Diagnose Krebs – eine Heraus-Forderung für Angehörige und FreundInnen

 

Zumeist stehen nach einer Krebs-Diagnose die davon Betroffenen im Vordergrund, sie haben den Schock zu verarbeiten, die richtige Wahl zu treffen, und sie haben sich auch den teilweise hefigen Behandlung auszusetzen.

Doch auch für Angehörige und FreundInnen ist dies eine sehr schwierige Zeit – schwieriger vielleicht noch, weil sie nicht in mitten des Geschehens sind, das all ihre Kräfte bündelt und die Aufmerksamkeit fokussiert. Sie stehen außerhalb und sind oftmals auch unsicher, was ein guter hilfreicher Beitrag von ihrer Seite sein könnte. Im Eindruck des Leids und der Not des Nächsten fühlen sie bisweilen auch kein Recht, ihre Bedürfnisse einzubringen und ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Und oft sind sie mit nie gekannten Aspekten und Seiten eines wohlbekannten Menschen konfrontiert.

Eine Krebsdiagnose trifft einen Menschen im Kern, er ist grundsätzlich erschüttert. Diese Erschütterung bringt Seiten an der Persönlichkeit zum Vorschein, welche wir als die Nächsten vielleicht noch nie wahrgenommen haben. Vor der Diagnose war unser Freund beispielsweise ein umgänglicher, verbindlicher Mensch, bei welchem wir nichts zu befürchten hatten. Plötzlich ist dieser so freundliche Mensch unwirsch, schroff, in sich zurückgezogen, weist uns zurück, schickt uns weg, will uns gar nicht sehen, er, der immer höflich und mitfühlend und im Kontakt mit den Bedürfnissen der anderen war, stößt uns mit einem schroffen Nein zurück und sagt beispielsweise den lange ausgemachten Besuch kurzfristig ab. Das ist hart und verunsichert. Wir verlieren die Selbstverständlichkeit, wissen nicht mehr, wie wir uns verhalten sollen, wir werden immer verklemmter und sprachloser.

Auch wir haben Bedürfnisse, wollen nahe sein, unterstützen, am Laufenden gehalten werden, wollen teilhaben. Und müssen schmerzlich bemerken, wie wir zunehmend den Kontakt verlieren.

Ich erinnere mich an meine liebe Freundin Gundi, welche mich bat, sie in ihrem Sterbeprozess zu begleiten und ich fühlte mich geehrt, war beglückt von diesem intimen Herzensgeschenk. Und dann, in ihrem Ringen um ein Sterben-Können war sie so gar nicht mehr meine Gundi, ich musste stundenlang in der Küche warten, ehe mir die Pflegerin mitteilte, dass sie mich heute doch nicht sehen möchte.  Das tat weh. Je mehr sie sich dem Tod näherte, desto ungehaltener im wahrsten Sinne des Wortes wurde sie, mal sollte ich leise, mal ganz normal sprechen. Meine Verunsicherung wuchs und damit mein Halt, den ich in mir hatte, und den ich ihr geben hätte können.

Was können wir tun: Ich glaube, das Wichtigste ist anzuerkennen, wie groß mein Schmerz ist, den anderen als meinen …..zu verlieren, die Trauer, meine Angst aber auch meine Wut, so behandelt zu werden, das Gefühl, dass ich so eine Behandlung nicht verdient habe – all das will angenommen werden oder wie Thich Nhat Hanh sagt, mich in all dem liebevoll zu umarmen und zu halten.

Und dann kann ich schauen, welcher Ausdruck stimmt, was ich davon wie mitteilen möchte, aus meinem Herzen heraus zu sprechen.

Vielleicht hilft es auch zu verstehen, dass meine Freundin es mit einem überwältigenden Geschehen zu tun hat, das all ihre Kräfte beansprucht, und dass das nicht gegen mich gerichtet ist. Und vielleicht ist es dann ja möglich, ihr/ihm den Raum zu geben, den er/sie braucht.

Einfach zu bleiben  – als eine vielleicht letzte Liebestat.

 

 

 

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