Die Disziplin der Lust

Sport, regelmäßige Bewegung, Meditation, gesundes Essen, Chi Gong oder Yoga – all das regelmäßig und konsequent durchgeführt gilt als gesund und im Fall einer Krebserkrankung als unerlässlicher Teil einer Rezidivprävention.

Viele von einer Krebsdiagnose betroffene Menschen übernehmen die Verantwortung für ihre Gesundung und tragen in diesem Sinne ihren Beitrag bei.

Konsequent erfüllen sie ihr Heilprogramm, auch wenn sich bereits ein leichter oder schwererer Widerwillen breit macht.

Zu groß ist die Angst, aus der Disziplin heraus zu fallen und sich damit aufzugeben.

Diese Disziplin ist an sich etwas Gutes – wir übernehmen Verantwortung für unser Leben und unsere Gesundheit, und wir bleiben auch dran, wenn es uns heute nicht genehm ist.

Ich konnte jedoch an mir selbst und an einigen KlientInnen erkennen, dass sich diese Disziplin auch gegen uns wenden kann.

Eine so verstandene  Disziplin, die starr befolgt wird und ohne Spielräume ist, verengt und dimmt das Lebenslicht. Es wird zur ungeliebten Hausübung und die Verbindung zur gefühlten Sinnhaftigkeit geht verloren.

Da braucht es einen Feinschliff, eine Anpassung an die Wirklichkeit, wie sie jetzt ist.

Es braucht ein anderes Verständnis von Disziplin –  nicht eine, die etwas durchzieht gegen alle innere Rebellion und Nein´s,.

Es braucht eine Disziplin, die meinem Körper, mir folgt, die mir konsequent treu bleibt in den stets sich verändernden Bedingungen. Al Baumann nannte dies die Disziplin der Lust –  eine Disziplin, die die Pulsation, die Ausdehnung, die Lebendigkeit fördert.

In einer meiner Beratungsstunden mit einer Frau, die von einer Krebsdiagnose betroffen war, zeigte sich eine derartige Erschlaffung der Freude und Begeisterung in ihrer täglichen Heilpraxis. Dennoch wurden die Energie- Übungen weiter  in voller Länge durchgeführt.

Ich lud sie ein, mit ihrem organismischen Spürsinn jede einzelne Einheit in ihrem Programm hinsichtlich der Stimmigkeit abzutasten.

Stimmt es jetzt grundsätzlich noch, die Energieübungen zu praktizieren?  Wie steht es mit den Visualisierungen?  Sind die überhaupt noch gebraucht, sollten sie adaptiert werden, weniger Simonton´sche Ritter, die noch vor ein paar Wochen so dienlich waren und vielleicht anstelle dessen mehr Vorstellungen über ein Aufkeimen von Gesundheit und heilstrahlender Zellen?

Das ist eine subtile Arbeit, und wie immer in meinem Ansatz ist dies keine intellektuelle Betrachtung. Nein, es ist das Instrument der organismischen Resonanz, welches uns spüren lässt, was jetzt dran und damit lebensfördernd ist.

Und oft ist es nicht ein „ganz-oder-gar-nicht“, wo wir das Kind mit dem Bade ausschütten, indem wir ganz mit einer für uns grundsätzlich guten und förderlichen Praxis aufhören.

Im oben beschriebenen Fall meiner Klientin teilte ihr ihr Organismus mit, dass es darum ging, die „Daumenschrauben“ zu lockern, nein nicht ganz mit den Energie- Übungen aufzuhören, aber auch nicht 1 1/2 Stunden täglich üben zu müssen, sondern z. B. eine Minimalzeit der täglichen Praxis festzulegen, eine Zeitspanne, wo sie sich freudig dran machen kann, zu üben, oder aber ohne vorgegebene Zeit ins Üben zu gehen, und dem Körper Gehör zu schenken, wann es Zeit ist, für heute zu enden.

Diese Feinabstimmung ermöglichte ihr, weiter dran zu bleiben, im Gefühl, dass sie einen Beitrag zum Gesundwerden leistet, jedoch ohne Anstrengung und Belastung.

Ich bin überzeugt, dass für ein Heilwerden nicht so sehr  ausschlaggebend ist, was wir tun, sondern die innere Einstellung, letztlich die Freude, die Begeisterung, die gefühlte Sinnhaftigkeit bei dem, was wir tun.

Wenn wir damit in Fühlung sind, können wir erkennen, dass sich stets alles verändert und dass das, was wir vor Wochen noch ganz begeistert machten, an Engagement und Kraft verliert.

Warum? Weil es nicht mehr in der Art notwendig ist. Das weiß unser Körper nämlich, weil alle Informationen in ihm gespeichert sind.

Und wenn wir diesem steten Wandel im Sinne einer Feinabstimmung unseres Tuns Rechnung tragen, kommt Freude auf.

Wie schön!

Ich darf mein Yoga machen, es fühlt sich gut an.

Was für ein Geschenk!

Über das Wohlgefühl im Körper als Daseins-Basis

Das ist das Allerwichtigste :

Sich im eigenen Körper wohl zu fühlen.

Das getraue ich mich jetzt einfach so apodiktisch zu sagen.

Damit dieses Wohlgefühl sich ausbreiten kann, braucht es eine Genauigkeit mit sich selbst, eine Wahrnehmungsgenauigkeit. Dass ich also überhaupt wahrnehme, wie es mir so geht mit allem, was ich zu mir nehme und tue.

Erst dann kann  ich spüren, dass der Kaffee, wie heute Morgen auf nüchternen Magen getrunken, mich kränkt.

Dass er genau genommen, meinen sanft sich in den Tag ausdehnenden Körper in Aufruhr bringt – deshalb trinken wir ihn ja auch, – um wach zu werden, um den Tag angehen zu können.

Wenn wir uns jedoch Zeit nehmen, wie ich jetzt im Urlaub, kann ich spüren, dass dieser Aufruhr gar nicht angenehm ist, dass mir der Kaffee den Magen beleidigt, dass ich und mein ganzer Organismus damit beschäftigt ist, mit dieser Missempfindung fertig zu werden.

Und damit die Offenheit für das, was jetzt zu erfahren, zu erleben ist, beeinträchtigt.

Ja so ist es mit Vielem, was wir glauben, dass gut ist.

Das Wohlgefühl in unserem Körper ist zentral, habe ich eingangs gesagt.

Es ist zentral für mein Hierbleiben-Wollen auf der Erde, in der irdischen Realität.

Ich habe über Jahre und Jahrzehnte erfahren, wie sehr ein dauerndes Unwohlsein in meinem Bauch meinen Lebenswunsch dimmt. Leider geht es vielen Menschen, welche an einer (frühen) Traumafolgestörung zu leiden haben ähnlich.

Entweder sie nehmen ihren Körper überhaupt oder nur peripher wahr, muten ihm daher schier Unerträgliches zu, oder aber sie leiden unter  Schmerz und Unbehagen.

Kelly Turner nennt in ihrem hervorragenden Buch „9 Wege in ein krebsfreies Leben“ (https://krebscoaching.org/buchempfehlungen/bucher/) als einen wesentlichen Faktor fürs Überleben das Vorhandensein von starken Gründen für das Leben.

In den Interviews, die sie mit Menschen führte, welche eine unerwartete Genesung erfahren haben, nannten diese als starke Gründe zum Beispiel, dass sie das Großwerden ihrer Kinder, die Fertigstellung eines Projekts, das Großmutter Werden, oder aber auch endlich seine Berufung zu finden, erleben möchten.

Ich meine, dass einer der wesentlichsten Gründe, hier in dieser irdischen leiblichen Existenz zu bleiben, ist, dass mein Körper ein behagliches Zuhause ist, der mich mit Wohlbefinden speist, und der mir dient für das Erleben einer begrüßenswerten irdischen Realität.

Ja – da möchte ich bleiben, möchte nicht abhauen in einen Körper-  und damit schmerzfreien Zustand, wie es die überirdische, nachtodliche Realität verspricht.

Hier möchte ich bleiben, das Leben genießen, mich mit dem Leben verbinden.

Jede Faser, jede Zelle sich öffnend der irdischen Existenz.

Über das Recht auf´s Allein-Sein

Dieser Beitrag richtet sich in erster Linie an Menschen, die in einer Beziehung oder in einem Familienzusammenhang leben. Es ist mir bewusst, dass es viele Menschen gibt, die sich nach Gemeinsamkeit und einem Aufgehoben sein in einer Familie sehnen und deren Allein-Sein nicht freiwillig ist, und welche vielmehr an einem Zuviel davon leiden.

Alleinsein gehört zu meinen Hauptnahrungsmitteln – Tür zu, niemand im Haus, nur ich und die Stille.

Ausatmen. Sein.

Es war eines der größten Geschenke, welche mir die Krebsdiagnose gab – die Möglichkeit, oft allein zu sein, ungestört. Dankenswerterweise konnte ich es mir leisten, mir sowohl nach der ersten als auch nach der zweiten Operation einige Monate ohne Berufstätigkeit zu gönnen. Das war eine richtige Frei-Zeit – ohne Projekte, ohne Aufgaben und mit viel freier Zeit, alleine.

Wie ich es schon in meinem Blogbeitrag „Das Recht auf´s Nein“ https://krebscoaching.org/2017/04/  beschrieb, fällt es manchen Menschen schwer, Nein zu den Bedürfnissen der anderen zu sagen. Sie sind ausgerichtet auf deren Erfüllung, können schwer in ihrem eigenen energetischen Raum bleiben und erschöpfen sich damit zunehmend.

Für solche Menschen ist es wichtig, sich immer wieder aus den Kontakten zurückzuziehen, für sich zu sein, in einem sicheren ungestörten Raum. Gerade bei Menschen, welche eine schwere Traumatisierung mit Übergriff, Missbrauch und Gewalt erlebt haben, reicht nicht mal die geschlossene Tür zum eigenen Zimmer, um  Sicherheit zu empfinden, und damit die Möglichkeit, sich wirklich auszudehnen. Sie brauchen es, dass niemand in der ganzen Wohnung ist, um ausatmen zu können.

Das mag für Menschen, welche diese Erfahrung nicht gemacht haben, sehr befremdlich klingen, aber es gilt dies zu würdigen. Da nützt es nichts, mit Forderungen an sie oder sich selbst heran zutreten, dass man doch bei sich bleiben können muss, auch wenn man im Kontakt mit anderen ist.

Es gilt wahrzunehmen, wie ich angelegt bin, mit einer Durchlässigkeit meiner energetischen Grenzen, wo vieles von außen einfließt. So ist es einfach.

Und dann gibt es noch die gesellschaftlichen Vorgaben, dass es um eine Beziehung bereits schlecht bestellt ist, wenn man sich zurückziehen, für sich sein will, einen Tag oder vielleicht sogar einen Urlaub ohne den/die PartnerIn verbringen will. Da muss schon was im Argen sein, wenn man nicht Tag und Nacht mit dem Partner/der Partnerin sein will. Auch das getrennt Schlafen gilt als Anfang vom Ende.

So halten wir vieles aus. Und das tut uns und auch unserer Beziehung nicht gut. Wir werden grantig, fokussieren zunehmend auf die Fehler und Eigenartigkeiten des anderen und schaffen damit eine Distanz  – eine Distanz jedoch, die sich – weil konflikthaft –  nicht gut anfühlt.

Ich glaube, dass sich viele Menschen von ihrem Partner trennen, weil sie über Jahre einem derartigen vorgegebenen Konzept von Beziehung gehorchten, wo es dazu gehört, das man/frau so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen wollen muss, dass das Paar selbstverständlich jede Nacht das Bett teilen und auch noch nach jahrzehntelanger Beiziehung leidenschaftlichen Sex miteinander haben soll.

Sie halten aus, bis dieses Aushalten nicht mehr geht, sie sich trennen müssen oder eine Krankheit „einspringt“, und mir einen Frei – Raum gewährt. Jetzt  darf ich mich um mich kümmern, zum Beispiel im Zuge einer Kur mehrere Wochen nur auf mich schauen ohne Orientierung auf den anderen. Das ist erholsam.

An der Basis dieses Gebots, dieses Tabus ist wie bei so vielen Lebensrichtlinien ein Mangel an Vertrauen in die rhythmische Natur unseres Organismus.

Dieser Rhythmus pendelt zwischen Öffnung, nahe kommen wollen und Intimität und einem Rückzug, einer Distanz, einem zu mir kommen und einer Innigkeit mit mir selbst.

Im Alleinsein zentriere ich mich, schwinge mich in mich selbst ein, komme in Berührung mit meinem Wesen und meiner schöpferischen Kraft. Und ich kann auch erleben, dass ich mir genug bin und nicht angewiesen auf die Erfüllung von Bedürfnissen durch andere. Gleichgültig, was ich dann tue, es ist zutiefst verbunden mit mir.

In dieser Vertiefung meiner Beziehung zu mir selbst öffnet sich sodann – das ist meine Erfahrung – erneut die Liebe zu ihm,  ich kann die Sehnsucht nach Begegnung erneut spüren und im Kontakt ist wirklich er gemeint.

Jetzt verweilen solange bis……

Das Recht auf´s Nein als heilender Faktor

Jetzt hab´ ich schon wieder zu etwas zugesagt, von dem ich bereits im Zusagen spürte, dass ich es eigentlich nicht will.

Ein Freund/eine Freundin ist mit einem Wunsch, einer Einladung, einer Bitte an mich herangetreten. Ich spüre, dass es ihm/ihr ein Bedürfnis ist, dass ich ihm/ihr diese Bitte erfüllen möge. Bisweilen ist diese nicht mal explizit ausgesprochen, in unserem Verbundensein spüren wir jedoch, dass es wichtig wäre, dass ich der Bitte nachkomme. Das erzeugt einen inneren Konflikt – möchte die Freundin nicht enttäuschen, andererseits gibt es da mein organismisches Nein.

Dieses Nein bleibt zumeist ungehört und drückt sich nur in einem Unwohlsein, einem Unbehagen, einem Stress aus. Die Zeit verstreicht, der Zeitpunkt kommt näher, wo es das Versprechen einzulösen gilt. Ich stecke den Kopf  in den Sand –  das Unbehagen bleibt – ungehört, da muss ich durch, hab´s ja versprochen, es wird immer unmöglicher abzusagen, die Enge immer spürbarer, der Aufwand, mein organismisches Aufbegehren zurück zu drängen immer größer. Und das ganze Leben wird angepatzt vom Tintenklecks des ungesagten Neins.

Schade!

Viele Menschen mit einer Krebsdiagnose berichten, dass sie immer versuchten, den Bedürfnisse der anderen gerecht zu werden. Sie stellten diese über die eigenen und standen damit – bisweilen kaum merkbar – unter Stress.

Es gibt ja viele Theorien zur Krebsentstehung, viele davon wurden falsifiziert. Was ich aber sowohl in meinem persönlichen Bezug als auch in Krebsbiographien, beziehungsweise in neueren Betrachtungsweisen wiederholt bestätigt fand, ist der Aspekt der Ohnmacht dem eigenen Leben gegenüber, der Fremdbestimmtheit, der Ent-fremdung von sich, das sich oftmals im Inneren des krebskranken Menschen finden lässt.

Am Grund dieser Ent-Eignung finden sich oftmals viele, viele ungesagte Neins und die Überzeugung, nicht Nein sagen zu dürfen.

So wird das Leben fest, bisweilen ganz und gar ohne Lücken der Freiheit. Die stille Verzweiflung, welche krebskranken Menschen von Le Shan (siehe Buchempfehlungen) zu geschrieben wird, begleitet diese Menschen wie ein dunkler Schatten.

Es ist diese grenzenlose stumme Verzweiflung darüber, dass man keinen Aus-Weg sieht oder vielmehr keine Berechtigung hat, ein für sich gültiges, gemäßes Leben zu führen, ein Leben, das die Seele begrüßt.

So wird das Nein zu diesem Leben – mit einem Beruf, der mich nicht erfüllt und erschöpft, einem Partner, von dem ich mich nicht gesehen und geliebt fühle, mit den Freundschaften, welche mich nicht nähren, aber auch mit all den ungeliebten Verpflichtungen, die ich eingegangen bin, all den Konzessionen, die ich gemacht habe, all den Zusagen die ich wider besseren Spürens getroffen habe –  zu einem Nein zum Leben überhaupt.

Die Resignation ist tief und greift das biologische Fundament den Kern des Lebens an.

Das ist es, was Wilhelm Reich als Kern der Krebsbiopathie beschreibt, dieser Rückzug aus der Welt bis auf eine plasmatische Ebene.

Ja und Nein als die zwei Grundbewegungen des Lebens – Ja als öffnende , von sich ausgehende nach außen in alle Richtungen, in die Welt gewendete Bewegung, Nein kontrahierend, zusammenziehend, in den Kern hinein, wobei ein Nein, das nach außen gesprochen wird, auch ein Ja ist.

Ein nicht gesprochenes Nein führt jedoch zu einem Abziehen der Energie von der Peripherie, zu einer  Kontraktion – zu einer Lebensverneinung, fortschreitend.

Ich denke, dass dies ein wesentlicher, ganz grundlegender Prozess bei der Krebsentstehung ist.

So war es bei mir: ich wollte dieses Leben nicht mehr, ein von Leistung, Druck und Angst bestimmtes Leben, und da ich es nicht wagte, zu glauben, dass ich ein mir angemessenes Leben erschaffen kann, dass ich dazu berechtigt bin, lehnte ich das Leben an sich ab, wollte nicht mehr leben, raus aus dieser Welt, nein, dieses Leben war von meiner Seele nicht begrüßt.

Und dann die Diagnose:

Das Leben in seiner unmittelbaren Qualität ist bedroht, ich könnte sterben an meinem Krebs. Der Tod jetzt an die Seite gestellt, die Endlichkeit meiner irdischen Existenz wird bewusst.

Und plötzlich geht es nicht mehr ums Erfüllen von Erwartungen und Formen des Lebens, sondern ums Leben an sich, um mein Leben und vielleicht das allererste Mal um mich.

So wohnt der Krebsdiagnose neben dem Schock der Todesgefahr auch ein Potential inne. Das Potential aufzuwachen, das Leben als meines zu begreifen, und zu beginnen für dieses mein Leben zu sorgen.

Eine Lücke tut sich auf, durch die Lebens-Licht durchscheint. Viele krebskranke Menschen beschreiben eine Anhebung des Bewusstseins rund um die Diagnose, in dem vieles viel klarer gesehen wird. Das ist eine große Chance.

Hier in einer Situation, wo es wahrhaft ums Über-Leben geht, ist es vielleicht leichter, sich einzusetzen für die eigene Wahrheit, für das Nein oder Ja.

Es ist jedoch nicht übertrieben zu sagen, dass es immer um dieses mein Leben geht, darum, dass ich mich frage, was und wem ich in meinem Leben Raum geben will, was ich bejahe und verneine. Letztlich geht es um die Qualitäten von Ausdehnung,  Pulsation, Wohlgefühl und Freude.

Zu sehen, dass das hier mein Leben ist –  in jedem Moment.

Wenn all die ungesagten Neins unser Lebenslicht dimmen, so  schafft  ein ausgedrücktes Nein sofort Frei-Raum, es kräftigt uns, lässt uns uns aufrichten, öffnen.

Und schon entfaltet sich unser Ja zum Leben – ganz einfach und selbstverständlich.

Stress hat viele Gesichter….

Nein, nicht jetzt mit dem Radl fahren. Mir die Straßenbahn gönnen, dann zu Fuß gehen, ganz gemütlich, kein Aufwand, keinen Platz fürs Fahrrad suchen müssen, einfach aussteigen und dann gehen, nicht mir überlegen müssen, wie ich all die Sachen vom Markt und Bioladen transportieren kann, einfach eine Einkaufstasche mitnehmen und dann mit der Bim zurück, zu Fuß. Das ist beruhigend im wahrsten Sinne des Wortes.

So vieles verursacht subtilen Stress, den wir als solchen gar nicht erkennen. So gilt das Radfahren als gesund und eine sportliche Betätigung grundsätzlich als stressabbauend.

Was ist Stress?  Stress ist für mich, wenn etwas, das ich mache oder denke eine Spannung erzeugt. Diese Spannung entsteht aus einem Nein meines Organismus zu dem, was ich tue oder glaube, jetzt tun zu müssen.

Und da gibt es vieles, was nicht unbedingt notwendig wäre für mein Leben, was ich mir jedoch vorstelle, dass es notwendig ist – wie zum Beispiel klarerweise mit dem Rad zu fahren, wenn es möglich ist.

So ziehen wir unsere Fitnessprogramme durch, ungeachtet unserer aktuellen Befindlichkeiten, wir überwinden, wie man so hässlich sagt, unseren inneren Schweinehund, koste es, was es wolle.

Das alles basiert auf einem geringen Vertrauen in unseren Körper, der uns seine Bedürfnisse mitteilen würde, wenn wir ihm Gehör schenken.

Diese Bedürfnisse sind – das ist meine Erfahrung – rhythmisch angelegt. So verlangt unser Organismus bisweilen nach Ruhe, Stille, Sanftheit, manchmal jedoch nach kraftvollem Ausdruck, einem Reintreten in die Pedale usw.

Eines geht aus dem anderen hervor, wenn wir es zu – lassen.

Wenn wir unseren Körper nicht unter unsere Ideen über ein gesundes Leben unterjochen, bis er sich so kräftig meldet, dass wir gar nicht anders können, als Ruhe zu geben.

Krebs ist in meinem Verständnis oftmals ein Ergebnis eines über lange Zeit ungehörten Organismus – ein Ergebnis eines Prozesses, wo wir nicht wahrgenommen haben, was jetzt dran ist.

In körperlicher Hinsicht heißt das, dass wir unseren Bedürfnissen nach Ruhe und Entspannung oder auch umgekehrt dem Bedürfnis nach Bewegung und Ausdruck nicht Rechnung  getragen haben. Aber auch im psychosozialen Bereich gilt es, die je wechselnden Bedürfnisse nach Rückzug, Einkehr und Sammlung beziehungsweise nach einem nach außen gehen wahrzunehmen.

Wir können – in Verbindung mit unserem Körper –  immer wieder den Faden aufgreifen und uns fragen, wo dieser Lebens-Faden jetzt beginnt –  indem ich auf mich Rück-Sicht nehme, und eben heute nicht mit dem ach´ so gesunden Fahrrad fahre.

Oder aber, indem ich meine Trägheit, meine Lähmung, mein Erstarren in gewohnheitsbedingten Mustern wahrnehme und so den Faden aufgreife, weil es nämlich ohnedies gar nicht angenehm ist, in der Bewegungslosigkeit zu verbleiben und unser Körper sich bewegen will.

Und schon kommt Freude auf, und dann darf es sich auch wandeln.

Vielleicht ja doch mit dem Fahrrad fahren?

Über den Segen des achtsamen Essens

Der Tisch – ein Tischtuch am Boden mit vielen mitgebrachten Essensgaben – war reich und schön gedeckt. Und wir drum herum, eingestimmt in unsere inneren Nahrungsbedürfnisse – was ist es jetzt wirklich, was ich essen möchte – begannen wir am Tag der ganzheitlichen Gesundheit im Tzg www.tzg.at mit der Essmeditation.

Das ist eine Meditationsform, die ich im Rahmen meiner Zen-buddhistischen Praxis kennen gelernt habe. Ich kann mich noch gut an das erste Mal erinnern, wo ich sie praktiziert habe, im Jahre 2004 in Scheibbs auf einem Retreat. Und ich kann mich noch gut an meine Reaktionen erinnern auf den besonderen Ablauf.

Alles fand in Stille statt, schon beim Zubereiten der Mahlzeit sollte man nicht sprechen, die Teller mit möglichst wenig Geräusch auf die Tische stellen. Alles sehr bewusst und achtsam.

Dann galt es, sich am großen Buffet zu bedienen, eine nach der anderen. Und ich, die eine der Letzten war, bekam es mit der Angst zu tun – „Wird von dem, was ich so gerne möchte, wonach es mich gelüstet hoffentlich noch was übrig bleiben?“. So ist es, wenn man seinen Emotionen und Gedanken Gehör schenkt. Wir können spüren, was wirklich in uns lebt, die Angst zu verhungern, dass mir etwas weg genommen wird, dass nicht genug übrig bleibt, alles, was unter das Wort „Futterneid“ gefasst ist, wurde damals ganz laut.

Und dann die Essmeditation:  mit Dankbarkeit alles würdigen, was dazu beigetragen hat, dass es hier auf unserem Tisch ist – die Sonne, die Luft, das Wasser, die Erde, aber auch alle hilfreichen Hände, die geholfen haben.

Und dann zu essen beginnen – auch das still, ohne miteinander zu sprechen. Die Nahrung sehen und riechen, die Gabel, den Löffel, das Messer und die Schale wieder nieder legen, nachdem ich einen Bissen genommen habe – 50 mal kauen – „das klingt ja schrecklich, wie soll ich das schaffen?“

Oder aber immer wieder zum Geschmack, zum Kauen zurück kehren, sich mit der Nahrung verbinden, sie wirklich zu sich nehmen.

Das eröffnet einen großen Raum. Bei mir und auch bei vielen, mit welchen ich die Essmeditation geteilt habe, ist ein großes Glück spürbar, über den Wohlgeschmack und die Verschiedenheit in den Qualitäten. Und eine große Dankbarkeit über den Reichtum des Nahrungsangebots, der in vielen Teilen der Welt ganz und gar nicht selbstverständlich ist.

Das achtsame Essen hat eine vielfältige Wirkung: Da die Verdauung  ja bereits im Mund beginnt, wird sie durch das langsame, bedächtige, gründliche Kauen gefördert. Sie kann wirklich aufgeschlossen werden und muss daher nicht in ganzen Stücken in den Magen gelangen.

Auch wird der Geschmack deutlicher. Ich habe erst durch das achtsame Essen gemerkt, wie oft mir etwas zu salzig, zu sauer, zu scharf, zu süß ist, und wie oft ich durch das schnelle Runterschlucken vermeide, das zu spüren, weil es für mich unangenehm ist. Und ich konnte bemerken, dass am ehesten mittlere Geschmäcker für mich wohlschmeckend und bekömmlich sind.

Auch ist es meine Erfahrung, dass Nahrung, die gut ist, durch das Kauen immer besser wird. Aus lerntheoretischen Untersuchungen weiß man, dass Zucker, wie zum Beispiel in Milchschokoladen, zwar zunächst gut schmeckt, dann aber ziemlich schnell einen negativen Nachgeschmack bekommt, weshalb man schnell einmal zum nächsten Bissen greift, um den negativen Geschmack zu tilgen.

Die Erfahrung über das, was sich im achtsamen Essen als gut und bekömmlich erweist, hat sodann eine leitende Wirkung für die Auswahl beim nächsten Hunger.

Essmeditieren hat außerdem eine beruhigende Wirkung. Die Nahrungsaufnahme gibt uns drei Mal am Tag die Möglichkeit uns zu sammeln, den Trubel der Welt außen vor zu lassen, zu uns zu kommen, und das beruhigt. Ganz einfach.

Oftmals wurde auch berichtet, dass man/frau bereits nach einigen Bissen satt war, und eigentlich nicht mehr Essen gebraucht war. Das wirkliche Genießen und Schmecken ohne Ablenkung, ohne Weiterdenken, beziehungsweise ein immer wieder Zurückkehren zu dem, was ich jetzt tue, nämlich essen, lässt uns von Wenigem satt sein, auch weil wir das Sättigungsgefühl erst dann spüren können.

Ich habe außerdem bemerkt, dass ich, wenn ich mir treu bleibe, und wenn ich mir und meinem Organismus in seinen Bedürfnissen Rechnung trage, indem ich nur das zu mir nehme, was jetzt wirklich dran ist – nein nicht auch noch die köstlich aussehende Mangocreme, den Kuchen, das Sandwich  –   hat es mein Körper nicht damit zu tun, mit dem Zuviel oder Falschem fertig zu werden. Ich fühle mich damit bekräftigt in mir selbst, und mein Selbst-Bewusstsein im Wortsinn wird gestärkt. Hab ich mich doch nicht verführen lassen und mich damit außer mich gebracht.

So – wirklich genährt und zufrieden kann ich den nächsten guten Lebens-Schritt tun.

Lesetipps:

Jan Chozen Bays: Achtsam essen.

Aivanhov, Omraam: Yoga der Ernährung.

Thich Nhat Hanh, Lilian Cheung: Achtsam essen und achtsam leben: Der buddhistische Weg zum gesunden Gewicht.

Schilling, Jürgen. Kau Dich gesund!

 

Liegen lernen oder ein Lob dem Kranksein

Als ich 1998 das erste Mal mit einer Krebsdiagnose konfrontiert war, war das natürlich zunächst ein großer Schock. Zugleich war es auch ein Befreiungsschlag.

„Krebs berechtigt. Krebs berechtigte mich, auf mich zu schauen, mich zum Mittelpunkt des Lebens zu machen, Termine und Verpflichtungen abzusagen, mich um mich selbst zu drehen, aus mir heraus zu sein.“ schrieb ich damals in einem Artikel mit dem Titel „Krebs Sei Dank“

Jetzt viele Jahre später und krebsfrei bin ich natürlich auch immer wieder mit „normalen“ Krankheiten konfrontiert, wie zur Zeit mit einem grippalen Infekt, mit allem was dazu gehört, aber ! ich habe kein Fieber, schon gar nicht habe ich (Gott sei Dank!) eine derartig spektakuläre Diagnose wie Krebs.

Und da fängt es dann wieder an: „Darf ich meine Therapiestunden absagen, die KlientInnen enttäuschen, sie, die mich brauchen, allein lassen?“ frage ich mich.

So verhandle ich täglich mit mir, ob es nicht eh schon wieder geht, anstatt in einem Akt alle Stunden für die Woche abzusagen. Auch bei privaten Terminen wie einem gemeinsamen Essen befällt mich das schlechte Gewissen. Und es fällt mir sogar schwer, selbstauferlegte Verpflichtungen wie mein Fitnessprogramm (man/frau beachte das Wort!) sausen zu lassen.

So halte ich meinen Geist und damit auch meinen Körper auf Trab, gönne ihm nicht die Ruhe, die er jetzt braucht. Er, der so lieb eingesprungen ist, mich aufmerksam gemacht hat, dass eine Auszeit dran ist, wird neuerlich nicht erhört.

Dass wir erst dann von der Schule fernbleiben dürfen, wenn wir wirklich krank sind, haben wir früh erfahren. Da gilt es nicht als ein Entschuldigungsgrund, dass ich einfach nur Bauch- oder Kopfweh habe, dass ich mich schlecht und gestresst fühle.

Auch wenn wir erwachsen sind, sollten wir uns so früh wie möglich gegen Grippe impfen lassen, damit sie uns nicht erwischt, wir nicht ausfallen aus dem Arbeitsprozess, wird uns beständig gesagt.

Das alles ist ein – wie ich meine – kranker Umgang mit Krankheit, der, so bin ich überzeugt, krank macht. Im Gegensatz dazu wäre es höchst notwendig, die einfachen Krankheiten zu würdigen in ihrem Wert für unser Leben und ihrem Beitrag zur Prophylaxe von schwerer chronischer Krankheit, (denn die haben sie!).

Auf diesem Boden der gesellschaftlichen Wertschätzung könnten wir in Fühlung mit unseren Bedürfnisse kommen, wenn wir krank sind. Wir würden  uns zuallererst Ruhe gönnen, uns zurückziehen, statt zu laufen, zu gehen, zu sitzen einfach liegen, abgeben, uns versorgen lassen und reduzieren auf allen Ebenen.

Wir würden tun, was wir wollen – lesen oder nicht lesen, Radio hören, nicht einfach nur im Nebenbei, die Blumen ansehen und uns an ihnen freuen, das Fenster öffnen, um frische Luft rein zulassen, inhalieren, Tee  trinken, eine Wärmeflasche unter die Füße legen, oder ganz einfach nichts tun.

In diesem Eintauchen in uns selbst kommen wir unserem Körper wieder nahe, wir spüren ihn anhand dem Unwohlsein, in seiner Schwere, in seinem Atmen und der Erleichterung zwischen den Hustenanfällen.

Dann, nachdem die größten Beschwerden gewichen sind, werden auch Seelenkräfte spürbar, andere Dimensionen unseres Selbst eröffnen sich, Eingebungen kommen zu Tage. Erneuerung und Transformation findet statt.

Und dann, wenn wir das alles zu-lassen, wenn wir uns selbst Raum geben und die Zeit, die es braucht gewähren, erwachen die Lebensgeister, wir erstehen neu und erfrischt aus all dem wieder auf.

Bis zum nächsten Mal.