Die Erleuchtung

Und auf einmal war sie da, die Erkenntnis:

Es ist sowas von Wurscht.

Mein bewusstes Leben lang bin ich gegen Unrecht aufgetreten, hab´ mir die Hände wundgescheuert am Felsgestein des Unrechts.

Bin aufgetreten, habe mich eingesetzt, die Stimme erhoben, hab´ das himmelschreiende Unrecht aufgezeigt, hab´ versucht andere zum Hinsehen zu bewegen,  zu einem Kampf gegen das Unrecht.

Manchmal, manchmal ist es gelungen, eher selten.

Heute in einem Gespräch mit einer lieben Freundin, die so gestrickt ist wie ich, eine, die recherchiert, aufdeckt, aufsteht, sich nicht scheut zum Reibebaum, zur Persona non grata zu werden, heute in diesem Gespräch, wo es wieder einmal um eine Strategie ging, wie wir am besten gegen Unrechtmäßigkeit vorgehen können, fiel es mir wie Schuppen von den Augen:

Es ist so wurscht.

„Dann ist das so“, wie jener Mönch am Berg sagt, dem zunächst ein Kind übergeben wird, um es ihm nach Jahren wieder weg zu nehmen.

Dann ist das so.

So ist hier und heute eine Entscheidung in mir gefallen.

Ich höre auf, mich mit den Niederungen des Lebens zu beschäftigen. Ich höre auf, mich mit all den „kleinen Männern“, um meinen lieben Wilhelm Reich zu zitieren zu befassen.

Ich höre auf, mich mit den Grabenkämpfen, der für mich unfasslichen moralischen Verrottung auf der Welt im Kleinen wie im Großen zu beschäftigen.

Die Endlichkeit des Lebens an die Seite gestellt, im Bewusstsein, dass mir wahrscheinlich nur mehr eine begrenzte Zeitspanne der geistigen Wachheit und Umsetzungskraft zur Verfügung steht, erhebe ich mich in die höheren Sphären meines Seins.

Ich folge meinem Ruf, Gutes zu tun.

Gutes tun, indem ich mein persönlichstes Erleben beschreibe, all das Ringen, aber auch das Wunderbare, das ich erlebe.

Auf dass Menschen, welchen die Möglichkeit des Ausdrucks und der sprachlichen Symbolisierung nicht derart zur Verfügung steht, sich wiedererkennen können.

Und sie sich in all ihren vermeintlichen Verrücktheiten, ihrer Unvollkommenheit, ihrem sprichwörtlichen Gestört Sein, aber auch ihrem Angelegt Sein zum Wesentlichen, in ihren Gaben, ihrer Schöpfungskraft dadurch besser erkennen und annehmen können.

Einverstanden mit den vielen verschiedenen Aspekten ihres Seins, im Frieden mit sich selbst.

Das will ich tun.

Das werde ich tun.

Wie schön.

Wie beglückend.

Welch´ eine Erleichterung.

Die Passion

Leiden gibt es – das ist eine Tatsache. Ebenso wahr ist, dass wir nicht leiden wollen.

Nichts wie weg vom Ort des Leidensgeschehens – seien es Bauchschmerzen, Konfliktschmerzen, Liebesschmerzen, Kränkungs- und Geringschätzungsschmerzen, und schon will ich weg und das ist verständlich.

Und dann läuft es uns nach – das Leiden – , es zippt am Rock oder Hosenzipfel, „Hej“ sagt es, „ich hab´ Dir was zu sagen, schau mich an, sei mit mir, ich will Dir nichts Böses, bin für und nicht gegen Dich.“

Immer lästiger und eindringlicher wird es, immer heftiger versucht es, meine Aufmerksamkeit zu erreichen und immer heftiger wird auch der Kampf, das Niederknüppeln, der Versuch, es zum Schweigen zu bringen.

Schon schränkt sich meine Wahrnehmung auf diesen einen Schauplatz ein, immer verzweifelter werden meine Versuche, das Leiden zum Schweigen zu bringen, endlich eine Ruh zu haben, vom lästigen Störenfried.

Jetzt Stehenbleiben, mich umwenden und hinschauen, genau spürend hinschauen, wahrnehmen, hinhören und bleiben, bis sich die Botschaft offenbart.

Nicht mehr.

Atmen – wahrnehmen – atmen – dableiben.

Dann kann Transformation geschehen, ohne mein Zutun, ohne äußere Lösungsversuche, aus sich heraus.

Der kluge Friedrich Benesch, ein langverstorbener Pfarrer der Christengemeinschaft hat in einem seiner kleinen Büchlein zur Passion und Ostern das Leiden Christi von einem ungewöhnlichen Blickwinkel aus betrachtet.

Er beschreibt das Leiden als Prozess der Verdichtung und Vertiefung. Ohne Sentimentalität versteht er es als Möglichkeit, die uns in unserer Wesentlichkeit erfahren lässt.

Für mich ist ein solcher Blickwinkel ermutigend.

Ermutigend, um mich dem allgemeinen Hype des Gut- Fühlen- Müssens, des Glücklichsein-Wollen- Müssens zu widersetzen und mich frei-mütig dem Prozess des Lebens zu überlassen, diesem immerwährenden Pulsieren zwischen Zusammenziehen und Ausdehnen.

Und schon kann nix mehr passieren und alles, wahrlich alles ist gut.

Ein leidenschaftliches Leben ist das, ein passioniertes, intensives, immer neues.