Alles gut! Über die Kraft der Gegenwärtigkeit

Alles gut!

Diese zwei Worte verbindet man nicht unbedingt mit einer Krebserkrankung.

Da scheint gar nichts gut.

Nein, vielmehr ist nichts mehr, wie es war.

Das Vertrauen in meinen Körper und das Leben ist erschüttert, der Blick angstvoll auf eine ungewisse Zukunft gerichtet.

Gleichzeitig wird durch diesen Ein-Schnitt der horizontale Weg von der Vergangenheit zur Zukunft mit einer nicht wahrgenommenen Gegenwart unterbrochen.

Und ich bin plötzlich ganz da.

Wie auch immer ….

Im Erleben des Schocks, der Überwältigung durch meine Gefühle, aber auch mit dem Wissen, dass ich mehr bin als mein Körper, meine Rollen, meine Angst und Schwäche.

Aus diesem Gegenwärtig sein im Jetzt tut sich ein Wissensraum auf.

Und ich kann erfahren, dass jenseits aller Vorstellung über meine Zukunft, dem Ausgang meiner Krankheit aber auch aller Ideen, warum ich krank geworden bin, ich einfach jetzt bin.

Und da ist es still und gut.

Still und gut und ohne Wollen und Abwehren und ohne Angst.

Hier gilt es zu verweilen, auszurasten, einfach zu sein.

Und dann taucht eine Gewissheit auf, was zu tun ist.

Ja genau das, zweifelsfrei, eindeutig weiß ich, welcher der nächste gute Schritt ist.

So ist das Vertrauen im Jetzt gebor(g)en.

Und bei all der Endlichkeit, die uns im Leben mit Krebs so bewusst wird, eröffnet dieses „stimmige Jetzt“ ein zeitloses Fenster, in welchem die zeitliche Grenze unbedeutend wird.

Und da ist alles gut.

Sowieso.

 

Diagnose Krebs – Alles ist richtig!

 

Die Art, wie die Betroffenen auf die Diagnose reagieren ist sehr unterschiedlich und teilweise für die Angehörigen oder Freundinnen nicht verstehbar.

Die meisten Menschen sind im Eindruck des Diagnoseschocks sehr gefasst.

Es gibt jedoch auch welche, die sofort in Tränen ausbrechen, die außer sich geraten, vielleicht auch toben, schreien, und so ihre Panik ausdrücken. Andere verstummen,  ziehen sich zum Leidwesen der Angehörigen, die ja dieses Erleben teilen und hilfreich sein wollen, in sich zurück. Manche beginnen eifrig zu handeln, indem sie sogleich telefonieren oder im Internet  recherchieren. Andere wollen immer wieder alle Details der Diagnose erzählen. Manche hingegen verschweigen die Diagnose, und versuchen ganz allein damit umzugehen. Und manche entscheiden sich, die Diagnose gar nicht ernst zu nehmen. Sie bleiben weiteren Untersuchungen fern, und verleugnen über lange Zeit die Tatsache ihrer Krebserkrankung.

All dies sind Formen der Bewältigung und sind richtig, so eigenartig sie uns vorkommen mögen. In der Traumatherapie gilt das Prinzip der Normalität, der zufolge alle Symptome als ein Selbstheilungsversuch, ein Versuch die belastenden Ereignisse zu verarbeiten,  gesehen werden.

Es  ist an uns, uns von Konzepten, wie die Reaktion auf eine Krebsdiagnose auszusehen hat, was normal und gesund ist, zu lösen. Ich hege immer sehr zwiespältige Gefühle, wenn in einer Zeitung ein tapferer und gefasster Umgang mit der Diagnose als vorbildhaft gelobt wird, ist das doch ein Hinweis, dass man nicht emotional sein soll. Sophie Sabbage ließ ihren Tränen inmitten der allgemeinen stoischen Stille im Warteraum der Ambulanz, wo sie auf ihre erste Bestrahlung wartete, freien Lauf. Sofort trat eine Schwester zu ihr, mit der Frage, ob alles in Ordnung sei. „Wahrscheinlich bin ich die Einzige hier, mit der alles in Ordnung ist“, antwortete sie.

Die eigene Angst, dass es auch mich treffen könnte, das Entsetzen, wie schnell es gehen kann, kann nur schwer verborgen werden. Auch werden Menschen mit Krebs oftmals gemieden, oder sie erhalten eine Flut von Ratschlägen und Deutungsversuchen über die Ursachen der Erkrankung. Das erzeugt einen großen Druck und behindert die Selbstheilungsvorgänge.

Ich kann mich noch gut an meine eigenen Erfahrungen erinnern: So sagte mir eine gar nicht freundliche Freundin, dass ich mich jetzt endlich meiner eigenen Tiefe und Abgründigkeit stellen müsse, oder eine etwas esoterisch angehauchte Frau teilte mir mit, dass Krebs in der linken (oder war es die rechte?) Brust für Schwierigkeiten in der Partnerschaft steht, und ich mir eine Trennung zu überlegen hätte. Eine Nachbarin schrie mir auf die Mitteilung meiner zweiten Diagnose entgegen, dass das alles Unsinn sei, und ich sicher keinen neuerlichen Krebs hätte.

All das prasselt ungefragt auf die ungewappnete Person ein und schwächt sie in der Bewältigung der Aufgaben, die sich ihr stellen. Viele Betroffen schweigen deshalb, weil sie die Überforderung der Mitmenschen nicht aushalten wollen. Er/sie spürt, dass es dem Angehörigen zu viel ist, dass er/sie ihre Reaktionen und Vorgangsweisen ablehnt. Das geschieht teilweise sehr subtil, und dennoch hat das weitreichende Folgen. „Ich kann die anderen nicht belasten, es ist ihnen zu viel, ich muss alleine damit fertig werden. Im Grunde bin ich allein“, ist daher eine häufige Aussage von Betroffenen. Hier an diesem Punkt findet oftmals das Verlassen – Werden statt.

Was ist zu tun:

Um mit den verschiedenen Reaktionsweisen unserer krebskranken Angehörigen umgehen zu können, ist es notwendig,  mich mir selbst zu zuwenden und wahrzunehmen, wie viel Angst und Schrecken in mir ist. Dies ist auch verständlich, haben wir als Angehörige und FreundInnen doch große Angst, den Liebsten zu verlieren, und sind selbst höchst verunsichert und überfordert mit der Situation. Diese Zuwendung zu mir selbst beugt den oben beschriebenen automatischen Reaktionsweisen vor, die der Abwehr von Gefühlen dienen.

Dann braucht es einen Mut zur Offenheit. Mut, damit ich, als Betroffene, sagen kann, dass ich beispielsweise beim Gegenüber einen kritischen Blick wahrnehme oder eine abwehrende Geste, die mich irritiert.  Und auch den Mut, eigene Wünsche zu äußern: „Ich möchte, dass Du mir nur zuhörst, damit ich meine Gedanken und Gefühle äußern kann, ich möchte, dass Du mich in den Arm nimmst, damit ich mich ausweinen kann, damit sich mein Zittern der Angst aus dem Körper herauslösen kann, dass Du mir Halt gibst und für mich da bist.“ Da es um eine existentielle Bedrohung durch die Krankheit geht, fällt es den Betroffenen in dieser Zeit relativ leicht, für sich selbst einzutreten, auch wenn es für die Person in all den vorhergehenden Jahren sehr schwierig war, Nein zu sagen oder um eine Hilfe zu bitten.

Aber auch die Angehörige, die Freundin hat das Recht offen zu äußern, dass ihr etwas zu viel wird,  dass sie zum Beispiel als Begleiterin beim Arztbesuch überfordert ist, dass sie für die nächsten Stunden Abstand braucht, für sich sein muss, um ihren Schock zu verarbeiten, um zu sich zu kommen und ihren eigenen Gefühlen Raum zu geben. Gut ist es, ganz konkrete umschriebene Vereinbarungen zu treffen. „Ich kann zwar dem (vermeintlichen) Anspruch nicht entsprechen, die ganze Zeit für Dich da zu sein, aber ich kann mit voller Aufmerksamkeit das letzte Erlebnis im Spital für die nächste Stunde aufnehmen, und wenn ich gefragt werde, auch meine Meinung, meine Resonanz dazu äußern.“

Sabbage  hat zwei Listen für ihre Mitmenschen erstellt – eine, in der sie Hilfreiches notierte, wozu auch ganz pragmatische Wünsche aufschienen, wie z.B. basisches, veganes  Bioessen zu kochen, sich um das Kind zu kümmern, aber auch „Es mir zu gestatten, zu fühlen, was ich gerade fühle, auch  Hoffnungslosigkeit und Angst.“  Auf der „Nicht-hilfreich“ Liste fand sich zum Beispiel, dass man ihr nicht sagen möge, dass sie positiv zu denken habe, auch das Analysieren, warum sie Krebs habe, und was das über ihr Karma aussagt, sei unerwünscht.

Ich habe in der Begleitung von Krebskranken und ihren Angehörigen die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, diese Notwendigkeiten  in einem unaufgeregten Kontext – vielleicht mit Begleitung eines Coach oder einer Therapeutin – grundsätzlich zu besprechen.

Zusammenfassend ist rund um die Diagnose Folgendes unterstützend: Ein Umfeld, welches die Angst und den Schock da sein lässt, ohne einzugreifen.  Menschen die einfach da sind, menschlich präsent, sodass sich der Schock herauslösen darf aus dem Organismus. Kongruenz, Authentizität, ein Bewusstsein, was in mir selbst abläuft, und eine authentische Vermittlung. Sagen, dass ich sprachlos bin, ausdrücken, was in mir vorgeht oder die schlichte Frage stellen – „Was brauchst du? Was kann ich für Dich tun?“ anstelle sich den Kopf zu zerbrechen, was wohl gewünscht ist.  Ebenso ist es notwendig, sich um eine eigenen Freiraum und auch eine Unterstützung bemühen.

Hilfreiche Bücher:

Fischer, G. (2013): Neue Wege aus dem Trauma. Erste Hilfe bei schweren seelischen Belastungen. Ostfildern: Patmos.

Jellouschek, H. (2010): Trotzdem Leben! Wenn ein Partner Krebs hat. Freiburg im Breisgau: Herder.

Sabbage, S. (2016): Die Krebsflüsterin. Der 8-Schritte-Kompass für einen selbstbestimmten Umgang mit der Krankheit. München: Irisiana.

Über-Gewicht

Es zählt wohl zu den häufigsten Neujahrsvorsätzen, ein paar Kilos zu verlieren.

Auch ist das bisweilen notwendig, weil Übergewicht gesundheitlich belastend sein kann, und bei einigen Krebsarten zu den Risikofaktoren zählt.

Viele Menschen versuchen mit Diäten ihre überflüssigen Kilos loszuwerden. Und oftmals sind diese Kilos bald wieder da, oder noch mehr.

Für mich ist Übergewicht die Folge davon,  dass ich zum Beispiel Dinge esse, die ich eigentlich jetzt gar nicht will – z.B. weil in der Weihnachtszeit alle Vanillekipferl essen,  dass ich also wo mitmache, unbewusst, weil alle das jetzt so tun. Es entsteht da, wo ich Alkohol trinke, weil man zu einem guten Abendessen in einem Restaurant Alkohol trinkt, anstelle des köstlichen alkoholfreien Cocktails. Also dann, wenn ich einer Idee und nicht einem organismischen Bedürfnis folge.

Aber Übergewicht ist für mich auch eine Folge davon, dass ich  mir grausliche Filme ansehe, wo wehrlose Menschen festgehalten und gequält werden von unbarmherzigen Menschen.  Und zwar sowohl im tatsächlichen Sinne – Untersuchungen bestätigen, dass längeres Fernsehen, vor allem, wenn man spannungsreiche Filme schaut, dick macht. Aber auch im energetischen Sinne, dass wir –  so empfinde ich das – eine natürliche Abwehr gegen Grausamkeit und dagegen haben, dass Menschen oder Tieren Gewalt angetan wird. Diese Abwehr bewirkt ein Entgegenhalten und verhindert damit den freien Fluss der Energie. Das ist und verursacht alles Über-Gewicht. Zuviel von jetzt für mich Falschem, Unbekömmlichem, Unverdaulichem, Unverträglichem.

Für mich gilt es in diesem Sinne vom Man zum Ich zu erschlanken, indem ich mich, meinen Körper frage, was ich jetzt wirklich will.

Und zwar auf jeder Ebene –  auf der Ebene des Essens und Trinkens ebenso wie der sozialen Kontakte, welche mich nicht nähren, wo ich meine, aushalten zu müssen, dass jemand eine Bestätigung von mir will, und ich nicht wage, sie ihm zu verweigern, obwohl ich ganz und gar nicht mit dem Gesagten übereinstimme. Dann wenn ich mir endlose Klagen anhöre, weil ich nicht unhöflich sein will und es nicht wage, die andere Person auf ihre Verantwortung für dieses ihr Leben hinweise.

Wenn ich Ja zu etwas sage, wo mein ganzer Organismus Nein sagt. Wenn ich  dieses Nein ersticke in einem Wust von Rechtfertigung – man muss die Menschen nehmen so wie sie sind, oder noch gefinkelter, aus einem spirituellen Eck, die anderen sind nur unser Spiegel, dann halte ich den Atem an, schlucke all das Wider runter, und das ist dann Schlacke, Stagnation und fest.

So vieles macht also Über-Gewicht. Auch wenn ich etwas zusage, wo ich schon beim Aussprechen weiß, dass ich es nicht will. Wo ich mich nicht gleich dem Unangenehmen stelle, und es dadurch über Tage und Wochen und vielleicht Monate mit mir rumschleppe. Dann ist das Über-Gewicht.

Man sagt Übergewicht ist eine Frage der Energiebilanz zwischen Aufnahme und Abgabe, ausgedrückt in Kalorien.

Für mich ist Übergewicht ein Ausdruck einer energetischen Stagnation, eines Zuviel von Unbekömmlichem, Falschem (in dem Sinne, dass es jetzt für mich nicht stimmt) in jederlei Hinsicht. Es ist eine Folge von Unbewusstheit, dass ich ohne zu spüren, zu schmecken, zu fühlen mir einfach irgendwas „reinziehe“.

Es ist aber auch eine Folge von Unausgedrücktem, Unterdrücktem, gesellschaftlichen Tabus, von Unfreiheit. Dann fließt es nicht mehr in meinem Organismus, der Atem flach befeuert nicht die Verdauung, es bleibt eine Schicht unergriffen von meinem lebendigen Sein.

Es funktioniert meiner Ansicht nach nicht, mich noch mehr zu kasteien, mir noch mehr zu verbieten, z.B. verbissen eine Sportart auszuüben, nicht aus Freude sondern aufgrund von  Vernunftgründen.

Vielmehr geht es darum, zu schauen, wonach es mich jetzt wirklich verlangt, was mein Organismus, oder wie ich es einmal in einem Artikel genannt habe, meine Seele wirklich begrüßt. Mich aber auch zu fragen, was ich jetzt sagen und ausdrücken und tun und verändern will.

Und es wäre im Sinne einer Krebsprophylaxe förderlich, dass wir einander ermutigen, diese unbequemen, aber auch schönen Wahrheiten („Wow, Du siehst gut aus, ich mag es, wie Du sprichst, ich danke Dir für das, was Du in die Welt gibst…“) zu schenken.

Und dann, wenn ich in einer Art Verliebtheitsgefühl bin, verliebt ins Leben, dann beginnt es zu fließen, der ganze Körper ist ergriffen und durchdrungen von dem, was Wilhelm Reich Strömen nennt.

Und schon purzeln die Kilos jeglicher Art.

Geburt-Sterben

Das ist eigentlich gar kein Thema – das Sterben zu Weihnachten – könnte man denken.

Aber so hat sie es sich ausgesucht, meine liebe Marianna*.

Damals vor 2 Jahren, am 24. Dezember in einem Wiener Krankenhaus.

Es war dies ein strahlender Wintertag, der Himmel wolkenlos blau, die Atmosphäre erwartungsvoll ausgerichtet auf die Christgeburt, als sie ihren letzten Atemzug tat.

Lange hatten wir einander nicht gesehen, nur manchmal noch telefoniert, auch das immer seltener.

Vieles hatten wir aufarbeiten können zusammen – Belastendes aus ihrer Kindheit, Operationen, Einsamkeit, Gewalt. Und immer fand im Zuge der EMDR Sitzungen eine Öffnung zum Spirituellen statt, zu dem, was größer war als sie selbst und das Schicksal.

So fand Versöhnung statt. Stück um Stück.

Sie, die ihr Leben lang sehr leise ihre Arbeit und ihre Liebesdienste verrichtete, wurde in den letzten Monaten noch stiller, eingekehrter in sich.

Dann war es klar, dass sie nicht mehr alleine zu Hause bleiben konnte, und so wurde ich ein paar Tage vor ihrem Tod von ihrer Tochter in Kenntnis gesetzt, dass sie nun in einem Krankenhaus sei, um ihre letzten Tage dort zu verbringen.

Sie, die sich stets mit oberflächlichen Kontakten und Gesprächen schwer tat, war nun in einem Zimmer mit 2 älteren Frauen untergebracht und sie, die immer Angst vor allem Ärztlichen hatte – kein Wunder bei all den traumatisierenden medizinischen Erlebnisse in ihrer Kindheit – erfuhr nun eine liebevolle, schmerzlindernde ärztliche Hilfe.

Ja sie wollte mich noch einmal sehen, da freute ich mich,  ist es mir doch immer wichtig, mich persönlich zu verabschieden von meinen lieben Krebsklientinnen, speziell wenn die Beziehung wie bei Marianna so zart und innig ist.

Es wurde vereinbart, dass ich am 24.12. auf dem Weg zum Weihnachtsfest bei meiner Mutter vorbeikommen sollte.

Dann in der Früh merkte ich einen „Ruf“,  und so machte ich mich nicht erst am Nachmittag sondern schon am späten Vormittag auf den Weg.

Wie immer empfand ich eine Scheu und auch eine Unsicherheit, wie ich diesen sterbenden Menschen wohl vorfinden werde.

Da lag sie, Marianna, noch zarter als ich sie erinnerte und tat ihre „Arbeit“ – ich empfinde es immer als eine (Geburts-) Arbeit, das Sterben.

Sie tat das unaufgeregt, wie das so ihre Art war und ganz und gar konzentriert.

Einatmen – Ausatmen. Immer weniger Einatmen, immer länger Ausatmen.

Wir – ihre Tochter und ich – saßen am Bettrand und sprachen über sie, über das, was wir mit Marianna erfahren hatten, und wer sie war.

Daneben im Zimmer waren ihre zwei Zimmergenossinnen, mit Lockenwicklern im Haar, wollten sie doch schön sein, wenn sie von ihren Angehörigen abgeholt wurden. Sie sprachen Belangloses, schienen die Größe des Ereignisses im Raum nicht zu bemerken.

Wie wunderbar, dachte ich, dass Leben auf so vielen Ebenen gleichzeitig stattfindet und wie schön, dass dieses selbstverständlich, einfach Menschliche den Hintergrund für Marianna´s letzte Lebensmomente bildete.

Dann eine Stunde nach meinem Weggehen tat sie ihren letzten Atemzug, so unscheinbar, dass es zunächst gar nicht bemerkt wurde.

Auch das so ganz Marianna.

Danke.

 

*den Namen habe ich aus Diskretionsgründen geändert.

 

Frei-Raum Schaffen

Eines der größten Geschenke meiner Krebsdiagnose war die Notwendigkeit und das Recht, mir einen Freiraum zu verschaffen.

Ich, die mich verpflichtet fühlte, jede freie Minute zu nutzen, um an etwas – einem Vortrag, einem Artikel, an meiner Selbstverwirklichung oder an meinem geistigen und körperlichen Wohl –  zu arbeiten, musste mich plötzlich ganz und gar um mich kümmern. Termine bei Ärzten mussten vereinbart werden, ich musste mich auf die OP vorbereiten und dann während der Bestrahlung für gute Bedingungen sorgen, um die Nebenwirkungen gering zu halten.

Und plötzlich war es ganz selbstverständlich, Kliententermine abzusagen, mich nach der ersten Diagnose für 4 Monate ganz aus den beruflichen Verpflichtungen zurück zuziehen.

Die Welt rückte ab, und ich wurde zu ihrem/meinem Mittelpunkt.

Dann 4 Jahre später erhielt ich die 2. Diagnose. Wieder war ich in eine Lebensweise zurück gefallen, welche von Absolvieren, zur Verfügung stehen und Überforderung geprägt war. Die Nebenwirkungen der Bestrahlung waren jedoch von einer unerwarteten Massivität, sodass ein Weiterhasten  nicht mehr möglich war. Und hier im Zuge einer Meditation wurde ganz klar, dass ich die Praxis zuzusperren hatte. Glücklicherweise war mir dies, da ich finanziell abgesichert war, möglich.

Und ich spürte, wie sogleich Heilung stattfand.

Es folgten eineinhalb Jahre mit Frei-Raum in Hülle und Fülle. Nein, ich nahm mir auch nichts vor für diese Zeit, ich musste die Zeit nicht „sinnvoll nutzen“.

Ich riskierte den Frei-Raum des Lebens. Ich lebte in den Tag hinein, wusste am Morgen nicht, ob ich das Haus überhaupt verlassen würde heute, oder doch lieber einen Schlafsack für das Enkelkind stricken, OE1 hören, in der Küche sitzend verbringen wollte.

Oder ich traf mich mit einer Freundin im Kaffeehaus und als ich mich verabschiedete und auf die Straße trat, begegnete mir eine andere, mit der ich sogleich ins Kaffeehaus zurückkehrte, um eine weitere Stunde dort zu verbringen.

Mein Organismus, die organismische Resonanz wie Carl Rogers diese innere Bewertungsinstanz nennt, die weiß, was jetzt im Augenblick zu tun ist, führte Regie.

Ich fand statt.

Und  lebte auf.

In derartigen Extremerfahrungen, wie es eine Krebsdiagnose und die nachfolgenden Behandlungen sind, ist es oftmals leichter, sich selbst bedingungslos Gehör zu schenken. Viele an Krebs erkrankte Menschen haben in dieser Zeit den Mut, weil sie auch das Recht haben – „Jetzt wo Du Krebs hast….“- für ihre Bedürfnisse einzustehen und sich zum Mittelpunkt zu machen.

Ein wesentliches Bedürfnis war und ist für mich das terminlose Alleinsein. Der Tag-  nicht zurückgestaut auf eine Reihe von einzuhaltenden Terminen – dehnt sich in mich aus und schafft einen kreativen Raum, aus dem Ent-Faltung stattfinden kann.

Das Leben wird nicht mehr absolviert sondern gelebt.

Und oft sind es ganz einfache Bedürfnisse, die dann entdeckt werden: in Stille sein, in der Natur, die Bedürfnisse nach gesunder Nahrung, nach Bewegung, nach Einkehr, nach kreativem Ausdruck….

Bald jedoch nach der uns zugestandenen Zeit der Rekonvaleszenz beginnt es wieder zu wuchern –  die Außenwelt-  und der „Weltinnenraum“, wie Rilke diesen Bereich des „Offenen“, der „Unbetretbarkeit“ nennt, droht erneut verloren zu gehen.

Da ist es wichtig, sich zu entsinnen, was und wann es zu viel wird. Und das sind oft auch Dinge, Ereignisse, die mir grundsätzlich Freude bereiten, wie FreundInnen zu treffen, ein Seminar zu besuchen, auszugehen in ein Theater, in ein Kino…

Dann gilt es, den Mut zu haben, abzusagen, für mich einen Frei-Raum zu schaffen, mich von dem Getose des außen zurück zu ziehen in mich.

Immer wieder und wieder.

I Agree – in voller Fülle!

I AGREE!

Ich stimme zu…..Ich stimme überein…..Ich bin einverstanden…..Ich befürworte….

Im letzten Blog Beitrag im November habe ich eingeladen, sich von den Bedeutungen von „I Agree“ anstimmen zu lassen. Einige LeserInnen haben geantwortet. Nun habe ich dem Beitrag Fülle verliehen mit meinen eigenen Gedanken zum Thema und dem was als Resonanz hinzugefügt wurde.

I Agree….

Dazu kann ich doch nicht zustimmen, damit kann ich doch nicht einverstanden sein, dass ich an Krebs erkrankt bin, dass mein Körper schmerzt, ich ängstlich bin, keinen Partner finde, meinen Job verloren habe, mich bedrückt und ratlos fühle, – wie kann ich damit einverstanden sein?

Alles wehrt und stemmt sich dagegen. Sicher nicht!

Das würde ja bedeuten, dass ich mich damit abfinde, aufhöre zu kämpfen, resigniere, mich und alle Hoffnung aufgebe. Sicher nicht!

Es würde bedeuten, dass ich das, was geschehen ist verzeihe, es ungeschehen mache, es in Vergessenheit gerät. Nein, sicher nicht!

I agree….

so wie ich es meine, nimmt nicht in Kauf, heißt nicht gut, was nicht gut ist, ist nicht ein moralisch getöntes Ja. Die Zustimmung, die ich meine ist genau da, wo ich jetzt bin.

Ich stimme zu, dass ich Angst habe und ganz und gar keine Hoffnung empfinden kann, dass ich mich ungerecht behandelt fühle, dass ich empört bin, dass ich mich zum Kampf bereit mache, ja sogar Hass empfinde und Ablehnung.

Zuzustimmen bedeutet in diesem Sinne für mich, dass ich mich in all diesen Emotionen anerkenne.

Ja genau so ist das.

Und schon weitet sich etwas in mir, alles wird leichter und eine Bewegung kann zu Ende kommen und eine neue beginnen.

Das ist Labsal.

Und es bedeutet nicht, dass ich nicht handeln werde, in meinem Einverstandensein sitzen bleibe. Ich werde sicher wieder aufstehen, handeln, nur dass dieses Handeln nicht aus der Angst und Abwehr kommt, sondern aus dem alles einschließenden Wahr-nehmen von dem was ist.

I AGREE.

 

I agree…


Ich stimme zu…..

 

Ich stimme überein…..

 

Ich bin einverstanden…..

 

Ich befürworte…..

 

Ich möchte das jetzt mal so stehen lassen und bitte Euch, damit in Resonanz zu gehen und zu spüren, was diese Sätze auslösen.

Ich danke für Eure Kommentare!

 

Über das Müssen, Dürfen und Wollen – Teil 2: Das Dürfen

„Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut.“ Karl Valentin

Ist das Müssen für mich im Erleben mit einem Druck von oben, einer Verengung, einer Kontraktion, einem Kleinerwerden verbunden, so erlebe ich im  Dürfen eine Weitung, eine Öffnung, ein heilsames Aufatmen, letztlich eine große Befreiung.

Dürfen eröffnet das Feld von Möglichkeiten –  alles wird weit, vor mir liegen all die Schätze der Welt und des Universums.

Oftmals haben Menschen, welche an Krebs erkranken schon lange nichts mehr dürfen, waren ganz im Müssen. Pflichtbewusst erfüllen wir die an uns herangetragenen oder verinnerlichten Ansprüche, gehen einer Arbeit nach, die uns schon lange nicht mehr erfreut oder leben mit Menschen, die uns nicht gut tun, die uns nicht wahrnehmen.

Dann kommt die Diagnose, der Einbruch in das existentielle Fundament und plötzlich geht es nicht mehr um das Erfüllen von Ansprüchen, sondern um mich. Krebs gibt Erlaubnis, ich darf mich um mich kümmern, zum Beispiel endlich meinen Bedürfnissen nach Erholung und Ruhe, nach Selbstverwirklichung nachgehen – alles, was lange nicht mal denkbar war, ist auf einmal selbstverständlich – „Schau jetzt mal ganz auf Dich, ganz klar, dass das jetzt notwendig ist.“

Ohne Dürfen, ohne die radikale Erlaubnis, alles tun zu dürfen, wirklich alles, kein Lebens- und Genussmittel, das verpönt ist, alle Schätze der Welt vor uns ausgebreitet und uns zur Verfügung, kein Tabu, alles gut – erst auf dieser Basis können wir eine wirkliche Wahl treffen.

Tun wir etwas, weil wir es müssen, so ist oftmals ein in der Zukunft liegendes Ziel leitend – gesünder werden, besser auszusehen, sich Ruhm und Anerkennung erwerben, von sich sagen zu können, dass ich ein guter Mensch bin und so weiter.

Mit der radikalen Erlaubnis, indem wir uns gestatten alles zu dürfen, bringen wir uns un-mittel-bar ins Jetzt. Und damit in den Erfahrungsraum gegenüber dem Erfüllungsraum.

Indem wir zum Beispiel laufen gehen, um schlanker oder fitter zu werden, geht es vor allem um die Erfüllung einer Vorgabe – zum Beispiel mindestens eine halbe Stunde im Stück laufen. Wenn wir jedoch – jenseits von dem, was wir lesen oder hören, dem nachgehen, wonach uns ist und uns das erlauben, z.B. einfach eine Runde spazieren zu gehen oder immer wieder gehen und dann ein Stück laufen und wieder gehen und in Fühlung mit unseren Impulsen sind, so ist es der Moment, den wir genießen. Wir brauchen uns nicht danach auf die Schulter zu klopfen und den Wert aus der Tapferkeit, Überwindung, oder dass wir den inneren Schweinehund (was für ein Wort!) bezwungen haben, beziehen.

Es gilt zunächst uns von all den Konzepten und wissenschaftlich verankerten Vorgaben zu bereinigen und alles zu gestatten, das Schokolade-Essen genauso wie das Zigarettenrauchen – ja auch das!, das Alkoholtrinken genauso wie das faul – nein besser gesagt bequem –  am Sofa liegen. Dann erst können wir eine Erfahrung damit machen.

Bei allem, was wir nicht dürfen, bei allem, was wir müssen, schalten wir – so ist meine Erfahrung – das Bewusstsein ab. Entweder weil wir das, was wir glauben zu müssen nicht wollen und es damit auch nicht bewusst erleben können/wollen sondern nur absolvieren, oder aber, weil wir das, was wir nicht dürfen,  eigentlich ja gar nicht tun – schnell noch eine Schokolade bewusstlos in den Mund geschoben, mit dem richtigen Vorsatz für Morgen oder Montag.

Das Negative, Ausschließende hat offenbar keine wirklich förderliche Wirkung, was die nachhaltige Veränderung von Verhaltensweisen betrifft. Das zeigt sich am Effekt der grauslichen Bildern auf den Zigarettenpackungen, welchen zum Trotz dennoch die Anzahl der Raucher gestiegen ist.

Der kluge buddhistische Mönch Bhante Seelawansa meinte damals, als es nur schriftliche – ebenso unwirksame – Warnungen auf den Päckchen gab, dass folgender Aufdruck effizienter wäre:  „Rauchen Sie, aber rauchen Sie achtsam!“

Wenn wir bewusst etwas tun, dann merken wir, was wir tun, wir fühlen die Wirkung, die es auf uns und unseren Organismus hat. Wir können zum Beispiel bemerken, wie der Rauch sich in der Mundhöhle, im Rachen, in der Luftröhre und auch in der Lunge anfühlt, wir können erfahren, wie wir uns nachher fühlen und diese Erfahrung kann ein Korrektiv sein.

Erst auf der Basis, die nichts ausklammert, nichts tabuisiert, nichts verpönt und verurteilt, kann eine freie Wahl stattfinden.

Und es eröffnet sich die Frage: Ich darf, aber will ich denn?

Sterben ist anders.

Sterben ist anders. Das war Cordulas*  letzte Lektion an mich.

Sterben ist anders als ich dachte, als wir dachten, damals als sie mich bat, sie bei diesem ihrem Sterben zu begleiten. Was für ein Geschenk, was für eine Liebesgabe!

Damals im Oktober – 2 Monate vor ihrem Tod-  machten wir uns gemeinsam auf  ihre letzte Reise. Alles wurde geplant. Das Kleid, das sie nachtodlich zu tragen wünschte (das Hechterle!), die handgestrickten Socken an den Füßen, schön wollte sie sein, das war ihr, die ihr Leben dem Schauspiel widmete wichtig.

Gemeinsam mit ihrer lieben Schwester saßen wir zu dritt und gingen das Begräbnis durch. Die Musik wurde ausgewählt und zusammen gehört – Bohemians Rhapsody von den Queen sollte es sein – „Und dann werden alle weinen,“ sagte sie, sitzend in ihrem Bett – „aber Du darfst nicht, weil jetzt ist dein Auftritt, Beatrix!“ Ich sollte, ebenso wie ein Schauspielkollege und ihr Schwager einen Nachruf halten, in diesen Nachrufen die verschiedenen Seiten von Cordula beschreiben. Mein Part war dabei die Innenseite, das Zarte, Feine, Stille und Spirituelle zu zeichnen.

Eine Cordula, welche viele nicht kannten, eine Cordula, die erst in den letzten Monaten im Leben mit Krebs zum Vorschein kam. Eine, die sich um die ganz einfachen Dinge kümmerte, wie es das Reinigen der Badfliesen war, die das Suppenkochen zu ihrer Meditation machte. Eine Cordula, die versuchte, ihren Frieden mit den Menschen zu machen und dazu einen um den anderen einlud – zu sich nach Hause für ein letztes Zusammensein.

So macht man das, dachte ich damals – verzeihen, sich wirklich verabschieden, Altes ziehen lassen, Dinge verschenken, dem Tod ins Auge sehen, glasklar wissen, dass es jetzt nur mehr um das Sterben geht.

Eindrücklich ist mir in Erinnerung, wie sie mir auf meine Frage, was heute gemeinsam zu tun sei, antworte, dass es um ihr Sterben ginge, das sie nun antritt und bei dem ich sie begleiten möge. Damals musste ich sie bereits zuhause besuchen, die Schmerzen in den Knochen ließen keine Wege mehr zu, sukzessive nicht mal mehr den Weg zur Haustür oder ins Bad.

So saß ich bei ihr am Bett, massierte ihre Füße und wir sprachen über Gott und die Welt.

Sie wollte es gut machen –  ihr Sterben – und so übte sie auch dies nach einem Besuch einer Schamanin. Es war eine Qual für mich anzusehen, wie sie sich plagte, die Schwelle zu überschreiten. Es war eine Qual mit anzusehen, wie sie nichts mehr behalten konnte und sich dennoch so unbändig nach ihrem geliebten Mangosaft sehnte.

Das schnitt mir ins Herz, ebenso oder vielleicht noch mehr ihre Schroffheit, ihre Schärfe und Ungeduld. Und auch, wenn ich verstehen konnte, dass es ihre Schmerzen und ihr Ringen um ein Sterben Können waren, die dies verursachten, so fühlte ich mich persönlich angegriffen, verletzt und in unserer Beziehung verraten.

Wie schön und versöhnlich war es dann, als sie mir, die bereits keine Anrufe mehr tätigte und auch keine SMS versandte, ein paar Tage vor ihrem Tod ein SMS schickte, mit der Bitte dringend zu kommen – es sei so weit. Hier nahmen wir Abschied voneinander, und es war eine Versöhnung und ein Wissen um die Liebe in unserer Beziehung spürbar. Dafür bin ich dankbar.

3 Tage später starb sie – an meinem Geburtstag. Noch einmal kamen wir zusammen, um uns von ihr – die nachtodlich noch schöner schien als zu Lebzeiten – zu verabschieden.

Vieles hat mich ihr Sterben gelehrt – dass der Körper ein eigenes Gesetz hat, das leben will und an diesem Leben festhält, und dass dies großen Schmerz verursacht, und dass es zwar gut ist, sich bewusst vorzubereiten, den Abschied zu vollziehen, dass es aber dennoch etwas Unbekanntes, nicht zu Kontrollierendes in diesem Prozess gibt.

Genauso wie die Geburt meiner Tochter so ganz anders verlief, als ich es plante und mich auch in diesem Sinne vorbereitete, so scheint auch diesem Tod-Gebärens-Prozess etwas Unbekanntes inne zu wohnen.

Vielleicht ist ja dieses Bewusstsein um das Unbekannte, nicht zu Planende, Neue in diesem Prozess die einzige und wesentliche Vorbereitung auf das je eigene Sterben.

Liebe Cordula, Danke, dass ich dabei sein durfte!

*den Namen habe ich aus Gründen der Diskretion geändert.

Is this the real life, is this just fantasy
Caught in a landside, no escape from reality
Open your eyes, look up to the skies and see
………
Nothing really matters, anyone can see
Nothing really matters, nothing really matters to me
Any way the wind blows

Aus Bohemians Rhapsody von den Queen

Über das Müssen, Dürfen und Wollen

Teil 1 Das Müssen

„Du musst besser auf Dich schauen, Du musst Dich mehr lieben,  gesund essen, Sport betreiben, keinen Alkohol trinken, genügend Schlaf haben, alten Groll loslassen, verzeihen, in Frieden sein , Dich selbst verwirklichen, Dein Leben leben, wissen, was Du wirklich willst, positiv denken, Vertrauen haben, zuversichtlich sein, an die Heilung glauben….!“

All diese Sätze bekommen wir  – oft ungefragt – zu hören, wenn wir an Krebs erkrankt sind oder ihn verhindern wollen.

Die Welt ist voll von derartigen Ansichten, was gut und was schlecht ist, was krank macht und was gesund erhält oder heilt.

Ich bitte die Leser, sich die oben genannten Sätze einen Augenblick zu vergegenwärtigen und sie in ihrer Wirkung auf sich wahr zunehmen.

In mir kann ich bei all diesem Müssen eine Verengung spüren, ein ganzkörperliches Zusammenziehen, eine angsterfüllte Tönung, und gleichzeitig ein braves, artiges Erfüllen wollen, will ich doch gesund bleiben und einen Beitrag dazu leisten.

Ja das mach ich – 3 mal mindestens pro Woche Sport, wenig Kohlenhydrate, schon gar nicht das böse Weißmehl und den schlimmen Zucker, keinen Alkohol, am besten warm essen – das sagt die traditionell chinesische Medizin, und das klingt ja auch sehr logisch …

Ja das mach ich. Schon geht´s mir besser für einen Augenblick – bin ich doch mit diesen Gedanken an das Vorhaben in einer konfliktfreien Zone.

Ja das mach ich – nicht gleich jetzt sondern nach den Ferien, nach dem nächsten Geburtstagsfest, am 1. Jänner nächsten Jahres, oder beim nächsten abnehmenden Mond.

Der kluge, witzige Michael Musalek, Leiter des Anton Proksch Instituts in Kalksburg sagte einmal in einem Radiogespräch angefragt auf die weit verbreitete Praxis von Neujahrsvorsätzen: „Nehmen Sie sich nichts vor, was Sie sich vornehmen, wollen Sie nicht, sonst würden Sie es sogleich tun.“

Ja so ist das. Wenn ich mir etwas vornehme, dann lehne ich das, was ich jetzt tue, ab, weil es – so sagt man – schlecht ist. So ist es mittlerweile common sense, dass es ungünstig ist, am Abend Kohlenhydrate zu essen,  das Essen kann nicht mehr verdaut werden, und das ist schlecht ,und dick wird man auch.

Wenn wir diese Konzepte unreflektiert in uns rein lassen, in unseren Geist, dann erzeugen wir einen Konflikt, einen Konflikt zwischen einem gewohnheitsbedingten Bedürfnis z.B. sich am Abend  noch mit etwas Süßem oder mit Brot oder Nudeln zu verwöhnen und zu beruhigen einerseits und andererseits diesem – wissenschaftlich begründeten ? Konzept, das besagt, dass Kohlenhydrate essen schlecht ist.

Meiner Ansicht nach ist gerade dieser Konflikt das krankmachende, er erzeugt eine permanente Spannung, die sehr viel Energie in Anspruch nimmt und bis in die Zellen hineinwirkt.

Anders ist es, wenn ich diese Gesundheitsmaßnahmen, die durchaus ihre Berechtigung haben, ein-sehen kann – zutiefst verstehen kann, warum dies oder das sinnvoll ist. Dieses Verstehen kann einen Beitrag zur Veränderung meiner vielleicht tatsächlich ungesunden Gewohnheitsmuster leisten.

Auf dem Boden des Verstehens kann ein Annehmen stattfinden, das nicht von einem Müssen geprägt ist sondern von einem bewusstseinsmäßigen Bejahen. Diese tiefe Bejahung ist auf einer höheren Ebene jenseits der Dualität von Gut und Schlecht.

Es geschieht damit eine Öffnung für eine neue Erfahrung und das ist immer freudvoll.

Ja das mach ich. Gleich jetzt. Da freu ich mich drauf, Da kann ich endlich aus den alten Mustern, die mich träge und müde gemacht haben raus, kann mich erfrischen mit Neuem, Unbekannten und kann mich erfahren in einer nie gekannten Weise.