Vor einem Jahr habe ich ein Nachwort verfasst zu einem von mir und meiner Tochter Lisa Teichmann übersetzten Buch von Wilhelm Reich mit dem Titel „Reich über Freud“.
Das ist ein Interview, das der amerikanische Analytiker Kurt Eissler ein paar Jahre vor Reichs Tod im Jahre 1952 mit Wilhelm Reich führte.
Lange habe ich an dem Text gearbeitet und mich so neuerlich zutiefst mit meinem, wenn ich so sagen darf, Wilhelm Reich verbunden.
Das Nachwort wurde von den anderen Mitherausgebern leider nicht angenommen – zu polarisierend, zu tendenziös, zu persönlich, unpassend für dieses Buch.
So will ich es hier veröffentlichen – Wilhelm Reich zur Ehre.
Möge es viele Menschen erreichen in dem „Gefühl für das Wirken des Ungewöhnlichen und das Wirken gegen das Gewöhnliche.“
„Ich war derjenige, der unbequem in der Kultur war.“
Ein persönliches Nachwort von Beatrix Teichmann-Wirth
Ich bekenne: Ich liebe Wilhelm Reich und sein Werk seit dem ersten Tag im Sommer 1980, als ich ihm in seinen Schriften begegnete.
Diese Zuneigung und Wertschätzung sind auch nach der intensiven Beschäftigung mit dem Text in den letzten Monaten ungetrübt geblieben.
Und wie damals, vor mehr als 30 Jahren, als ich das Interview für die Zeitschrift Bukumatula rezipierte, bin ich neuerlich beeindruckt über die vielen, zum Teil verborgenen Schätze, die sich in diesem finden.
Und wieder ist mir das Drängende und Eindringliche Reichs aufgefallen.
Ich sehe ihn, wie er nach vorne geneigt, seinem Interviewer, Eissler, immer näherkommt. „Verstehen Sie mich? Ist das jetzt klar?“
Jetzt, angereichert mit dem Wissen aus der Polyvagaltheorie kann ich es, glaube ich, besser verstehen.
Reich wollte Eissler erreichen, wollte spürbaren Kontakt und tiefes Verstehen. Vor allem wollte er ihn dazu bewegen, sich in einen wirklichen Dialog einzulassen. Und wird abgespeist mit knappen Ja´s, die keine glaubwürdige Bestätigung sind und keine Fortführung und Vertiefung zulassen.
Laut Myron Sharaf lachte Eissler vielmehr während langer Passagen des Interviews innerlich über Reich.
Auch machte er sich Gedanken über dessen geistige Gesundheit. Für ihn sei Reich zwar nicht psychotisch, aber psychopathisch mit darunter verborgenen paranoiden Zügen.
Ah, dachte ich, als ich es in Sharafs Biographie las, deshalb all das Nachfragen, das Eindringliche.
Vielleicht, so denke ich, basiert das ganze Interview ja auch einfach auf grundsätzlich unterschiedlichen Ausgangsmotiven. Deshalb das ganze Zerren und Ziehen.
Hier Eissler, der vor allem an Freud und dessen Beziehung zu Reich interessiert ist und meinem Empfinden nach, unter dem Vorwand eines historischen Interesses, versucht, Reich auszuhorchen, ihm Gerüchte, Sexgeschichten und Anekdoten zu entlocken.
Wen interessiert die Entdeckung der Orgonenergie, wen interessiert die Komplexität von Zusammenhängen, die genitale Beschaffenheit eines Menschen, die Lustangst und Lebenssehnsucht der Menschen oder gar die emotionale Pest als biologisches Problem.
Sprechen wir lieber über die Querelen, Streitereien unter den Psychoanalytikern, wer über wen was gesagt hat, und ob Reich damals in Luzern wirklich in der Hotel-Lobby mit einem Dolch in der Hosentasche campierte.
Und da Reich: Er bleibt zurückhaltend, und wenn er über Gerüchte spricht, tut er es umsichtig, ordnet ein, warum etwas wichtig sein könnte und nicht per se wichtig ist. „Das sind Gerüchte, sollen wir uns wirklich damit beschäftigen? …. Muss ich mich daran beteiligen? …. Ich würde mich lieber nicht dazu äußern? … Wenn ich mich geirrt habe, tut es mir leid, dann habe ich die ganze Situation falsch eingeschätzt.“
Ihm geht es vor allem um den Ursprung und die Grundlagen seines Werks.
Da ist natürlich zunächst Freud, seine Beziehung zu ihm, die dem Buch auch den Titel verlieh. Eine unglückliche Liebe ist das, mit vielen Erwartungen und großen Enttäuschungen. Aber auch Freuds Kieferkrebs, der der Ausgangspunkt für die Forschungen Reichs zum Krebs war. Und manchmal schien es mir, als spräche Reich über sich selbst: Über sein Alleinsein, über sein Verehrt- und Missverstanden – Werden. Freud ist an Krebs erkrankt, Reich ist das Herz gebrochen, der eine schweigt, untersagt es sich, der andere redet sich den Mund fusselig.
Immer wieder versucht Reich zur Essenz zurückzukehren – zur Libidotheorie als Grundlage für die Entdeckung der Orgonenergie, zu den Säuglingen und den Voraussetzungen für ein gesundes Leben, und was das alles mit den Pflanzen und Bäumen und dem Blau des Himmels zu tun hat, zum Fühlen und Gefühlt werden in einem ganz ursprünglichen Sinn, in der strömenden, ungeteilten Verbindung von Leben zu Leben. Und zur Genitalität, „die es nirgends gibt“.
Wesentlich und fast unscheinbar geht es um das für Reich Entscheidende: um die bioenergetische Ausstattung der Analytiker: „Nicht, dass sie schlechte Menschen oder schlechte Ärzte waren, aber ein echtes Verständnis, ein echter Kontakt, das „Gefühl“ wie ich es nenne, fehlte. Das Gefühl für das Wirken des Ungewöhnlichen und das Wirken gegen das Gewöhnliche.“, sagt er da an einer Stelle.
All das – das orgonotische Strömen, die plasmatische Erregung, die grundlegende Plasmabewegung des bioenergetischen Systems, die Lebensenergie – ist intellektuell nicht zu begreifen.
Um wirklich zu wissen, was Reich meint, was sein um Verständnis ringendes Wesen ausdrücken mag, braucht es das oben angesprochene „Gefühl“, oder wie Reich es an anderer Stelle nannte, die Fähigkeit zur vegetativen Identifikation.
Und es braucht, wie Ola Raknes es so wunderbar ausdrückte, auch und vor allem „den Mut und den Willen, es den Dingen und Ereignissen zu gestatten, Eindrücke hervorzurufen.“ Diese Bereitschaft lässt auch Eissler, der wie viele andere bei der Charakteranalyse stehen blieb, in meinem Empfinden vermissen.
Für mich ist das Interview vor allem ein flammender Appell. Reich legt den Finger auf die Wunde, an unsere Beschränkungen. Es ist ein Appell, die eigenen Festungen zu verlassen, auch wenn es unbequem ist. Reich rührt, wie so oft in seinen Werken an unsere Lebendigkeit, an das, was leben will, an unsere Sehnsucht nach mehr, nach aufrichtig und wild Sein, an zart und radikal Sein und groß und uns selbst Sein.
Danke, lieber Wilhelm Reich für die leidenschaftliche Erinnerung an ein Leben, das der Wahrhaftigkeit und Liebe verpflichtet ist.