Seit März letzten Jahres bin ich ein Fan.
Von Ilia Malinin, jenem legendären Eiskunstläufer, der im Alter von 21 Jahren bereits zum dritten Mal Weltmeister ist.
Springt, wie wenn es nichts wäre, einen vierfachen Sprung nach dem andere zu landen.
Das heißt, er erhebt sich vom Boden – neuerdings kann man die Sprunghöhe sehen, 20-30 cm.
Dreht sich dann 4-4 ½ (beim vierfachen Axel) mal um die eigene Achse und landet sicher mit der richtigen Kufenneigung, auch das ist wichtig, habe ich mittlerweile gelernt, sicher auf den Füßen.
Deshalb wird er auch Quad God genannt.
Er ist ein Mann der Rekorde – 7 4-fach Sprünge in einer Kür, Rekordpunkte – Zahlen jenseits aller bisher möglich geglaubten Dimensionen.
Viele verzeihen ihm diesen Nick Name nicht. Jemand, der sich Quad God nennt, soviel Anmaßung wollen wir nicht.
Ich liebe sein Eislaufen, seine Musikauswahl, seinen expressiven Stil, das Ernsthafte und auch das Spielerische.
Alles war klar: er, nur er wird die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Mailand gewinnen.
Im Teamwettbewerb verhalf er dem US-amerikanischen Team zum Sieg.
Und dann die Kür beim Einzelbewerb: Er stürzt, einmal und dann noch einmal.
Und er fährt weiter und weiter und weiter bis zum Ende der Kür, angeschlagen, aber tapfer.
Welch´ eine Stärke, der nächste Sprung und dann noch weitere, jeder eine potentielle Gefahr.
Ich konnte nicht mehr hinschauen, erst am Schluss, es war vorbei – die Kür und der Traum von Olympiagold für 2026 – , zwinkerte ich aus den halbgeöffneten Augen und sah seine Verzweiflung.
Die Hände vors Gesicht geschlagen, musste er lange warten, bis er bereit war, sich in alle Richtungen zu verneigen.
Eisboden tu´ Dich auf.
Dann das Urteil: nein, es wurde nicht der 3., nicht der 2. und schon gar nicht der 1. Platz. Nein, es wurde der unfassliche 8.Rang, weit abgeschlagen vom Medaillenfeld.
Und er – Ilia Malinin – schafft es, den Ersten zu umarmen und ihm zu gratulieren.
All das hätte ich nicht gekonnt, zu tief der Fall, zu groß die Scham, wäre in die Kabine gekrochen und dann ins Bett.
Bin gar nicht da.
Alles vorbei.
Er, mein lieber Ilia tauchte bald einmal wieder auf, feuerte seine TeamkollegInnen an, gab Interviews und verarbeitete die vielen Hassbotschaften, die ihn erreichten – das hämische Beklatschen – Hochmut kommt vor dem Fall –, indem er die Angst und die Hatz in seiner Kür beim Schaulaufen künstlerisch umsetzte.
Wunderbar berührend und über alle Schmach erhaben.
Danach bei einem Interview gefragt, wie er denn diese Niederlage auf jeder Ebene verarbeitete, meinte er, er habe sie zurückgelassen, es ist vorbei und in der Vergangenheit, jetzt ginge es darum, sich auf die noch anstehende WM vorzubereiten.
Auch wir erleiden Niederlagen, wo wir hart am Boden aufschlagen, wie ein neuerliches Rezidiv eines längst vertrieben geglaubten Krebs-Gastes, oder die überraschend heftigen Nebenwirkungen einer Behandlung, eine verletzende oder irritierende Botschaft eines Arztes, oder auch das Reinrutschen in einen Traumastate, von dem wir glauben, dass es längst überwunden sei.
Wir fallen.
Wir liegen am Boden.
Wir können aber auch wieder aufstehen.
Das muss auch nicht so elegant erfolgen wie bei ihm und auch nicht in Sekundenschnelle.
In unserer Zeit.
Vielleicht zuerst auf die Seite rollen, ausruhen, dann in den Vierfüsslerstand kommen, uns zu einem haltgebenden Ort robben, ein Bein aufgestellt, anhalten, das zweite dazu, hochziehen, stehen, endlich wieder stehen, ein Schritt, dann der nächste, das Fenster öffnen, den Lebensatem hereinlassen, dann wieder mal vor das Haus treten, schauen, begreifen, dass es nur ein Sturz war, ein Sturz, wenn auch ein schmerzlicher, wenn auch einer, von welchem ich die eine oder andere Schramme abbekommen habe, vielleicht sogar einen Knochenbruch oder einen heftigen Schlag auf den Kopf.
Aufstehen.
Immer wieder aufstehen.
Das Lebens-Training aufnehmen.
Wie er es gemacht hat.
Gestern, am 28.3. 2026 ist er seine Kür erneut gelaufen – bei der WM in Prag.
Wieder konnte ich kaum hinsehen.
Und er schaffte es.
Wunderbar.
Herzlichste Gratulation lieber Ilia – Deine treueste Fanin Beatrix
P.S. wer sie nachsehen will: https://www.youtube.com/watch?v=FHinM3vrlvw