Mit dem Krebs tanzen….

„Ich tanze mit der Angst, ich tanze mit der Freude“ heißt das Buch von Karoline Erdmann.

Das Buch ist unscheinbar, wäre da nicht diese Frau am Cover, welche die linke Burstseite entblößt, mit einer Rose verziert, einen Tango tanzt. Es hat mich tief berührt, weil es so vieles beschreibt, was ich im Umgang mit Krebs als wesentlich erachte – die Genauigkeit mit den (inneren und äußeren) Fakten, mit den eigenen Gefühlen und der inneren Stimme, der Mut, Tabus zu brechen und sich beispielsweise kein Brustimplantat einsetzen zu lassen und im Gegenteil die bloße Seite beim Tangotanzen zu offenbaren.

Vor allem ist es ein Aspekt, welcher mir wertvoll erscheint und welcher mit meiner Auffassung über die „Aufgabe“ der Krebserkrankung übereinstimmt  – die Krebserkrankung als einen Bewusstseinsweg zu beschreiten.

Karoline Erdmann tut das nicht in einer realitätsfernen abgehobenen Weise, nein, sie zeigt, dass es um die Anerkennung aller am Weg liegenden (oft schmerzlichen) Tatsachen geht.

Das beginnt bei der Würdigung der Todesangst bei der Diagnosestellung und dem Entschluss, die Krebserkrankung als Herausforderung für einen „konstruktiven Umgang“, wie sie sagt, zu nehmen. Sodann eine Therapiewahl zu treffen, die auf einer tiefen Erkenntnis beruht, – einem organismischen Ja zur Ablatio und die nicht aus „blinder Angst“ getroffen. wird. Sie schreibt: „Der allgemeine „Krebsterror“ um mich herum suchte Lösungen durch immer raffiniertere Mittel. Aber mir schien, die eigentliche Lösung lag in mir selber. …Wenn es nun gelang, gleichzeitig auch innerlich Frieden mit meiner Situation zu schließen, dann würde ich wissen, welche Behandlungsmethoden für mich im Moment, die richtigen waren.“ (S. 101)

Auch der Abschied von ihrer Brust wird bewusst vollzogen, sie lädt dazu einen Freund ein, der sie ein letztes Mal mit beiden Brüsten fotografiert.

Sie beschreibt die Zeit im Krankenhaus wie ein Wochenbett, – mit dem Bedürfnis nach Stille und Rückzug und dem Gefühl von großer Verbundenheit mit „dem Leben, mit Gott und einem inneren Frieden“. Und „alles ist intensiver – die Sonnenstrahlen hinter den Wolken, die Farben, die Gerüche, die Geräusche – alles konnte mich begeistern.“

Immer wieder ist sie mit allem in Frieden, nimmt die Verletzung ihrer rechten Seite zum Anlass, sich zärtlich um ihren Körper wie um ein gekränktes Kind zu kümmern.

Entschieden lehnt sie nach einer Zeit der Unruhe, Angst und Verzweiflung eine Chemotherapie ab. Auch das nach Einbeziehung aller Informationen und einer tiefen Erkundung, was die Chemotherapie neben der Vernichtung von Krebszellen noch alles bewirkt – und in Resonanz mit der eigenen inneren Stimme. Und siehe da, kein Infragestellen von anderen, vielmehr ein Begrüßen dieser Entscheidung – so ist es, wenn eine Entscheidung fest auf einem organismischen Fundament steht.

Karoline Erdmann spricht aber auch über ihre Todessehnsucht. Mutig beschreibt sie, wie erlösend es ist, dieses „Endlich darfst Du sterben“ anzuerkennen. Genauer betrachtet geht es dabei mehr um eine Er-Lebens-Sehnsucht, um die Sehnsucht nach einem Eins-Sein- mit allem.

Zurück im Alltag leistet sie viel Ordnungsarbeit, mistet aus, was nicht mehr zu ihrem Leben gehört und widmet sich auch der Ursachensuche, dem, was sie belastet und hemmt.

Sie beschreibt, was ich von so vielen Krebskranken Menschen gehört habe, dass die Zeit um die Diagnose und danach zwar herausfordernd ist, die Konfrontation mit der Alltagsrealität, mit den eingespielten Mustern jedoch überfordernd sein kann. Schnell ist sie wieder derart erschöpft, dass sie nur mehr weinen kann. Sie sucht therapeutische Hilfe und nützt diese als eine Unterstützung in der Befreiung von Altlasten und von zehrenden Schuldgefühlen, was sie wohl alles falsch gemacht hat, „um solche eine schreckliche Krankheit zu bekommen.“ Sie kann erkennen, dass dahinter eine tiefer liegende Schuld verborgen ist, die gegenüber der eigenen intensiven Sexualität, welche von früh an verpönt war. Auch das Verlassenwerden von ihrem „griechischen Gott“, mag zu ihrer Erkrankung beigetragen haben. Letztlich kann sie anerkennen, dass es wohl viele Ursachen sind, die dazu geführt haben dass sie an Krebs erkrankt. Und sie erkennt, dass sie schlicht und einfach Erholung braucht. Auch dies ist mir von vielen an Krebs Erkrankten sehr bekannt. Vor allem bemerkt sie, dass die Phantasie (über den Krebs und die Folgen) das Schreckliche ist, nicht so sehr die Realität und auch, wie sehr diese Phantasien die Angst nähren und umgekehrt.

Sie kann der Menopause, in welche sie durch das Tamoxifen gerät, viel Positives abgewinnen, dass sie langsamer wird, das präzise Gedächtnis nachlässt und auch dass das begehrende Wollen abnimmt, kann sie begrüßen. „Wenn ich mich nicht gegen diesen neuen Zustand wehrte, sondern ihn einfach akzeptierte, musste ich zugeben, dass mein Leben dadurch viel friedlicher geworden war.“ (S. 109)

So ist der Bericht ihres Krankheitsweges durchtönt von  einer grundsätzlichen Öffnung für alle Möglichkeiten und für die Erfahrungen, die sie damit macht. Und es zeigt sich für mich, dass wie in vielen spirituellen Traditionen beschrieben die bedingungslose Bejahung der Erfahrung zu Frieden führt.

Auch ist sie, wie viele andere an Krebs erkrankte Menschen, ihrem Krebs dankbar, weil durch ihn „jeder Augenblick kostbar wurde“ und sie „sich frei fühlte, zu tun, was ich wirklich wollte“. Und das war unter anderem Tangotanzen. Durch den Tanz und ihre Auftritte mit einer entblößten brustlosen mit Blumen verzierten Brust gelang es, diese in ihrer Schönheit wahrzunehmen.

Und als dann nach einem Jahr neuerlich Krebs festgestellt wird – diesmal in den Lymphknoten -durchdringt sie auch dieses Geschehen nach einer Phase des Schocks und der Angst mit ihrem Bewusstsein und erkennt, dass es darum geht, dem Krebs nicht feindlich gegenüber zu stehen, vielmehr noch, dass das Unkontrollierbare, das ihm innewohnt zum Leben dazu gehört.

Neuerlich lehnt sie die Chemotherapie ab und entscheidet sich für hoch dosierte Misteltherapie in Kombination mit Hyperthermie und der Einnahme von Enzymen. Diese aus dem Inneren getroffene Entscheidung beruhigt und lässt sie ihre Mitte wieder finden. „Es ging darum, an meinen Weg zu glauben und mit meinem Schicksal glücklich zu sein. Ich hatte inzwischen innerlich zu der „Unsicherheit mit Krebs zu leben“, ja gesagt. ich versuchte nicht mehr aus dem Druck meiner Angst heraus eine mögliche nächste aktive Phase von Krebs zu verhindern, sondern ich lernte aus Freude am Leben und mit Neugier nach neuen Behandlungsmethoden zu suchen, um so gut und gesund wie möglich zu leben.( S 136/137).

Sie kann endlich ihre „unermessliche“ Wut wahrnehmen und ihr gemäß handeln, indem sie z.B. all die Porträtphotos ihres geliebten griechischen Gottes vernichtet.

Ihre neu erwachte Kraft mündet in ein Projekt, das sie „Mammatango“ nennt, wo sie mit entblößter Brust auftritt und damit auch andere Frauen ermutigt, zu sich und ihrem Schicksal zu stehen und zu sehen, dass Schönheit nicht an Konventionen  gebunden sind.

Das letzte Kapitel in diesem wunderbaren Buch trägt den Titel „Ich tanze mit dem Leben und ich tanze mit dem Tod“. Es ist derart essentiell für mich, dass ich es am liebsten Wort für Wort wiedergeben würde.

Es geht darin neuerlich um die Dankbarkeit dem Krebs gegenüber – „Ich begann zu fühlen, dass der Krebs fast ein Privileg war, wie ein Erlebnis, das mich viele Schritte in meiner Entwicklung vorangebracht hatte. Durch ihn begegnete ich dem Leben mit einer anderen Hingabe, einer anderen Freude, einem anderen Bewusstsein.“ ….“Durch den Krebs habe ich mich mit dem Tod auseinandergesetzt. Der Tod ist dadurch für mich zu einem Freund und Begleiter geworden, der mir das Leben bewusster und lebenswerter macht.“ (S. 152)  Mehr noch „In meinem Leben mit Krebs kann ich die Krankheit als eine Herausforderung, annehmen, als einen Entwicklungschritt oder als eine Gnade. Eine Gnade, weil sie mir die Chance gibt, vieles zu erleben und zu verarbeiten, was mir sonst verschlossen geblieben wäre.“ und weiter „Es war der Krebs selbst, durch den ich das erste Mal meine tiefe Verbundenheit zum Diesseits spürte und realisierte, dass ich die letzen fünfundzwanzig Jahre mit meinem spirituellen „Streben“ oft auf der Flucht vor dem Leben gewesen war. Ich hatte mich nach dem Jenseits“ gesehnt und war am „Hier und Jetzt“ manchmal vorbeigelaufen.“ S. 155

Sie entdeckt neben der kausalen, horizontalen die vertikale Ebene in ihrer Verbindung zu Gott. „diese beiden Ebenen schneiden sich und ich muss lernen, in ihrem Schnittpunkt zu leben, d.h., ich muss lernen, dieses Kreuz, diese Spannung auszuhalten.“

In diesem angehobenen Bewusstseinszustand kann sie erkennen, dass das ganze Leben ein Tanz ist und jeder Mensch seinen eigenen Tanz tanzt. „Ich sehe, wie sich die Reigen der Menschen berühren, ineinander verschlingen und sich wieder lösen, ein unendliches wundersames Muster, in steter Bewegung, in steter Veränderung. Und wenn ich dieses Muster betrachte, aus immer weiterer Ferne, dann sehe ich auch den Tanz des Diesseits mit dem Jenseits. Ich sehe, unser Leben ist nur ein Leben von vielen Leben, ein kurzer Tanz, ein winziger Schritt im unendlichen Tanz der Ewigkeit.“ (S. 157)

Karoline Erdmann – so musste ich lesen – ist Anfang 2006 gestorben. Üblicherweise würde man sagen, dass sie dem Krebs erlegen ist, den Kampf verloren hat. Ihr Buch hat mir jedoch erneut gezeigt, dass es vielleicht gar nicht darum geht, am Leben zu bleiben – möglichst lange. Natürlich ist es auf der menschlichen Ebene traurig und schmerzlich, aber vielleicht ist es wesentlicher, einen Bewusstseinsweg zu gehen, so wie sie ihn gegangen ist.

Ich wünschte, dass sie (und auch ich) diese letzten Schritte auf ihrem Weg mit jener von ihr beschriebenen Überzeugung gehen konnte. „In mir ruht die tiefe Überzeugung, dass alles gut ist, so wie es ist, und ich begegne dem Leben mit mehr Demut. Ich nehme an, was mir gegeben ist. Der Krebs ist weder eine Strafe, noch ist er ein Ansporn noch mehr zu meditieren oder stärker zu glauben, sondern er ist in sich selbst mein Ja zum Leben, mein Ja zur Existenz und ich kann mein Leben mit Krebs lieben. …Ich will keinen „Kuhhandel“ mit Gott, ich will keine Bedingung mehr stellen. Das ist eine wunderschöne Erkenntnis, eine bedingungslose Liebe zum Leben.“  

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