Über-Gewicht

Es zählt wohl zu den häufigsten Neujahrsvorsätzen, ein paar Kilos zu verlieren.

Auch ist das bisweilen notwendig, weil Übergewicht gesundheitlich belastend sein kann, und bei einigen Krebsarten zu den Risikofaktoren zählt.

Viele Menschen versuchen mit Diäten ihre überflüssigen Kilos loszuwerden. Und oftmals sind diese Kilos bald wieder da, oder noch mehr.

Für mich ist Übergewicht die Folge davon,  dass ich zum Beispiel Dinge esse, die ich eigentlich jetzt gar nicht will – z.B. weil in der Weihnachtszeit alle Vanillekipferl essen,  dass ich also wo mitmache, unbewusst, weil alle das jetzt so tun. Es entsteht da, wo ich Alkohol trinke, weil man zu einem guten Abendessen in einem Restaurant Alkohol trinkt, anstelle des köstlichen alkoholfreien Cocktails. Also dann, wenn ich einer Idee und nicht einem organismischen Bedürfnis folge.

Aber Übergewicht ist für mich auch eine Folge davon, dass ich  mir grausliche Filme ansehe, wo wehrlose Menschen festgehalten und gequält werden von unbarmherzigen Menschen.  Und zwar sowohl im tatsächlichen Sinne – Untersuchungen bestätigen, dass längeres Fernsehen, vor allem, wenn man spannungsreiche Filme schaut, dick macht. Aber auch im energetischen Sinne, dass wir –  so empfinde ich das – eine natürliche Abwehr gegen Grausamkeit und dagegen haben, dass Menschen oder Tieren Gewalt angetan wird. Diese Abwehr bewirkt ein Entgegenhalten und verhindert damit den freien Fluss der Energie. Das ist und verursacht alles Über-Gewicht. Zuviel von jetzt für mich Falschem, Unbekömmlichem, Unverdaulichem, Unverträglichem.

Für mich gilt es in diesem Sinne vom Man zum Ich zu erschlanken, indem ich mich, meinen Körper frage, was ich jetzt wirklich will.

Und zwar auf jeder Ebene –  auf der Ebene des Essens und Trinkens ebenso wie der sozialen Kontakte, welche mich nicht nähren, wo ich meine, aushalten zu müssen, dass jemand eine Bestätigung von mir will, und ich nicht wage, sie ihm zu verweigern, obwohl ich ganz und gar nicht mit dem Gesagten übereinstimme. Dann wenn ich mir endlose Klagen anhöre, weil ich nicht unhöflich sein will und es nicht wage, die andere Person auf ihre Verantwortung für dieses ihr Leben hinweise.

Wenn ich Ja zu etwas sage, wo mein ganzer Organismus Nein sagt. Wenn ich  dieses Nein ersticke in einem Wust von Rechtfertigung – man muss die Menschen nehmen so wie sie sind, oder noch gefinkelter, aus einem spirituellen Eck, die anderen sind nur unser Spiegel, dann halte ich den Atem an, schlucke all das Wider runter, und das ist dann Schlacke, Stagnation und fest.

So vieles macht also Über-Gewicht. Auch wenn ich etwas zusage, wo ich schon beim Aussprechen weiß, dass ich es nicht will. Wo ich mich nicht gleich dem Unangenehmen stelle, und es dadurch über Tage und Wochen und vielleicht Monate mit mir rumschleppe. Dann ist das Über-Gewicht.

Man sagt Übergewicht ist eine Frage der Energiebilanz zwischen Aufnahme und Abgabe, ausgedrückt in Kalorien.

Für mich ist Übergewicht ein Ausdruck einer energetischen Stagnation, eines Zuviel von Unbekömmlichem, Falschem (in dem Sinne, dass es jetzt für mich nicht stimmt) in jederlei Hinsicht. Es ist eine Folge von Unbewusstheit, dass ich ohne zu spüren, zu schmecken, zu fühlen mir einfach irgendwas „reinziehe“.

Es ist aber auch eine Folge von Unausgedrücktem, Unterdrücktem, gesellschaftlichen Tabus, von Unfreiheit. Dann fließt es nicht mehr in meinem Organismus, der Atem flach befeuert nicht die Verdauung, es bleibt eine Schicht unergriffen von meinem lebendigen Sein.

Es funktioniert meiner Ansicht nach nicht, mich noch mehr zu kasteien, mir noch mehr zu verbieten, z.B. verbissen eine Sportart auszuüben, nicht aus Freude sondern aufgrund von  Vernunftgründen.

Vielmehr geht es darum, zu schauen, wonach es mich jetzt wirklich verlangt, was mein Organismus, oder wie ich es einmal in einem Artikel genannt habe, meine Seele wirklich begrüßt. Mich aber auch zu fragen, was ich jetzt sagen und ausdrücken und tun und verändern will.

Und es wäre im Sinne einer Krebsprophylaxe förderlich, dass wir einander ermutigen, diese unbequemen, aber auch schönen Wahrheiten („Wow, Du siehst gut aus, ich mag es, wie Du sprichst, ich danke Dir für das, was Du in die Welt gibst…“) zu schenken.

Und dann, wenn ich in einer Art Verliebtheitsgefühl bin, verliebt ins Leben, dann beginnt es zu fließen, der ganze Körper ist ergriffen und durchdrungen von dem, was Wilhelm Reich Strömen nennt.

Und schon purzeln die Kilos jeglicher Art.

Über das Große und Kleine in uns

Wilhelm Reich´s „Rede an den kleinen Mann“ ist ein sehr herausfordernder Text, welchen ich nun schon zum wiederholten Mal vom genialen Ignaz Kirchner im Vestibül hören durfte.

Und wieder, wie schon zuvor, war ich zutiefst berührt vom Wahrheitsgehalt und der Zeitlosigkeit der Inhalte.

Der Text, der 1946 ohne die Absicht, ihn zu veröffentlichen von Wilhelm Reich verfasst wurde. „…. war das Ergebnis der inneren Stürme eines Naturforschers und Arztes, der jahrzehntelang zunächst mit Naivität, dann mit Staunen und schließlich mit Entsetzen erlebte, was der kleine Mann aus dem Volke sich selbst antut; wie er leidet, rebelliert, seine Feinde verehrt und seine Freunde mordet.“ (so Wilhelm Reich im Vorwort)

Er  ist eine schonungslose Aufdeckung von all dem Kleinen und Kleinlichen in uns, davon, wann wir anderen die Verantwortung überlassen, Autoritäten mehr Glauben schenken als unserem inneren Sensorium und Wahrheitsempfinden. Und es ist ein Appell an unseren Kern, das Lebendige, das „gütig und naiv ist“.

Was hat das nun mit der Krebserkrankung zu tun:

Ich konnte an mir selbst und an vielen anderen an Krebs erkrankten Menschen wahrnehmen, wie wir aus Angst um unsere Existenz, dem um jeden Preis in der Gesellschaft verankert bleiben wollen, unsere tiefsten Sehnsüchte und (körperlichen) Bedürfnisse verleugnen, und das Leben zunehmend freud- und sinnlos wird.

Ich kann auch bemerken, wie die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, dann, wenn man sich nicht ausbeutet und über seine Grenzen geht,  zunimmt. Und dass, wenn  die Konkurrenz in den (beruflichen) Beziehungen und die Wachstumsorientierung  unser Leben beherrscht, wir uns zunehmend von unserem So-Sein, unserer Berufung entfernen und uns jegliche Kraft geraubt wird. Auch dominiert in einer Zeit allgemeiner Existenzangst die Anpassung gegenüber dem Mut zur Selbsteinbringung und dem Aufstehen.

Und dennoch gibt es da eine Sehnsucht –  eine Sehnsucht nach Gemeinschaftlichkeit, Emotionalität und intensivem Erleben. Dies – und auch das konnte Wilhelm Reich in seiner tiefgreifenden Analyse „Massenpsychologie des Faschismus“ zeigen, wurde im Nationalsozialismus  bestens „bedient“ – Zugehörigkeit zu einer (Volks-)gemeinschaft, auserwählt sein, groß und mächtig  sein. Der Preis war, wie wir wissen, hoch – Unterwerfung unter übermächtige Autoritäten, Leugnung des eigenen Empfindens bis zur Unmenschlichkeit, Entmenschlichung.

Und das hat – das konnte Reich in seiner jahrzehntelangen Forschungstätigkeit zeigen –  eine Basis: die Unterdrückung der biologischen, natürlichen Bewegungen des Organismus und damit die Entfremdung von unserem (biologischen) Fundament.

Wollen wir wirklich gesund sein, so geht es darum, unserem Organismus erneut Gehör zu schenken, wahrzunehmen,  wenn etwas zu viel ist, wenn wir über unsere Grenzen gehen, uns ausdrücken wollen, den  natürlichen Rhythmen zu folgen und uns auf unsere „einfache, anständige Natur“ zu besinnen.

Oder um Wilhelm Reich selbst zu Wort kommen zu lassen:

„Du fragst, wann dein Leben gut und sicher sein wird, kleiner Mann: Dein Leben wird gut und sicher sein, wenn die Lebendigkeit mehr bedeuten wird als Sicherheit, Liebe mehr als Geld, deine Freiheit mehr als parteiliche oder öffentliche Meinung; wenn  die Stimmung Beethoven´scher oder Bach´scher Musik die Stimmung deiner gesamten Existenz wird (du hast sie in dir, kleiner Mann, irgendwo tief verborgen in einer Ecke deines Wesens!); wenn dein Denken in Einklang, und nicht mehr in Widerspruch mit deinen Gefühlen wirken wird; wenn du deine Gaben beizeiten erfassen und dein Altern beizeiten erkennen wirst; wenn du die Gedanken der großen Weisen, und nicht mehr die Untaten der großen Krieger, leben wirst, wenn die Lehrer deiner Kinder, und nicht die Politiker, von dir besser entlohnt sein werden; ….wenn du Erhebung beim Anhören von Wahrheiten, und Grauen beim Anblick von Formalitäten verspüren wirst, ….wenn die Menschengesichter auf den Straßen Freiheit, Beweglichkeit, Heiterkeit und nicht mehr Trauer und Elend ausdrücken werden; wenn ihre Körper nicht mehr wie heute, mit zurückgezogenen, eingesteiften Becken und erkalteten Geschlechtsorganen auf dieser Erde wandeln werden.“

und weiter

„Es gibt nichts außer diesem: das Leben gut und glücklich zu leben! Folge deinem Herzen, auch wenn es vom Pfade ängstlicher Seelen wegführt. Verhärte nicht, auch wenn dich mal das Leben quält.“

Krebs – die Krankheit hinter der Krankheit und die Gesundheit hinter der Symptombeseitigung

Die Krankheit hinter der Krankheit

„Den Tumor hat man mir (ab)nehmen können, das Leben habe ich zu führen. Das ist die Herausforderung.“  Diesen Satz habe ich einmal für einen Buchbeitrag mit dem Titel „Krebs sei Dank“ geschrieben.

Für mich war und ist das Leben das Schwierige, nicht so sehr der Krebs- Die Konfrontation mit einer Krebsdiagnose – so erschreckend diese auch für mich war –  war eine fokussierte Geschichte mit einer Richtung,  was zu tun ist – Infos recherchieren, Entscheidungen treffen, Behandlungen durchführen.

Da gibt es auch Fürsorge, Unterstützung durch andere und ganz konkret bekomme ich viel an Bemühen, an Aufmerksamkeit, ich habe ein Recht auf Selbstzentrierung. Andererseits fühle  ich mich –   wenn ich nichts offenkundig Bedrohliches, keinen Krebs habe – wie viele andere Menschen auch – oftmals allein.

Allein mit all den alltäglichen Unannehmlichkeiten, mit dem, was quälend in mir ist, allein mit dem, was unbewältigbar erscheint, und das kann schon die Einführung der Registrierkasse sein, ein Konflikt mit einem nahestehenden Menschen, die Angst, den Anforderungen des Lebens nicht gerecht werden zu können. Damit sind wir verschweigen, weil derartige Ängste nicht gesellschaftsfähig sind.

Dort fängt die Krankheit Krebs an – im Alleinsein, im Schweigen, im täglichen einsamen Ringen mit all dem, was mich bewegt. Oft steht am Anfang einer Krebserkrankung eine Überforderung, eine lange Zeit des Alleinkämpfertums, des Bemühens selbst mit Schwierigkeiten fertig zu werden. Mit all dem, was zu viel ist – zu viel Druck, zu viel Schmerz, zu viel Not, zu viel Angst…..

Und dann kommt die Diagnose und damit das Entpflichtetsein, und ein Raum entsteht in dem ich (ich) sein darf – Krebs gibt Erlaubnis.

Es ist allgemein verständlich, dass ich Angst habe, dass ich mich überfordert führe, dass ich Hilfe brauche. Dann – endlich werde ich wahr- und ernst genommen. Viele an Krebs erkrankte Menschen können nach der Diagnose und vor allem  nach den Behandlungen, – wenn sie es sich leisten und gestatten können, sich für die Genesung Zeit zu nehmen – erstmalig erfahren, wie sich die Essenz des Lebens anfühlt – einfach kochen, im Garten arbeiten, in entspannter Weise und nicht unter Druck dem Sohn bei der Hausaufgabe helfen. Und sie erfahren, wie sukzessive kritische innere Stimmen laut werden – „Jetzt sollte ich bald einmal wieder mit einer richtigen Arbeit anfangen.“ Viele Menschen können sich  nur  Achtung und Wertschätzung entgegenbringe, wenn sie viel leisten, über ihre Grenzen gehe, total im Stress sind.  Dann fühlen wir uns als ein wertvolles Mitglied in der Gesellschaft. – das ist der soziale Krebs.

Ist das nicht absurd – dass ich schwer erkranken muss, um das Leben wahrnehmen und  leben zu dürfen. An dieser Stelle ist auch der Förderwahn, der bereits an Kindergartenkindern angewandt wird, sehr kritisch zu sehen. Von früh an keine Freiräume mehr zu haben, Zielsetzungen erfüllen zu müssen, eingeteilt zu sein, nicht den Rhythmen des Lebens folgen zu können, nur mehr von einem Termin zum anderen hetzen zu müssen.

Das ist meiner Ansicht nach die wahre Krankheit Krebs – die kollektive Entfremdung von unseren  basalen Bedürfnissen nach Ruhe, Muße, Ausdruck, Bewegung und Innehalten. Und die Entfremdung von unserem innersten Wesen, unserem Angelegtsein.  Dort gilt es anzusetzen. Dort gilt es Gegenentwürfe in die Welt zu bringen, Ermutigung und Engagement.

Die Gesundheit hinter der Symptombeseitigung.

So wie am Anfang der Krebserkrankung die Trennung, die Entfremdung und Enteignung steht, so ist es die Wiederaneignung von mir selbst, indem ich meine Gefühle, Bedürfnisse, Nöte und Ängste aber auch mein Wesen wieder wahrnehme, die am Weg der Genesung stattfinden sollte.  In dem ich wieder in Kontakt trete mit mir und allen Bezügen, die mich ausmachen. Das braucht eine Offenheit, eine Stille und eine Entschleunigung. Dann kann Resonanz stattfinden.  In einer kürzlich gesendeten Radiokollegsendung zum Thema Resonanz wird betont, wie wichtig es ist, dass Kinder die Welt als tragend, wohlwollend, atmend und gütig  erleben. Im Gegensatz dazu wird das Kind oftmals zum „Objekt der erzieherischen Bemühung, ein Objekt, das an Erwartungen, Bewertungen und Zielen gemessen wird“ – so der Neurowissenschaftler Gerald Hüther in der Radiokollegsendung vom 21.3. 2016.  Wichtig wäre, – nicht nur für das Kind sondern auch für uns – sich mit dem Kind einzulassen, sich in seine Welt mitnehmen zu lassen, staunend sich zu öffnen für all die  bewegenden Äußerungsformen, die es zeigt. Dann kann Ausdehnung stattfinden und Wachstum.

Für uns Erwachsene braucht es, um diesem oben beschriebenen essentiellen Alleinsein entgegen zu wirken,  eine Gemeinschaft, die die Kultur des einander Wahrnehmens pflegt  – Wahlverwandtschaften, wo wirkliche An-er-kennung stattfindet.

Es braucht weiters:

Ein Bemühen, einander nicht bloß als Objekte in unserer Funktionalität wahr zu nehmen, sondern miteinander in Resonanz zu gehen. Räume zu schaffen, wo einfach Austausch stattfindet, wie es mir geht, worunter ich leide, wovor ich mich fürchte, worüber ich mich freue.  Einander nicht bloß mit der Brille von Bewertungen wahr zu nehmen, gemessen an Erwartungen und Zielen.

Um meinem Wesen gemäß zu sein, braucht es Menschen, die nach mir fragen, die sich für mich interessieren, für mich als Subjekt, als Individualität, in meiner Einzigartigkeit.

Es braucht Augen, die mich sehen und Ohren, die mich hören, die mich aus mir selbst heraus hören, mich heraus kennen, sodass ich vor – kommen kann.

Diagnose Krebs und Traumatisierung

 

Die Krebserkrankung ist ein komplexes Geschehen und es gibt viele Ursachen, die dazu beitragen können, dass Zellen aus dem Gesamtzusammenhang fallen und beginnen sich ungehemmt zu teilen.

Die Ursachen können ebenso eine genetische Disposition als auch Belastungen durch Ernährung und Umweltgifte wie auch Verhaltensfaktoren oder langandauernder Stress sein.

Fragt man Menschen, die an Krebs erkranken, so findet sich oftmals eine Stressbelastung in den letzten 6-18 Monaten vor der Diagnose. Dabei handelt es sich zum Beispiel um den plötzlichen Tod eines nahen Angehörigen, Mobbing am Arbeitsplatz, eine schmerzliche Trennung oder ein chronisches Über-die-eigenen-Grenzen-Gehen.

Tieferliegend finden sich meiner Erfahrung nach oftmals traumatische, d.h. überwältigende Erfahrungen von Ohnmacht und Hilflosigkeit in der Kindheit und Jugend. Vor allem wenn nahe Bezugspersonen gewalttätig und grenzüberschreitend waren, das Kind gedemütigt und erniedrigt haben dann hat das weitreichende Folgen für das weitere Leben. Auch Vernachlässigung zählt zu den traumatisierenden Faktoren. Dazu gehört für mich auch, wenn man das Kind in seinen Bedürfnissen nach Nahrung, Gehaltenwerden, Wärme, Ruhe und Anregung, Sicherheit und Freiheit nicht feinfühlig beantwortet. Am einschneidensten sind Erfahrungen des Missbrauchs, (sexualisierter) Gewalt und einer Atmosphäre der permanenten Bedrohung in der Familie. Obwohl Menschen, die Derartigem ausgesetzt waren, über eine erstaunliche Überlebenskraft verfügen, haben diese Erlebnisse gravierende Auswirkungen, die das Selbst- und Weltverständnis und  das Verhalten prägen und bis ins Biologische reichen können.

Den folgenden Text habe ich anlässlich einer Fortbildungsveranstaltung zum Thema Traumatisierung verfasst.

Möge er dazu dienen, sich selbst und andere besser zu verstehen und zu sehen, dass  wie Fischer, ein namhafter Traumaexperte sagt „Trauma  eine normale, grundsätzlich gesunde Antwort der Persönlichkeit auf eine verletzende bzw. extrem kränkende Erfahrung ist.“  (Fischer)

Trauma von Innen

Traumatisierung bedeutet zu allererst Angst, Angst, die im Körper steckt, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt, die mir den Schlaf raubt und mich in der Früh aus dem Bett schrecken lässt – schon wieder ein gefahrenvoller Tag.

Es ist das keine spezifische Angst, mehr ein Körpergefühl der dauerhaften Auf-  und Erregung, dies lässt uns schwitzen, erkalten, erröten, macht Durchfall oder Verstopfung.

Oder aber mich gar nicht bewegen können, vor Erstarrung gelähmt stunden-, tage-, wochenlang im Bett  verbringen und nicht mal die alltäglichsten Notwendigkeiten tun  können – und mich dafür  verurteilen. Oder in fremde Fantasiewelten einzutauchen –  Soaps als Zufluchtsorte aufsuchen, wie ein Refugium vor dem Horror und dem Schmerz.

Traumatisiert zu sein bedeutet das Jetzt nicht von der Vergangenheit unterscheiden zu können, beim Geruch eines bestimmten Rasierwassers zur 3-Jährigen zu werden, die jetzt gleich erneut vom Vater angegriffen wird, auch wenn ich 40 bin und einem attraktiven Mann gegenüber sitze.

In diesem Traumastate zu sein bedeutet auch, dass es nie anders war und dass es nie anders sein wird. Zeitloser Schrecken und tiefste Verzweiflung.

Traumatisiert zu sein bedeutet, mich verrückt zu fühlen, weil die Ankündigung, dass in 2 Tagen der Installateur ins Haus kommt, mich schon jetzt in eine ängstliche Spannung versetzt, weil da jemand in mein Zuhause eindringt. Dass es mir unmöglich ist, Amtswege zu erledigen, weil ich wie damals als ich der schlagenden Gewalt ausgesetzt war, Angst vor neuerlicher Herabwürdigung und strafender Autorität habe. Überhaupt brauchen traumatisierte Menschen viel Alleinsein, weil sie sich nur dann frei bewegen können, Ausdehnung stattfindet, sie sich in Sicherheit fühlen oder aber nicht allein sein können, weil sie nur beim Anderen Schutz vor den inneren Dämonen und Gefahren finden.

Traumatisiert zu sein lässt mich in dauernden Gedankenkreisen verweilen – darüber wer Schuld hat – der andere, mit welchem ich einen Konflikt habe, oder ich, weil ich wieder was Falsches gesagt habe. Mich zu fragen, ob ich berechtigt bin, empört, verletzt, ärgerlich zu sein.

Viele traumatisierte Menschen machen die Nacht zum Tag, dann wenn sich die Welt mit ihren Ansprüchen und Forderungen zurückzieht, wenn die Dunkelheit umhüllt und es still wird, dann leben sie auf. Es ist dies die Zeit der Erlaubnis – endlich dürfen und nicht müssen.

Es bewirkt, dass ich meinen Körper hasse, weil er der Hort des Schmerzes, des Leids, des Terrors ist, mich schmutzig zu fühlen und mich deshalb  durch Zwangsrituale und Fastenkuren von all dem, was im Trauma in mich gekommen ist, zu reinigen. Dieser mein Körper, der eine Quelle der Freude, die Basis meiner Selbstwirksamkeit, meiner Erdung sein könnte, ist zum größten Feind geworden.

Von diesem Platz der Unerträglichkeit will ich raus und so wird der Tod zu einem wiederkehrenden Ort meiner Sehnsuchtsfantasie. Es soll endlich aufhören – das innere Rasen, der Gedankenterror, die hochgeladenen Gefühle der Angst, des Hasses und des Schmerzes, denen ich keinen Ausdruck verleihen durfte, weil der Täter dann erst recht zuschlug, diese Gefühle, die nun eingefroren in Angst mir als Ausdruckskraft nicht mehr zur Verfügung stehen.

Hilflos, wehrlos, ohnmächtig, allein, weil unverstanden mit all meinen eigenartigen, ver-rückten Verhaltensweisen, den sinnlos erscheinenden Ritualen – so fühl ich mich, wenn ich traumatisiert bin.

Wenn es jedoch gelingt, all das, was mich ausmacht zu mir zu nehmen und zu verstehen, dass das alles ganz normal ist, all diese „Spinnereien“ meinem Überleben gedient haben, dann kann ich vielleicht erfahren, dass in mir eine Stärke wohnt, die mich Unmenschliches, Unfassbares überleben hat lassen und ein Lebenswille, der nicht nur überleben sondern leben will – mit allem was dazu gehört – mit Ruhe und Entspannung, Sicherheit, Intimität und Abstand, Ja und Nein, Freude und Trauer, Wohlgefühl und Schmerz und allem was ein einfaches Leben ausmacht.

Diagnose Krebs – die Krankheit hinter der Krankheit

Für mich ist Krebs – mein Krebs – nicht die Krankheit, die eigentliche Krankheit hat viel früher begonnen – da ist, und ich traue mich das ganz allgemein zu sagen, etwas im Leben aus der Ordnung gefallen, ich bin aus einer übergeordneten Ordnung gefallen. Phänomenologisch ist das auch bei der Krebszelle der Fall, sie entwickelt eine Eigengesetzlichkeit, ist aus dem Gesamten gefallen und wächst unverbunden vor sich hin. Dieses aus der Ordnung fallen hat mit gesellschaftlichen Normen und Werten zu tun, mit einer Leistungsdominanz, mit der nicht Würdigung von Leben und Lebensprozessen an sich. Hier ist mir sowohl Wilhelm Reich als auch Carl Rogers nahe, Reich in seinem gesellschaftspolitischen Ansatz der Panzerung und Rogers mit seinem Krankheitskonzept der Inkongruenz.

Zur Krankheit hinter der Krankheit gehört für mich aber auch und ganz wesentlich der Krebs-Geist, dieser nahezu alles beherrschende Krebs-Geist verknüpft den Krebs nahe mit dem Tod, ohne Ausweg, der Krebs ist feste Materie, unwandelbar, er lauert aus dem Hinterhalt wie ein Sniper, dem wir unbarmherzig ausgeliefert sind, der ungebremst wuchert, wenn er einmal da ist und sein Zerstörungswerk unbarmherzig verrichtet. Der Krebs wird personalisiert, dämonisiert, zum tödlichen Feind erklärt, dem wir mehr oder weniger total ausgeliefert sind. Das ist die alles beherrschende Meinung. Und das ist sehr ungesund. Davon bin ich überzeugt.

Und diesem Feind treten wir mit ebenso vehementen Mitteln entgegen, wir bekämpfen ihn, wehren ihn ab, blind, ohne Kontakt und vor allem schnell.

So gilt es als richtig, effektiv und einzige Möglichkeit.

Und ich bin gewiss, dass das so nur eingeschränkt nachhaltig funktionieren kann. Dass es vielmehr gilt ihn anzu-nehmen als einen Teil von mir, zu verstehen, dass er mit mir zu tun hat, nicht Außen ist, sich zuzuwenden, ihm Gehör zu schenken, ihn anzufragen, warum er da ist, und was es braucht, dass sich die Zellen wieder ins Ganze des Organismus eingliedern können. In diesem Sinne ist der Krebs – für mich ganz und gar nicht bösartig, er dient dem – Aktualisierungstendenz sei Dank – dem Guten – Besseren.

Darüber hinaus sollten wir hellhörig sein für die Beschränkungen in unserem Denken darüber, was alles im Leben möglich ist – ja es gibt Heilungen, wo der Körper von Metastasen übersät ist, und alles verloren scheint. Hier sind Bücher wie die von Dispenza „Du bist das Placebo“ (siehe dazu die Beschreibung in den Buchempfehlungen) sehr wertvoll, die die ungeheure Macht unseres Geistes über die Materie anhand von vielzähligen Untersuchungen eindrucksvoll dokumentiert. Die von einer Krebs-Diagnose betroffenen Menschen wollen in ihrer Zuversicht, Vertrauen und in ihrer Selbstbestimmung bestärkt werden. Das ist heilsam.

Das schnelle Bekämpfen mit Gift und Schwertern kann zwar einen wesentlichen Beitrag liefern, um einen Freiraum zu schaffen, den Krebs eine Zeitlang zurück zu drängen, vor allem, wenn diese schulmedizinischen Methoden von unserer Seele begrüßt werden, und wenn wir sie mit tragen,  weil sie dann, wie man weiß, wirkungsvoller sind. Darüber hinaus gilt es mich zu fragen, was die Aufgabe meines Krebses war, was in Unordnung geraten ist, wo etwas wild wuchert, wo sich ein Nein zum Leben entwickelt hat, und letztlich was gelebt werden will von mir.