Diagnose Krebs – Über das Placebo

Angeregt durch eine Radiokollegsendung auf OE 1 in der Woche vom 25.-28.1.2016 möchte ich der Frage nachgehen, inwiefern die Ergebnisse aus der Placeboforschung Relevanz in der Behandlung von Krebserkrankung haben.

Unter Placebo, das aus dem Lateinischen stammt und wörtlich übersetzt „ich werde gefallen“ bedeutet, versteht man ein Scheinarzneimittel, welches keine wirksame Substanz enthält und somit auch keine durch einen solchen Stoff verursachte pharmakologische Wirkung haben kann.

Unter Placeboeffekten versteht man positive Veränderungen, die sich im Zuge dieses -pharmakologisch unwirksamen – Mittels einstellen.

Placebo-Medikamente werden in klinischen (Doppel-Blindstudien) eingesetzt, um die therapeutische Wirksamkeit verschiedener, jeweils als Verum bezeichneter Verfahren möglichst genau erfassen zu können.

Das Gegenstück zum Placeboeffekt ist der Nocebo Effekt. Hierbei handelt es sich um unerwünschte Wirkungen, die analog einer Placebowirkung auftreten können.

Einen Hauptschwerpunkt der Untersuchungen bildet der Einsatz von Placebos in der Untersuchung der Wirksamkeit von Schmerzmitteln. Es zeigte sich, dass auch Placebos ohne schmerzlindernden Wirkstoff schmerzlindernd wirken, wenn die Erwartung auf Schmerzlinderung beim Patienten besteht. Umgekehrt ist es so, dass ein hocheffektives Medikament, selbst wenn es intravenös verabreicht wird, keine schmerzlindernde Wirkung hat, wenn dem Patienten vermittelt wird, dass diesen den Schmerz vielleicht sogar verschlimmert kann.

Die schmerzlindernden Effekte bei positiver Erwartung zeigen sich sowohl im Erleben /Verhalten als auch in der Ausschüttung von Opioiden, von Cannabinoiden und Dopamin. Im  Gegenteil dazu wird bei negativer Erwartung selbst ein starkes Opioid außer Kraft gesetzt. (Untersuchungen der Placebo Forschungsgruppe Ulrike Bingel der Universitätsklinik Essen).

Allerdings ist die Fähigkeit zur Bildung von positiven Erwartungen von Mensch zu Mensch unterschiedlich und kann durch eine Depression und Angst gehemmt sein.

Der zweite wesentliche Faktor sind Lernprozesse. Wie Pawlow in seinen für die Lerntheorie bahnbrechenden Untersuchungen zeigen konnte, reagiert ein Hund nach mehrmaliger Koppelung eines Signaltons mit der Darbietung von Futter auch bereits nach Ertönen eines Signaltons allein mit Speichelreflex – der Signalton wird somit zu einem konditionierten Reiz.

Am Universitätsklinikum in Tübingen unter der Leitung von Paul Enck nutzt man diese Lernprozesse, um die Dosis von Immunsuppressiva, welche z.B. bei Nierentransplantierten, Morbus Crohn oder Rheuma notwendig sind, zu reduzieren.

Im Zuge von Lernprozessen können negative Vorerfahrungen, die zum Beispiel in einem bestimmten Krankenhaus mit einem bestimmten Arzt oder einer Behandlungsform gemacht wurden, auch dann wach gerufen werden, wenn nur daran gedacht wird.

Der dritte wesentliche Faktor zur Wirksamkeit ist die Arzt-Patient Kommunikation. Wie Ulrike Bingel von der Universitätsklinik Essen meint, geht es nicht nur darum, welches Medikament verschrieben wird, sondern wie. Wenn der Arzt ein Medikament als wirksam darstellt, ist seine Wirkung doppelt so stark, als wenn dieser von der Wirkung nicht überzeugt ist.

Die Wirkung einer Behandlung wird noch dadurch verstärkt, wenn der Arzt mitfühlend ist. Auch das Einbeziehen des Patienten im Entscheidungsprozess für eine Therapieform hat einen wesentlichen Einfluss auf den Erfolg. In diesem gemeinsamen Entscheidungsprozess sollten von Seiten des Arztes seine Sachkompetenz ebenso spürbar werden wie eine positive Tönung der Aufklärung, wo nicht so sehr die negativen Auswirkungen in den Vordergrund gerückt werden sondern die positiven Erwartungen auf einen heilsamen Ausgang. Es sollte zudem Raum gegeben werden, dass der Patient seiner inneren Stimme Gehör schenken kann. Eine derart getroffene bewusste Entscheidung hat gute Aussichten, die Wirksamkeit einer Behandlungsmethode zu steigern.

Die Erkenntnisse aus der Placeboforschung lassen uns Einblick nehmen in Mechanismen der Geist – Materie Beziehung. Es konnte gezeigt werden, dass die Überzeugung, dass etwas wirkt  Heilungsprozesse in Gang setzt, auch wenn keine Substanz verabreicht wird. (siehe dazu auch das Buch von Dispenza „Du bist das Placebo – Bewusstsein wird Materie“. unter Buchempfehlungen auf dieser Seite).

Was bedeutet das konkret für die Krebserkrankung:

Auf der Ebene der Erwartungen :

– Es ist höchst notwendig, dass wir den „Krebs-Geist“ entdämonisieren, das Vorurteil entschärfen, dass es sich dabei in jedem Fall um eine tödliche Krankheit handelt. Damit entkräften wir eine diesbezügliche Erwartung.

– Dass man den Geist mit all den mittlerweilen unzähligen Berichten von Spontanremissionen speist, sodass die Patientin im Bewusstsein lebt, dass selbst bei Diagnosen wir Bauchspeicheldrüsenkrebs alles möglich ist (siehe dazu auch die Bücher „Spontanheilungen“ von Caryle Hirschberg und Marc Ian Barasch und „9 Wege in ein krebsfreies Leben“ von Kelly Turner).

– Dass bei der Diagnosestellung die Behandelbarkeit im Vordergrund steht, dass Prognosen also in dem Sinne relativiert werden, dass darauf hingewiesen wird, dass die Statistik nichts über den Einzelnen aussagt.

– Dass bei einer Chemo die Wirkweise in positiver Form ins Bewusstsein gerückt wird, sodass der/die Patientin Kraft ihrer Vorstellungskraft die genaue Wirksamkeit visualisiert und die negativen Nebenwirkungen demgegenüber im Hintergrund bleiben.

– Dass sich Ärzte für andere Behandlungswege öffnen und diese auf keinen Fall verdammen sondern im Gegenteil andere Heilungswege zulassen, wenn die Patientin tief im Innern spürt, dass diese erfolgversprechend sind.

– Dass die Genesung und vollständige Gesundung visualisiert wird. Dazu eignen sich zum Beispiel Methoden des EMDR.

– Da Depression und Angst die Bildung von positiven Erwartungen nachweislich hemmt, wäre eine medikamentöse/psychotherapeutische Behandlung notwendig.

In Bezug auf Lernerfahrungen:

– Ein gemeinsames Erkunden von guten Erfahrungen mit medizinischen Einrichtungen aber auch mit dem Heilwerden, sodass diese Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Selbstheilung im Bewusstsein wachgerufen werden können und somit positiv auf die Erwartung eines guten Ausgangs wirken.

– „Überschreiben“ bzw. Behandlung von negativen Erfahrungen – zum Beispiel im Zuge der Diagnosestellung, mit bestimmten Behandlungserlebnissen (Chemotherapie), mit Ärzten oder Behandlungseinrichtungen, damit diese Vorerfahrungen nicht negativ auf eine weitere Behandlungsunternehmung wirken. Hat sich eine Posttraumatische Behandlungsstörung entwickelt, d.h. ist der Mensch immer wieder von ängstigenden Erinnerungen getriggert, so ist es meiner Einschätzung nach unerlässlich, mit EMDR bzw. anderen traumaspezifischen Methoden diese posttraumatische Reaktion aus dem Körper heraus zu lösen, damit die Lebenskraft der Selbstheilung zur Verfügung steht.

– Eine Kenntnis über die Wirkweise der Therapie und eine bewusste Begleitung der Therapie durch den Patienten festigt Lernprozesse über die Wirksamkeit der Therapiemethode.

Zur Arzt-Patient Beziehung

– Achtung der Autorität der Patientin gegenüber, in dem Sinne, dass sie die Expertin für ihren Körper ist.

–  Ebenbürtigkeit: Mitgefühl mit dem  Patienten in Bezug auf die schmerzliche Realität einer Krebserkrankung und ihrer Folgen. Darüber hinaus eine Wahrnehmung der Patientin nicht nur als Patientin/Erleidende sondern in ihrer Ganzheit mit all ihren Ressourcen.

– Eine dialogische Therapiewahl, weil die Wirksamkeit einer Therapie nachgewiesenerweise größer ist, wenn sie nicht bloß erlitten, sondern  auf der Basis einer gemeinsam getroffenen Therapiewahl  auch mitgetragen wird.

Werden all diese Faktoren in der Begleitung auf dem Krebsweg berücksichtigt, hat die Therapieform – gleichgültig ob diese eine schulmedizinische oder eine komplementärmedizinische ist –  gute Chancen ein im wörtlichen Sinn verstandenes Placebo zu sein, also etwas was im gesamtorganismischen Sinne „gefällt“ und damit heilsam ist.

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