Meine/unsere Geburt war wahrlich kein Honig-Schlecken.
Heute 69 Jahre danach hab´ ich nochmal dran gedacht, wie das so war damals, als wir beide, meine Schwester und ich, das Licht der Welt erblickten.
Unter Zeitdruck waren sie, die Ärzte damals, im Streik und da passte eine Zwillingsgeburt, auch wenn meine Mutter uns tapfer ohne Kaiserschnitt zur Welt brachte, so gar nicht herein.
Dann war ich draußen – „Die Erste ist ein Mädchen“ sagten sie zu meiner Mutter, die von einer Zwillingsschwangerschaft nichts wusste.
Meine Schwester ließ sich Zeit, da mussten sie mit härteren Bandagen arbeiten, draufsetzen auf den Bauch, dass was weitergeht. Dann zwanzig Minuten später war auch sie da.
Willkommen geheißen mit einer raschen Umdrehung, Kopf unten an den Füßchen gepackt. 1,2,3 Klapse auf den Po, damit auch das zügig geht, das erste Atmen.
Schnell einmal abgenabelt, da war nix mit Auspulsieren, warum auch immer alles so schnell gehen musste.
Ratz – Fatz, und schon war die Verbindung getrennt.
Alles im gleißenden Licht, von der Dämmerung, dem sanften, weichen Milieu, das warm ist in die Kälte.
Schnell einmal abgeschrubbt, kein liebevolles Gebrabbel, flüsternd gesprochen: „Oh Willkommen liebes Erdenkindchen! Schau mal, hier ist es schön. Wir lieben Dich, wir freuen uns über das Wunder, das durch Dich in die Welt kommt. Mögest Du geborgen und mit Liebe begleitet sein. Mögest Du erkannt und gefördert sein, mögest Du glücklich sein. Mögest Du Dich wohlig in Deinem Körper zuhause fühlen.
Mögest Du Dich selbst lieben in allen Facetten Deines So-Seins.
Mögest Du Deinen Ruf hören und Deiner Be-Stimm-ung folgen. Mögest Du frei sein.“
Nix von all dem.
Abgerubbelt mit kratzigen Tüchern. Angekleidet, abgelegt zu all den anderen alleingelassenen Menschenkindern. Hunger zur Unzeit, gefüttert wird, wenn die 4 Stunden um sind, schnell angelegt, Mutter im Stress, oh je da kommt nix raus. Stress verdirbt die Milch, und überhaupt wollte ich noch ein bisschen bleiben, bei der Mama, die sich mit solch einer Tapferkeit bemühte, uns beiden, die wir ja nur eine sein sollten, gerecht zu werden – ein Name, ein Bettchen, eine Ausstattung, 5.Stock, Einzelraumwohnung.
Ja, so war das.
Hier wird das Nein zur Welt konstituiert, sagt mein lieber Willi Reich.
Ja, so war das.
Diesem Nein ein Ja entgegenzusetzen war mein ganzes Leben mein Job.
Ich hab´ ihn oft nicht gut erfüllt, immer wieder erlag ich dem Nein zu meiner Existenz, zur Welt.
Gott Sei Dank bin ich mit einem Zugang zu überirdischen Welten ausgestattet, kann mich immer wieder vom Guten, Wahren, Schönen berühren lassen.
So will ich mir heute, an meinem 69.Geburtstag ein Versprechen geben:
Ich werde mich um das Baby kümmern, ihm keine Nahrung – zu welcher Zeit auch immer – versagen, weil irgendwelche Richtlinien dies verordnen.
Ich werde mich um meine Bedürfnisse kümmern.
Um das Bedürfnis nach Ruhe und Bewegung, die mir entspricht und um das Bedürfnis nach (schöpferischem) Ausdruck.
Um mein Bedürfnis nach Schönheit, indem ich mich an Orten aufhalte, die schön sind.
Mein Bedürfnis nach Wahrheit, indem ich mich mit Menschen umgebe, die meine Wahrheit teilen und indem ich den Mut aufbringe, für diese meine Wahrheit einzutreten.
Um mein Bedürfnis nach Gutem, indem ich mich von schlechten Nachrichten fernhalte und mich von den vielen guten, die es ja auch gibt, nähre.
Ich will mich um mein Bedürfnis nach Zartheit kümmern, mich von groben Menschen fernhalten und mich mit zärtlichen, einfühlsamen umgeben.
Ich werde meinen Körper achten, wenn ich ihn auch vielleicht nicht lieben kann. Ihn anerkennen in seiner ihm eigenen Schönheit und Tüchtigkeit.
Ich werde mir mein sogenanntes Scheitern und Straucheln verzeihen und mich in Mitgefühl über die nach wie vor wiederkehrenden Zustände üben.
Ich werde den oben an das Baby gerichtete Worten lauschen.
Ich werde mich um mein Werk kümmern, um das, was ich hier bestimmt bin zu vollbringen.
Mein Eigenes.
Ja, all das will ich mir versprechen und mich daran erinnern, auf dass nichts mehr zurückbleibt von all dem Alten.
Es ist nur eine Zahl, die da schwarz auf weiß auf dem Befund steht – 2,4 cm steht da, wo vor 1 ½ Jahren noch 1,9 cm stand. Das ist beeindruckend und zieht mich sofort in den Bann.
2,4
2,4
2,4
2,7
Progredient wachsend.
Nicht gut, gar nicht gut.
Das Schicksal, oder was auch immer, hat es mir erspart, dass ich diese Zahl sogleich, noch bevor ich meinen Radiologen sah, auf meinem Handy lesen musste.
So konnte er mich vorwarnen, was dann tatsächlich „unbeeinflusst und objektiv“ dastehen wird.
2,4 cm
Ein ziemliches Wachstum also, rein so gesehen.
Beeindruckend, Angst machend, zur baldigen Handlung auffordernd.
Abklären, Reinstechen, Bestimmen, was es ist.
Endlich – hätte schon längst geschehen sollen.
Sofort wird diese Realität zur einzigen Wirklichkeit, die alles andere überschattet.
Von 1,9 auf 2,4 cm, ein deutliches und stetiges Wachstum.
Da könnte ich gleich 1 und 1 zusammenzählen. Was soll das sein, noch dazu, wo es so böse aussieht.
Das ist die eine Realität.
Schritt für Schritt bläht sie sich auf.
Schon bin ich nicht mehr gesund, sondern (potentiell) schwer krank.
Schon habe ich eine fragliche Zukunft, schon kann ich mich nicht mehr in meiner Gesundheit erfahren und an ihr erfreuen.
Schon starre ich fortan auf diese 2,4 oder 2,6 oder 3,0 oder 3,5 cm.
Das ist die eine Realität.
Nur die eine.
Eine zweite zeigte sich im Gespräch, im direkten, persönlichen Gespräch mit meinem Radiologen. Er zeigte uns, meinem Mann und mir, alle 5 CT – Bilder seit 2002.
Sofort sah ich ihn, meinen Jupiter, wie ich ihn gleich einmal nannte, damals, als er mir vom 1. CT- Bild entgegen leuchtete.
Hallo, ich bin noch da!
Am selben Platz, hat seine Form nicht verändert und von der Ferne betrachtet ist er auch größenmäßig gleichgeblieben.
Vertraut irgendwie.
Schlagartig waren mein Mann und ich erleichtert, auch wenn es uns nicht gelang, meinen Röntgenologen davon zu überzeugen, dass sich augenscheinlich nichts verändert hat.
Das ist die 2. Realität: die Wahrnehmung des Augenscheinlichen.
3 ½ Jahre der Beobachtung und keine wesentliche Veränderung.
Wären da nicht die Zahlen, die mich gestern Morgen heftig wachrüttelnden.
Ja, aber warum wächst da was, und was wächst ist böse und gehört raus.
Stand by steht er da – der Befund – mit all den Zahlen und Warnungen.
Er ruft nach meiner Aufmerksamkeit.
Komm´ her, beschäftige Dich mit mir. Was, Du willst fröhlich weiterleben, Deine Dinge machen. Nix da, her mit der Aufmerksamkeit.
Schon lieg´ ich gelähmt im Bett, die Stunden vergehen.
Total freeze.
Wegen zwei Zahlen: 1,9 und 2,4
Glücklicherweise hatte ich ein erfreuliches Telefonat mit einer Freundin, wir sprachen über ihren Hund, den Bauernhof, über unsere Brust-Op´s, über die O-Töne, Streeruwitz und das Leben – alles heiter und leicht.
Jetzt nur nicht zurück – hej da war doch noch was – dieser Befund.
Meine Lebendigkeit wahrnehmen, den Himmel sehen, die Wolken ziehen lassen.
Zurück in die Wirklichkeit.
Hab´ nämlich keine Lust mehr, mich um ein Krebsgeschehen zu kümmern, schulmedizinische „Angebote“ abzuwehren, mich den nicht weniger fordernden komplementärmedizinischen Maßnahmen zu überantworten und um den Krebs zu kreisen, als Lebenszentrum.
Will forschen, mich freuen, mich bewegen, denken, lieben, gut sein…
Eine unscheinbare Email von meinem Röntgenarzt, der mich seit 28 Jahren treu begleitet, dass er wieder mal nachgesehen hätte im System und keinen CT Befund von mir findet.
Das hab´ ich jetzt über Monate erfolgreich verdrängt, hatte bereits Verordnung und Bewilligung und einen Termin, dann wurde ich krank und damit durfte, musste ich es auf die lange Bank schieben.
Ich bin also hingegangen – ein letztes Mal – muss ja auch meinem Hausverstand – ein gar nicht so schlechtes Wort, der Verstand, der in meinem Körperhaus lebt – benutzen. Und der sagt, wenn nach 3 Jahren keine wesentliche Veränderung in Wachstum und Form passiert ist, dann kann da nichts sein, kein Krebs und schon gar keine Metastase.
Also, ich bin hingegangen am Dienstag und aufgeregt war ich wieder und zigmal kontrollierte ich, ob ich eh alle Zettel dabei habe, die Verordnung, die Bewilligung und den Blutbefund – alles nicht älter als 3 Monate.
Gerade noch ganz gesund, kann ja laufen, gehen, denken, meine Sachen machen und dann die Maschinerie – und schon (tod-)krank.
Überall können sie sein, die todbringenden Herde, sie lauern im Körper, sie gehören abgeklärt, reingestochen, angeschaut, ob man darin diese bösen Zellen findet.
Kann mich nicht dran gewöhnen und voller Mitgefühl denke ich an all meine lieben Krebs-Klientinnen, die das teilweise alle 3 Monate durchmachen müssen.
Reingeschoben in die Röhre, das Kontrastmittel im Arm, Hände hinter dem Kopf abgelegt, ausgestreckt, wie aufgehängt lieg´ ich da, den Platz nahezu wortlos zugewiesen, keine Anrede, kein sich Vorstellen.
Die Maschine ist es, worum es geht.
Mein Leben, das Urteil über mein Leben einer Maschine überantwortet, kein Gesicht zu einem Befund, unemotional und damit unbeeinflusst, nennt das mein Radiologe.
Ein Stück Fleisch liegt da, lieg´ ich da, gekreuzigt am Marterpfahl der Technik.
Einatmen – Ausatmen.
Einatmen.
Den Atem halten.
Weiter atmen.
Zuvor den Fragebogen ausfüllen, die Zeilen reichen nicht aus für die vielen Diagnosen, die ich bereits hatte.
1998 rechts
2002 links
2018 beidseits.
2022 links.
Dasselbe noch einmal für die OP´s und die Bestrahlungen.
Mühsam ist das und fast geniere ich mich – das ist wahrlich keine Erfolgsstory. Vorsorglich trage ich einen Body und eine Hose ohne Metall dran, sonst müsste ich – Oberkörper nackt – in der Unterhose rein, mich entschuldigen für den Ablatio-Anblick, aber es schaut eh´ keine, der Fokus ist auf meinen Venen, pump, pump, klopf, klopf. Ist diese junge Frau überhaupt eine Ärztin, schließlich spritzt sie mir ein Kontrastmittel in die Venen. „Das möchte ich nicht im Gewebe haben“, sage ich scherzend, man will ja Kontakt haben.
Kontakt ist das Wichtigste.
„Reden Sie mit mir!“, hat sie gesagt, meine liebe Gundula, als sie ihr die Maske für die Kopfbestrahlung aufgesetzt haben.
„Reden Sie mit mir!“.
Da war er wahrscheinlich ganz schön erschreckt, der RT Mensch, dass diese Frau kein stummes Lamm auf der Schlachtbank ist, sondern ein Mensch, ein großer Mensch, der durch die Schlitze rausspricht, der vor-kommt, sich äußert mit einer Stimme, die ja hier eigentlich gar nicht angesagt ist.
„Reden Sie mit mir!“
Alle lassen wir uns sie gefallen, die Behandlung, die keine ist.
Massenmenschenhaltung.
Am Schalter den Schein abgeben, das ist das Wichtigste, die Bewilligung, die die Kohle garantiert, sonst geht gar nichts.
Code für den Befundabruf entgegennehmen.
Platz nehmen, auf einem der drei Sessel.
Aufgerufen werden, zwischen Tür und Angel Durchsprechen des Informationsblattes. Eigentlich ist mir das gar nicht recht, dass die Frau, die bereits an meinem Platz sitzt, das so alles detailliert mitbekommt.
„Da ist der Kopf“– einziger Begrüßungssatz. „Ich weiß“, schmunzle ich, „ich kenne es schon“ – so mein vorsichtiger Kontaktversuch.
„Reden Sie mit mir, bitte reden Sie mit mir!“
„Zeigen Sie mir, dass ich ein Mensch bin, dass Sie ein Mensch sind, der lächeln und antworten kann, der eine Ahnung, zumindest eine leise Ahnung hat, wie beschissen eine solche Situation ist, dass Menschen wie ich, die jetzt schon das 5. Mal auf das Urteil warten, ob der Herd, dieser hochsuspekte Herd mit dem Namen SBL – Abkürzung für Metastase- von mir liebevoll Jupiter getauft, größer geworden ist.
Größer ist nämlich ganz schlecht, oder vielleicht sind ja sogar noch welche dazu gekommen – Aufhellungen, Verdunkelungen, da ist ja viel Platz in so einem Körper.
„Reden Sie mit mir, bitte, ich flehe Sie an, lassen Sie mich nicht allein!““
„Reden Sie mit mir! Sagen Sie mir, dass Ihnen meine Haarfarbe gefällt, fragen Sie mich, welcher Art mein Doktortitel ist, und dass Sie auch immer schon Psychotherapeutin werden wollten.
Oder erzählen Sie mir von ihrem Hund oder dass Sie froh sind, dass es jetzt gleich zu Ende ist mit all dem Nadel-Setzen und Rein- und rausschieben und Sie jetzt endlich gleich die vom Foodora gelieferte Pizza essen können.
Oder sagen Sie mir – wieder geschafft! Haben Sie noch einen schönen Abend.“
Egal was, einfach mit mir reden, mir das Gefühl geben, dass ich nicht allein bin. Weil dann lässt sich sogar ein schlechter Befund besser verdauen.
Naja, so gesehen kann man sich schon auf mit passender KI programmierte Roboter freuen, die einen mit Namen ansprechen, die Hand halten, fragen, ob ich gut liege, mich beruhigen über liebe Worte.
Sehr oft habe ich in meinem Leben das kleine Gartenhäuschen mit dem lauschigen Garten, umgeben vom Lattenzaun verlassen, um in die Welt zu ziehen – Trixilein ging allein in die weite Welt hinein…
Habe es gewagt, mich der Ungeschütztheit auszusetzen, war neugierig, was es noch so alles gibt.
So habe ich bei vielem mitgewirkt, in politischen, feministischen Zusammenhängen ebenso wie in therapeutischen Gruppen und onkologischen Netzwerken.
Meistens war ich Jahre, oft Jahrzehnte mit vollem Engagement und Begeisterung dabei.
Es ist schön, zu einer Gruppe dazu zugehören. An etwas gemeinsam zu wirken, eine Bedeutung zu haben und Anerkennung zu bekommen.
Auch war ich stolz, dass ich mit wichtigen Menschen und in bekannten Gruppierungen mitarbeiten konnte. Da war auch ich gleich ein bisschen wichtiger.
Das ist verführerisch.
Jemand (scheinbar) wichtiger zu sein, gebraucht zu werden, mich wichtig machen zu dürfen.
Das war oftmals die Einladung an mich, mich selbst nicht mehr wichtig zu nehmen. Und über meine Grenzen zu gehen. Früher oder später machte sich in mir ein Unwohlsein breit, zunehmend fühlte ich mich ausgenutzt, starrte auf die (fehlende) Anerkennung. Wurde frustrierter und frustrierter.
Und blieb.
Vielleicht ist ja doch noch was zu holen und überhaupt, ich kann doch nicht eine derart wichtige Gruppe verlassen. Dann steh ich ganz allein da, bin überhaupt nix mehr wert.
Sehnsucht nach meinem lauschigen Gartenplätzchen.
Für mich sein. Die Erwartung auf Anerkennung durch andere aufgeben, weil da sowieso nur ich bin und niemand anderer.
Ich mit meinen kleinen Pflanzen, die so ganz meine sind und nix von mir wollen, und der große Baum, der mir ganz selbstlos Schatten spendet.
Und dann bin ich weggegangen.
Einfach weggegangen. Das war nicht einfach, hab noch oft zurückgeschaut und mich gefragt, ob das wohl eine gute Entscheidung war, und was ich vermissen werde. Wieder aus einem Zusammenhang gefallen, gegangen, wieder ein Stück mehr allein.
Weggehen.
Das ist ein großes Tabu. Selbst für mich, Meisterin des Weggehens. Das wird einem bald als Flucht ausgelegt. Flüchten – auch das so ein Tabu.
Aushalten muss man, sich anpassen, in sich gehen, die Ursachen in sich selbst aufdecken, darüber, dass es schon wieder nicht geklappt hat mit der Gruppenzugehörigkeit.
Vielleicht, so flüstert mir ein Vögelchen in meinem Garten zu, ist es jedoch ganz anders. Vielleicht muss ich allein sein, um all-eins zu sein, um in das köstliche Gefühl der wahren Verbundenheit zu kommen.
Heimkehren, Einkehren, Ankommen und dann das innere Ziehen und Zerren aushalten, widerstehen.
Gegen eine solche Aufforderung hab´ ich mich immer gewehrt.
Ab-grenzen.
Da bin ich ganz mit der Aufmerksamkeit an meiner Peripherie, versuche mit angespannte Armen für meinen Raum zu sorgen.
Grenze mich ab.
Und schon bin ich abgegrenzt, stets bedacht, die nächste Lücke zu schließen. Entäußert, abgezogen.
Da gefiel mir ein anderes Bild schon besser: So sehr in meiner Mitte verankert zu sein, dass diese wie ein ins Wasser geworfener Stein Kreise um sich zieht, weite Kreise…
Da ist Ausdehnung, die kraftvoll eine Grenze schafft.
In den letzten Wochen bin ich selbst und vor allem auch in der Begleitung von Menschen, die an Krebs erkrankt sind, damit konfrontiert worden, wieviel Kraft für die innerliche Abwehr von ungünstigen Einflüssen erforderlich ist.
Das können Eltern sein, wo wir gehorsam Zeit miteinander verbringen (müssen), weil es sich so gehört, oder auch Freudinnen, die den Namen eigentlich nicht verdienen, weil sie uns in unseren Vorhaben und Visionen nicht unterstützen, uns die eigene Wahrheit absprechen, uns bewerten und uns mit ihren eigenen unhinterfragten Konzepten befassen. Es kann aber auch ein Kollege sein, der unseren Beitrag zum gemeinsamen Projekt nicht würdigt.
Und dann hat es unser Organismus damit zu tun, all das abzuwehren. Und dann kann es sein, dass ich innerlich Runde um Runde abgehe, immer mit der Frage, wie ich das wohl mitteilen könnte, ohne den/die andere zu verletzen.
Gerade wenn unser Körper nicht gesund ist, oder es mit einem Genesungsprozess zu tun hat, wie das zum Beispiel nach einer fordernden Therapie der Fall ist, brauchen wir einen unbedrohten Raum, einen organismischen Raum, der erneut in die Ausdehnung und damit in die Pulsation kommen kann. Und das ist nur möglich, wenn dieser Raum ein sicherer Raum ist, ein unbedrohter, ein Raum, in dem wir uns niederlassen können, atmen, uns ausdehnen, atmen, pulsieren.
So tauchte vor einigen Tagen ein Bild in mir auf über den je eigenen Lebensgarten, den es zu pflegen und zu hegen und den es ebenso zu schützen gilt.
Und so ein wunderbarer Garten braucht einen Zaun, einen hölzernen Lattenzaun. Latte um Latte in braunem Holz stehen sie nebeneinander, sie schützen mich vor den Blicken und dem Eindringen. Und nein da ist nicht einfach ein kleines, leicht zu öffnendes Schloss, sondern ein richtiges, das man nur von innen öffnen kann.
Und dann schau´ ich, wer da so reinkommen will, verborgen in meinem Häuschen und dann entscheide ich, ob ich Eintritt gewähre oder nicht. Und dann darf die Person vielleicht reinkommen und da gibt es ein Salettl, wo wir auf einen Tee zusammensitzen für eine gewisse – nicht allzu lange Zeit – und dann bitte ich sie wieder zu gehen.
Und dann bin ich wieder in meinem Raum.
Ausatmen.
Mich freuen, angeregt von der Begegnung.
Und dann kann ich in aller Ruhe nachsehen, ob der Zaun wohl noch intakt ist, oder ob die Holzwürmer Löcher rein gefressen haben. Dann ist es gut, zu schauen, wo Löcher zu schließen sind. Welche Sätze sind noch nicht gesprochen? Sätze, die diese Lücken schließen, etwas Aufgewühltes abschließen.
Abschließen, rund machen, sich umdrehen, etwas hinter sich lassen, erneut in die Welt gehen.
Dann kann sich ein neuer Raum eröffnen, ein Lebensraum,
Oder wie man es in der Gestalttherapie sagt, es hat sich ein Gestaltkreis geschlossen und Neues kann in den Vordergrund treten.
Grenzen zu setzen braucht Mut.
Im Bewusstsein und tiefen Verstehen, dass dies notwendig ist, um zu heilen, können wir diesen Mut aufbringen.
Die Krebserkrankung ist ein wahrlich guter Anlass dazu.
Entschieden auf der Basis meiner organismischen Weisheit, gründlich die Trennung und den Verlust betrauert, lebe ich ein Busenloses Leben, das meinem Gefühl von Weiblichkeit keinen Abbruch tut.
Cut and Go war meine Devise damals, und vieles hab ich seit damals abgeschnitten, abgetrennt, manchmal auch gelöst, und bisweilen ist diese Veränderung, der Wandel wie von selbst passiert.
Wenn es eine Erkenntnis gibt in all den Jahren, die ich als die wesentlichste erachte, so ist es diese:
Eine Krebserkrankung oder ein anderes sogenanntes Krankheitssymptom, ob es akut oder chronisch ist, ob es sich auf der Ebene des Körpers oder der Psyche zeigt, alles, was sich auf der menschlichen Ebene als belastend, kränkend, verstörend äußert, trägt bereits einen Heilungsimpuls, einen Heilungsversuch, einen Heilungsaufruf in sich. All das – und das konnte ich oftmals spürbar erfahren – dient unserer Seele, sich in ihrer Ganzheit zu erfahren.
Es ist eine Einladung, mich dem, was in meinem Leben aus der Ordnung gefallen ist, zuzuwenden.
Endlich darf und kann ich all das Leid, das sich im Symptom birgt, aufsuchen, berühren, umarmen, das Heilungspotential erkennen, die Essenz zu mir nehmen und es dann ent-lassen.
Das ist ein Geschenk.
Cut and Go – das klingt jetzt vielleicht widersprüchlich zu dem oben Gesagten.
Trennen und Verbinden?
Mir die Brüste abnehmen zu lassen, war damals am 6. 3. 2018 der nächste gute Schritt. Und auch wenn ich die Komplexität der Entscheidung nach wie vor nur erahnen kann, so war sie genau richtig.
Der nächste gute Schritt, um ganz heil zu werden auf allen Ebenen meines Seins.
Und jetzt noch eines meiner Lieblingsgedichte von Rainer Maria Rilke:
Mandelbäume in Blüte
Unendlich staun ich euch an, ihr Seligen, euer Benehmen, wie ihr die schwindende Zier traget in ewigem Sinn. Ach wer´s verstünde zu blühn: dem wär das Herz über alle schwachen Gefahren hinaus in der großen getrost.
Vor mittlerweile über zwei Monaten hat mich eine Journalistin angefragt, ob ich einen Beitrag zum Thema Veränderung/Trennung schreiben könnte.
Der Artikel ist dann Ende September unter dem Titel „Happy? End!“ in der österreichischen Zeitung Woman erschienen. Meine Antworten auf die Fragen von Nina Horcher sind dem begrenzten Raum geschuldet, jedoch sehr einfühlsam gekürzt worden, und so will ich an dieser Stelle meine vollständigen Antworten veröffentlichen.
Beim Schreiben wurde mir bewusst, wie groß der Schritt der Ablatio war und auch wie wesentlich.
Welche Veränderung/Trennung hat dein Leben rückblickend nachhaltig verändert?
Es war die Trennung von meinen Brüsten nach einem nahezu 50-jährigen Leben mit ihnen.
Wann und warum / wie kam es dazu?
Ich war zu dem Zeitpunkt knapp 61 Jahre alt, hatte schon 2 Mal eine Brustkrebsdiagnose. Einen Tag vor meinem 61.Geburtstag wurde neuerlich ein suspekter Herd in der rechten Brust festgestellt.
Sofort, noch auf der Untersuchungsliege, im Zuge des Ultraschalls wusste ich, wenn es wieder Krebs ist, dann lasse ich mir beide Brüste abnehmen, auch wenn es nur ein einziger Herd ist. Das war eine intuitive Eingebung, wie ich sie auch schon davor bei den zwei anderen Diagnosen in Bezug auf meinen Therapie-Weg hatte.
Was war die größte Herausforderung dabei, diese Entscheidung zu treffen? Wer oder was hat dir geholfen, es durchzuziehen?
Die größte Herausforderung war, dass es sich ja wirklich um eine endgültige Entscheidung handelte, die mein Aussehen unwiederbringlich verändern würde, anders als bei den anderen beiden Diagnosen, wo ja nur der Krebsbereich entfernt wurde.
Es war ein sehr großer Abschied, der auch viel Trauer und Wehmut mit sich brachte. Ich ging also immer wieder innerlich zahlreiche Entscheidungsrunden durch, ob es wirklich notwendig sei, noch dazu, wo es medizinisch nicht als indiziert galt, handelte es sich zu diesem Zeitpunkt doch nur um einen einzigen Herd – also warum gleich sogar beide Brüste abnehmen lassen. Ich wusste jedoch genau, ohne dass ich es erklären konnte, dass es sich hier um ein systemisches Geschehen handelt, und dass – in meinem intuitiven Wissen – wahrscheinlich beide Brüste betroffen sind.
Diese Vermutung hat sich durch den postoperativen histologischen Befund bestätigt, was meine Chirurgin sehr erleichterte, weil die beidseitige Ablatio damit im Nachhinein betrachtet auch medizinisch indiziert war. Ich hätte mir auch nur eine Brust abnehmen lassen können, doch es war für mich klar, dass ich keinen Aufbau will und auch keine Prothesen tragen möchte. Ich fand es auch schöner, symmetrisch flach zu sein als auf einer Seite.
Geholfen hat mir mein Mann, der meine Entscheidung unterstützte und Menschen, die nicht an einem Konzept festhielten, dass es für eine Frau katastrophal ist, ohne Brüste zu sein. Das war für mich nämlich zu keinem einzigen Zeitpunkt so. Außerdem war die Reaktion meiner Chirurgin sehr unterstützend, die zunächst natürlich nicht gleich ein potentiell gesundes Organ entfernen wollte, aber dann erkannte, dass meine Entscheidung aus der Tiefe kam und wohlüberlegt ist – immerhin ließ ich mir fast 3 Monate von der Diagnose bis zur Operation Zeit -, sodass sie meinem Wunsch nachkam.
Inwiefern hat dein Alter dabei eine Rolle gespielt?
Natürlich hat das Alter eine Rolle gespielt. Bei meiner ersten Diagnose mit 41 Jahren war eine Totaloperation der einen Brust indiziert, weil das Krebsgeschehen, das sich in Mikroverkalkungen zeigte, sehr ausgedehnt war. Für mich war klar, dass das zu diesem Zeitpunkt keine Option ist. Ich habe dann auch einen wunderbaren Chirurgen gefunden, der die Operation so machte, dass trotz des großen Volumens nahezu nichts zu sehen war. Für die letzte Entscheidung, 20 Jahre danach, war wahrscheinlich auch ausschlaggebend, dass ich in einer sehr stabilen, innigen Beziehung mit meinem Mann seit mittlerweile 43 Jahren lebe.
Wenn du heute zurückblickst: Was hat sich seitdem positiv verändert?
Ich fühle mich freier, ich fühle mich unbelasteter, auch weil ich keine Mammographien mehr über mich ergehen lassen muss. Auch brauche ich nicht ängstlich auf das Ergebnis zu warten. Ein gar nicht so kleiner Benefit ist, dass ich auch beim Sport keinen BH tragen muss, das war mir nämlich immer sehr unangenehm.
Ich fühle mich jedoch nicht nur befreit von der Angst vor einer neuerlichen Diagnose, sondern in einem viel übergreifenderen Sinn. Sofort am ersten Tag nach der OP, als ich mich, den Verband noch eng um meine Brust gebunden, im Spiegel sah, jauchzte etwas in mir.
Das Flachsein, die Brustlosigkeit spürte sich so richtig für mich an, warum auch immer. Ich fühlte mich nicht weniger als ich selbst, sondern mehr. In meinen darauffolgenden Forschungen zur Bedeutung der Brust im Leben von uns Frauen, konnte ich erkennen, dass die Brust mich immer sehr exponiert hat den Blicken und dem Zugriff, und dass hier auch viel Traumatisierung stattgefunden hat, und so war die Brustabnahme auch eine Befreiung vom Ort des Geschehens.
Ein weiteres positives Erlebnis war, dass ich am eigenen Leib und Seele erfahren konnte, wie wichtig die innere Vorbereitung auf eine OP ist, um die Nachwirkungen gering zu halten und nicht von einem Verlusterleben nachträglich emotional überrascht zu werden. So verließ ich das Krankenhaus bereits am 4. postoperativen Tag mit dem freudigen Gefühl, eine schöne, intensive, bereichernde Erfahrung gemacht zu haben.
Kein Bedauern, kein Hadern, kein Zweifeln.
Es war eine Wahl getroffen, für die besten Bedingungen der Umsetzung gesorgt, dann war es vollbracht und das war ein großes dankbares Glücksgefühl.
Letztlich – und das ist auch eine Bereicherung für mich – bin ich mir der Endlichkeit noch einmal deutlicher bewusst geworden und habe in diesem Sinn mein Leben noch mal radikaler ausgerichtet, meine Praxistätigkeit sehr reduziert und ich schaue sehr genau, was in meinem Leben Platz haben soll und was nicht.
Wo gab es hinsichtlich dessen die größte Umstellung / den größten Bruch im Vergleich zu früher?
Dass ich zwei sehr lange und deutlich sichtbare Narben habe, die mir nicht so gut gefallen.
Wie nimmst du diese Veränderungen (z.B. in deiner Einstellung/Persönlichkeit) auch im Alltag war?
Eigentlich nur, wenn es darum geht, dass ich mich nackt zeigen „muss“, da kann ich noch nicht so gut dazu stehen, so warne ich die Menschen immer vor, dass sie nicht erschrecken. Im angekleideten Zustand merken es die meisten Menschen gar nicht, obwohl ich eben keine künstlichen Körbchen trage, außer wenn ich ein Dirndl anziehe. Ich glaube, das ist deshalb, weil ich so selbstverständlich damit bin.
Wie hat sich auch dein Umfeld dadurch verändert? (Freunde, Familie, Job…)?
Manche Menschen haben meine Entscheidung nicht verstanden. Ich konnte sehen, wo die Grenzen bei Einzelnen sind. In der Familie hat die letzte Diagnose neuerlich die Beziehung zu meiner Zwillingsschwester belebt und ich habe eine große Innigkeit und ein Mittragen von meinem Mann und meiner bereits erwachsenen Tochter erlebt. Es hat generell eine Art Reinigungsprozess in Bezug auf Beziehungen stattgefunden.
Was ist dir heute wichtig, was dir früher (vor dieser Entscheidung) nicht so klar war?
Ich kann so deutlich spüren, dass meine Weiblichkeit nicht an meine Brüste gebunden ist. Diese Botschaft möchte ich auch anderen Frauen weitergeben, vor allem, wenn sie von Brustkrebs betroffen sind. Deshalb habe ich auch eine Initiative mit dem Titel „Flat is beautiful. Breast Cancer is not the end of femininity“ ins Leben gerufen. Unter diesem Titel haben wir, eine Gruppe von Frauen im Jahr 2019 am Frauenlauf teilgenommen. Es tut mir noch immer im Herzen weh, wie unsere Brüste missbraucht werden im Sinne eines Schönheitsideals und als sexueller Reiz. Sie sind soviel mehr.
Was hättest du rückblickend gerne schon früher gewusst oder gemacht?
Meine Brüste mehr geliebt, sie als meine Brüste gesehen, die so schön und wertvoll, lebensspendend und kräftig sind.
Ich hätte gerne radikaler auf meine Grenzen geachtet, die vielen Neins, die ich nicht gesagt habe, ausgedrückt und damit ein freudvolleres, nicht so braves, angepasstes, leistungsorientiertes Leben gelebt. Vielleicht hätte ich dann auch keinen Krebs bekommen, auch wenn ich in einem größeren Ganzen sehen kann, dass Alles gut und richtig ist, wie es ist.
Zeit meines Lebens als Frau hab´ ich es schwer gehabt mit meinen Brüsten, hab´ sie nur schwer annehmen können, nicht weil sie nicht schön waren, sondern weil sie mich zu sehr exponiert, zu sehr ausgesetzt haben – den begehrlichen Blicken, den An-Griffen.
Dann bei meiner dritten Brustkrebsdiagnose, habe ich entschieden, mich von ihnen zu trennen, sie mir abnehmen zu lassen.
Auch wenn ich es nicht bereue, denke ich, dass es einen Weg gibt, sie zu heil-igen und damit dem Krebs vorzubeugen, beziehungsweise ihn wieder auszuladen, wenn er schon zu Dir gekommen ist.
Deshalb mein heutiges Busen-Liebhab–Rezept mit 6 Zutaten für ein heilsames Leben mit unseren Brüsten (besonders für Frauen, die wie ich eine schwierige Beziehung zu ihren Brüsten haben):
Geh´ mit Deinen Brüsten in Kontakt – schau´ sie an, berühre sie, streichle sie, verwöhne sie mit einem duftenden Balsam, einem Puder.
Sprich mit ihnen – frag´ sie, was sie brauchen.
Frag´ sie nach ihrem Glück und ihrem Leid, ihrer Geschichte,
Freunde Dich mit ihnen an – Tag für Tag.
Gib´ ihnen Halt durch Deine Hände – halte sie hoch, trage sie.
Unterstütze sie – vor allem wenn sie größer sind – mit einem angenehmen, bügellosen BH, in schönen Farben, einem anschmiegsamen Natur-Stoff, wo nichts drückt und schneidet. Das nimmt Dir und ihnen die Last ab, und sie können dadurch einfach sein und sich vertrauensvoll hingeben an den äußeren Halt, umschmiegt von einem zarten, wohligen Stoff.
Mit Schönheit gewürdigt.
Sei in Fühlung mit Deinen Brüsten, kehre die innere Bewegung vom energetischen Rückzug zur Präsenz um.
Da bin ich – ganz so, wie ich bin – eine wunderschöne Frau mit zwei schönen Brüsten.
Brüste wollen keinen Hormon Überschuss. Deshalb reduziere Produkte von Tieren (aus Hochzuchtsanstalten), die ja alle vollgepumpt sind davon.
Bevorzuge Gemüse, viel Grün, viel Erdnahes wie Wurzelgemüse und Vollkorngetreide wie Hirse, Reis, Quinoa, … Das stärkt die Mitte und fördert, so es basisch ist, die Abwärtsbewegung im Körper. Dann kann sich Dein Körper entspannen.
Entspanne Dich, leg´ Dich hin, die Hände auf die Brust gelegt, bergend, summe vor Dich hin, wie eine Mama, die ihr Kind beruhigt.
Lasse die Nacht Nacht sein, verdunkle Dein Zimmer. Vertiefe Dich aber auch immer wieder in das Dunkel Deiner Seele, in Deine Wildheit, in das Abgründige. Verweigere Dich dem Mainstream, dass es vor allem darum geht, im Scheinwerferlicht, im Außen zu sein.
Sticke, stricke, töpfere, bereite Deine Nahrung selbst zu. Das stärkt die Hestia, die Göttin des Herdes, die so ganz mit sich zufrieden, sich ausschließlich dem Innen-Sein widmet.
Noch mehr Zutaten findest Du im wunderbaren Buch: Brustgesundheit – Brustkrebs von Susun Weed. https://krebscoaching.org/buchempfehlungen/bucher/ Hier finden sich auch immer wieder sehr berührende gechannelte Texte, in denen die GroßMütter sprechen.
Zum Beispiel 2 für mich sehr berührende Stellen:
„Wir sind die Alten GroßMütter. Wir sprechen für die Dunkelheit. Wir sprechen für das Chaos. Wir sprechen für den weiten Spielraum, die Kanten. Wir sind hier, um dir zu helfen, deiner leidenschaftlichen, wilden, exzentrischen Natur zuzuhören. Um dir zu helfen, deine Dunkelheit, deine Lockerheit, deine Zeitlosigkeit, deine ungeformten Kanten zu nähren.“
„Die Kraft unserer Brüste ist die Kraft jeder Frau. So wie unsere Brüste Leben bedeuten, so bedeutet die Brust einer jeden Frau Leben. Auch du, EnkelTochter: Deiner Brüste-Kraft ist die Kraft des Lebens. Deine Brüste sind heilig.“
Heute vor 25 Jahren an einem strahlenden Maitag fand meine 1. Krebsoperation statt – an unserem Hochzeitstag, bewusst gewählt, mein lieber Mann an meiner Seite.
Still war es und groß.
Es sollten noch 3 weitere folgen – eine links, eine beidseits, und dann noch eine links.
Dann vor einem Jahr wollte ich nicht mehr. Keine Biopsie des verdächtigen Rundherds in der Lunge, schon gar keine Operation.
Jupiter, so wie ich den Herd nannte, will bleiben.
Von außen betrachtet ist die Bilanz keine Heldinnengeschichte – keine Spontanheilung, kein heroischer Verzicht auf schulmedizinische Behandlungen, keine radikalen Veränderungen, hab´ meinen Mann nicht verlassen, den Beruf nicht gewechselt, ja nicht mal aus Wien bin ich dauerhaft rausgekommen.
„Habe ich genug getan?“, fragt Gunnar Kaiser in seinem berührenden youtube Beitrag anlässlich einer kurzen Überlebensprognose.
Wahrscheinlich nicht, denke ich, wahrscheinlich habe ich nicht genug getan.
Auch wenn ich über Jahre, Jahrzehnte höchst diszipliniert war, tägliches Meditieren, Yoga, ayurvedische Ernährung, Sport, …, ist da etwas in mir, was sich (noch immer) nicht heil anfühlt.
Wenn ich nicht aufpasse, breche ich sogar jenen Schwur, den ich, vom Tod bedroht, vor 1 ½ Jahren auf der Intensivstation getroffen habe ,– dass ich das Leben Wollen hoch halte und niemals mehr in Frage stelle.
Wenn ich dann jedoch meine „Zustände“ habe, der Körper tobt, der Geist rast, der Abgrund nah ist, ich mich ausgeliefert fühle, es trotz all meiner Fachkompetenz und meiner vielen Tools nicht abstellen kann, ja vielleicht nicht mal will, weil der Sog zu groß ist.
Dann will ich raus, raus aus dem Körper, diesem Unwohlort, hin an einen Platz, wo es still und friedlich ist, der Tod als Sehnsuchtsort.
Keine gute Prognose für ein krebsfreies, gesundes Leben.
Und dann ist da auch die Scham, darüber, dass ich es nicht „schaffe“, was auch immer da zu schaffen wäre.
Und ich höre und lese von all den wahren Heldinnen, die seit Jahrzehnten stabil gesund, krebsfrei und glücklich leben.
Das macht es nicht besser.
Ich ziehe mich beschämt zurück, verstumme.
Und leide.
Mal mehr, mal weniger.
Ja so ist es.
Heute ist es leichter, heute an unserem 33. Hochzeitstag.
Kann die Dankbarkeit fühlen über den Himmel, den Zipfel des Lindenbaums vor dem Fenster, diese riesige Baum Göttin, die unsere Nachbarn nicht gefällt haben, trotz all der Arbeit, die sie öfter mal beklagen.
Bin dankbar, dass wir gleich in unser Häuschen an der Donau fahren, mit den vielen Rosen, die vielleicht noch rechtzeitig vor unserer Abreise nach Montreal erblühen werden.
Bin dankbar über unsere Tochter, diese schöne, weise, junge Frau.
Und über meinen Mann, diesen wunderbaren Wegbegleiter, der seit 42 Jahren in meinem Leben ist, den Liebenden, den besten aller Ärzte, der mir Rilke, Monteverdi, und das Streichquintett von Schubert nahe gebracht hat, der mir Liederzyklen singt, mit dem ich Wahrnehmungen über die Welt und die Menschen teilen kann, der mir vom Himmel als mein Lebensmensch geschenkt wurde, und der mich durch alles durch liebt, auch wenn es wahrlich oft nicht leicht ist.
Welch´ ein Geschenk.
Für all das und noch mehr kann ich heute dankbar sein.
Auch darüber, dass mich mein Leid zu einer Anwältin für Leidende gemacht hat, dass ich sie wahrnehmen kann in der Änderungsresistenz, im Drinhängen, in der Todessehnsucht und darin, dass sie wie ich den Glücksanforderungen, dem Selbstoptimierungszwang nicht gehorchen können, vielleicht auch nicht wollen.
Und dann bin ich dankbar, wenn ich wie kürzlich Sätze wie die von Gabor Maté finden kann.
„Drop the shame and look at the context.
It´s not your fault.
Work on developing that compassion of yourself….”
Heute ist es gut.
Jetzt ist es gut.
Welche Gnade.
Oder um es mit meinem lieben Rilke zu sagen:
Ich lebe mein Leben in wachsendem Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
Und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen
Die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen
Aber versuchen will ich ihn
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm
Und ich kreise jahrtausendelang
Und ich weiß noch nicht,
bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.
Rainer Maria Rilke
„Wer keinen Sinn im Leben findet, wird sich kaum heilen können“. Diesen Satz schreibt meine geschätzte Freundin Miriam Reichel in einem ihrer fb Beiträge.
Miriam weiß, wovon sie spricht, konfrontiert mit einer 8-Wochen Überlebensprognose eines Lymphoms hat sie ihr Leben vollständig umgekrempelt, von der Ernährung bis zur Veränderung des Lebensmittelpunkts von Deutschland nach Südafrika hat sie radikal eine Wende vollzogen.
Viele andere Menschen hören einen derartigen inneren Auf-Ruf, und oft geschieht das nach einem großen Lebens-Einschnitt, wie nach einer Krebsdiagnose.
Ihre Biographien zeugen davon, wie sie Himmel und Erde in Bewegung setzten, um diesem Ruf gerecht zu werden. Sie riskierten bisweilen Geldnot, Trennung, Verurteilung und manchmal sogar eine (Gefängnis-)Strafe, um diesem Ruf zu folgen. Und oft hatten sie – wie Miriam – Erfolg.
Solche Vor-Bilder können uns inspirieren, bekräftigen und ermutigen, dass auch wir uns auf das besinnen, was und wie wir eigentlich leben wollen.
Lese ich Miriam`s Satz mit den Augen von Menschen, die ihr Leben vielleicht gerade ganz und gar sinnlos finden, die einfach überleben, oder wie auch ich schon öfter, gerade gar keinen Grund finden, zu leben, und schon gar keinen Sinn, ist ein derartiger Appell eine große Herausforderung.
Ich denke an etwas Besonderes, etwas Herausragendes, Spektakuläres. Das leitet eine (fieberhafte) Suche im Außen ein. Was könnte das sein – mein großer Traum, meine Aufgabe, meine Seelen-Pflicht? Und ich verbinde damit den Anspruch – diesen einen Sinn zu finden.
Und dann mühe ich mich, um dieses Ziel, zu erreichen – ein sinnvolles Leben zu schaffen. Und dabei orientiere ich mich an großen Vor-Bildern: ein Kinderhilfsprojekt in Indien etwa, oder Bäume pflanzen, Nein, nicht einen Einzelnen sondern eine ganze Plantage, oder etwas vollkommen Neues zu erschaffen, oder im Hospiz Sterbende zu begleiten.
Mit derart Herausragendem darf ich mir selbst Anerkennung geben und auf den Applaus der Welt hoffen – glaube ich.
Und in der Tat konnte Le Shan feststellen, dass Menschen, die unheilbar an Krebs erkrankten, genasen, wenn sie ihren (Kindheits-)Traum aufgriffen und in einer ihnen (noch) möglichen Form realisierten. https://krebscoaching.org/buchempfehlungen/bucher/
Diese Beispiele sind beeindruckend. Die Menschen griffen ihren innersten Lebensfaden auf und wurden gesund.
Es sind Zeugnisse von großem Mut und radikalen Wandlungen, die bis in die Biologie wirkten.
Diese Beispiele können uns jedoch auch blenden und wir könnten meinen, dass es derart spektakulär aussehen muss. Und vielleicht verhindert ja gerade diese Blendung, diese Aufforderung zum „Think Big“, (weil sonst ist das nichts und schon gar nicht hat es die Kraft der Heilung) eine persönliche Sinnfindung.
Auf der Suche nach diesem einen, das Leben überdauernden Sinn, übersehen wir vielleicht, dass jeder Moment sinnhaft erlebt werden kann. Dass ich die Sinnhaftigkeit meiner Existenz in kleinen Momenten erfahren kann, wo es mir zum Beispiel möglich ist, nett und freundlich und förderlich für andere Menschen zu sein, wo ich einen Kuchen backe, mich an den Zutaten, an meinem Tun und auch an der Freude der anderen erfreue, Momente, in denen ich etwas Tiefes erkennen kann oder einen Satz schreibe, der aus meinem Innersten kommt.
Dazu muss ich nicht Bäckerin werden, auch nicht Schriftstellerin oder Forscherin, wenngleich es gut ist, meinen „Freudenschaften“ zu folgen und ihnen Raum und Ausdruck zu geben, sodass aus den Knospen Blüten und Früchte werden können.
Als ich im November letzten Jahres auf der Intensivstation lag, und der Tod mir schon sehr nahe war, hatte ich eine Erkenntnis: Dass das Leben an sich wertvoll ist, dass es mir geschenkt wurde, dass ich leben darf ,und dass es einen Sinn hat, dass ich hier, zu dieser Zeit, an diesem Ort lebe. Das erste Mal habe ich diesen Sinn jenseits von äußerer Bewertung, dass meine Existenz nur einen Sinn hat, wenn ich etwas Großes leiste, erahnt.
Und so sitze ich hier in meinem Lieblingskaffee, dem Waldemar, und freu´ mich, diese Zeilen zu schreiben und weil ich ahnen kann, dass der Sinn meines Lebens vielleicht darin besteht, Aussagen, Gegebenheiten, Überzeugungen, Selbstverständliches zu hinterfragen und tiefer zu schauen.
Oder vielleicht in der Suche nach Wahrheit oder indem ich mein Leid als Basis für Mitgefühl anerkenne, in der Befreiung von alten Belastungen oder in meinem eigenen Heilwerden…..
Vielleicht ist das ja so.
Vielleicht ist es aber auch so, dass ich in meinem Verbunden Sein mit meinem Tun, mit allem, was diesen Moment auszeichnet, auch wenn es nicht angenehm ist, in meinem Stillsein, das aus dem Einverstanden Sein entsteht, einfach die radikale Sinnhaftigkeit dieses, meines Lebens erspüren kann – zart, unbeschreiblich vielleicht, und ganz und gar wahr.
Dann muss ich nicht wissen, ob ich, wie der liebe Rainer Maria Rilke es im oben zitierten Gedicht sagt, ein Falke bin, ein Sturm oder ein Gesang.
Dann lebe ich mit allem, was dazu gehört.
Ich koche, ich schreibe, ich gehe, ich spreche, ich meditiere, ich schaue, ich atme, ich leide – und Alles ist sinnvoll,