Taumel Taumel….klingelingling

Welch´ eine Zeit! Keine Spur von der viel gerühmten Besinnlichkeit und Stille.

Ein Rauschen und Tosen ist das seit dem ersten Krebsverdacht, einen Tag vor meinem Geburtstag.

Seit dem geht´s rund.

Mein ohnedies schon zur Aufregung neigendes Nervensystem ist außer Rand und Band.

Ja, ich weiß, grad dann sollte ich keinen Kaffee trinken, nicht mal einen einzigen. Besänftigende Kräutertees wären da indiziert. Stattdessen nütze ich jede Gelegenheit  – Untersuchung, Befund abholen, Bewilligung hinbringen, um mich in das nette Kaffee Franze http://xn--kaffeersterei-omb.wien/am Rande des Kutschkermarkts zu setzen.

Wie eine Oase ist das, und da könnte ich mir gleich einen zweiten bestellen, was ich natürlich dann doch nicht tue.

Ich sollte vieles tun oder nicht tun, wenn ich meinen Ansprüchen gerecht werden will. Natürlich meine Yoga-  und Meditationspraxis konsequent fortsetzen, wie ich es über Jahrzehnte getan habe. In die Stille gehen käme jedoch einer Vollbremsung eines Lastwagens gleich, und so mache ich das jetzt mal nur, wenn es mich wirklich danach verlangt.

Und dann ist es gut und besänftigend, aber nicht, wenn ich gleich einen neuen, mich stressende Auftrag draus mache – dass ich das jetzt wirklich wieder regelmäßig aufgreife, weil es mir doch gut tut.

Auch sollte ich natürlich weiterhin Sport machen, und manchmal zieht es mich auf den Rathausplatz, um meine Runden am Eis zu ziehen. Oft bleibe ich jedoch lieber zuhause, wo kein Wind und die Masse der Menschen mich noch mehr durcheinander bringt.

Ja, da gibt es so einiges, was nicht meinen hehren und auch wohl erprobten Anforderungen an mich gehorcht.

So ist das jetzt.

Sehr anders ist es, als es bei den letzten beiden Malen war, als ich mit einer Krebsdiagnose konfrontiert war, und ich spüre auch eine leise Enttäuschung (über mich) und ein Bedauern, dass es mich diesmal nicht sogleich an diesen inneren Ort bringt, wo es still und zentriert ist.

Diese Vor-Stellung, dass es so sein muss, damit es heilsam ist, möchte ich jetzt einmal hingeben und mich dem (jetzt halt reißenden) Strom der Erfahrung überlassen – im Vertrauen, dass alles gut ist, so wie es ist, wenn man es da sein lässt, oder wie mein lieber Lehrer Michael Smith sagte: „Life is bigger than you“ – sowieso.

So will ich jetzt aufstehen, vielleicht den Sauhaufen am Schreibtisch beseitigen, dann vielleicht einen Kaffee trinken, den restlichen Teig zu Vanillekipferl formen – sehr beruhigend! – und dann weitersehen, was ich bis zum heutigen nachmittäglichen Termin bei der Chirurgin noch mache – vielleicht doch raus in die Sonne gehen?

Wenn der Krebs wiederkehrt….

Und wieder war da dieser besorgte Blick beim Ultraschall, das Stillwerden, kein plätscherndes Geplauder mehr, konzentriertes Schauen. „Bin ich gesund?“  Nochmal ein Blick auf die Mammographieaufnahmen. „Das muss ich mir nochmal genauer im Schall anschauen“.

Unklarer Befund, ein Grau, wo ein Schwarz sein sollte. Noch bin ich cool, doch dann, als mir mein lieber Arzt einen Termin beim MR in 5 Tagen gibt, fängt dieser „Zustand“ wieder an, das durcheinander und aus-der-Welt Sein, muss darauf achten,  nicht blind über die Straße zu laufen.

Wie gut, dass mein Mann in meinem Leben ist, den ich sogleich anrufen kann, ihm erzählen, dass ich diesmal nicht beruhigt und entlastet von der Untersuchung komme, wo ich alles benennen kann, was für und gegen einen Karzinomverdacht spricht.

Wie gut, dass sich zwischen mir und dem Röntgenologen mittlerweile eine Art freundschaftlicher Kontakt entwickelt hat. So kann ich ihn – jetzt schon gar nicht mehr cool – gleich nochmal anrufen, Fragen stellen, und er wehrt nicht ab,  ist beruhigend, ohne beschwichtigend zu sein.

Das Schlimmste ist das Warten, da gilt es die Anspannung auszuhalten, die Wenn und Dann´s auszuloten.

Und da gibt es noch etwas, was ich mich fast nicht getraue, einzugestehen. Da ist in einem innersten Winkel meiner Seele eine Sehnsucht, dass es wieder Krebs ist, weil das bedeutet, dass ich wieder „aus dem Verkehr gezogen“  werde, mich um mich selbst drehen muss und darf.

Offenbar ist das in den nahezu zwanzig Jahren nach meiner ersten Diagnose noch immer nicht selbstverständlich. Noch immer braucht es eine derartige – Not-Wendigkeit, um mein Leben radikal mir gemäß gestalten zu dürfen. Unnötiges auszuräumen, wie zum Beispiel einem von vielen inneren Ansprüchen gehorchend sechs verschiedene Kekssorten backen zu müssen – generalstabsmäßig geplant – um die ganze große Familie damit zu beglücken, dort und da Geschenke zu kaufen, Basare zu besuchen, weil FreundInnen dort ausstellen – hetzen, unterwegs sein.

So ist die Sehnsucht nach einer drastischen Diagnose die Sehnsucht nach der Möglichkeit eines selbstzentrierten unmittelbaren Seins.

Still.

Eine Sehnsucht, mir zu folgen, von mir auszugehen, eine Sehnsucht nach einem schöpferischen Raum, nach Kreation, nach mir selbst.

Dann kommt der MR Befund und die Biopsie, und nun wird es sehr real – die Diagnose – wieder Krebs, multizentrisch. Und dann spüre ich sie, die Angst – Angst vor dem, was jetzt folgt, Angst vor dem Krankenhausaufenthalt, Angst vor dem Schmerz, Angst vor einer brustlosen Brust.

Und auch, wenn es befremdlich klingen mag –  ich finde es gut, dass ich mittlerweile Angst wahrnehmen kann, zeigt es mir doch, dass ich nicht mehr derart von mir entfernt bin, dass nur die tapfere, mutige Frau am Werk ist, stolz, dass sie etwas wegstecken kann, was andere als eine große Belastung sehen würden, die immer (nur) das Positive sieht und sehen muss, die strahlende Heldin, unantastbar, bewundernswert, weil sie ja so toll damit umgeht.

Wären da nicht die Nächte, in welchen die Dämonen der Angst hochkriechen, wo alles groß und unüberwindbar scheint, wo ich mich fürchte wie ein Kind.

So ist es Vieles, was gleichzeitig in dieser Zeit stattfindet – neuerlich die Sehnsucht nach einer Da-Seins-Berechtigung meiner Selbst, nach einem Selbst-zentrierten Leben, das mich meint, und das es nur zu geben scheint, wenn ich mit einer unmittelbaren Sorge um meine leibliche Existenz beschäftigt bin.

Dann die Angst, Angst vor dem Unkontrollierbaren, davor, dass ich zu unachtsam war mit mir selbst und meiner Gesundheit.

Und es gibt auch das Schöne in dem Prozess – die Fürsorge meiner Ärzte, die  am Abend nach der Biospsie anrufen, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen und deren wissendes Bemühen.

Das Gehaltenwerden durch meinen Mann und die Liebe meiner Tochter, das warmherzige Interesse meiner FreundInnen, welches mir zeigt, dass ich wertvoll bin als die, die ich bin, und nicht nur als die, dich ich glaube, sein zu müssen.

Für all dies und dass mir das Schreiben als Ausdrucksmittel zur Verfügung steht und damit eine Möglichkeit der Vertiefung, Klärung und Distanzierung, bin ich  sehr dankbar.

Gut aufgehoben – im Geboren-Werden und Sterben

Als ich vor einigen Wochen mit der Blog Serie „Gut aufgehoben…“ begann, kam mir sofort die Bedeutung des Gut Aufgehobenseins im Sterben in den Sinn. Sogleich verwarf ich diese Idee jedoch, weil dies ja nicht hoffnungsfördernd sei, und ich mich auf die „positiven“ Seiten im Krebscoaching zu konzentrieren hätte.

Heute, an meinem Geburtstag will ich es jedoch tun – auch im Angedenken an meine liebe Cordula, die vor sechs Jahren an meinem Geburtstag starb.

Gut aufgehoben war ich bei meiner Geburt wahrlich nicht. Meine Mutter wusste nicht, dass sie Zwillinge erwartete, die Ärzte streikten, wollten es schnell vorbei haben, Begleitung durch meinen Vater, ihren Mann, war damals undenkbar. Er durfte ihr gerade mal das Köfferchen tragen bis zur Schwelle und sie dann ihrem Schicksal überlassen.

Ich bahnte mir zwar relativ rasch einen Weg, doch dann war da ja noch eine zweite Tochter, die geboren werden wollte, und um die rasch heraus zu bekommen, wurden härtere Mittel eingesetzt – sich auf den Bauch meiner Mutter setzen, schroff auf sie einsprechend, dass sie doch endlich mitarbeiten möge, flach auf dem Rücken liegend, festgeschnallt.

Dann waren wir da, und wie damals üblich, wurden wir sofort an den Füßen gepackt, Kopf unter hängend erhielten wir einen kräftigen Klapps auf den Po, um das Atmen in Gang zu bringen.

Hier wird das Nein zum Leben und zur Welt konstituiert, sagt mein verehrter Wilhelm Reich, ein Nein, das im Körper eingeschrieben das Potential für eine abwehrende lebenslängliche Kontraktion bildet. Ein Nein aber auch zu Menschen, war doch der erste Kontakt mit ihnen ein unverbundener, gewaltsamer.

Als ich diesen Satz von Reich das erste Mal las, fühlte ich mich erkannt. Ja, hier begann mein energetischer Rückzug vom Leben und den Menschen und ein von Angst und Vorsicht geprägtes Leben. Und ich sehe meine Krebserkrankung als einen Ausdruck dieses Rückzugs, dieses Mangels an  tiefer freudvoller Expansion, wie ich sie auch als Wendepunkt sehe zu einem Leben, das von meiner Seele begrüßt wird.

Wie anders ist es, wenn man eine natürliche Geburt erlebt, wo sich die Frau die passende Geburtsposition aussuchen kann, wo sie einfühlsam in ihren Bedürfnissen unterstützt und begleitet wird.

Hier in der Bedeutung einer von Einfühlsamkeit und Feinfühligkeit gekennzeichneten Beziehung findet sich die Verbindung von Geburt und Sterben.

In einer Begleitung, die sich durch das auszeichnet, was Wilhelm Reich als vegetative Identifikation, als eine tiefe organismische Resonanz bezeichnet. Dass ich als Begleiterin derart in eine energetische Verbindung treten kann, dass ich in meinem Organismus fühlen kann, was bei der Gebärenden ebenso wie bei der Sterbenden an Ausdrucksbewegungen stattfindet, und wie diese beantwortet werden wollen.

Wunderbar kommt diese Qualität in Antonin Svobodas Film „Cry Baby Cry“ zum Ausdruck, wenn Thomas Harms den Füßchen des Babies einen angemessenen Widerstand bietet, damit die Geburt, die für die Eltern und für das Baby traumatisierend war, zu Ende geführt werden kann, indem all die Bewegungen gemacht werden können, die es nicht machen konnte.

Es ist unglaublich beeindruckend, was uns die Babys in ihrer Körper-Sprache zeigen, wenn wir ihnen zuhören und zusehen. Sie zeigen uns in chaotischen Bewegungen, dass in den 1. Schwangerschaftswochen etwas Verstörendes passierte, sie zeigen uns über Reibungsbewegungen einer Kopfseite, dass hier ein Feststecken stattfand, und sie zeigen uns, wenn es vollbracht ist, weil dann ein himmlischer Frieden und der lang ersehnte menschliche Kontakt stattfindet.

Nie sind Konzepte so wenig und menschliche Präsenz so gebraucht, wie in der allerersten und allerletzten Lebenszeit.

Dann kann die Natur machen, was sie angelegt ist, zu tun, dann kann sich das Leben – wozu ja auch das Sterben gehört – fortsetzen.

Und ich kann als Begleiterin in Fühlung mit dem Geschehen spüren, wann der Arm einer Sterbenden Unterstützung durch einen Polster braucht, der Kopf gehalten werden will, die Füße aufgestellt, die Lage verändert. Eine wunderbare Beschreibung der sogenannten basalen Stimulation und ihrer heilsame Wirkung auf Sterbende findet sich im Buch „Die sieben Geheimnisse guten Sterbens“ von Dorothea Mihm.

Bis jetzt bedaure ich es zutiefst, dass ich diese Selbstverständlichkeit, meine wissende Präsenz nicht voll zur Verfügung hatte, damals beim Sterben meiner lieben Cordula. War zu beeindruckt von ihrer Not, die sich bisweilen als fordernde Dominanz äußerte.

Genauso wie Babys, die den Halt der Eltern brauchen, wenn sie in Not sind, brauchen Sterbende diesen Halt, um durch den heftigen Prozess der Lösung aus dem Festen gehen zu können. Da braucht es eine Selbstanbindung, wie Thomas Harms sagt, ein bei mir sein. Dann kann eine Hingabe an den Prozess stattfinden.

Ganz einfach in meinen Bauch atmen – ein – aus – ein – aus… dann kann ich einfach dem Geschehen folgen, präsent wach in der gemeinsamen Energiesuppe schwimmend – bis das Kind/der Tod geboren ist.

Vom Müssen, Dürfen und Wollen – das Wollen

Nein, kein roher Apfel jetzt, mag er noch so gesund sein.

Vielleicht etwas Warmes oder etwa gar nichts?

Nein, nicht hinausgehen jetzt, auch wenn ein strahlend schöner Tag ruft.

Mich hinlegen, hier auf mein rotes Sofa – am hell-lichten Tag.

Nein, keine Nachrichten hören und auch keine Freundin anrufen.

Einfach still sein.

Vor einem Jahr habe ich mit einer Blogserie zum Thema „Vom Müssen, Dürfen, Wollen“ (https://krebscoaching.org/2016/10/; https://krebscoaching.org/2016/11/13/ueber-das-muessen-duerfen-und-wollen-teil-2-das-duerfen/)  begonnen.

Es hat eine Zeit gebraucht, um zum Wollen zu kommen.  Nun ist er da. Frisch, ohne lange dran zu basteln, entstand er aus meinen Morgenseiten.

Einfach so.

Wollen, wie ich es meine, ist frei und bedürfnisnah. So sind auch die sogenannten höheren Bedürfnisse, wie die in der Maslow´schen Bedürfnishierarchie genannten Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung und Transzendenz, meinem Verständnis nach, in enger Verbindung mit dem Organismus.

Sie entspringen nicht leibfernen oder vielleicht sogar leibfeindlichen Ideen bestimmter Lebens- und Gesundheitspraktiken, weil ich mich dann als ein besserer und an seiner Gesundheit engagierter Mensch fühlen darf.

Nein, wirkliches Wollen entspringt einer tiefen organismischen Quelle.

Ganz natürlich.

Ich muss mir nichts vornehmen – dass ich z.B. jetzt wirklich endlich mit etwas „Gesundem“ beginne. Ich mache es oder auch nicht. Keine Auflagen. Zuerst Aufräumen in meinem Inneren, Bereinigen von (selbst) auferlegten Ideen, Konzepten, was gut, richtig und gesund ist.

Re-Set.

Natürlich ist es hin und wieder oder öfter mal so, dass wir uns den Zugang zu unseren organismischen Bedürfnissen im Wortsinn ver-baut haben. Weil ich zum Beispiel über lange Zeit verklebende und den Körper irritierende Nahrungsmittel zu mir genommen habe, oder weil ich mich schon von früh morgens, gleich nach dem Aufwachen mit (Internet-)nachrichten füttere.

Dann kann eine Bereinigung anstehen. Auch dieses Bedürfnis entsteht aus einer vitalen Erkenntnis.

Oh ja, da freu ich mich, weil ich sogleich spüren kann, dass ich meinen Körper damit entlaste. Da freu ich mich, wenn ich merke, wie sich eine Zuckerkarenz auf meine Wachheit, mein Wohlbefinden auswirkt. Und ich wieder frei bin – mich an Bewegung zu freuen, am Tanzen, Yoga und was immer mich beglückt.

Dann hab ich den organismischen Faden aufgegriffen, hab mich erneut eingeklinkt in den Strom des Lebens.

Und dann weiß ich, was jetzt dran ist, und das wird sich rhythmisch immer wieder verändern – nein, heute nicht laufen, weil ich mehr kontinuierliche Erdnähe brauche, heute vielleicht walken, wo ich in aller Ruhe herum schauen kann, atmen oder einfach spazieren gehen.

So können wir täglich die Re-Set-Taste drücken und von Neuem spüren, was dran ist.

Für mich sind hier die Tagesanfänge bedeutsam – mir Zeit zu lassen, in der Welt anzukommen, in den Tag hinein zu gleiten.

Ganz wichtig ist für mich dabei, abzuwarten, wann sich wirklich Hunger meldet – (das ist bei mir zum Beispiel erst nach einigen Stunden nach dem Aufwachen). Dann ist es gut, dem Rechnung zu tragen,  und nicht meinen Magen gleich nach dem Aufstehen zu füllen, auch wenn das von verschiedenen Ernährungswissenschaften propagiert wird.

Nur dann, wenn ich wirklich Hunger habe, kann ich, oder vielmehr mein Organismus, nämlich spüren, was wirklich gut ist, zu mir zu nehmen. Wenn ich hier genau bin – ist es heute ein warmes Porridge, eine Schnitte Brot, ein Smoothie oder Obst, dann steht der Tag auf einem guten Fundament. Dann bin ich nicht von vornherein belastet und in einer „organismischen Schräglage“.

Über meine Aufrichtung kann ich mich sodann von himmlischen Inspirationen speisen lassen, gehe gut gegründet auf der Erde meinen Tages-Weg und bin, da ich ja nicht mit dem Verdauen von schwer oder gänzlich Unverdaulichem beschäftigt bin, offen für das, was zu tun ist, und was von den anderen zu mir kommt.

Ja So Ist Es. Und das ist dann wahrlich ein gutes, freudvolles Leben.

Gut aufgehoben…..rund um die Diagnose

In der Regel ist eine Krebsdiagnose ein großer Schock. Teilweise aus heiterem Himmel z.B. bei einer Routineuntersuchung festgestellt, sind wir von einem Augenblick zum anderen plötzlich –  laut Befund! –  schwer krank.

Das Schock-  und Traumatisierungspotential ist dabei oft undifferenziert (das heißt, auch wenn der Krebs in einem sehr frühen Stadium entdeckt wurde), und ist zu einem (großen?) Teil einfach mit dem Wort „Krebs“ verbunden.

Krebs ist – obwohl Großteils mittlerweilen eine chronische Erkrankung – in unserem Bewusstsein mit großem Leid und einem (raschen) Tod verknüpft. Viele Krebspatientinnen beschreiben in diesem Sinne ihre Diagnose als Todesurteil.

Der zweite Faktor, der für eine posttraumatische Belastungsstörung nach einer Krebsdiagnose verantwortlich ist, ist die Art der Diagnosemitteilung, die leider nur allzu oft unempathisch und kontaktlos verläuft.

So hat der diagnostizierende Arzt einer meiner Klientinnen, nach der Diagnosemitteilung angefügt:  „Ich sag´ Ihnen gleich, das kommt wieder!“ Diese Reaktion fußt meiner Interpretation nach auf einer Unbewusstheit und Abwehr der Empfindungen, die dieser Arzt im Moment der Diagnose hatte. Bei der Klientin handelte es sich um eine junge, sehr sympathische Frau.  Ich kann mir vorstellen, dass es ihm, der sich sodann zu einem sehr gefühlvollen ärztlichen Begleiter entwickelte (er hüpfte am Spitalsgang vor Freude, als festgestellt wurde, dass die Chemotherapie eine gute Wirkung zeigte), einfach sehr nahe ging, dass diese junge Frau, der statistischen Realität gemäß, nicht mehr lange zu leben hat.

Ich stimme mit Fischer-Riedesser, dem Autor eines Traumafachbuches überein, dass es von Überlebens wichtiger Bedeutung wäre, dass Ärzte und medizinisches Personal über traumaspezifisches Wissen verfügen, damit die Gefahr einer Traumareaktion aufgrund einer Diagnose gering bleibt.

Es ginge also darum, dass jemand von Anfang an, also bereits rund um die Diagnose gut aufgehoben ist.

Ich habe in diesem Sinne Elemente einer traumasensiblen Diagnosestellung herausgearbeitet.  Diese Aspekte mögen selbstverständlich klingen, sind es jedoch erfahrungsgemäß leider nicht, weshalb ich sie explizit ins Bewusstsein rücken möchte.

– Ein angemessener Ort: Die Diagnosestellung, die ja heftige emotionale und auch körperliche Reaktionen auslösen kann, sollte an einem angemessenen Ort stattfinden, nicht im Nebenbei am Krankenbett mit anderen Anwesenden, ohne Intimität und der Möglichkeit zu reagieren. Sie sollte in einem ruhigen Raum stattfinden, in dem man auch ungestört ist und nicht immer wieder die Tür aufgeht, weil jemand etwas braucht.

In dem Raum sollte es still sein, weil man – so der Polyvagaltheoretiker Stephen Porges – in einer derart emotionalen Stressreaktion hypersensibel auf Hintergrundgeräusche ist.  Wir aktivieren nämlich in einer Bedrohungssituation, als welche eine Krebsdiagnose zumeist wahrgenommen wird, einen phylogentisch alten Überlebensmechanismus, indem wir alle  Sinne schärfen, um eine aus dem Hinterhalt  lauernde Gefahr abwenden zu können. Dieses Abwehrmuster hat zudem zur Folge, dass die menschliche Stimme – also die des Arztes – schwerer aus den Hintergrundgeräuschen herausgefiltert werden kann. Damit wird die Mitteilung tatsächlich nicht gehört.

– Es ist günstig, eine  Begleitperson mitzunehmen, die unterstützend ist und wahrnehmen kann, was die unmittelbar Betroffene nicht wahrnehmen kann. Das ist sehr wertvoll, weil diese Person verzerrte Wahrnehmungen des Gesagten danach korrigieren oder die Erinnerung vervollständigen kann. Zumeist sind es Angehörige, die begleiten, bisweilen sind diese jedoch zu betroffen und können daher eine zusätzliche Belastung darstellen, weshalb es gut ist, wenn die Betroffene sehr genau ist, wen sie wirklich als unterstützend empfindet.

– Genügend Zeit: Gerhard Weber (siehe Literaturempfehlungen auf dieser Seite), der als Onkologe jahrzehntelange  Erfahrung in der Betreuung von Krebskranken hat, meint, dass Menschen nach der Diagnosemitteilung 7-8 Minuten in einer Starre verharren, wo sie nicht ansprechbar sind. Er wartet diese Minuten ab, um danach zu fragen, was in dieser Zeit vorgegangen ist. Das dient auch einer Reorientierung im Hier und Jetzt, weil Menschen durch einen Schock aus der gegenwärtigen Realität heraus kippen. Es wäre günstig zu vermitteln, dass der Arzt genügend Zeit hat, um auf drängende Fragen zu antworten bzw. auch, um den teilweise heftigen Reaktionen des Menschen Raum zu geben.

– Die Zugewandtheit des Arztes: Jeder Schock löst im Menschen eine Kaskade an physiologischen und auch emotionalen Reaktionen aus. Manche Menschen geraten in eine große (emotionale) Erregung, andere erstarren und hören die Worte wie aus weiter Ferne.  Porges, der  Begründer der Polyvagaltheorie, meint, dass die Präsenz, die Zugewandtheit, die Authentizität des Gegenübers (in diesem Fall des Arztes/der Ärztin) eminent wichtig ist, damit die oben beschriebenen Reaktionen gering bleiben.  Mit der Präsenz  des Gegenübers wird Sicherheit vermittelt, eine Sicherheit, die in den Eingeweiden spürbar ist – er nennt diese viszerale Sicherheit.

Was sind nun die Elemente dieser Präsenz:

Idealtypischerweise ist der Arzt mit sich selbst  in Kontakt. Er ist mit sich in Fühlung, also kongruent, er kann seine eigenen Ängste und Bedrohungsgefühle wahrnehmen, kann diesen eine wertschätzende Beachtung schenken und sie sodann zur Seite stellen, um sich erneut dem Patienten zu öffnen.

Da wir über die Spiegelneuronen wahrnehmen, was sich eigentlich beim anderen Menschen vollzieht, sollte sich der Arzt um diese Kongruenz bemühen, also darum, dass er wahrnimmt, was sich in ihm innerlich vollzieht, ob er Angst, Sorge, Mitgefühl, eigene Betroffenheit wahrnimmt – das gibt im neurozeptiven Sinn Sicherheit, während Inkongruenz eine tiefe Verunsicherung hervorruft („Der Arzt wirkt zwar souverän, bemüht sich auch, mir zu vermitteln, dass kein Grund zur Sorge besteht, aber irgendwas in meinem Inneren – in meinem Bauch – sagt mir, dass das nicht stimmt“).

Der Arzt/die Ärztin ist authentisch. Er kann sich über die Mimik und die Stimme differenziert ausdrücken.  Sie ist echt, es ist ihr  möglich, die verschiedenen Facetten ihres Erlebens der gegenwärtigen Situation in angemessener Weise und in steter Zugewandtheit auszudrücken. Er verfügt über einen  „warmherzigen Gesichtsausdruck, eine Offenheit signalisierende Körperhaltung sowie einen entsprechenden Klang der Stimme und stimmlichen Ausdruck“ meint Porges.

Um das zuvor erwähnte Beispiel nochmal heran zuziehen, könnte der Arzt meiner Klientin in dieser Situation sagen: „Es tut mir leid, Ihnen diese Diagnose mitteilen zu müssen. Das macht mich jetzt selbst sehr betroffen, ich möchte Ihnen aber auch versichern, dass wir alles tun werden, was in unseren Kräften steht, um Ihnen zu helfen.“

Ich möchte noch anfügen, dass es sichernd ist, wenn man die Patientin immer als ebenbürtige, erwachsene Partnerin behandelt (leider auch oft keine Selbstverständlichkeit), was bedeutet, dass sie über die ärztlichen Vorhaben gründlich aufgeklärt wird.

– Metakommunikation: Am Ende des Diagnoseerlebnisses wäre ein Anfragen des Patienten auf einer erwachsenen Ebene angebracht – was ist davon in Erinnerung geblieben, gibt es Fragen usw.

– Prognosen: Ich bin im Hinblick auf das Traumatisierungspotential  gegen eine ungefragte Mitteilung von Prognosen. Während der Situation einer Krebsdiagnose sind wir in einer Art Trancezustand, in welchem sich bedrohliche Botschaften in unser Gehirn eingraben und teilweise noch Jahre danach als Gedankenschleifen in unserem Bewusstsein bleiben.

Falls danach gefragt wird,  sind Prognosen zwar ehrlicherweise mitzuteilen, aber auch zu relativieren, z.B. mit dem Hinweis, dass die Statistik nichts über den Einzelnen aussagt, und man,  wie Servan Schreiber (siehe dazu Buchtipps) im Hinblick auf seinen eigene Prognose meinte, nicht weiß, ob man nicht  zu den 5%  am rechten Rand  der 5-Jahres Überlebenskurve gehört, was bei ihm ja der Fall war.

– Therapieindikationen wie OP, Strahlen-, Chemo- und Immuntherapie sind zwar kurz als Behandlungsoptionen zu beschreiben, um eine hilfreiche, Zuversichts – fördernde  Orientierung zu geben, jedoch finde ich es äußerst ungünstig, wie leider auch oftmals der Fall, sofort den Patienten unter Druck setzend zu einer Entscheidung und Vereinbarung eines Behandlungsbeginns zu drängen. Untersuchungen haben gezeigt, dass, wie bei jeder anderen akuten Traumatisierung das Großhirn nur eingeschränkt funktioniert,  daher also keine im wahrsten Sinne des Wortes vernünftige Entscheidung getroffen werden kann.

– Letztlich geht es um die Vermittlung von Halt und dem Gefühl von Gemeinsamkeit und Zuversicht. Es wäre gut, wenn der Arzt/die Ärztin vermittelt, dass er/sie da ist und den Gesundungsprozess auch begleiten würde, wenn gewünscht. Sie vermittelt in diesem Sinne Zuversicht und ein Gefühl von Verbundensein auf einer menschlichen Ebene.

Auf dieser Basis wird der Schock der Diagnose gemildert, beziehungsweise kann er sich, da wir ja alle mit starken Selbstheilungstendenzen ausgestattet sind,  aus dem Organismus heraus lösen, und wir können sodann auf einer erwachsenen Ebene mit Umsicht und Klarheit die notwendigen Schritte unternehmen.

Achtung Befund!!

Eigentlich empfinde ich mich als einen gesunden Menschen. Das mag erstaunlich klingen, erhielt ich doch bereits zwei Mal die Diagnose Krebs.

Doch auch damals empfand ich mich nicht als körperlich krank. Ja – in vielen Jahren meines Lebens und insbesondere in den Monaten vor der Diagnose war meine Seele gekränkt, weil sie sich – wie ich jetzt weiß – nicht in einer Form ausdrücken konnte, wie es für ihre Entwicklung notwendig gewesen wäre.

Nein, den Krebs habe ich eigentlich nie als die eigentliche Krankheit empfunden, allen gesellschaftlichen Meinungen zum Trotz, die den Krebs als den“ König aller Krankheiten“ (so der gleichnamige Titel eines legendären Werks zum Thema) sehen.

Der Krebs war für mich nicht die Krankheit, sondern bereits deren Heilungsversuch.

Schon nach dem ersten Diagnoseschock erwachten meine Seelenkräfte, und ich empfand mich mit meinem Wesenskern derart verbunden, wie selten zuvor.

Interessanterweise ließ ich mich damals nicht von der dramatischen Diagnose blenden, im Gegenteil, sie erhellte mein Bewusstseins-Licht.

Nun machte ich kürzlich eine für mich beeindruckende Erfahrung: Im Zuge eines Kuraufenthalts wurde auch eine Blutuntersuchung durchgeführt. Im Gegensatz zu vielen meiner KurkollegInnen hatte ich nichts zu befürchten, ernähre ich mich doch gesund und betreibe regelmäßig Sport, Yoga und Meditation.

Zu meinem großen Erstaunen beziehungsweise, ich möchte fast sagen, zu meinem Entsetzen befand sich mein Cholesterinwert (nein nicht nur das Gesamtcholesterin sondern auch das Verhältnis von „gutem“ und „bösem“ (sic!!) ganz und gar nicht im Normbereich.

Das konnte ich sogleich bei der Befundbesprechung an den deutlich markierten Zahlen erkennen. Die gestrenge Ärztin, sagte, wir hätten da ein Problem, ich müsse fortan meine Ernährung umstellen – wohlgemerkt, ohne mich überhaupt zuvor zu fragen, wie ich mich denn ernähre. Auf meinen Einwurf, dass ich mich zu einem überwiegenden Teil vegan ernähre, meinte sie, ich esse sicher viel Süßes oder die schlechten Kohlenhydrate. Glücklicherweise war mein Mann dabei, der bestätigte, dass dem nicht so ist. Okay, dann habe ich wahrscheinlich Stress, meinte sie dann und der muss raus aus meinem Leben.

Ich startete einen weiteren Versuch auf meine persönliche Wirklichkeit hinzuweisen, indem ich erklärte, dass es sich dabei nicht so sehr um einen äußeren Stress handle, sondern um einen chronischen inneren, wie man sagt oxidativen Stress,  infolge früher traumatischer Belastungen, wodurch mein Organismus trotz vieler Therapien – in einer gelinderten Form zwar –  aber dennoch immer noch in einem Zustand erhöhter Wachheit und einer defensiven Bereitschaft ist. (Die Polyvagaltheorie von Porges gibt dazu ein für mich sehr schlüssiges Erklärungsmodell).

Okay, meinte sie, wenn ich Stress habe, dann muss ich den mithilfe von Sport abbauen. Die 3-5 Mal pro Woche 30-45 Minuten reichen da lang nicht aus, 50-60 Minuten sollten es jeweils mindestens sein, zuzüglich 2-3 mal pro Woche ein Krafttraining, aber ein wirklich forderndes.

Sofort wurde ich zum artigen Kind, das sich sehr bereitwillig zeigte. Mit ihrem Rat, bei all dem soll ich in erster Linie mein Leben genießen, aber das nächste Mal wolle sie hier eine deutlich niedrigere Zahl sehen, verließ ich den Behandlungsraum.

Es ist mir – wie man sieht – ein Bedürfnis, den Prozess derart detailliert zu schildern. Für mich selbst, aber auch, weil ich zeigen will, wie ich (man/frau) in einen Zustand der organismischen Defensivität und Wehrlosigkeit kommen kann, wo durch die Lücken, die eine derartige Befund-/Urteilsverkündung in die Selbstgrenzen schlägt, nachhaltig ein starker Ein-Druck entsteht.

„Ich habe einen erhöhten Cholesterinspiegel. Ich muss sofort etwas tun, um das zu ändern, den Anweisungen folgen, denn sonst….“

Noch schlimmer ist es natürlich, wenn Menschen eine Krebsdiagnose erhalten, wird diese doch allgemein mit einem nahe bevorstehenden Tod verbunden – etwas, was keine Bestätigung in der statistischen Realität erfährt. Oftmals ist ein drohender Zeigefinger dabei und ein Drängen auf die schnellstmögliche, natürlich schulmedizinische Behandlung.

Dann starren wir auf den Befund, auf diese Zahl, auf dieses Wort gleichsam wie auf ein Todesurteil, ganz und gar von Sinnen.

Und auch wenn mein Mann – selbst Arzt – versuchte mich zu beruhigen – „Das ist nur eine Zahl, eine Momentaufnahme“, und auch wenn ich selbst um die relativierende Bedeutung dieses Cholesterinwertes weiß, sind die Grenzwerte doch schon einige Male gesenkt worden, was meiner Ansicht nach auf den Einfluss der Pharmaindustrie zurückzuführen ist, so brauchte ich sicher 2-3 Stunden um mich aus dem Bann zu lösen.

Und endlich wieder meinem Organismus Gehör zu schenken:

Der sagt mir, dass er keinen weitere Stressfütterung braucht – kein Tatortkrimi am Sonntag, weil das eine im wahrsten Sinne fürchterliche Erregung in meinem System erweckt, keine Politsendungen, wo ich mehr oder weniger hilflos dem, was da an bedrohlichen Entwicklungen im Raum steht, ausgesetzt bin.

Auch will ich wach sein, wie lange ich mich in (ängstlichen, wütenden, sorgenvollen…) Gedanken/- Gefühlsspiralen aufhalte.

Aber auch:

Keine (weiteren) Daumenschrauben mehr, was körperliche Betätigung oder andere von außen verordnete Gesundheitsmaßnahmen betrifft, weil ich schon bei der Vorstellung bemerken kann, wie die Kontraktion meinen Körper ergreift, und es sich fast wie eine Zellquetschung anfühlt, wenn ich nur daran denke.

Vielmehr geht es um eine Lockerung des Disziplin-Korsetts, um ein neuerliches Bereinigen von Belastendem, Einengendem und um die Schaffung weiterer  Ausdehnungs- und Freiräumen, wo meine Seele das Leben begrüßt.

Und FREUDE!!

Aufsuchen, wo diese Freude berührt wird –  im Hören von wunderbarer Musik zum Beispiel oder im –  noch besser – selbst Musikspielen oder Singen. Singen besänftigt nämlich, nach der oben genannten Polyvagaltheorie, wesentlich die physiologische Stressaktivität, insbesondere wenn es gemeinsam geschieht.

Stricken, Sticken, einfach spazieren gehen, kochen, schreiben, tanzen, Katzen streicheln…..

Zu dieser Klarheit und neuerlichen Ausrichtung war diese Erfahrung gut, und ich bin dankbar dafür.

Mal sehen, wann, und ob ich wieder eine Blutuntersuchung machen lasse, denn wie ein Arzt einmal in einem Radiointerview sagte: „Es gibt keine gesunden Menschen, nur schlecht untersuchte“.

Sterben dürfen – Leben wollen

„Leben dürfen – Leben wollen“

habe ich einmal einen Titel einer Lesung genannt.

Ich habe darin anhand meiner eigenen Biographie aufgezeigt, wie das frühe nicht Leben Dürfen ein Leben Wollen behindert.

Leben Dürfen heißt für mich, von liebevollen, achtsamen, feinfühligen Menschen im Leben willkommen geheißen zu werden, begrüßt zu werden in dem, wer ich bin, ruhig oder quicklebendig, neugierig und ausdrucksstark oder scheu und zurückhaltend.

Leben Dürfen heißt, dass ich mich ausdehnen darf ins Leben hinein, ohne darin behindert zu werden.

Leben zu dürfen heißt, dass ich meiner Berufung folgen kann und darin ermutigt werde, das zu leben, wozu ich angelegt bin zu sein, meiner Lebensmelodie zu folgen, wie das Le Shan in seinem sehr lesenswerten Buch „Diagnose Krebs Wendepunkt und Neubeginn“ (siehe dazu: https://krebscoaching.org/buchempfehlungen/bucher/ so wunderbar beschreibt.

Leider sind die Bedingungen jedoch allzu oft  gänzlich andere. Viele Menschen leiden lebenslänglich unter den Folgen von teilweise in der frühen Kindheit stattfindenden Traumatisierungen – zu diesen Folgen zählen ständiger Schmerz,  Übererregung, die Angst vor allem und jedem, die Schlaflosigkeit, die Unfähigkeit, Gefühle zu erleben….

Oftmals empfinden sie eine grenzenlose stumme Verzweiflung, sehen keinen Ausweg,  fühlen keine Berechtigung, dieses Leben zu einem ihnen gemäßen zu verändern.

Dann wollen sie weg von diesem derart bedrohlichen Ort. Und wenn man ihnen Gehör schenkt, dann „gestehen“ sie ihre Todessehnsucht.

So war das auch bei mir.

Dann die Diagnose: sie war ein Ausweg, eine Möglichkeit, sie gab Erlaubnis und Berechtigung. Endlich durfte ich mich um mich selbst kümmern, Termine absagen, Verpflichtungen – undenkbar zuvor – durften gelöst werden. Ich durfte mich pflegen und be-handeln lassen.

Kurz spürte ich das Leben in seiner Essenz, die Stille draußen im Wald, das bei mir Sein. Und Ausdehnung fand statt.

Geblieben ist das grundsätzliche Unwohlsein im Leiblichen. Nein, da will ich nicht bleiben, in diesem Körper, der schmerzvoll, eng und rasend ist.

„Du musst kämpfen, Du darfst jetzt nicht aufgeben, Du musst hoffnungsvoll und zuversichtlich bleiben“ wird krebskranken Menschen oft gesagt. Niemand fragt danach, ob der Mensch überhaupt leben will.

Auf einer oberflächlichen Ebene wird diese Frage zumeist auch bejaht. Jedoch gibt es  – das ist meine Erfahrung –  sehr oft in der Tiefe ein Nein zu diesem meinem Leben.

Dies gilt es, wie mein verehrter Carl Rogers sagt, un-bedingt wert zu schätzen. Zu allererst nur einmal das – ja, da gibt es ein Nein zu dieser leiblichen Existenz, ein Sterben Wollen, ein zurücklassen Wollen dieses ungemütlichen Körper-Wohnortes.

Behutsam gilt es zu erkunden, wo sich die Unerträglichkeit befindet. Was es auszuhalten gilt, was eigentlich unaushaltbar ist, wo die Verzweiflung über das eigene Leben wohnt. Dies kann eine schwierige Partnerschaft sein, wo eine Trennung unmöglich scheint, oder ein Job, der unbefriedigend oder überfordernd ist, wo ich jedoch Angst vor existentieller Not habe, oder es ist dieses oben angesprochene Unwohlsein im Körper, das das Leben schmerzvoll macht.

Auch hier  – einfach wahrnehmen, benennen, ohne gleich eine Veränderung  planen zu müssen –  weil das neuerlich Angst macht und verengt.

Sodann können wir nach der Sehnsucht fragen – was verheißt der Ort im Jenseits – Ruhe, Stille, Freisein von Schmerz, Aufruhr und Konflikt?

Oft ist die Sehnsucht nach dem Tod nämlich eine Sehnsucht nach dem (ungelebten) Leben – eine Sehnsucht nach Stille, dem unbelastet Sein, dem einfachen Sein, losgelöst von allem Zwang und Fremdbestimmtheit. Letztlich eine Sehnsucht nach mir selbst.

Und dann können wir vielleicht gemeinsam schauen, was in diesem Sinne zu verändern ist – nichts Großes, neuerlich Überforderndes.

Unmittelbar jetzt – wie mag ich mich setzen, vielleicht hinlegen, vielleicht eine Decke zum Schutz über mich nehmen, mich wärmen, gehalten werden, Ruhen….

Wenn ich dann meinen Körper als einen wohligen Ort empfinde kann, und das Jetzt und Hier eine ewige Dimension gewinnt,  kann erneut Ausdehnung ins Lebendige stattfinden, es wird still und ruhig.

Und das Leben wird zu einem guten Wohnort, wo ich bleiben möchte.

Dann kann es sich wenden das Sterben Wollen zu einem Leben Dürfen und Wollen.

P.S. Zwei Empfehlungen, die sich auf die beiden Pole des Lebensanfangs und Lebensendes beziehen: Die Arbeit von Thomas Harms, welche im Film „Cry Baby Cry“ https://www.youtube.com/watch?v=V1G531Cn9Ek   dokumentiert wird, und wo spürbar gezeigt wird, wie wichtig es ist, dass Traumatisierungen, die sich in der Schwangerschaft und rund um die Geburt ereignet haben, behandelt werden. In seinem Buch „Körperpsychotherapie mit Säuglingen und Eltern“ werden dazu in umfassender Weise  therapeutische Wege aufgezeigt. Nichts ist Wichtiger als ein guter Lebensbeginn, davon bin ich überzeugt.

Und eine neue Webseite von meiner Freundin Manuela Pusker https://manuelapusker.com/, die einen furchtlosen Blick auf das Sterben richtet und Unterstützendes für diese, wie sie sagt, sensibelste Lebensphase zur Verfügung stellt.

Trotzdem und sowieso heil…..

Irgendwann werden sie länger die Antwortzeiten auf eine Nachricht, irgendwann bleiben sie ganz aus.

Irgendwann beginnt das Sterben, der Rückzug aus unserem Kontakt, und möge er noch so innig gewesen sein, bei den letzten Schritten bin ich oftmals nicht mehr dabei.

Und dann kommt die Nachricht „Ich möchte Ihnen mitteilen, dass meine Frau vergangenen Montag gestorben ist..“

Und jedes Mal ist es wieder ein Schock – die Tat-Sache, dass sie mir nicht mehr gegenüber sitzen wird, mit der ihr eignen Anmut, die Beine übereinander geschlagen, die schönen Hände das von ihr Gesagte unterstreichend.

Dankbar bin ich, dass ich diesen intensiven Weg begleiten durfte.

Dankbar bin ich über das Vertrauen.

Dankbar bin ich, dass wir miteinander in die höchsten geistigen Sphären vordringen konnten.

Dankbar bin ich, dass Du dann in unserer letzen Stunde von der Seligkeit sprachst, die Du manchmal erlebst, einfach liegen, keine Übungen mehr, einfach liegen,

Sein.

Da hab ich das Einverstanden-Sein wahrgenommen, dass Einverstanden-Sein, dass das irdische Leben zu Ende geht. Und dass das in Ordnung ist, weil es ein tiefes Wissen gibt, dass das Leben nicht aufhört, auch wenn wir diesen Körper ablegen.

Dankbar bin ich, dass Du Dich in Deiner Wesenhaftigkeit, in diesem kristallklaren, strahlenden Sein wahrnehmen konntest.

„Trotzdem und sowieso heil“, hab ich einmal nach einer unserer letzten Stunden über das Protokoll geschrieben.

Trotzdem und sowieso heil – das warst Du, das bist Du und das wirst Du immer sein.

DANKE, dass ich dabei Zeugin sein durfte.

https://www.youtube.com/watch?v=zAaJzTWX_Io

 

Von der Seele begrüßt….

Der von einer Krebsdiagnose betroffene Mensch steht vor einer Vielfalt an lebenswichtigen Entscheidungen – Operation, Chemotherapie, Bestrahlung…., oder aber ein alternativmedizinischer Weg.

Es stehen Entscheidungen über die Arztwahl, das Krankenhaus, die Wahl des richtigen Zeitpunkts an. Leider wird bisweilen bereits bei Diagnosestellung ein großer Druck ausgeübt („Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit“).  Das birgt die Gefahr, dass der Mensch (neuerlich) fremdbestimmt und überfordert wird.

Auch weiß man aus traumatherapeutischen Untersuchungen, dass im Schockzustand unsere kortikalen Aktivitäten herabgesetzt sind. Damit ist die Fähigkeit zu einer differenzierten, alles berücksichtigenden Urteilsfähigkeit eingeschränkt, vielmehr dominieren Überlebensmechanismen.

Eine so getroffene Entscheidung ist aus der Angst geboren, und wie Cecily Corti einmal bei einem wunderbaren Vortrag meinte, „wenn die Angst den Geist besetzt, schwächt dies“.

Auf der anderen Seite – das ist meine Erfahrung –  scheint es, dass sich durch die Erschütterung, durch diesen Einbruch in unser als sicher geglaubtes Fundament so etwas wie ein Himmelsfenster auftut, durch das Bewusstseinslicht hindurch scheint, und ich zu einer tieferen oder höheren Ebene meines Seins (Selbst) Zugang bekomme. Und hier ist alles nötige Wissen vorhanden. Ich habe dies einmal in einem Vortrag „die wissende Lücke“  genannt.

Dieses Wissen ist ein aus dem Körper Kommendes, es ist ein Spür-Wissen.  Man kann es auch Körperintelligenz, zelluläres Wissen, organismische Weisheit oder Intuition nennen.

Es ist ein Wissen, das über das, was ich weiß, hinausreicht. Es ist neu,  bisweilen sehr überraschend und ganz gewiss. Es schließt die vergangenen Erfahrungen ebenso ein, wie auch die weiterführenden Schritte.

Damit sich dieses Wissen entfalten kann, braucht es zuallererst Zeit-Räume – „Frei-Raum“ wird das im Focusing genannt. Ein Verweilen mit dem, was jetzt ist. Und das ist ja auch ganz natürlich. Wenn wir uns verirren, wenn unsere Landkarte des Lebens nicht mehr gilt, wie das bei einer Krebsdiagnose der Fall ist, halten wir zunächst an, wir halten inne, wir folgen sodann unserer Intuition.

Es gilt also, den Menschen einzuladen innezuhalten, mit sich in Fühlung zu kommen, sich in seiner inneren Antwort auf die Komplexität der Situation wahrzunehmen. Diese Antwort wird sich vielleicht nicht sofort einstellen, aber es gilt diese Lücke des vermeintlichen Unwissens offen zu halten.

„Wenn man eine ganz komplizierte Situation hat, die noch nie jemand ganz genau so gehabt hat, und daher das, was in der Blaupause vorgesehen ist, nicht mehr passt – es geht nicht mehr, so wie gewohnt weiterzuleben, und das, was geht, weiß man noch nicht; der Atem ist angehalten und dann impliziert der Körper einen nächsten Schritt. Der ist so wie Ausatmen. Und doch ist er ganz neu“, sagt mein verehrter Eugene Gendlin.

Wenn wir also unseren Körper, unser Inneres befragen, ist die Therapiewahl von der Seele begrüßt, wie ich einmal einen Vortrag nannte. Sie ist entschieden nicht allein aufgrund von Fakten, Prozentzahlen, Heilungsquoten, Vernunftgründen, sondern dies alles einschließend. Die alles einschließende Entscheidungs-Kraft ist genau in der Mitte von allem, un-bedingt, alle Bedingungen berücksichtigend, jedoch nicht in der Vereinzelung sondern in ihrer Ganzheit, vor sich hingelegt, betrachtet, wieder weiter weggestellt, sodann im rechten Abstand, sodass nicht eins vor dem anderen hervor sticht und den Seelenblick verstellt.

Und dann – wenn ich mich nicht einmische, dann offenbart sich ein tieferes, vielleicht höheres Wissen, das da sagt, „auch wenn ich es vielleicht nicht begründen kann rational, so weiß ich, so weiß etwas in mir, dass es richtig ist.“ Ja genau, das mach´ ich und dann spüre ich  diesen „felt shift“, wie Gendlin, der Focusing Begründer diesen organismischen Ruck nennt, wenn etwas als wahr erkannt wird. Ja genau, Bestrahlung jetzt, dort an diesem Platz. Und dann ebnen sich Wege, Termine stehen bereit, ohne Kampf, einfach so…

Und die Therapie jetzt von mir mit meinem organismischen Ja unterstützt entfaltet ihre heilsame Wirkung.

Jeder das Ihre….

Viele Menschen, welche mit einer Krebsdiagnose konfrontiert sind, oder auch wenn sie ihre Gesundheit fördern wollen, beginnen mit einer Praxis, wie Tai Chi, Chi Gong oder Yoga…..

Oftmals ist es das beruhigende, harmonisierende Element, als Ausgleich zu innerem Stress, das für sie vielversprechend ist.

Vertrauensvoll begeben sie sich in einen der vielzählig angebotenen Kurse und befolgen die Übungen.

Und viele erfahren dabei eine heilsame, beruhigende Wirkung.

Andere jedoch fühlen sich nicht wohl und hören alsbald auf, und empfinden das vielleicht als ein weiteres Scheitern.

Ich glaube, dass es sehr wesentlich ist, dass wir unserem Organismus Gehör schenken, und auch die erprobteste Methode mag für mich im Unterschied zu meiner Nachbarin ungeeignet sein, und das Gegenteil von dem bewirken, was durch sie intendiert ist.

Dies hängt u.a. davon ab, welches eigene innere Tempo ich habe, ob ich eher handlungsorientiert bin oder die Ruhe, das Kontemplative bevorzuge, ob ich mich gerne kräftig ausdrücke oder mich im Stillsein wohlfühle.

Aus der Traumaforschung weiß man beispielsweise, dass sich bei schwer traumatisierten Menschen das vegetatives Nervensystem im Zuge fortgesetzter Traumatisierung grundlegend verändert hat – viele leiden unter dauernder Übererregung, einer Rastlosigkeit. Da kann ein stillsein müssen, wie beispielsweise in Meditationen, eine Qual sein.

Auch ist deren  Umgang mit Macht und Eigen-Verantwortung von den Gewalterfahrungen geprägt. Sie befolgen „brav“ die vorgegebenen Übungen, können dabei jedoch schwer mit ihrem Körper in Fühlung bleiben.

Diese Eigenheiten benötigen  einen ganz besonderen Zugang, der die eigene Fühligkeit gegenüber sich selbst fördert und nicht das genaue Erfüllen von Vorgaben.

Es ist ein Erlaubnis gebender, einladender Zugang, den das sogenannte Traumasensible Yoga (siehe dazu das großartige Buch von Emerson, Hopper und van der Kolk: Trauma-Yoga: Heilung durch sorgsame Körperarbeit) auszeichnet. So wird darauf geachtet, dass die Wortwahl die eigene Entscheidungsfähigkeit betont, ebenso wie die Freiwilligkeit, wann man eine Yogaeinheit beenden will, beziehungsweise ob man dazwischen eine Pause machen möchte.

Auch sieht man – da es sich bei Traumatisierungen oftmals um körperliche Übergriffigkeit handelt, von der korrigierenden Berührung ab. (Anmerkung: Ich glaube im Übrigen, dass eine wirklich gute Yoga-Lehrerin genau so unterrichtet)

Der folgende kurze Text ist in der Sommerakademie in Zakynthos entstanden. Er ist aufgrund der freilassenden, kreativitätsfördernden Atmosphäre dort etwas launig ausgefallen.

Der Tai Chi Lehrer war wunderbar, und meine Erfahrungen mögen nicht als Kritik an ihm aufgefasst werden.

Tai Chi – eine Erfahrung: „….und nun langsam die Hände zum Bauch, alles sehr langsam. Darum geht es …“, sagt der Kursleiter, und das wird sogleich von einer erfahrenen Kurärztin bestätigt. „Wir sind alle zu schnell, das macht die schnelllebige Zeit, diese Hast und die Aufwärtsbewegung der Energie macht den inneren Aufruhr.“

Das stimmt ja auch – eine Schnelle bin ich, eine Rastlose, kurz und bündig, so habe ich es gerne.

Aber hier soll ich langsam sein, ganz langsam das Gewicht vom hinteren zum vorderen Bein verlagern, dann wieder nach hinten und sinken.

Das Sinken ist das Schlimmste, in mich hinein sinken, in den Boden hinein, um sich zu erden, möchte mich jedoch kräftig bewegen, etwas tun.

Schon steigt die Aufwärtsbewegung, das Wegwollen, aber nein, auf das Ankommen in mir, am Boden, kommt es an, höre ich.

Schon wird mir schlecht, zu viel Stau in meiner Mitte, spüre einen Anspruchsdruck in mir – es richtig zu machen –  und andererseits ein  organismisches Aufbegehren, ein mir gemäßes handeln wollen.

Auch dauert mir das Ganze zu lang, eine Stunde reicht allemal, ist überschaubar.

Überhaupt ist es so, dass wenn ich mich an eine  von außen verordnete (lange) Zeit ausgeliefert fühle, bald einmal das Schulsyndrom einsetzt, „wann ist es endlich vorbei“. Dann geht es (nur mehr) ums Aushalten und Absolvieren.

Mir das Recht zu nehmen, zu gehen, wann es mir im wahrsten Sinne des Wortes reicht, auch wenn, was ich, so wie ich gestrickt bin, eigentlich gar nicht verstehen kann, die anderen immer noch, und wie es scheint, wirklich konzentriert dran bleiben – das wäre gut.  

Selbst-verantwortlich  für mich  sorgen, anerkennen, wer und wie ich bin, welche Art der Bewegung mich wahrhaft besänftigt, was mir entspricht, was für mich stimmt – das ist gut.

In diesem Sinne lobe ich mir die ayurvedische Dosha Lehre und will anerkennen, dass aus einem quirlig/strebenden Vata/Pitta Typus niemals ein gemächlicher Kapha Mensch wird.