Sterben ist anders.

Sterben ist anders. Das war Cordulas*  letzte Lektion an mich.

Sterben ist anders als ich dachte, als wir dachten, damals als sie mich bat, sie bei diesem ihrem Sterben zu begleiten. Was für ein Geschenk, was für eine Liebesgabe!

Damals im Oktober – 2 Monate vor ihrem Tod-  machten wir uns gemeinsam auf  ihre letzte Reise. Alles wurde geplant. Das Kleid, das sie nachtodlich zu tragen wünschte (das Hechterle!), die handgestrickten Socken an den Füßen, schön wollte sie sein, das war ihr, die ihr Leben dem Schauspiel widmete wichtig.

Gemeinsam mit ihrer lieben Schwester saßen wir zu dritt und gingen das Begräbnis durch. Die Musik wurde ausgewählt und zusammen gehört – Bohemians Rhapsody von den Queen sollte es sein – „Und dann werden alle weinen,“ sagte sie, sitzend in ihrem Bett – „aber Du darfst nicht, weil jetzt ist dein Auftritt, Beatrix!“ Ich sollte, ebenso wie ein Schauspielkollege und ihr Schwager einen Nachruf halten, in diesen Nachrufen die verschiedenen Seiten von Cordula beschreiben. Mein Part war dabei die Innenseite, das Zarte, Feine, Stille und Spirituelle zu zeichnen.

Eine Cordula, welche viele nicht kannten, eine Cordula, die erst in den letzten Monaten im Leben mit Krebs zum Vorschein kam. Eine, die sich um die ganz einfachen Dinge kümmerte, wie es das Reinigen der Badfliesen war, die das Suppenkochen zu ihrer Meditation machte. Eine Cordula, die versuchte, ihren Frieden mit den Menschen zu machen und dazu einen um den anderen einlud – zu sich nach Hause für ein letztes Zusammensein.

So macht man das, dachte ich damals – verzeihen, sich wirklich verabschieden, Altes ziehen lassen, Dinge verschenken, dem Tod ins Auge sehen, glasklar wissen, dass es jetzt nur mehr um das Sterben geht.

Eindrücklich ist mir in Erinnerung, wie sie mir auf meine Frage, was heute gemeinsam zu tun sei, antworte, dass es um ihr Sterben ginge, das sie nun antritt und bei dem ich sie begleiten möge. Damals musste ich sie bereits zuhause besuchen, die Schmerzen in den Knochen ließen keine Wege mehr zu, sukzessive nicht mal mehr den Weg zur Haustür oder ins Bad.

So saß ich bei ihr am Bett, massierte ihre Füße und wir sprachen über Gott und die Welt.

Sie wollte es gut machen –  ihr Sterben – und so übte sie auch dies nach einem Besuch einer Schamanin. Es war eine Qual für mich anzusehen, wie sie sich plagte, die Schwelle zu überschreiten. Es war eine Qual mit anzusehen, wie sie nichts mehr behalten konnte und sich dennoch so unbändig nach ihrem geliebten Mangosaft sehnte.

Das schnitt mir ins Herz, ebenso oder vielleicht noch mehr ihre Schroffheit, ihre Schärfe und Ungeduld. Und auch, wenn ich verstehen konnte, dass es ihre Schmerzen und ihr Ringen um ein Sterben Können waren, die dies verursachten, so fühlte ich mich persönlich angegriffen, verletzt und in unserer Beziehung verraten.

Wie schön und versöhnlich war es dann, als sie mir, die bereits keine Anrufe mehr tätigte und auch keine SMS versandte, ein paar Tage vor ihrem Tod ein SMS schickte, mit der Bitte dringend zu kommen – es sei so weit. Hier nahmen wir Abschied voneinander, und es war eine Versöhnung und ein Wissen um die Liebe in unserer Beziehung spürbar. Dafür bin ich dankbar.

3 Tage später starb sie – an meinem Geburtstag. Noch einmal kamen wir zusammen, um uns von ihr – die nachtodlich noch schöner schien als zu Lebzeiten – zu verabschieden.

Vieles hat mich ihr Sterben gelehrt – dass der Körper ein eigenes Gesetz hat, das leben will und an diesem Leben festhält, und dass dies großen Schmerz verursacht, und dass es zwar gut ist, sich bewusst vorzubereiten, den Abschied zu vollziehen, dass es aber dennoch etwas Unbekanntes, nicht zu Kontrollierendes in diesem Prozess gibt.

Genauso wie die Geburt meiner Tochter so ganz anders verlief, als ich es plante und mich auch in diesem Sinne vorbereitete, so scheint auch diesem Tod-Gebärens-Prozess etwas Unbekanntes inne zu wohnen.

Vielleicht ist ja dieses Bewusstsein um das Unbekannte, nicht zu Planende, Neue in diesem Prozess die einzige und wesentliche Vorbereitung auf das je eigene Sterben.

Liebe Cordula, Danke, dass ich dabei sein durfte!

*den Namen habe ich aus Gründen der Diskretion geändert.

Is this the real life, is this just fantasy
Caught in a landside, no escape from reality
Open your eyes, look up to the skies and see
………
Nothing really matters, anyone can see
Nothing really matters, nothing really matters to me
Any way the wind blows

Aus Bohemians Rhapsody von den Queen

4 Gedanken zu “Sterben ist anders.

  1. Manuela schreibt:

    Liebe Beatrix, danke für diesen wunderschönen Beitrag. Ja, das Sterben können wir nicht planen, wir können uns nur einlassen auf diesen Prozess, der seine eigenen Gesetze hat. Schön ist, wenn ein Mensch diesen Weg bewusst antritt, nicht leugnend, nicht verdrängend, sondern im vollen Bewusstsein und radikaler Akzeptanz. Und schön, dass Du dabei warst. Überhaupt sind wir so damit beschäftigt, das Leben zu planen, dass die meisten Menschen gar nicht daran denken, auch ihr Sterben zu planen.

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  2. Cl. Bernheimer schreibt:

    Liebe Beatrix,
    als ich durch Zufall, manchmal darf man Herrn Zuckerberg dann doch für seine Erfindung danken, die Überschrift deines Artikels gelesen habe, schoss mir durch den Kopf: diesen Satz kenne ich!!!!!!!
    Danke für deine einfühlsame Wortfindung und die Beschreibung dessen was war. „Cordula“ hätte es sehr gefallen und sie sitzt lächelnd auf ihrer Wolke und trinkt wahrscheinlich Mangosaft UND Champagner!
    Alles Gute
    Claudia

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    • beatrixteichmann schreibt:

      Danke Claudi, habs eh an den Stefan und dich über Stefans email adresse geschickt….freu mich dass es Dich erreicht und vielleicht sitzen wir ja mal gemeinsam und trinken Mangosaft und Champus denken an sie und freuen uns des Lebens….

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