Mein lieber Wilhelm Reich

Vor einem Jahr habe ich ein Nachwort verfasst zu einem von mir und meiner Tochter Lisa Teichmann übersetzten Buch von Wilhelm Reich mit dem Titel „Reich über Freud“.

Das ist ein Interview, das der amerikanische Analytiker Kurt Eissler ein paar Jahre vor Reichs Tod im Jahre 1952 mit Wilhelm Reich führte.

Lange habe ich an dem Text gearbeitet und mich so neuerlich zutiefst mit meinem, wenn ich so sagen darf, Wilhelm Reich verbunden.

Das Nachwort wurde von den anderen Mitherausgebern leider nicht angenommen – zu polarisierend, zu tendenziös, zu persönlich, unpassend für dieses Buch.

So will ich es hier veröffentlichen – Wilhelm Reich zur Ehre.

Möge es viele Menschen erreichen in dem „Gefühl für das Wirken des Ungewöhnlichen und das Wirken gegen das Gewöhnliche.“

„Ich war derjenige, der unbequem in der Kultur war.“

Ein persönliches Nachwort von Beatrix Teichmann-Wirth

Ich bekenne: Ich liebe Wilhelm Reich und sein Werk seit dem ersten Tag im Sommer 1980, als ich ihm in seinen Schriften begegnete.

Diese Zuneigung und Wertschätzung sind auch nach der intensiven Beschäftigung mit dem Text in den letzten Monaten ungetrübt geblieben.

Und wie damals, vor mehr als 30 Jahren, als ich das Interview für die Zeitschrift Bukumatula rezipierte, bin ich neuerlich beeindruckt über die vielen, zum Teil verborgenen Schätze, die sich in diesem finden.

Und wieder ist mir das Drängende und Eindringliche Reichs aufgefallen.

Ich sehe ihn, wie er nach vorne geneigt, seinem Interviewer, Eissler, immer näherkommt. „Verstehen Sie mich? Ist das jetzt klar?“

Jetzt, angereichert mit dem Wissen aus der Polyvagaltheorie kann ich es, glaube ich, besser verstehen.

Reich wollte Eissler erreichen, wollte spürbaren Kontakt und tiefes Verstehen. Vor allem wollte er ihn dazu bewegen, sich in einen wirklichen Dialog einzulassen. Und wird abgespeist mit knappen Ja´s, die keine glaubwürdige Bestätigung sind und keine Fortführung und Vertiefung zulassen.

Laut Myron Sharaf lachte Eissler vielmehr während langer Passagen des Interviews innerlich über Reich.

Auch machte er sich Gedanken über dessen geistige Gesundheit. Für ihn sei Reich zwar nicht psychotisch, aber psychopathisch mit darunter verborgenen paranoiden Zügen.

Ah, dachte ich, als ich es in Sharafs Biographie las, deshalb all das Nachfragen, das Eindringliche.

Vielleicht, so denke ich, basiert das ganze Interview ja auch einfach auf grundsätzlich unterschiedlichen Ausgangsmotiven. Deshalb das ganze Zerren und Ziehen.

Hier Eissler, der vor allem an Freud und dessen Beziehung zu Reich interessiert ist und meinem Empfinden nach, unter dem Vorwand eines historischen Interesses, versucht, Reich auszuhorchen, ihm Gerüchte, Sexgeschichten und Anekdoten zu entlocken. 

Wen interessiert die Entdeckung der Orgonenergie, wen interessiert die Komplexität von Zusammenhängen, die genitale Beschaffenheit eines Menschen, die Lustangst und Lebenssehnsucht der Menschen oder gar die emotionale Pest als biologisches Problem.

Sprechen wir lieber über die Querelen, Streitereien unter den Psychoanalytikern, wer über wen was gesagt hat, und ob Reich damals in Luzern wirklich in der Hotel-Lobby mit einem Dolch in der Hosentasche campierte.

Und da Reich: Er bleibt zurückhaltend, und wenn er über Gerüchte spricht, tut er es umsichtig, ordnet ein, warum etwas wichtig sein könnte und nicht per se wichtig ist. „Das sind Gerüchte, sollen wir uns wirklich damit beschäftigen? …. Muss ich mich daran beteiligen? …. Ich würde mich lieber nicht dazu äußern? … Wenn ich mich geirrt habe, tut es mir leid, dann habe ich die ganze Situation falsch eingeschätzt.“

Ihm geht es vor allem um den Ursprung und die Grundlagen seines Werks.

Da ist natürlich zunächst Freud, seine Beziehung zu ihm, die dem Buch auch den Titel verlieh. Eine unglückliche Liebe ist das, mit vielen Erwartungen und großen Enttäuschungen. Aber auch Freuds Kieferkrebs, der der Ausgangspunkt für die Forschungen Reichs zum Krebs war. Und manchmal schien es mir, als spräche Reich über sich selbst: Über sein Alleinsein, über sein Verehrt- und Missverstanden – Werden. Freud ist an Krebs erkrankt, Reich ist das Herz gebrochen, der eine schweigt, untersagt es sich, der andere redet sich den Mund fusselig.

Immer wieder versucht Reich zur Essenz zurückzukehren – zur Libidotheorie als Grundlage für die Entdeckung der Orgonenergie, zu den Säuglingen und den Voraussetzungen für ein gesundes Leben, und was das alles mit den Pflanzen und Bäumen und dem Blau des Himmels zu tun hat, zum Fühlen und Gefühlt werden in einem ganz ursprünglichen Sinn, in der strömenden, ungeteilten Verbindung von Leben zu Leben. Und zur Genitalität, „die es nirgends gibt“.

Wesentlich und fast unscheinbar geht es um das für Reich Entscheidende: um die bioenergetische Ausstattung der Analytiker: „Nicht, dass sie schlechte Menschen oder schlechte Ärzte waren, aber ein echtes Verständnis, ein echter Kontakt, das „Gefühl“ wie ich es nenne, fehlte. Das Gefühl für das Wirken des Ungewöhnlichen und das Wirken gegen das Gewöhnliche.“, sagt er da an einer Stelle.

All das – das orgonotische Strömen, die plasmatische Erregung, die grundlegende Plasmabewegung des bioenergetischen Systems, die Lebensenergie – ist intellektuell nicht zu begreifen.

Um wirklich zu wissen, was Reich meint, was sein um Verständnis ringendes Wesen ausdrücken mag, braucht es das oben angesprochene „Gefühl“, oder wie Reich es an anderer Stelle nannte, die Fähigkeit zur vegetativen Identifikation.

Und es braucht, wie Ola Raknes es so wunderbar ausdrückte, auch und vor allem „den Mut und den Willen, es den Dingen und Ereignissen zu gestatten, Eindrücke hervorzurufen.“ Diese Bereitschaft lässt auch Eissler, der wie viele andere bei der Charakteranalyse stehen blieb, in meinem Empfinden vermissen.

Für mich ist das Interview vor allem ein flammender Appell. Reich legt den Finger auf die Wunde, an unsere Beschränkungen. Es ist ein Appell, die eigenen Festungen zu verlassen, auch wenn es unbequem ist. Reich rührt, wie so oft in seinen Werken an unsere Lebendigkeit, an das, was leben will, an unsere Sehnsucht nach mehr, nach aufrichtig und wild Sein, an zart und radikal Sein und groß und uns selbst Sein.

Danke, lieber Wilhelm Reich für die leidenschaftliche Erinnerung an ein Leben, das der Wahrhaftigkeit und Liebe verpflichtet ist.

Die Erleuchtung

Und auf einmal war sie da, die Erkenntnis:

Es ist sowas von Wurscht.

Mein bewusstes Leben lang bin ich gegen Unrecht aufgetreten, hab´ mir die Hände wundgescheuert am Felsgestein des Unrechts.

Bin aufgetreten, habe mich eingesetzt, die Stimme erhoben, hab´ das himmelschreiende Unrecht aufgezeigt, hab´ versucht andere zum Hinsehen zu bewegen,  zu einem Kampf gegen das Unrecht.

Manchmal, manchmal ist es gelungen, eher selten.

Heute in einem Gespräch mit einer lieben Freundin, die so gestrickt ist wie ich, eine, die recherchiert, aufdeckt, aufsteht, sich nicht scheut zum Reibebaum, zur Persona non grata zu werden, heute in diesem Gespräch, wo es wieder einmal um eine Strategie ging, wie wir am besten gegen Unrechtmäßigkeit vorgehen können, fiel es mir wie Schuppen von den Augen:

Es ist so wurscht.

„Dann ist das so“, wie jener Mönch am Berg sagt, dem zunächst ein Kind übergeben wird, um es ihm nach Jahren wieder weg zu nehmen.

Dann ist das so.

So ist hier und heute eine Entscheidung in mir gefallen.

Ich höre auf, mich mit den Niederungen des Lebens zu beschäftigen. Ich höre auf, mich mit all den „kleinen Männern“, um meinen lieben Wilhelm Reich zu zitieren zu befassen.

Ich höre auf, mich mit den Grabenkämpfen, der für mich unfasslichen moralischen Verrottung auf der Welt im Kleinen wie im Großen zu beschäftigen.

Die Endlichkeit des Lebens an die Seite gestellt, im Bewusstsein, dass mir wahrscheinlich nur mehr eine begrenzte Zeitspanne der geistigen Wachheit und Umsetzungskraft zur Verfügung steht, erhebe ich mich in die höheren Sphären meines Seins.

Ich folge meinem Ruf, Gutes zu tun.

Gutes tun, indem ich mein persönlichstes Erleben beschreibe, all das Ringen, aber auch das Wunderbare, das ich erlebe.

Auf dass Menschen, welchen die Möglichkeit des Ausdrucks und der sprachlichen Symbolisierung nicht derart zur Verfügung steht, sich wiedererkennen können.

Und sie sich in all ihren vermeintlichen Verrücktheiten, ihrer Unvollkommenheit, ihrem sprichwörtlichen Gestört Sein, aber auch ihrem Angelegt Sein zum Wesentlichen, in ihren Gaben, ihrer Schöpfungskraft dadurch besser erkennen und annehmen können.

Einverstanden mit den vielen verschiedenen Aspekten ihres Seins, im Frieden mit sich selbst.

Das will ich tun.

Das werde ich tun.

Wie schön.

Wie beglückend.

Welch´ eine Erleichterung.

Die Passion

Leiden gibt es – das ist eine Tatsache. Ebenso wahr ist, dass wir nicht leiden wollen.

Nichts wie weg vom Ort des Leidensgeschehens – seien es Bauchschmerzen, Konfliktschmerzen, Liebesschmerzen, Kränkungs- und Geringschätzungsschmerzen, und schon will ich weg und das ist verständlich.

Und dann läuft es uns nach – das Leiden – , es zippt am Rock oder Hosenzipfel, „Hej“ sagt es, „ich hab´ Dir was zu sagen, schau mich an, sei mit mir, ich will Dir nichts Böses, bin für und nicht gegen Dich.“

Immer lästiger und eindringlicher wird es, immer heftiger versucht es, meine Aufmerksamkeit zu erreichen und immer heftiger wird auch der Kampf, das Niederknüppeln, der Versuch, es zum Schweigen zu bringen.

Schon schränkt sich meine Wahrnehmung auf diesen einen Schauplatz ein, immer verzweifelter werden meine Versuche, das Leiden zum Schweigen zu bringen, endlich eine Ruh zu haben, vom lästigen Störenfried.

Jetzt Stehenbleiben, mich umwenden und hinschauen, genau spürend hinschauen, wahrnehmen, hinhören und bleiben, bis sich die Botschaft offenbart.

Nicht mehr.

Atmen – wahrnehmen – atmen – dableiben.

Dann kann Transformation geschehen, ohne mein Zutun, ohne äußere Lösungsversuche, aus sich heraus.

Der kluge Friedrich Benesch, ein langverstorbener Pfarrer der Christengemeinschaft hat in einem seiner kleinen Büchlein zur Passion und Ostern das Leiden Christi von einem ungewöhnlichen Blickwinkel aus betrachtet.

Er beschreibt das Leiden als Prozess der Verdichtung und Vertiefung. Ohne Sentimentalität versteht er es als Möglichkeit, die uns in unserer Wesentlichkeit erfahren lässt.

Für mich ist ein solcher Blickwinkel ermutigend.

Ermutigend, um mich dem allgemeinen Hype des Gut- Fühlen- Müssens, des Glücklichsein-Wollen- Müssens zu widersetzen und mich frei-mütig dem Prozess des Lebens zu überlassen, diesem immerwährenden Pulsieren zwischen Zusammenziehen und Ausdehnen.

Und schon kann nix mehr passieren und alles, wahrlich alles ist gut.

Ein leidenschaftliches Leben ist das, ein passioniertes, intensives, immer neues.

Happy Birthday

2025 war das Jubiläums-Jahr meiner geistigen Freiheit.

Im Jahr 1975, also vor 50 Jahren begann ich mein Studium der Psychologie an der Universität Wien.

Welch´ eine Erleichterung und Befreiung nach Jahren des langweilig-ängstigenden Martyriums im Gymnasium. Ich konnte wählen, ich konnte studieren, ich konnte von großen Menschen lernen.

Und dann nach Jahren des wissenschaftlichen Arbeitens habe ich im Jahre 2015 mit Hilfe von Manou Pusker meinen Blog zur Welt gebracht.

So ein Segen.

So will ich mich heute bedanken:

Happy Birthday lieber Blog!

10 Jahre bist du schon alt.

So ganz Du, so ganz Ich, bis in die Farben und Tönungen bist Du ganz Du selbst, durchdrungen von pastelligem Rosa und Grün und ein bisschen Blau und Grau.

Durchwoben von handgefertigten Stichen der Bosna Quilts, der Handschrift des Lebens.

Zärtlich, sanft und weise gibst Du mir einen wahrhaft freien Raum.

Du rufst nicht ungeduldig nach mir, wenn ich mal länger nichts schreibe, und auch wenn ich den Rahmen sprenge und über etwas schreibe, das scheinbar so gar nichts mit Krebscoaching zu tun hat, bist Du nicht verstimmt.

Du heißt alles willkommen, – Lustiges, Wahres, Schweres, Innerstes aus meinem Leben – all das begrüßt Du, nimmst es auf und beherbergst es.

Kommentarlos, gleich-gültig.

Nie korrigierst Du meine Sprache, weil eine andere vielleicht den Algorithmus besser bedienen würde.

Ich weiß, Du liebst sie, meine Sprache, sie ist genau Deins.

Manchmal wissenschaftlicher, manchmal poetischer, verdichtet, manchmal in den tiefsten Tiefen des irdischen, menschlichen Seins, manchmal in den höchsten Höhen des Himmlischen.

Du verlangst mir keine Minimal- oder Maximalzeichenanzahl, keine Referenzhinweise, keine Zitierregeln ab.

Du korrigierst mich nicht, Du bewertest mich nicht, Du beurteilst mich nicht.

Selbstlos bist Du.

Selbstlos sollst Du bleiben.

Ganz meiner.

Du Lieber, Danke für Deine treue Gastfreundschaft.

Danke für Deine Großzügigkeit.

Danke für das Geschenk der Inspiration, der beständigen Einladung und der bedingungslosen Ausdrucksmöglichkeit.

Danke für Dein Dasein.

Danke, dass Du in meinem Leben bist und dieses bereicherst.

Nach-Wehen

Meine/unsere Geburt war wahrlich kein Honig-Schlecken.

Heute 69 Jahre danach hab´ ich nochmal dran gedacht, wie das so war damals, als wir beide, meine Schwester und ich, das Licht der Welt erblickten.

Unter Zeitdruck waren sie, die Ärzte damals, im Streik und da passte eine Zwillingsgeburt, auch wenn meine Mutter uns tapfer ohne Kaiserschnitt zur Welt brachte, so gar nicht herein.

Dann war ich draußen – „Die Erste ist ein Mädchen“ sagten sie zu meiner Mutter, die von einer Zwillingsschwangerschaft nichts wusste.

Meine Schwester ließ sich Zeit, da mussten sie mit härteren Bandagen arbeiten, draufsetzen auf den Bauch, dass was weitergeht. Dann zwanzig Minuten später war auch sie da.

Willkommen geheißen mit einer raschen Umdrehung, Kopf unten an den Füßchen gepackt. 1,2,3 Klapse auf den Po, damit auch das zügig geht, das erste Atmen.

Schnell einmal abgenabelt, da war nix mit Auspulsieren, warum auch immer alles so schnell gehen musste.

Ratz – Fatz, und schon war die Verbindung getrennt.

Alles im gleißenden Licht, von der Dämmerung, dem sanften, weichen Milieu, das warm ist in die Kälte.

Schnell einmal abgeschrubbt, kein liebevolles Gebrabbel, flüsternd gesprochen: „Oh Willkommen liebes Erdenkindchen! Schau mal, hier ist es schön. Wir lieben Dich, wir freuen uns über das Wunder, das durch Dich in die Welt kommt. Mögest Du geborgen und mit Liebe begleitet sein. Mögest Du erkannt und gefördert sein, mögest Du glücklich sein. Mögest Du Dich wohlig in Deinem Körper zuhause fühlen.

Mögest Du Dich selbst lieben in allen Facetten Deines So-Seins.

Mögest Du Deinen Ruf hören und Deiner Be-Stimm-ung folgen. Mögest Du frei sein.“

Nix von all dem.

Abgerubbelt mit kratzigen Tüchern. Angekleidet, abgelegt zu all den anderen alleingelassenen Menschenkindern. Hunger zur Unzeit, gefüttert wird, wenn die 4 Stunden um sind, schnell angelegt, Mutter im Stress, oh je da kommt nix raus. Stress verdirbt die Milch, und überhaupt wollte ich noch ein bisschen bleiben, bei der Mama, die sich mit solch einer Tapferkeit bemühte, uns beiden, die wir ja nur eine sein sollten, gerecht zu werden – ein Name, ein Bettchen, eine Ausstattung, 5.Stock, Einzelraumwohnung.

Ja, so war das.

Hier wird das Nein zur Welt konstituiert, sagt mein lieber Willi Reich.

Ja, so war das.

Diesem Nein ein Ja entgegenzusetzen war mein ganzes Leben mein Job.

Ich hab´ ihn oft nicht gut erfüllt, immer wieder erlag ich dem Nein zu meiner Existenz, zur Welt.

Gott Sei Dank bin ich mit einem Zugang zu überirdischen Welten ausgestattet, kann mich immer wieder vom Guten, Wahren, Schönen berühren lassen.

So will ich mir heute, an meinem 69.Geburtstag ein Versprechen geben:

Ich werde mich um das Baby kümmern, ihm keine Nahrung – zu welcher Zeit auch immer – versagen, weil irgendwelche Richtlinien dies verordnen.

Ich werde mich um meine Bedürfnisse kümmern.

Um das Bedürfnis nach Ruhe und Bewegung, die mir entspricht und um das Bedürfnis nach (schöpferischem) Ausdruck.

Um mein Bedürfnis nach Schönheit, indem ich mich an Orten aufhalte, die schön sind.

Mein Bedürfnis nach Wahrheit, indem ich mich mit Menschen umgebe, die meine Wahrheit teilen und indem ich den Mut aufbringe, für diese meine Wahrheit einzutreten.

Um mein Bedürfnis nach Gutem, indem ich mich von schlechten Nachrichten fernhalte und mich von den vielen guten, die es ja auch gibt, nähre.

Ich will mich um mein Bedürfnis nach Zartheit kümmern, mich von groben Menschen fernhalten und mich mit zärtlichen, einfühlsamen umgeben.

Ich werde meinen Körper achten, wenn ich ihn auch vielleicht nicht lieben kann. Ihn anerkennen in seiner ihm eigenen Schönheit und Tüchtigkeit.

Ich werde mir mein sogenanntes Scheitern und Straucheln verzeihen und mich in Mitgefühl über die nach wie vor wiederkehrenden Zustände üben.

Ich werde den oben an das Baby gerichtete Worten lauschen.

Ich werde mich um mein Werk kümmern, um das, was ich hier bestimmt bin zu vollbringen.

Mein Eigenes.

Ja, all das will ich mir versprechen und mich daran erinnern, auf dass nichts mehr zurückbleibt von all dem Alten.

Und Neues geschehen kann.

Mein gutes Sterben

Keine Sorge, es geht mir gut.

Aber man kann nie früh genug anfangen, sich mit dem eigenen Sterben zu beschäftigen, wie immer es dann tatsächlich sein wird.

Mein gutes Sterben ist ein Prozess, ein bewusster Prozess – kein schnelles hinüber Schlafen, aus dem Leben gerissen ohne jegliche Anzeichen.

Mein gutes Sterben kündigt sich an, ich weiß um mein Sterben und ich mach´ mich auf den Weg – wissend, dass es um meinen letzten Weg geht. Um den letzten irdischen Weg.

Mein gutes Sterben ist schon lange vorbereitet.

Ich weiß, welche Musik ich hören möchte, wenn ich überhaupt etwas hören möchte, ich kann mir nämlich auch vorstellen, dass zu diesem Zeitpunkt die Stille, – wie Eckhart Tolle sagt, „die Sprache Gottes“ die schönste Musik ist.

Mein gutes Sterben ist ein Sterben, das begleitet wird von Menschen, nicht vielen – 2-3 vielleicht, das weiß ich noch nicht so genau -, die mich leise, sanft und aufmerksam begleiten. Sie picken nicht die ganze Zeit an mir und fragen, was ich brauche, weil viel – so glaube ich – werde ich nicht mehr brauchen. Sie sind in Rufweite oder öffnen immer wieder leise die Tür, um nach mir zu sehen.

Meine BegleiterInnen wissen, dass der Tod eine Geburt in eine neue Seinsweise ist. Sie begrüßen diesen Prozess wie sie ein Zur-Welt-Kommen, begrüßen. Sie sind daher ohne Angst, und wenn sie ängstlich oder hilflos sind, achten sie darauf, zu schauen, was sie selbst brauchen, um wieder frei zur Verfügung stehen zu können. Auch die Trauer über den menschlichen Verlust können sie zur Seite stellen für diese Zeit.

Sie sind da. Halten meine Hand, cremen mich ein, wenn ich das möchte.

Sie drängen mir kein Essen auf – schau, ein bisschen was musst ja essen. Sie geben mir schluckweise zu trinken, wenn ich überhaupt ein Bedürfnis habe, etwas zu mir zu nehmen oder sie befeuchten einfach Mund und Lippen.

Sie betten meinen Körper, sodass es bequem ist, halbwegs bequem, weil ganz bequem stell´ ich mir es auch nicht vor – das Sterben.

Sie sind eingestimmt in mich und den Prozess.

Sie atmen mit mir wie eine Hebamme wissen sie, dass mich jeder Atemzug dieser Geburt näherbringt.

Einatmen – Ausatmen

Auch habe ich dafür gesorgt – vielleicht ist das ja eines der großen Herausforderungen für mich – dass alles in Ordnung gebracht wurde, meine Überweisungen ebenso wie mein Nachlass und meine Beziehungen, die ich bestenfalls befriede, da wo Unfrieden ist.

Mein gutes Sterben ist begleitet von den Segnungen unserer Kirche, der Christengemeinschaft.

Es werden all die wunderbaren Sakramente wie die Krankenölung über die Aussegnung am offenen Sarg nach drei Tagen, die Bestattung und dann noch die Seelenmesse, die bei uns Totenweihehandlung heißt, gespendet und sie helfen mir, mich vom irdischen Sein zu lösen und in einer andere Seinsqualität überzugehen.

Das Bewusstsein, dass das alles geschieht, dass für meine Seele gesorgt wird, trägt und hält mich, es hilft mir, mich anzuheben und gleichzeitig sinken zu lassen.

Mein gutes Sterben ist auch unterstützt von den lindernden Maßnahmen der Medizin, ich möchte keine schlimmen Schmerzen ertragen, weil, so mein Empfinden, Schmerzen mich an meinen irdischen Leib festkrallen lassen.

Einatmen – Ausatmen

Irgendwann werde ich das letzte Mal ausatmen. Und dann werde ich drüben sein, aufgenommen von all meinen Lieben, meinen Eltern, meinen Seelen-Verwandten, meinen Krebsschwestern und vielleicht sogar von meinen geistigen Lehrern, dem Willi und dem Lenny zum Beispiel.

Vielleicht muss ich mich noch ein bisschen zurechtfinden, vielleicht werde ich mich auch sehnen nach Orten, Zuständen, nach den Pflanzen und Tieren.

Dennoch – ich bin gewiss, dass ich die Loslösung schon schaffe, wie ich so vieles geschafft habe in meinem Leben.

Unlearn patriarchy – Schreiben

Den folgenden Beitrag habe ich nach einer schmerzlichen Erfahrung mit der „Behandlung“ eines meiner Texte verfasst.

Der Titel „Unlearn patriarchy-“ ist eines sehr lesenswerten Buches entnommen, wo die Autorinnen die teilweise oder vielleicht sogar zumeist verborgenen Dynamiken des Patriarchats hinsichtlich verschiedener Aspekte, wie Medizin, Körper, Liebe, Wissenschaft,… beschreiben. (https://www.ullstein.de/werke/unlearn-patriarchy/taschenbuch/9783548068602)

Seit einiger Zeit bin ich am Erforschen dieser unbewussten Mechanismen in den verschiedenen Zusammenhängen, aber auch und vor allem in mir selbst, jene Aspekte, die mich hindern, mich im Schöpferischen vollständig zu ver-wirk-lichen.

Die Herren bestimmen und oft haben sie das letzte Wort.

Die Herren sagen und fragen. Oft antworten sie nicht, oder nur wenn es ihnen passt.

Die Herren lassen uns arbeiten, manchmal loben sie uns, nicht zu viel, damit wir nicht übermütig werden.

Die Herren beauftragen, mach´ dies, mach´ das. Zuerst geben wir den kleinen Finger und schon stecken wir drin bis zu den Knöcheln.

„Und manchmal sagen sie was dazu“, um es mit Ingeborg Bachmann anlässlich der Gruppe 47 zu sagen. Ein ebenso sehr lesenswertes Buch von Nicole Seifert (https://www.kiwi-verlag.de/buch/nicole-seifert-einige-herren-sagten-etwas-dazu-9783462003536)

Und wir, die Frauen, wir fühlen uns geschmeichelt, dass wir überhaupt eingeladen werden.

Wow, welche Auszeichnung, ich darf dabei sein, sie wollen mich, mich wollen sie.

Und dann diene ich, übernehme die mir aufgetragenen Aufgaben, bringe den sprichwörtlichen Kaffee und gute Laune, bessere die Grammatikfehler aus, lese ihre Texte, gebe ausführliche und wohlwollende (wichtig!!) Rückmeldungen. Und die Kritik nur ganz vorsichtig formuliert.

Wenn die Herren gut gelaunt sind, dann bedanken sie sich sogar.

Und ich fühle mich einen Moment besser – nur einen Moment.

Wow, ich habe Pieps sagen dürfen und werde nicht gleich zur Schnecke gemacht.

Das ist doch schon ein Anfang.

Weiter so.

Und dann neue Aufträge empfangen, mit einem Packen rausgehen, abarbeiten, pflichtbewusst und fristgerecht – selbstverständlich.

Und dabei auf der Strecke bleiben.

Tag um Tag, Jahr um Jahr.

Denn die Herren wollen nichts Eigenständiges, zu „tendenziös, zu krass, zu radikal, zu polarisierend und überhaupt was ist der Mehrwert?“ – alles Originalzitate.

Jetzt ist Schluss damit – hoffentlich, so ganz sicher bin ich mir nämlich nicht, ob ich nicht neuerlich der Verführung erliege.

Also bitte lassen wir die Herren Herren sein.

Da ist nichts zu holen.

Aufstehen mit oder ohne Krone, das Schöpferische erwecken.

Das ist unser Job.

Nur das.

Sich ans Werk machen, ans Eigene.

Das Eigenste, das nur ich erschaffen kann, das wird dann vielleicht wild oder auch unendlich zärtlich, innig, oft sogar unverständlich, auch inbrünstig, überschwänglich, ver-rückt, entfesselt, großartig.

Und selbst für mich überraschend und immer neu.

Vor allem das:

Immer neu-geboren.

Alles zu seiner Zeit.

Zunächst die befruchtende Inspiration, dann die Schwangerschaft, ein hin und her Bewegen, ein Hegen und Pflegen. Keine vorgegebene Zeichen- oder Wortanzahl, nicht mal Grammatikregeln, schon gar keinen vorgegebenen Geburtstermin, oder wie das in diesen Zusammenhängen so unschön Deadline heißt.

Eine natürliche Geburt, eine Ent-Bindung, ein zur Welt- Bringen.

Dann ist es da, das Neugeborene, zu seiner Zeit. Und dann auch keine lektorierenden Eingriffe – so kann man das ja nun wirklich nicht sagen.

Ein Staunen, ein Lieben. Ein Annehmen und Anerkennen der je eigenen Schönheit.

Das Wesen entdecken, dieses einzigartige Wesen.

Und sich drüber freuen.

Heissa, hopsassa, wie wunderbar!

Es begrüßen, halten und tragen im Kreise der Künstlerinnenfamilie bis es seinen Weg in die Welt findet, wo es viele, viele Menschen im Herzen erreicht.

So soll es sein.

So wird es sein, wenn wir, die Weibsfrauen uns besinnen, dass wir ganz und gar frei sind, und dass es keine patriarchalen Strukturen und männliche Anerkennung braucht, um unser Werk zur Welt zu bringen.

Auf dass ich das schaffe, das durch mich, durch uns hier ge- und erschaffen werden soll.

Was ich von meinem Garten lerne

Mein Garten ist mein Paradies.

Immer entsteht Neues, oftmals ohne mein Zutun, überraschend ist ein Hibiskusstämmchen da oder die Sonnenblume dort, der kleine Eichbaum, ein Röschenstamm, ja auch das , was man als Unkraut bezeichnet, Brennesseln, Disteln, Löwenzahn, Gras, wo es nicht sein soll.

Die Natur setzt sich immer durch.

Jetzt fast ein Jahr nach dem dramatischen Hochwasser, das den Garten mit Schlamm bedeckte und ich schon dachte, alles ist vorbei, sprießt es üppiger denn je – die Rosen, die Hortensien, Sonnenhüte, Lavendel, der Feigenbaum,  alle setzen sie ein kräftiges Zeichen des Lebens.

Ich weiß, sie brauchen meine liebevolle Aufmerksamkeit, mein Wahr- nehmen.

Hallo, Du Liebe, guten Morgen, geht’s Dir gut?

Darf nicht durch den Garten trampeln, weil ich bei der großen, leuchtendgelben Zinnie nach neuen Blüten schauen will, und patsch schon trete ich auf das kleine Lavendelpflänzchen, das sich von da an gekränkt zurückzieht.

Oh entschuldige, das tu mir so leid.

Nahetreten muss ich, nicht einfach den Rasensprüher anstellen und von oben, vielleicht sogar bei brütender Hitze über die Blütenköpfchen hinweg das Dunstwasser schütten.

Nein, Nahetreten mit dem Schlauch in der Hand, grad richtig eingestellt, zart für Kleinen, kräftiger für Stärkere und sprühend, um die kleinen Samen sanft hervor zu locken.

Pflanzen wollen auch von Abgestorbenem befreit werden, ich bemerke das Aufatmen, wenn ich etwas Verblühtes abschneide. „Hej, hier auch noch bitte, will ja Platz haben für weiteres Leben.“

Eine Erleichterung ist das, ein Aufatmen, eine Befreiung.

Genau muss ich sein, welchen Platz will die Pflanze, wie kurz will das Gras geschnitten werden.

Was muss weichen, was muss bleiben.

Welch´ eine Metapher:

Nähertreten,

in Fühlung sein,

Fragen, was gebraucht ist,

Beantworten,

Genau sein, sich von Altem, Abgestorbenem befreien – großzügig, um für Neues Platz zu machen,

Wandel zulassen.

Vertrauen,

dass sich das Leben immer durchsetzt und sich immer weiter-lebt.

Welch ein Geschenk.

Soviel Schönheit,

Selbstlos gegeben.