Über die Not-Wendigkeit von Fürsorge und Mitgefühl

Anlässlich eines Unfalles meines Mannes hatte ich viel Gelegenheit, Einblicke in Förderliches und Schwächendes in der klinischen Versorgung wahr zu nehmen.

Ein Unfall wie auch eine Krebsdiagnose sind ein Schock, ein Einschnitt, wo plötzlich das Leben nicht mehr so ist, wie es gerade noch war. Dieser Schock hat Wirkungen auf alle Ebenen unseres Seins – im Körper durch die Ausschüttung von Stresshormonen, im Gehirn durch die Aktivierung von alten dem Überleben dienenden Gehirnregionen, die uns signalisieren, dass wir in Gefahr sind. Wir werden sehr erregt – wollen flüchten oder kämpfen und können dies oftmals nicht – bei einem Unfall wegen der körperlichen Einschränkung  und bei der Krebsdiagnose nicht, weil das Bedrohliche  in unserem Körper ist.

Damit sich der Schock aus dem Körper herauslösen kann, und die dem Körper innewohnenden Selbstheilungsmaßnahmen einsetzen können, braucht es gute Bedingungen.

Das ist zu allererst menschliche Zugewandtheit – mit dem Namen angesprochen werden, im Blickkontakt sein, eine angemessene Berührung – schlicht menschliche Zuwendung. Das klingt selbstverständlich, ist es leider oftmals nicht. Natürlich geht es bei einem Unfall um die Abklärung der vielleicht lebensgefährlichen Symptome, wie auch am Anfang eines Krebsgeschehens eine genaue Differentialdiagnose unbedingt notwendig ist. Wie diese Untersuchung und diese erste Kontaktnahme erfolgt, ist, – in Bezugnahme auf traumaspezifischen Wissen – jedoch ebenso bedeutsam. Bei vielen Menschen zeigt sich eine Erstarrungsreaktion im Schock, d.h. sie sind „nicht ganz da“, nicht orientiert in Zeit und Raum. Wenn ohne Erklärung und Kontaktnahme eingreifende Maßnahmen erfolgen, bleibt die Erstarrung, das Geschockte und Geängstigte in uns aktiviert. Wir können uns nicht ausdehnen und wie der geniale Traumaforscher Peter Levine sagt – der Traumaablauf als physiologisches Geschehen im Sinne einer unterbrochenen Handlung – kann sich nicht vervollständigen.  Die Reste der Erstarrung, der Lähmung, des Übererregtseins, der Wut und Angst bleiben im Körper eingeschrieben und werden dann oftmals durch Reize, die mit dem traumatischen Ereignis verknüpft sind, aktiviert. Hier sind es vor allem Orte, Personen, Gerüche, Stimmen, die triggern.

Die menschliche Zugewandtheit, das in Resonanz Sein mit dem Patienten ist meiner Ansicht nach eine der zentralen Qualitäten, die verhindert, dass aus einem Schock eine posttraumatische Belastungsstörung wird.

Die Zugewandtheit aktiviert nämlich den ventralen (klugen, sozialen) Vagus, der für eine angemessene Orientierung im Hier und Jetzt verantwortlich ist. Es hemmt gleichzeitig den dorsalen Vagus, den archaisch angelegten Abschaltmechanismus, den Totstellreflex.

Ich konnte auch erfahren, wie angewiesen wir in einer derart bedrohlichen Situation auf die Qualität des Mitgefühls durch andere sind- wie wir faktisch danach lechzen, dass sich die Sanitäter zum Beispiel für das Geschehene interessieren, ihr Bedauern formulieren, nachfragen und alles Gute wünschen.

Es  ist auch wichtig zu spüren, dass behutsam umgegangen wird,  dass darauf geachtet wird, nicht unnötigerweise wo anzustoßen. Auch dieses Kontaktbedürfnis ist tief in uns angelegt, das Bindungssystem, das Halt und Stütze in anderen Menschen sucht, ist in Notsituationen aktiviert, wir wollen uns anhalten, ausweinen, aussprechen, brauchen Trost und Sicherheit. Interessant war für mich, dass dieses Kontaktbedürfnis sich auch auf unbekannte Personen richtet, also zum Beispiel auf die Sanitäter beim Transport. Sind diese nett und liebenswürdig, werden sie zu rettenden Engeln.

Angekommen im Krankenhaus finde ich es sehr wichtig, dass es einen Stützpunkt gibt, wo jemand hinter einem Glasfenster zu sehen ist. Bei der Erstaufnahme meines Mannes an einem Sonntag fand ich auf der Suche nach seinem Zimmer auf der Unfallstation nur verschlossene Türen. Auf einer war auf einem Schild zu lesen, dass man nur eintreten dürfe, wenn man aufgerufen wird. Keine AnsprechpartnerInnen, nur andere verunfallte Menschen. Das ist sehr verunsichernd, ist da überhaupt jemand, wird man angenommen, gibt es Hilfe?

Wie anders ist es, wenn man – von der Rettung angekündigt – erkannt wird, „Ah Sie sind es –  wir müssen noch kurz das Bett herrichten, dann kommt Frau Doktor……zu Ihnen und wird die Erstuntersuchung vornehmen.“ – Und da kommt dann wirklich schnell einmal die besagte Frau Doktor und sie erkundigt sich und gibt Raum, dass man den Unfallhergang schildern kann – auch ein großes Bedürfnis in einer Notsituation, das Geschehene zu berichten und auch das ist sehr notwendig, weil man, indem man das Geschehene von Anfang bis zum Ende berichtet eine zeitliche und räumliche Einordnung trifft und sich damit orientiert – das Ereignis gehört der Vergangenheit an und jetzt bin ich hier – in Sicherheit und in guten Händen.

Weiters ist die Beschreibung der nächsten Behandlungsmaßnahmen nötig – in ruhigem Ton vorgetragen, schafft das  Vertrauen und Zuversicht, dass etwas getan wird, was Schmerzen lindert und heilt. Da wird auch die Erwachsene in uns angesprochen, sind wir doch in einer derartigen Situation oftmals zum Kind geworden, dass der Maschinerie hilflos ausgeliefert ist.

Immer geht es um Kontakt und ob dies nur ein paar Worte des Trägers sind, wenn man flach am Rücken liegend in den OP geschoben wird.

Eigentlich ist es ganz einfach – menschliche Präsenz vermag es, aus einer sehr belastenden Situation ein bereicherndes Erlebnis zu machen, wo ich mein Aufgehobensein, meinen Wert und mein Eingebundensein in der menschlichen Gemeinschaft erfahren kann.

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