  trinken, eine Wärmeflasche unter die Füße legen, oder ganz einfach nichts tun.

In diesem Eintauchen in uns selbst kommen wir unserem Körper wieder nahe, wir spüren ihn anhand dem Unwohlsein, in seiner Schwere, in seinem Atmen und der Erleichterung zwischen den Hustenanfällen.

Dann, nachdem die größten Beschwerden gewichen sind, werden auch Seelenkräfte spürbar, andere Dimensionen unseres Selbst eröffnen sich, Eingebungen kommen zu Tage. Erneuerung und Transformation findet statt.

Und dann, wenn wir das alles zu-lassen, wenn wir uns selbst Raum geben und die Zeit, die es braucht gewähren, erwachen die Lebensgeister, wir erstehen neu und erfrischt aus all dem wieder auf.

Bis zum nächsten Mal.

Zu-Ruf statt Nach-Ruf

„Wenn nur 1% dessen, was ehrlich und wertschätzend über Politiker/innen nach ihrem Tod gesagt wird, schon zu Lebzeiten gesagt wird, wär´s gut.Und das gilt für alle Menschen, nicht nur für Politiker/innen.“ postete Christoph Chorherr am 24.2. 2017 anlässlich des Todes der  österreichischen Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser.

Viel Gutes wurde über sie gesagt in den letzten Tagen – dass sie ein wertvoller, aufrichtiger, verbindlicher, positiv denkender Mensch war, der über die Parteigrenzen hinweg wertschätzende Beziehungen führte. Für mich rückten diese Wortmeldungen die mir unbekannte Frau in ein neues, angenehmes Licht.

Es zählt zu den lieb gewonnen Gepflogenheiten, dass man am Grab über die Verstorbenen Gutes sagt. Vielmehr noch – man bemüht sich, das Gute, das vielleicht zu Lebzeiten gar nicht so deutlich offenbar wurde, heraus zu streichen.

So wird beispielsweise in einem Nachruf aus einem konfliktscheuen ein verbindlicher Mensch, dem die Harmonie zwischen den Menschen über Allem stand, und aus einem  zuvor als streitsüchtig  geltendem Menschen wird  ein kompromissloser, der sich ganz und gar für eine Sache einsetzte.

Anhand dieser  Beispiele kann gesehen werden, wie unterschiedlich Sichtweisen sein können.

Und es wird darauf ankommen, wie wir eine Eigenschaft eines Menschen sehen wollen. Die Erfahrung zeigt, dass wir zu Lebzeiten mit den für uns schwierigen, unbehaglichen Seiten  eines Menschen leider oftmals  in einer be- und verurteilenden Weise umgehen.

Und das Bemühen um eine erweiterte Sicht, die das Gute im anderen sieht, findet oftmals erst anlässlich seines Todes statt – sozusagen in unserer Komfortzone.

Was würde es tatsächlich verändern, wenn wir dieses Bemühen schon zu Lebzeiten walten lassen. Wie würde sich diese Bereitschaft zur zärtlichen Offenheit für die andere in meinem Inneren auswirken, und wie würde es für die betroffen Person wirken, wenn wirkliche An-Erkennung stattfindet.

Wie würde es sich darüber hinaus auswirken, wenn ich von meinem größten Feind, der ich für mich bin, in dem  ich mich zum Beispiel  als eine sehe, die  sich immer so aufführt, die zu viel redet, immer im Mittelpunkt stehen will, zu meiner Freundin werde, die meinen Mut zur Unbestechlichkeit wahrnimmt, die einfach viel zu sagen hat, die nun mal nicht am Rand sondern in der Mitte zu stehen hat, weil das ihr Platz ist.

Ich getraue mich zu sagen, dass das das ganze Leben ändert.

Mich anzuerkennen in dem, wie ich (nein nicht halt so) angelegt bin,  zu sehen, welche Note ich dieser Welt mit meinem So-Sein hinzuzufügen haben, zu sehen, was und wie etwas durch mich zu geschehen hat – hier und jetzt.

Dann würde die Energie, welche ich mein Lebtag aufbiete, um mich in meiner Essenz zurück zu drängen für mich und mein Lebenswerk zur Verfügung stehen.

Der große Lawrence Le Shan schreibt in seinem wertvollen Buch „Diagnose Krebs – Wendepunkt und Neubeginn“ (siehe dazu auch die Buchempfehlungen auf dieser Seite) darüber, wie das grundsätzliche Problem der Verzweiflung, das zum Leben von krebskranken Menschen seiner Erfahrung nach zu gehören scheint, zu lösen sei. „Die Lösung liegt darin, mehr und mehr der Mensch zu werden, der Sie wirklich sind.“

Die/der zu werden, die/der ich bin, braucht die Unterstützung meiner Umgebung, es braucht den liebevollen Blick von mir und den anderen.

Dann kann das Leben gut werden und ich kann, wie Le Shan schreibt, ein Leben führen, das mich wirklich befriedigt, bei dem ich jeden neu Tag freudig begrüße und mit Hoffnung in die  Zukunft schaue.

„Krebs lehrt uns viel über das Leben – Langversion

Das ist ein wunderbares Gespräch. Corinna Schöps und Claudia Wüstenhagen haben in der Online Zeit Ausgabe vom 14.Oktober 2016 einen Onkologen, einen Hämatologen und eine Palliativmedizinerin zu den verschiedensten Aspekten rund um die ärztliche Betreuung von krebskranken Menschen befragt.

Die Antworten berühren mein Herz und lassen mich Hoffnung schöpfen, dass es neben der Apparatemedizin und einem medizinischen Vorgehen, das sich nicht an der Individualität des Einzelnen orientiert, MedizinerInnen gibt, die den Menschen im wirklichen Sinne in den Mittelpunkt stellen

Die drei MedizinerInnen sprechen von gestiegenen Heilungsraten bei Kindern, von Erfolgen, was neue Operationstechniken, aber auch die Früherkennung betrifft und dem erfolgreichen Einsatz von Medikamenten bei bestimmten Krebsarten.

Sie sprechen aber auch über den Preis einer Chemotherapie im Sinne von Nebenwirkungen und Langzeitschäden.

Sie sprechen über die in der Fachwelt gefeierten Immuntherapien. Sie relativieren diesbezügliche Hoffnungen, da diese Therapien nur bei einigen Formen von fortgeschrittenem Krebs in Haut, Lunge und Niere und bei einer bestimmten Art von Leukämie wirken und die Überlebensdauer im Schnitt nur um einige Monate verlängert werden kann und dass davon „bloß eine kleine Gruppe von Patienten“ (Hämatologe) profitiert.

Ich finde es wesentlich diese Daten zu veröffentlichen, glauben viele Krebskranke doch – und so wird es ja von der Pharmaindustrie großflächig vermittelt -,  dass die Immuntherapie auch bei Brustkrebs eine Option ist, und dass damit Heilung erfahren werden kann.

Demgegenüber sagt der Onkologe im vorliegenden Interview, dass „wir immer noch nicht gut gerüstet (sind), wenn sehr häufige Krebsarten wie Darmkrebs oder Brustkrebs nach einer zunächst erfolgreichen Therapie wiederkommen.“

Sukzessive geht das Gespräch auf eine essentielle Ebene, es wird über die Machbarkeitsideologie gesprochen, die den Tod (durch Krebs) aus dem Leben ausschließen möchte.

Wertvolle Gesprächsimpulse kommen dazu naturgemäß von der Palliativmedizinerin.

Besonders berührend finde ich, wenn sie über den Umgang mit schwierigen Fragen oder Situationen mit Krebskranken berichtet. Dann wenn sie zum Beispiel über den Umgang mit Prognosen spricht:

Wir haben immer wieder Patienten in einem weit fortgeschrittenen Stadium, die uns fragen, wie viel Zeit bleibt mir denn? Die Frage fürchtet jeder von uns. Ich warne davor, konkrete Zahlen zu nennen. Ich gebe diese Frage immer an den Patienten zurück: „Was haben Sie selbst denn für ein Gefühl? Was sagt Ihr Bauch?“

Auch andere schwierige Aspekte innerhalb eines Krebsweges werden offenherzig benannt. Zum Beispiel der Umstand, dass oftmals bis zuletzt massive Therapien angewandt werden.

Es berührt mich, wenn der Onkologe ein Beispiel aus seiner Praxis beschreibt, wo ein Patient, mit einem fortgeschrittenen Magenkarzinom, Lebermetastasen, Bauchfellkrebs zu ihm kam und nach drei maliger palliativen Chemotherapie zwar eine „tolle Remission“ hatte, über die sich der Onkologe sehr gefreut hat, andererseits aber mit Hilfe einer selbst erstellten Kurve zeigen konnte, dass „mit zunehmendem Erfolg der Chemo wir seine Lebensqualität ruiniert (hatten). Er war ein Turniertänzer ….und am Ende seiner zweiten Chemo war er fix und fertig. Wir haben zwar den Krebs kleiner bekommen, aber der Patient hatte seiner Ansicht nach wenig davon. Ich habe das als Glücksfall empfunden, dass mir ein Patient das mal so krass mitteilt, auch wenn ich enttäuscht war. Ich hatte ihm doch helfen wollen.“

Wie schön, wenn ein Arzt den Patienten in seiner Ganzheit wahrnimmt und ihn darin respektiert. Wie schön auch, dass er sich davon anrühren lässt und dies auch ehrlich ausdrückt.

Das spricht auch ein anderes heikles Kapitel an – das der subjektiven Realität z.B. der Lebensqualität und wie sich ein Patient fühlt gegenüber den Daten, die man aus Röntgenbildern, Tumormarkern, Tumorgröße, gewinnt.

Und es wird auch angesprochen, dass der direkte Kontakt zwischen Ärztin und Patientin im Gespräch und im Erkunden dieser Lebensrealität aber auch die konkrete klinische Untersuchung-  face to face – gegenüber diesen technischen Daten sukzessive zu kurz kommt.

Die Palliativmedizinerin bringt es auf den Punkt: „In unserem perversen System wird auch noch das zwanzigste CT vergütet, aber kaum mal ein Gespräch. Das ist unser Dilemma in der Palliativmedizin. Wir sind sehr zurückhaltend und hinterfragen kritisch, was nötig ist. Aber für ein nicht gemachtes CT kriegen Sie kein Geld.“

Und der Onkologe fügt hinzu dass das fürsorgliche Unterlassen, wo nicht auch noch die nächste Chemotherapie gegeben wird, nicht belohnt wird. “ Wo im Übrigen (so der Hämatologe) Forschungsergebnissen gemäß „manchmal der dritte oder vierte Durchgang mit jeweils anderen Chemotherapeutika schadet, und man darauf verzichten sollte. Da setzt langsam ein Umdenken ein. Aber es wird nicht so systematisch überprüft wie zum Beispiel die Todesrate nach chirurgischen Eingriffen oder Probleme nach dem Einsetzen von Hüften“

Was für ein wunderbares Wort: Fürsorgliches Unterlassen. Ein Unterlassen, das eine Gabe ist im Sinne des Menschen. Und es braucht  viel Behutsamkeit und Feingefühl, die die drei interviewten ÄrztInnen walten lassen, wenn es darum geht die richtigen Worte und Taten zu finden, um den Menschen dort abzuholen, wo er ist – auch in seiner/ihrer vielleicht unrealistischen Hoffnung und ihm nicht das Gefühl zu vermitteln, dass er fallen gelassen wird.

„Diese Taten können auch ein bisschen im Grenzbereich liegen. Man kann zum Beispiel eine Infusion geben, die gar keine Chemo enthält. Für viele Patienten sind die Infusionen über die Jahre zur Gewohnheit geworden, die sind ja manchmal wöchentlich gekommen. Eine Infusion ist für sie identisch mit Therapie. Ich finde, in solchen Fällen ist es nicht falsch zu sagen: „Wir machen keine Chemotherapie mehr, aber wir geben Ihnen etwas anderes, wir gucken jetzt mal, wie wir Sie stärken.“ Ich würde den Patienten damit nicht betrügen. Und dann kann man Vitamine oder Kortison geben.“ so der Onkologe.

Und es zeigt sich, dass, wenn die Ärztin klar machen kann, dass sie den Patienten nicht fallen lässt, den Prozess sorgsam bis zuletzt begleitet, dass diese dann nicht mehr auf eine weitere Chemotherapie besteht.

Ich habe die schönsten Briefe von Angehörigen bekommen, nicht weil ich Patienten geheilt habe, sondern weil ich ihnen unnötige Dinge erspart habe. Das ist kein Therapieabbruch, sondern eine Änderung des Therapieziels. Die Bezeichnung „Therapie abbrechen“ ist ein furchtbarer, ein saudummer Begriff.“ so der Hämatologe.

Das Interview lässt in wunderbarer Weise durchklingen, dass die ÄrztInnen dem Fluss des Lebens folgen, auch wenn es sich um das Sterben handelt, und dass auch Aspekte, wie zum Beispiel das Verdrängen der furchteinflößenden Realität einer Krebsdiagnose als eine Ressource, eine Schutzfunktion gesehen wird.

Verdrängung ist wie eine Wand, aber meistens ist die irgendwo löchrig, und ich schaue dann immer vorsichtig, wo sie ein bisschen brüchig ist. Ich sage dann: „Lassen Sie uns mal überlegen, was wäre, wenn es jetzt nicht so gut laufen würde, haben Sie mal darüber nachgedacht? Wissen Sie, ich kenne Patienten, die hoffen auch ganz stark, aber manchmal haben sie doch ein paar Zweifel zwischendurch. Ist das bei Ihnen auch so?“ Und es ist erstaunlich, wie weit man da kommt. So führen wir Patienten behutsam an die Realität heran, damit sie Entscheidungen treffen können.“ so die Palliativmedizinerin.

Die Palliativmedizin erfährt in dem Gespräch explizit eine Würdigung, die über ihren Stellenwert am Ende des Lebens hinausreicht.

So sagt der Onkologe: „Die Palliativmedizin wurde ja lange Zeit gar nicht richtig ernst genommen und von manchen sogar verachtet. Ich denke aber, sie könnte den Medizinbetrieb still und unterschwellig revolutionieren. Hier herrscht ein anderes Verhältnis zwischen Arzt und Patient, eine andere Ethik, die die Grenzen des Machbaren anerkennt. Dieses subversive Potenzial sollten wir mehr nutzen.“

Was für eine Aussage!  Wie würde ein Medizinbetrieb wohl aussehen, wenn die Bedürfnisse des Patienten berücksichtigt würden, wenn darauf geachtet wird, dass die Bedingungen so freundlich sind, dass sich ein Wohlbefinden, ein Wohlgefühl einstellen kann.

Wie absurd, dass diese Art der Fürsorge so oft erst zum Ende des Lebens stattfindet. Und ich könnte mir vorstellen, dass sich derartige Bedingungen zu einem früheren Zeitpunkt vielleicht sogar lebensverlängernd auswirken, dann nämlich, wenn ein Aufatmen, ein Aufgehoben sein stattfindet, dann kann vielleicht auch ein Auf-Leben stattfinden.

Das ganze Gespräch zwischen den drei MedizinerInnen ist sehr differenziert, es gibt kein plakatives Entweder-Oder, kein Schwarz – Weiß. Es wird das Leben (mit Krebs) so vielschichtig beantwortet, wie es ist.

Auch wenn es sich um den Akt des Sterbens handelt. „Sterben ist so individuell wie das Leben.“ sagt dazu die Palliativmedizinerin und meint weiter, dass sich zwar viele Menschen wünschen zu Hause zu sterben, dass damit aber oftmals die Verwandten überfordert sind und damit nicht die Unterstützung geben können, die es braucht.

Es wird betont, wie wesentlich es ist, auf Fragen über das Sterben zu antworten, aufzuklären, welche Möglichkeiten der Linderung es gibt.

Und es ist heilsam zu lesen, dass  „die Erfahrung lehrt, dass wir doch ein relativ friedliches Sterben ermöglichen können. Diese Vorstellung, die immer in den Köpfen herumschwirrt, Sterben ist Agonie, ist Kampf, ist immer mit Schmerzen verbunden – stimmt überhaupt nicht. “ so die Palliativmedizinerin.

Dann, wenn Klarheit über den Vorgang und die Hilfen beim Sterben besteht, und wenn der Mensch schmerzfrei ist und auch seine Wünsche nach einem würdevollen Sterben berücksichtigt werden, dann erübrigt sich auch der Wunsch nach einer Sterbehilfe. „Die (welche ursprünglich einen Wunsch nach Sterbehilfe hatten; Anm. BTW) hatten eigentlich gemeint: Ich möchte so nicht mehr leben, ich kann diese Schmerzen nicht aushalten, diese Atemnot, die Angst. Wenn Sie das lindern, ist das kein Thema mehr.“

und weiter

„Es gibt Prozesse zum Ende des Lebens, die wir nicht absehen können, die wir auch nicht beurteilen können, da ist noch viel möglich, sodass ein Leben vielleicht doch ein Stück weit vollendet ist. Es gibt psychologische Phänomene, wie sich der Mensch an Situationen anpasst. Das nennt sich response shift. Ich kalibriere mein Wertesystem so, dass etwas für mich wertvoll ist oder Lebensqualität bekommt, von dem ich früher gesagt hätte, das ist für mich inakzeptabel.“ so die Palliativmedizinerin.

Abschließend – als eine Art Credo –  des Gesprächs möchte ich den Onkologen zitieren:

Man lernt so viel über das Leben, wenn man mit Krebskranken arbeitet. Das ist der Grund, warum ich mich mit der Onkologie beschäftige. Und ich denke, das neue Zeitalter könnte darin bestehen, dass man beharrlich weiterforscht, die Therapien verbessert, aber gleichzeitig akzeptiert, dass es Grenzen gibt, da kann eine gute Palliativmedizin trösten und helfen. Aber dass man Krebs als Teil unseres Lebens versteht, denn er ist ein Teil davon.“

Das einzig Irritierende an diesem wunderbaren, hoffnungsstiftenden Gespräch ist der Umstand, dass nirgends eine Namensnennung dieser ÄrztInnen zu finden ist.

Ist es vielleicht ein Tabu, vielleicht sogar existenzgefährdend als Arzt/ Ärztin, sich derart freimütig über den Umgang im Medizinbetrieb, über die übermäßige Großzügigkeit in der Anwendung von Chemotherapeutika, über die noch gar nicht so große Wirksamkeit von neuen Therapien zu äußern.

Ist es vielleicht gefährlich, den Krebs als Arzt nicht in erster Linie ausrotten zu wollen sondern ihn und  auch das Sterben zum Leben gehörig zu sehen und demgemäß zu behandeln .

Das ganze Interview ist unter  www.zeit.de/2016/38/chemotherapie-krebs-immuntherapien-palliativmedizin-onkologie-haematologie

 

„Krebs lehrt uns viel über das Leben“ – Kurzversion

Das ist ein wunderbares Gespräch. Corinna Schöps und Claudia Wüstenhagen haben in der Online Zeit Ausgabe vom 14. Oktober 2016 einen Onkologen, einen Hämatologen und eine Palliativmedizinerin zu den verschiedensten Aspekten rund um die ärztliche Betreuung von krebskranken Menschen befragt.

Die Antworten berühren mein Herz und lassen mich Hoffnung schöpfen, dass es neben der Apparatemedizin und einem medizinischen Vorgehen, das sich nicht an der Individualität des Einzelnen orientiert, MedizinerInnen gibt, die den Menschen im wirklichen Sinne in den Mittelpunkt stellen

Die drei MedizinerInnen sprechen von gestiegenen Heilungsraten bei Kindern, von Erfolgen, was neue Operationstechniken, aber auch die Früherkennung betrifft und dem erfolgreichen Einsatz von Medikamenten bei bestimmten Krebsarten.

Sie sprechen aber auch offen über den Preis einer Chemotherapie im Sinne von Nebenwirkungen und Langzeitschäden.

Sie sprechen über die in der Fachwelt gefeierten Immuntherapien. Sie relativieren diesbezügliche Hoffnungen, da diese Therapien nur bei einigen Formen von fortgeschrittenem Krebs in Haut, Lunge und Niere und bei einer bestimmten Art von Leukämie wirken und die Überlebensdauer im Schnitt nur um einige Monate verlängert werden kann und dass davon „bloß eine kleine Gruppe von Patienten“ (Hämatologe) profitiert.

Ich finde es wesentlich, diese Daten zu veröffentlichen, glauben viele Krebskranke doch – und so wird es ja von der Pharmaindustrie großflächig vermittelt -,  dass die Immuntherapie (bislang) auch bei Brustkrebs eine Option ist, und dass damit Heilung erfahren werden kann.

Demgegenüber sagt der Onkologe im vorliegenden Interview, dass „wir immer noch nicht gut gerüstet (sind), wenn sehr häufige Krebsarten wie Darmkrebs oder Brustkrebs nach einer zunächst erfolgreichen Therapie wiederkommen.“

Sukzessive geht das Gespräch auf eine essentielle Ebene, es wird über die Machbarkeitsideologie gesprochen, die den Tod (durch Krebs) aus dem Leben ausschließen möchte.

Wertvolle Gesprächsimpulse kommen dazu naturgemäß von der Palliativmedizinerin.

Besonders berührend finde ich, wenn sie über den Umgang mit schwierigen Fragen oder Situation mit Krebskranken berichtet. Dann wenn sie zum Beispiel über den Umgang mit Prognosen spricht oder andere schwierige Aspekte innerhalb eines Krebsweges offenherzig benannt werden. Zum Beispiel der Umstand, dass oftmals bis zuletzt massive Therapien angewandt werden.

Wie schön ist es zu hören, wenn ein Arzt (in diesem Fall der Onkologe, der aus seiner Praxis spricht) den Patienten in seiner Ganzheit wahrnimmt und ihn darin respektiert. Wie schön auch, dass er sich davon anrühren lässt und dies auch ehrlich ausdrückt.

Das spricht auch ein anderes heikles Kapitel an – das der subjektiven Realität z.B. der Lebensqualität und wie sich ein Patient fühlt gegenüber den Daten, die man aus Röntgenbildern, Tumormarkern, Tumorgröße, gewinnt.

Und es wird auch angesprochen, dass der direkte Kontakt zwischen Ärztin und Patientin im Gespräch und im Erkunden dieser Lebensrealität aber auch die konkrete klinische Untersuchung –  face to face – gegenüber diesen technischen Daten sukzessive zu kurz kommt.

Und es wird auch darüber gesprochen,  dass „das fürsorgliche Unterlassen nicht belohnt (wird) “ (so der Onkologe), wo nicht auch noch die nächste Chemotherapie gegeben wird, wenn absehbar ist, dass sie weder Linderung noch Heilung verspricht.

Was für ein wunderbares Wort: „Fürsorgliches Unterlassen.“ Ein Unterlassen, das eine Gabe ist im Sinne des Menschen. Diese Gabe gilt es mit Feingefühl und Behutsamkeit zu vermitteln, damit sich der Patient nicht fallen gelassen fühlt. Es gilt auch Taten zu setzen, die vielleicht im Grenzbereich liegen, wo eine Infusion ohne Chemo nur mit Vitaminen und Kortison gegeben wird, um dem Menschen nicht den letzten Strohhalm an Hoffnung zu nehmen.

Und es zeigt sich, dass, wenn die Ärztin klar machen kann, dass sie den Patienten nicht fallen lässt, den Prozess sorgsam bis zuletzt begleitet, dass dann die Patienten nicht mehr an der Chemotherapie festhalten..

Das Interview lässt in wunderbarer Weise durchklingen, dass die ÄrztInnen dem Fluss des Lebens folgen, auch wenn es sich um das Sterben handelt, und dass auch Aspekte, wie zum Beispiel das Verdrängen der furchteinflößenden Realität einer Krebsdiagnose als eine Ressource, eine Schutzfunktion gesehen wird.

Sensationell finde ich die Aussage des Onkologen, der die Palliativmedizin als revolutionäre Kraft im Medizinbetrieb würdigt, weil „hier ein anderes Verhältnis zwischen Arzt und Patient (herrscht), eine andere Ethik, die die Grenzen des Machbaren anerkennt.“

Was für eine Aussage!  Wie würde ein Medizinbetrieb wohl aussehen, wenn die Bedürfnisse des Patienten berücksichtigt würden, wenn darauf geachtet wird, dass die Bedingungen so freundlich sind, dass sich ein Wohlbefinden, ein Wohlgefühl einstellen kann.

Wie absurd, dass diese Art der Fürsorge so oft erst zum Ende des Lebens stattfindet. Und ich könnte mir vorstellen, dass sich derartige Bedingungen zu einem früheren Zeitpunkt vielleicht sogar lebensverlängernd auswirken, dann nämlich, wenn ein Aufatmen, ein Aufgehoben sein stattfindet, dann kann vielleicht auch ein Auf-Leben stattfinden.

Das ganze Gespräch zwischen den drei MedizinerInnen ist sehr differenziert, es gibt kein plakatives Entweder-Oder, kein Schwarz – Weiß. Es wird das Leben (mit Krebs) so vielschichtig beantwortet, wie es ist.

Auch wenn es sich um den Akt des Sterbens handelt, wird der Individualität Rechnung getragen

Es wird betont, wie wesentlich es ist, auf Fragen über das Sterben zu antworten, aufzuklären, welche Möglichkeiten der Linderung es gibt.

Und es ist heilsam zu lesen, dass  „die Erfahrung lehrt, dass wir doch ein relativ friedliches Sterben ermöglichen können. Diese Vorstellung, die immer in den Köpfen herumschwirrt, Sterben ist Agonie, ist Kampf, ist immer mit Schmerzen verbunden – stimmt überhaupt nicht. “ so die Palliativmedizinerin.

Dann, wenn Klarheit über den Vorgang und die Hilfen beim Sterben besteht, und wenn der Mensch schmerzfrei ist und auch seine Wünsche nach einem würdevollen Sterben berücksichtigt werden, dann erübrigt sich auch der Wunsch nach einer Sterbehilfe.

Abschließend – als eine Art Credo, des Gesprächs möchte ich den Onkologen zitieren:

Man lernt so viel über das Leben, wenn man mit Krebskranken arbeitet. Das ist der Grund, warum ich mich mit der Onkologie beschäftige. Und ich denke, das neue Zeitalter könnte darin bestehen, dass man beharrlich weiterforscht, die Therapien verbessert, aber gleichzeitig akzeptiert, dass es Grenzen gibt, da kann eine gute Palliativmedizin trösten und helfen. Aber dass man Krebs als Teil unseres Lebens versteht, denn er ist ein Teil davon.“

Das einzig Irritierende an diesem wunderbaren, hoffnungsstiftenden Gespräch ist der Umstand, dass nirgends eine Namensnennung dieser ÄrztInnen zu finden ist.

Ist es vielleicht ein Tabu, vielleicht sogar existenzgefährdend als Arzt/Ärztin, sich derart freimütig über den Umgang im Medizinbetrieb, über die übermäßige Großzügigkeit in der Anwendung von Chemotherapeutika, über die noch gar nicht so große Wirksamkeit von neuen Therapien zu äußern.

Ist es vielleicht gefährlich, den Krebs als Arzt nicht in erster Linie ausrotten zu wollen, sondern  ihn, und ja auch das Sterben, zum Leben gehörig zu sehen und ihn dementsprechend zu behandeln.

Das ganze Interview ist unter  www.zeit.de/2016/38/chemotherapie-krebs-immuntherapien-palliativmedizin-onkologie-haematologie

Diagnose Krebs – die „gute Brust“

 

Die Wissenschaftlerin und Filmemacherin Bernadette Wegenstein hat einen sehr beeindruckenden Film gemacht – „The Good Breast“. Hier werden 4 Frauen mit Brustkrebs begleitet, welche in einem Krankenhaus in Baltimore in Behandlung sind. Bei allen Frauen wurde eine Totaloperation vorgenommen mit anschließendem Brustaufbau. Der Film hat mich inspiriert, mich näher mit dem Thema der – zumindest in den USA –  immer häufiger vorgenommenen Mastektomien zu beschäftigen.

Auch bei mir wäre eine Totaloperation indiziert gewesen, weil die Tumorausbreitung multifokal war und eine Teiloperation kein gutes Ergebnis (Entfernung des Tumors im gesunden Gewebe und auch kosmetisch) erwarten ließ. Dann sei ich geheilt, meinte damals der erste Chirurg, den ich kontaktierte. Da  sich dies nicht mit meinem Verständnis von Geheiltsein – immerhin war ich damals erst 41 Jahre alt – deckte, machte ich mich auf die Suche nach einem, der mir die Brust beließ, da wo sie state of the art total entfernt werden sollte. Dieser Chirurg tat eine derart liebevolle Arbeit, sodass nur ein mittlerweilen nicht mehr sichtbarer kleiner Schnitt um die Brustwarze herum von einer OP zeugt.

Damals – im Jahr 1998 – war der Spielraum von Arztwahl und Vorgangsweise noch größer. Es gab noch keine Tumorboards, welche grundsätzlich eine gute Idee sind, nur birgt das die Gefahr, dass unter dem Eindruck dieser gebündelten Autorität der Mut zur eigenen Entscheidungsmacht und der Mut für diese einzutreten für die Patientin geschwächt werden kann.

Ich bin sehr dankbar, dass ich mich damals im Dialog mit einzelnen Ärzten, welche ich frei wählen konnte, für einen mir angemessenen Weg entscheiden konnte.

Der besagte Film, der obwohl es sich um eine Dokumentation handelt,  in seiner Ästhetik einem Kunstwerk gleicht, bildet  mit nicht wertendem Blick die Wege von vier Frauen ab.

Dabei handelt es sich entweder um Fremdstoffimplantate oder aber um eine Aufbauplastik aus Eigengewebe. Da die Filmemacherin sich glücklicherweise nicht scheut, diese (zumeist mehrstündigen) Operationen zu zeigen, wird deutlich, welch massiver Eingriff das ist.

Auch die Ergebnisse werden gezeigt – empfindungslose Brüste, mit langen Schnitten, welche für mich wie prall gefüllte Fremdkörper aussehen, denen dann mithilfe eines Tatoos eine Brustwarze aufgemalt wird.

Mit Ausnahme jener Frau mit der Diagnose DCIS, welche den Verlust ihrer Brust sehr betrauert und  nach wie vor bezweifelt, ob eine solche Amputation notwendig war, waren alle Frauen mit einer derartigen Vorgangsweise – so wie es scheint – einverstanden und glücklich.

Jeder Frau sei es unbezweifelt überlassen, für welche Option – brusterhaltende OP, Totaloperation mit oder ohne Brustaufbau – sie sich entscheidet.

Die vermeintliche Frei-Willigkeit ist für mich jedoch in einem hohen Maße durch folgende Faktoren eingeschränkt:

– In der Schulmedizin hat sich die evidence-based medicine durchgesetzt, wonach die Behandlungsentscheidung auf der empirisch erwiesenen Wirksamkeit von Behandlungsmaßnahmen  getroffen wird. Das klingt zwar gut, weil sicher, ist es aber – näher besehen – leider nicht.

Im Buch „Heilimpulse bei Krebs“ (siehe Empfehlungen auf dieser Seite) stellt der Autor diese „sogenannte Objektivität“ mit harten Daten kräftig in Frage: Er schreibt: “ In der konventionellen Medizin gewinnen Leitlinien für die Therapie zunehmend an Bedeutung. Sie können als mögliche Variante der Behandlungsstrategie für Ärzte und Therapeuten in der Praxis hilfreich sein. Doch sie sind vor allem problematisch, weil sie nicht unabhängig, sondern mit einseitiger Orientierung in Richtung schulmedizinischer Methoden erstellt werden. Das medizinische Establishment, Politik und Krankenkassen setzen nicht leitlinienwillige Ärzte massiv unter Druck. Von 100 Autoren, die an insgesamt 37 Leitlinien beteiligt waren, bestätigten in einer kanadischen Untersuchung 87% Beziehungen zur pharmazeutischen Industrie (Quelle 5). ….“ (S. 45/46) . Weiters zitiert Irmey Studien, wonach „firmenfinanzierte Studien viermal so häufig zu Gunsten des Prüfpräparats ausfallen wie Studien mit anderen Geldgeber, dass Studienergebnisse, die ein positives Resultat zeigen, doppelt so oft veröffentlicht werden wie Studien mit Negativergebnissen oder eine Veröffentlichung von Negativergebnissen überhaupt unterbleibt, hingegen werden für den Sponsor positive Daten durch Mehrfachveröffentlichung in verschiedenen Zeitschriften überbetont.“ (Siehe Irmey, S. 46).

Aus diesen vermeintlich objektiven Ergebnissen bildet sich ein Konsens über ein Behandlungsvorgehen . State of the art bedeutet wörtlich übersetzt „Stand der Kunst“, und  umgangssprachlich „Stand der Wissenschaft.“

Bei mir änderte sich dieser Stand der Wissenschaft innerhalb von vier Monaten.  War bei meiner Art des Tumors im Frühjahr eine (brusterhaltende) OP mit nachfolgender Bestrahlung  indiziert, musste ich dann im Herbst, als ich mit der Bestrahlung beginnen wollte, erfahren, dass es nunmehr indiziert ist, beide Brüste sowie auch die Eierstöcke zu entfernen. Die Brüste könne man dann sofort – in einer 9-stündigen OP – wieder aufbauen. Alles kein Problem. Dieses Vorgehen war für mich undenkbar, und so nahm ich all meinen Mut zusammen, um dem Radioonkologen diese Entscheidung mit zu teilen und ihn zu bitten, dass er mich dennoch mit Respekt und medizinisch gut behandelt.

Auf dem Hintergrund der oben angeführten Tatsachen, vermute ich, dass Behandlungsleitlinien auch oder vielleicht sogar vor allem finanziellen Interessen folgen, die sich als Interesse am Wohl der Patientin verkleiden. Für die Patientin scheint es so, dass eine Mastektomie die  erfolgversprechendste Behandlung ist, mit der niedrigsten Rezidiv- und höchsten Überlebensrate. Nun weiß man jedoch, dass eine Mastektomie gegenüber einer brusterhaltenden Operation die Sterbensrate – mit Ausnahme bei hoher genetischer Disposition – nicht senkt. Ein Umstand, welche sogar die beeindruckende Chirurgin Lauren Schnaper,  um welche sich der Film rankt, betont – „a mastectomy does not save your life“. Es ist etwas verwirrend, warum sie das dennoch tagtäglich macht.

Die Patientin steht also einem Bollwerk an vermeintlich wissenschaftlich abgesicherten Aussagen gegenüber. Darüber hinaus ist sie durch die Diagnose in einem Angst- und Schockzustand, was bedeutet, dass die kortikale Aktivität nur eingeschränkt zur Verfügung steht. Sie kann also schwerlich das ganze Feld der entscheidungsrelevanten Faktoren und vor allem ihre innere Stimme wahrnehmen. Sie wird sodann wahrscheinlich der Behandlungsweise zustimmen. Noch dazu, weil auf eine Auflehnung leider nicht selten Drohungen – „dann werden Sie mit einem Rezidiv zu rechnen haben“ oder einem Entzug der Behandlungsbeziehung – „dann kann ich nichts für Sie tun“ – folgen.

–  Der zweite Faktor, welcher die Entscheidung zu einem Brustaufbau beeinflusst,  ist der Umstand, dass die Identität einer Frau als Frau in der westlichen Welt an diesen „Hügel“, wie es eine anwesende Zuschauerin nannte, gebunden ist. Diese Übereinkunft, dass eine Frau nur eine Frau ist, wenn sie Brüste hat, bestimmt mit, dass auch derart massive Eingriffe wie ein Brustaufbau  in Kauf genommen werden. Mehr noch, unsere Brüste sollen in ihrem Aussehen Idealen gehorchen. Diese sind interessanterweise je nach wirtschaftlicher Phase unterschiedlich. Der Terror des Schönheitsideals lässt uns Frauen mit unseren Brüsten oft lebenslänglich hadern, auch wenn sie wunderbar aussehen, ob sie jetzt klein oder groß sind. Und unsere Wahl ist in einer derart hirngewaschenen Situation ganz und gar nicht frei. Auch das hat man in dem Film gesehen – vor allem bei einer Frau, die mehrere OPs über sich ergehen ließ, um ein optimales (!!) Ergebnis zu erzielen.

Dass frau mit ihrer Brustlosigkeit glücklich und ganz und gar weiblich sein kann und im Gegenteil ihre brustlose Brust un-verschämt zeigt, wird am Beispiel von Karoline Erdmann („Ich tanze mit der Angst – ich tanze mit der Freude“) deutlich. Sie beschreibt in ihrem Buch eingehend, wie sie sich für eine Mastektomie ohne Aufbau entschied. Entscheidend war dabei die Priorität für Gesundheit und Sicherheit, aber auch die Beweglichkeit, welche zu erhalten für sie als Tänzerin ein großer Wert war. Die Entscheidung war frei und  klar getroffen, die Brust, von welcher sie sich in einem Ritual verabschiedete, wurde frei-willig einem übergeordneten Interesse – Sicherheit, Gesundheit und Beweglichkeit – geopfert. Auf der Basis einer so getroffenen Entscheidung wird die Brust nicht abgenommen, sondern gegeben, Dies ist ein aktiver Akt, bei welchem die Frau nicht selbst zum Opfer wird. Sie ließ sich sodann eine ornamentale Blumenranke auf die brustamputierte Seite tätowieren,  und es ist diese Seite, welche sie in ihrem asymmetrisch geschnittenen Kleid bei ihren Tangotanzauftritten.entblößt. Wie schön!

Ich fände es sehr spannend und versöhnlich, gäbe es einen Film, der  Frauen würdigt, welche in diesem Sinne einen Weg beschreiten. Ihren Mut, ihre, Entschlossenheit, ihre Würde und letztlich ihre Schönheit zu zeigen wäre eine starke Bekräftigung für eine wahrhaft autonome Entscheidung.

Für mich und die Anwesenden hat der Film vieles berührt:

Es hat mir einmal mehr klar gemacht, dass ich einen derartigen Brustaufbau niemals vornehmen lassen würde. Das hat viele Gründe – vielleicht auch, weil in mir eine Amazone steckt. Aber auch, weil meine „gute Brust“ nicht nur im Äußeren lebt, sondern in meinem Inneren. Und diese Kraft und lebensspendende Macht kann man (!) mir ohnedies nicht nehmen.

Der Film hat mich aber auch meinen Brüsten wieder mit mehr Achtung und liebevoller Fürsorge zuwenden lassen, denn es ist ganz und gar nicht selbstverständlich, dass sie noch da sind, so ganz die Meinen.

Die Würdigung dieser unserer ureigensten Brüste finde ich in folgendem Text wunderbar ausgedrückt:

Altehrwürdige Brüste

Wir sind die Alten GroßMütter, und unsere Brüste sind sehr alt.

Vielleicht findest Du sie hässlich. Sieh, wie sie sich zur Erde neigen, voller Sehnsucht, mit jedem vergehenden Jahr ein Stück tiefer.

Wir lächeln, denn wir wissen, dass unsere Brüste eine unverwüstliche Kraft besitzen, sie sind biegsam, geschmeidig, leicht und nicht zu zähmen. Ob die Launen der Mode sagen, unsere Brüste müssten groß oder klein sein, spitz oder flach, mit Dekolleté oder ohne, gepolstert oder gebunden, betont oder verborgen, interessiert uns nicht.

Unsere Brüste fallen frei, unberührt von gerade gängigen Vorstellungen.

Ihre Kraft ist die Kraft des Lebens.

Die Kraft unserer Brüste ist die Kraft jeder Frau. So wie unsere Brüste Leben bedeuten, so bedeutet die Brust einer jeden Frau Leben. Auch du, EnkelTochter. Deiner Brüste Kraft ist die Kraft des Lebens.

Deine Brüste sind heilig.

 

(Aus dem Buch „Brustgesundheit – Brustkrebs“ von Susun S. Weed. Orlanda Verlag)