Liegen lernen oder ein Lob dem Kranksein

Als ich 1998 das erste Mal mit einer Krebsdiagnose konfrontiert war, war das natürlich zunächst ein großer Schock. Zugleich war es auch ein Befreiungsschlag.

„Krebs berechtigt. Krebs berechtigte mich, auf mich zu schauen, mich zum Mittelpunkt des Lebens zu machen, Termine und Verpflichtungen abzusagen, mich um mich selbst zu drehen, aus mir heraus zu sein.“ schrieb ich damals in einem Artikel mit dem Titel „Krebs Sei Dank“

Jetzt viele Jahre später und krebsfrei bin ich natürlich auch immer wieder mit „normalen“ Krankheiten konfrontiert, wie zur Zeit mit einem grippalen Infekt, mit allem was dazu gehört, aber ! ich habe kein Fieber, schon gar nicht habe ich (Gott sei Dank!) eine derartig spektakuläre Diagnose wie Krebs.

Und da fängt es dann wieder an: „Darf ich meine Therapiestunden absagen, die KlientInnen enttäuschen, sie, die mich brauchen, allein lassen?“ frage ich mich.

So verhandle ich täglich mit mir, ob es nicht eh schon wieder geht, anstatt in einem Akt alle Stunden für die Woche abzusagen. Auch bei privaten Terminen wie einem gemeinsamen Essen befällt mich das schlechte Gewissen. Und es fällt mir sogar schwer, selbstauferlegte Verpflichtungen wie mein Fitnessprogramm (man/frau beachte das Wort!) sausen zu lassen.

So halte ich meinen Geist und damit auch meinen Körper auf Trab, gönne ihm nicht die Ruhe, die er jetzt braucht. Er, der so lieb eingesprungen ist, mich aufmerksam gemacht hat, dass eine Auszeit dran ist, wird neuerlich nicht erhört.

Dass wir erst dann von der Schule fernbleiben dürfen, wenn wir wirklich krank sind, haben wir früh erfahren. Da gilt es nicht als ein Entschuldigungsgrund, dass ich einfach nur Bauch- oder Kopfweh habe, dass ich mich schlecht und gestresst fühle.

Auch wenn wir erwachsen sind, sollten wir uns so früh wie möglich gegen Grippe impfen lassen, damit sie uns nicht erwischt, wir nicht ausfallen aus dem Arbeitsprozess, wird uns beständig gesagt.

Das alles ist ein – wie ich meine – kranker Umgang mit Krankheit, der, so bin ich überzeugt, krank macht. Im Gegensatz dazu wäre es höchst notwendig, die einfachen Krankheiten zu würdigen in ihrem Wert für unser Leben und ihrem Beitrag zur Prophylaxe von schwerer chronischer Krankheit, (denn die haben sie!).

Auf diesem Boden der gesellschaftlichen Wertschätzung könnten wir in Fühlung mit unseren Bedürfnisse kommen, wenn wir krank sind. Wir würden  uns zuallererst Ruhe gönnen, uns zurückziehen, statt zu laufen, zu gehen, zu sitzen einfach liegen, abgeben, uns versorgen lassen und reduzieren auf allen Ebenen.

Wir würden tun, was wir wollen – lesen oder nicht lesen, Radio hören, nicht einfach nur im Nebenbei, die Blumen ansehen und uns an ihnen freuen, das Fenster öffnen, um frische Luft rein zulassen, inhalieren, Tee  trinken, eine Wärmeflasche unter die Füße legen, oder ganz einfach nichts tun.

In diesem Eintauchen in uns selbst kommen wir unserem Körper wieder nahe, wir spüren ihn anhand dem Unwohlsein, in seiner Schwere, in seinem Atmen und der Erleichterung zwischen den Hustenanfällen.

Dann, nachdem die größten Beschwerden gewichen sind, werden auch Seelenkräfte spürbar, andere Dimensionen unseres Selbst eröffnen sich, Eingebungen kommen zu Tage. Erneuerung und Transformation findet statt.

Und dann, wenn wir das alles zu-lassen, wenn wir uns selbst Raum geben und die Zeit, die es braucht gewähren, erwachen die Lebensgeister, wir erstehen neu und erfrischt aus all dem wieder auf.

Bis zum nächsten Mal.

Krebs und ganzheitliche Gesundheit bei Wilhelm Reich

Wilhelm Reich, Psychoanalytiker, Arzt und Forscher (1897-1957) ist zu Unrecht in weiten Kreisen unbekannt. Er  erkannte, dass am Grund jeder Erkrankung eine Störung im bioenergetischen Funktionieren des Menschen besteht. Diese Störung drückt sich sowohl auf der körperlichen Ebene in Form von chronischen Kontraktionen, von ihm Panzerungen genannt,  aus, wie auch im Charakterlichen, in der Unfähigkeit sich auszudrücken und sich dem Leben hinzugeben. Er gilt als Vater der modernen Körperpsychotherapie, welche nicht nur an der Psyche sondern auch direkt am Körper ansetzt.

Ab den 40-er Jahren des letzten Jahrhunderts begann er systematisch mit der Erforschung der Krebserkrankung wie auch mit Untersuchungen zu ihrer Heilung.

Er erkannte, dass der Krebserkrankung eine Pulsationsstörung zu Grunde liegt, die sich chronisch  über mehrere Stadien bis zum Krebssymptom entwickelt. Diese Pulsationsstörung nannte er Schrumpfungsbiopathie. Er beschrieb, dass bei Menschen, die letztlich an Krebs erkranken ein Überwiegen der Kontraktion besteht, eine Sympathikotonie des vegetativen Nervensystems, was mit vegetativem Stress und Veränderungen im immunologischen System und in der endokrinen Regulation einhergeht.

Es ist eine Erschöpfung des Gesamtsystems, welche eine Krebserkrankung begünstigt. Im Psychischen drückt sich diese in einer Resignation, einem Aufgeben, einem Nein zu Welt und zum Leben aus. Viele Krebskranke berichten von dieser Erschöpfung in den Monaten vor der Krebserkrankung. Die Lebensfreude ist abhanden gekommen und das Leben erscheint entfremdet und sinnlos.

Es ist unglaublich, wie weitsichtig dieser Sichtweise von Reich war. Sie deckt sich eins zu eins mit den neueren Untersuchungen aus der Psychoneuroimmunologie bei Krebs, wie sie zum Beispiel durch Christian Schubert an der Universitätsklinik in Innsbruck durchgeführt werden.

Reich betrachtet also die Krebsgeschwulst  als ein Symptom der Krebserkrankung. Konsequent setzt seine Behandlung demzufolge an diesem tieferliegenden Mechanismus des bioenergetischen Funktionierens an. Er wandte dazu Orgonakkumulatoren an. mit dem Ziel „der Aufhebung der Kontraktion und der Erzeugung einer Expansion…“

Die Pulsationsfähigkeit, also das Pendeln zwischen Kontraktion und Expansion ist die Grundlage für Gesundheit. Die Anwendung des Orgonakkumulators – bisweilen begleitet von einer psychosomatisch orientierten Vegetotherapie  – führte zu dramatischen Verbesserungen sowohl was objektive Befunde aus den Ergebnisse der Blutuntersuchung betrifft – Reich brachte eine Lebendblutuntersuchung zur Anwendung – auch dieser meiner Ansicht nach äußerst bedeutsame Test ist in Vergessenheit geraten und wird kaum noch angewandt.

Vielfach ging auch die Metastasierung zurück, vor allem zeigten sich Verbesserung im subjektiven Empfinden des Menschen – Gewichtszunahme, vermehrter Appetit, weniger Übelkeit und Schmerzen, verbesserte Hautdurchblutung, Zunahme an Lebendigkeit, Empfindung von Wohlbefinden und Lust.

Er beschreibt, wie wichtig es ist, das wie er sagt in der „Tiefe festgeklemmte Nein – Nein zu befreien und die gesamtorganismische Fähigkeit zum Ja zu fördern. Gesundheit ist in diesem Sinne dann gegeben, „wenn der Organismus als ein totales Ganzes funktioniert, ….wenn die Ausdrucksbewegungen des Menschen frei ablaufen können.“ (Reich, Charakteranalyse S. 386, 1976)

Am 11.3. 2017 werde ich am Abend zum Thema „Ganzheitliche Gesundheit bei Wilhelm Reich“ sprechen. Genauere Infos zur Veranstaltung siehe hier: www.tzg.at/dieveranstaltungenimeinzelnen/tag-der-ganzheitlichen-gesundheit.html

Information über Wilhelm Reich, seine Therapieansätze und TherapeutInnen bzw. ÄrztInnen, welche in seiner Tradition arbeiten siehe www.wilhelmreich.at

Zu-Ruf statt Nach-Ruf

„Wenn nur 1% dessen, was ehrlich und wertschätzend über Politiker/innen nach ihrem Tod gesagt wird, schon zu Lebzeiten gesagt wird, wär´s gut.Und das gilt für alle Menschen, nicht nur für Politiker/innen.“ postete Christoph Chorherr am 24.2. 2017 anlässlich des Todes der  österreichischen Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser.

Viel Gutes wurde über sie gesagt in den letzten Tagen – dass sie ein wertvoller, aufrichtiger, verbindlicher, positiv denkender Mensch war, der über die Parteigrenzen hinweg wertschätzende Beziehungen führte. Für mich rückten diese Wortmeldungen die mir unbekannte Frau in ein neues, angenehmes Licht.

Es zählt zu den lieb gewonnen Gepflogenheiten, dass man am Grab über die Verstorbenen Gutes sagt. Vielmehr noch – man bemüht sich, das Gute, das vielleicht zu Lebzeiten gar nicht so deutlich offenbar wurde, heraus zu streichen.

So wird beispielsweise in einem Nachruf aus einem konfliktscheuen ein verbindlicher Mensch, dem die Harmonie zwischen den Menschen über Allem stand, und aus einem  zuvor als streitsüchtig  geltendem Menschen wird  ein kompromissloser, der sich ganz und gar für eine Sache einsetzte.

Anhand dieser  Beispiele kann gesehen werden, wie unterschiedlich Sichtweisen sein können.

Und es wird darauf ankommen, wie wir eine Eigenschaft eines Menschen sehen wollen. Die Erfahrung zeigt, dass wir zu Lebzeiten mit den für uns schwierigen, unbehaglichen Seiten  eines Menschen leider oftmals  in einer be- und verurteilenden Weise umgehen.

Und das Bemühen um eine erweiterte Sicht, die das Gute im anderen sieht, findet oftmals erst anlässlich seines Todes statt – sozusagen in unserer Komfortzone.

Was würde es tatsächlich verändern, wenn wir dieses Bemühen schon zu Lebzeiten walten lassen. Wie würde sich diese Bereitschaft zur zärtlichen Offenheit für die andere in meinem Inneren auswirken, und wie würde es für die betroffen Person wirken, wenn wirkliche An-Erkennung stattfindet.

Wie würde es sich darüber hinaus auswirken, wenn ich von meinem größten Feind, der ich für mich bin, in dem  ich mich zum Beispiel  als eine sehe, die  sich immer so aufführt, die zu viel redet, immer im Mittelpunkt stehen will, zu meiner Freundin werde, die meinen Mut zur Unbestechlichkeit wahrnimmt, die einfach viel zu sagen hat, die nun mal nicht am Rand sondern in der Mitte zu stehen hat, weil das ihr Platz ist.

Ich getraue mich zu sagen, dass das das ganze Leben ändert.

Mich anzuerkennen in dem, wie ich (nein nicht halt so) angelegt bin,  zu sehen, welche Note ich dieser Welt mit meinem So-Sein hinzuzufügen haben, zu sehen, was und wie etwas durch mich zu geschehen hat – hier und jetzt.

Dann würde die Energie, welche ich mein Lebtag aufbiete, um mich in meiner Essenz zurück zu drängen für mich und mein Lebenswerk zur Verfügung stehen.

Der große Lawrence Le Shan schreibt in seinem wertvollen Buch „Diagnose Krebs – Wendepunkt und Neubeginn“ (siehe dazu auch die Buchempfehlungen auf dieser Seite) darüber, wie das grundsätzliche Problem der Verzweiflung, das zum Leben von krebskranken Menschen seiner Erfahrung nach zu gehören scheint, zu lösen sei. „Die Lösung liegt darin, mehr und mehr der Mensch zu werden, der Sie wirklich sind.“

Die/der zu werden, die/der ich bin, braucht die Unterstützung meiner Umgebung, es braucht den liebevollen Blick von mir und den anderen.

Dann kann das Leben gut werden und ich kann, wie Le Shan schreibt, ein Leben führen, das mich wirklich befriedigt, bei dem ich jeden neu Tag freudig begrüße und mit Hoffnung in die  Zukunft schaue.

„Krebs lehrt uns viel über das Leben – Langversion

Das ist ein wunderbares Gespräch. Corinna Schöps und Claudia Wüstenhagen haben in der Online Zeit Ausgabe vom 14.Oktober 2016 einen Onkologen, einen Hämatologen und eine Palliativmedizinerin zu den verschiedensten Aspekten rund um die ärztliche Betreuung von krebskranken Menschen befragt.

Die Antworten berühren mein Herz und lassen mich Hoffnung schöpfen, dass es neben der Apparatemedizin und einem medizinischen Vorgehen, das sich nicht an der Individualität des Einzelnen orientiert, MedizinerInnen gibt, die den Menschen im wirklichen Sinne in den Mittelpunkt stellen

Die drei MedizinerInnen sprechen von gestiegenen Heilungsraten bei Kindern, von Erfolgen, was neue Operationstechniken, aber auch die Früherkennung betrifft und dem erfolgreichen Einsatz von Medikamenten bei bestimmten Krebsarten.

Sie sprechen aber auch über den Preis einer Chemotherapie im Sinne von Nebenwirkungen und Langzeitschäden.

Sie sprechen über die in der Fachwelt gefeierten Immuntherapien. Sie relativieren diesbezügliche Hoffnungen, da diese Therapien nur bei einigen Formen von fortgeschrittenem Krebs in Haut, Lunge und Niere und bei einer bestimmten Art von Leukämie wirken und die Überlebensdauer im Schnitt nur um einige Monate verlängert werden kann und dass davon „bloß eine kleine Gruppe von Patienten“ (Hämatologe) profitiert.

Ich finde es wesentlich diese Daten zu veröffentlichen, glauben viele Krebskranke doch – und so wird es ja von der Pharmaindustrie großflächig vermittelt -,  dass die Immuntherapie auch bei Brustkrebs eine Option ist, und dass damit Heilung erfahren werden kann.

Demgegenüber sagt der Onkologe im vorliegenden Interview, dass „wir immer noch nicht gut gerüstet (sind), wenn sehr häufige Krebsarten wie Darmkrebs oder Brustkrebs nach einer zunächst erfolgreichen Therapie wiederkommen.“

Sukzessive geht das Gespräch auf eine essentielle Ebene, es wird über die Machbarkeitsideologie gesprochen, die den Tod (durch Krebs) aus dem Leben ausschließen möchte.

Wertvolle Gesprächsimpulse kommen dazu naturgemäß von der Palliativmedizinerin.

Besonders berührend finde ich, wenn sie über den Umgang mit schwierigen Fragen oder Situationen mit Krebskranken berichtet. Dann wenn sie zum Beispiel über den Umgang mit Prognosen spricht:

„Wir haben immer wieder Patienten in einem weit fortgeschrittenen Stadium, die uns fragen, wie viel Zeit bleibt mir denn? Die Frage fürchtet jeder von uns. Ich warne davor, konkrete Zahlen zu nennen. Ich gebe diese Frage immer an den Patienten zurück: „Was haben Sie selbst denn für ein Gefühl? Was sagt Ihr Bauch?“

Auch andere schwierige Aspekte innerhalb eines Krebsweges werden offenherzig benannt. Zum Beispiel der Umstand, dass oftmals bis zuletzt massive Therapien angewandt werden.

Es berührt mich, wenn der Onkologe ein Beispiel aus seiner Praxis beschreibt, wo ein Patient, mit einem fortgeschrittenen Magenkarzinom, Lebermetastasen, Bauchfellkrebs zu ihm kam und nach drei maliger palliativen Chemotherapie zwar eine „tolle Remission“ hatte, über die sich der Onkologe sehr gefreut hat, andererseits aber mit Hilfe einer selbst erstellten Kurve zeigen konnte, dass „mit zunehmendem Erfolg der Chemo wir seine Lebensqualität ruiniert (hatten). Er war ein Turniertänzer ….und am Ende seiner zweiten Chemo war er fix und fertig. Wir haben zwar den Krebs kleiner bekommen, aber der Patient hatte seiner Ansicht nach wenig davon. Ich habe das als Glücksfall empfunden, dass mir ein Patient das mal so krass mitteilt, auch wenn ich enttäuscht war. Ich hatte ihm doch helfen wollen.“

Wie schön, wenn ein Arzt den Patienten in seiner Ganzheit wahrnimmt und ihn darin respektiert. Wie schön auch, dass er sich davon anrühren lässt und dies auch ehrlich ausdrückt.

Das spricht auch ein anderes heikles Kapitel an – das der subjektiven Realität z.B. der Lebensqualität und wie sich ein Patient fühlt gegenüber den Daten, die man aus Röntgenbildern, Tumormarkern, Tumorgröße, gewinnt.

Und es wird auch angesprochen, dass der direkte Kontakt zwischen Ärztin und Patientin im Gespräch und im Erkunden dieser Lebensrealität aber auch die konkrete klinische Untersuchung-  face to face – gegenüber diesen technischen Daten sukzessive zu kurz kommt.

Die Palliativmedizinerin bringt es auf den Punkt: „In unserem perversen System wird auch noch das zwanzigste CT vergütet, aber kaum mal ein Gespräch. Das ist unser Dilemma in der Palliativmedizin. Wir sind sehr zurückhaltend und hinterfragen kritisch, was nötig ist. Aber für ein nicht gemachtes CT kriegen Sie kein Geld.“

Und der Onkologe fügt hinzu dass das fürsorgliche Unterlassen, wo nicht auch noch die nächste Chemotherapie gegeben wird, nicht belohnt wird. “ Wo im Übrigen (so der Hämatologe) Forschungsergebnissen gemäß „manchmal der dritte oder vierte Durchgang mit jeweils anderen Chemotherapeutika schadet, und man darauf verzichten sollte. Da setzt langsam ein Umdenken ein. Aber es wird nicht so systematisch überprüft wie zum Beispiel die Todesrate nach chirurgischen Eingriffen oder Probleme nach dem Einsetzen von Hüften“

Was für ein wunderbares Wort: Fürsorgliches Unterlassen. Ein Unterlassen, das eine Gabe ist im Sinne des Menschen. Und es braucht  viel Behutsamkeit und Feingefühl, die die drei interviewten ÄrztInnen walten lassen, wenn es darum geht die richtigen Worte und Taten zu finden, um den Menschen dort abzuholen, wo er ist – auch in seiner/ihrer vielleicht unrealistischen Hoffnung und ihm nicht das Gefühl zu vermitteln, dass er fallen gelassen wird.

„Diese Taten können auch ein bisschen im Grenzbereich liegen. Man kann zum Beispiel eine Infusion geben, die gar keine Chemo enthält. Für viele Patienten sind die Infusionen über die Jahre zur Gewohnheit geworden, die sind ja manchmal wöchentlich gekommen. Eine Infusion ist für sie identisch mit Therapie. Ich finde, in solchen Fällen ist es nicht falsch zu sagen: „Wir machen keine Chemotherapie mehr, aber wir geben Ihnen etwas anderes, wir gucken jetzt mal, wie wir Sie stärken.“ Ich würde den Patienten damit nicht betrügen. Und dann kann man Vitamine oder Kortison geben.“ so der Onkologe.

Und es zeigt sich, dass, wenn die Ärztin klar machen kann, dass sie den Patienten nicht fallen lässt, den Prozess sorgsam bis zuletzt begleitet, dass diese dann nicht mehr auf eine weitere Chemotherapie besteht.

„ Ich habe die schönsten Briefe von Angehörigen bekommen, nicht weil ich Patienten geheilt habe, sondern weil ich ihnen unnötige Dinge erspart habe. Das ist kein Therapieabbruch, sondern eine Änderung des Therapieziels. Die Bezeichnung „Therapie abbrechen“ ist ein furchtbarer, ein saudummer Begriff.“ so der Hämatologe.

Das Interview lässt in wunderbarer Weise durchklingen, dass die ÄrztInnen dem Fluss des Lebens folgen, auch wenn es sich um das Sterben handelt, und dass auch Aspekte, wie zum Beispiel das Verdrängen der furchteinflößenden Realität einer Krebsdiagnose als eine Ressource, eine Schutzfunktion gesehen wird.

„ Verdrängung ist wie eine Wand, aber meistens ist die irgendwo löchrig, und ich schaue dann immer vorsichtig, wo sie ein bisschen brüchig ist. Ich sage dann: „Lassen Sie uns mal überlegen, was wäre, wenn es jetzt nicht so gut laufen würde, haben Sie mal darüber nachgedacht? Wissen Sie, ich kenne Patienten, die hoffen auch ganz stark, aber manchmal haben sie doch ein paar Zweifel zwischendurch. Ist das bei Ihnen auch so?“ Und es ist erstaunlich, wie weit man da kommt. So führen wir Patienten behutsam an die Realität heran, damit sie Entscheidungen treffen können.“ so die Palliativmedizinerin.

Die Palliativmedizin erfährt in dem Gespräch explizit eine Würdigung, die über ihren Stellenwert am Ende des Lebens hinausreicht.

So sagt der Onkologe: „Die Palliativmedizin wurde ja lange Zeit gar nicht richtig ernst genommen und von manchen sogar verachtet. Ich denke aber, sie könnte den Medizinbetrieb still und unterschwellig revolutionieren. Hier herrscht ein anderes Verhältnis zwischen Arzt und Patient, eine andere Ethik, die die Grenzen des Machbaren anerkennt. Dieses subversive Potenzial sollten wir mehr nutzen.“

Was für eine Aussage!  Wie würde ein Medizinbetrieb wohl aussehen, wenn die Bedürfnisse des Patienten berücksichtigt würden, wenn darauf geachtet wird, dass die Bedingungen so freundlich sind, dass sich ein Wohlbefinden, ein Wohlgefühl einstellen kann.

Wie absurd, dass diese Art der Fürsorge so oft erst zum Ende des Lebens stattfindet. Und ich könnte mir vorstellen, dass sich derartige Bedingungen zu einem früheren Zeitpunkt vielleicht sogar lebensverlängernd auswirken, dann nämlich, wenn ein Aufatmen, ein Aufgehoben sein stattfindet, dann kann vielleicht auch ein Auf-Leben stattfinden.

Das ganze Gespräch zwischen den drei MedizinerInnen ist sehr differenziert, es gibt kein plakatives Entweder-Oder, kein Schwarz – Weiß. Es wird das Leben (mit Krebs) so vielschichtig beantwortet, wie es ist.

Auch wenn es sich um den Akt des Sterbens handelt. „Sterben ist so individuell wie das Leben.“ sagt dazu die Palliativmedizinerin und meint weiter, dass sich zwar viele Menschen wünschen zu Hause zu sterben, dass damit aber oftmals die Verwandten überfordert sind und damit nicht die Unterstützung geben können, die es braucht.

Es wird betont, wie wesentlich es ist, auf Fragen über das Sterben zu antworten, aufzuklären, welche Möglichkeiten der Linderung es gibt.

Und es ist heilsam zu lesen, dass  „die Erfahrung lehrt, dass wir doch ein relativ friedliches Sterben ermöglichen können. Diese Vorstellung, die immer in den Köpfen herumschwirrt, Sterben ist Agonie, ist Kampf, ist immer mit Schmerzen verbunden – stimmt überhaupt nicht. “ so die Palliativmedizinerin.

Dann, wenn Klarheit über den Vorgang und die Hilfen beim Sterben besteht, und wenn der Mensch schmerzfrei ist und auch seine Wünsche nach einem würdevollen Sterben berücksichtigt werden, dann erübrigt sich auch der Wunsch nach einer Sterbehilfe. „Die (welche ursprünglich einen Wunsch nach Sterbehilfe hatten; Anm. BTW) hatten eigentlich gemeint: Ich möchte so nicht mehr leben, ich kann diese Schmerzen nicht aushalten, diese Atemnot, die Angst. Wenn Sie das lindern, ist das kein Thema mehr.“

und weiter

„Es gibt Prozesse zum Ende des Lebens, die wir nicht absehen können, die wir auch nicht beurteilen können, da ist noch viel möglich, sodass ein Leben vielleicht doch ein Stück weit vollendet ist. Es gibt psychologische Phänomene, wie sich der Mensch an Situationen anpasst. Das nennt sich response shift. Ich kalibriere mein Wertesystem so, dass etwas für mich wertvoll ist oder Lebensqualität bekommt, von dem ich früher gesagt hätte, das ist für mich inakzeptabel.“ so die Palliativmedizinerin.

Abschließend – als eine Art Credo –  des Gesprächs möchte ich den Onkologen zitieren:

„Man lernt so viel über das Leben, wenn man mit Krebskranken arbeitet. Das ist der Grund, warum ich mich mit der Onkologie beschäftige. Und ich denke, das neue Zeitalter könnte darin bestehen, dass man beharrlich weiterforscht, die Therapien verbessert, aber gleichzeitig akzeptiert, dass es Grenzen gibt, da kann eine gute Palliativmedizin trösten und helfen. Aber dass man Krebs als Teil unseres Lebens versteht, denn er ist ein Teil davon.“

Das einzig Irritierende an diesem wunderbaren, hoffnungsstiftenden Gespräch ist der Umstand, dass nirgends eine Namensnennung dieser ÄrztInnen zu finden ist.

Ist es vielleicht ein Tabu, vielleicht sogar existenzgefährdend als Arzt/ Ärztin, sich derart freimütig über den Umgang im Medizinbetrieb, über die übermäßige Großzügigkeit in der Anwendung von Chemotherapeutika, über die noch gar nicht so große Wirksamkeit von neuen Therapien zu äußern.

Ist es vielleicht gefährlich, den Krebs als Arzt nicht in erster Linie ausrotten zu wollen sondern ihn und  auch das Sterben zum Leben gehörig zu sehen und demgemäß zu behandeln .

Das ganze Interview ist unter  www.zeit.de/2016/38/chemotherapie-krebs-immuntherapien-palliativmedizin-onkologie-haematologie

 

„Krebs lehrt uns viel über das Leben“ – Kurzversion

Das ist ein wunderbares Gespräch. Corinna Schöps und Claudia Wüstenhagen haben in der Online Zeit Ausgabe vom 14. Oktober 2016 einen Onkologen, einen Hämatologen und eine Palliativmedizinerin zu den verschiedensten Aspekten rund um die ärztliche Betreuung von krebskranken Menschen befragt.

Die Antworten berühren mein Herz und lassen mich Hoffnung schöpfen, dass es neben der Apparatemedizin und einem medizinischen Vorgehen, das sich nicht an der Individualität des Einzelnen orientiert, MedizinerInnen gibt, die den Menschen im wirklichen Sinne in den Mittelpunkt stellen

Die drei MedizinerInnen sprechen von gestiegenen Heilungsraten bei Kindern, von Erfolgen, was neue Operationstechniken, aber auch die Früherkennung betrifft und dem erfolgreichen Einsatz von Medikamenten bei bestimmten Krebsarten.

Sie sprechen aber auch offen über den Preis einer Chemotherapie im Sinne von Nebenwirkungen und Langzeitschäden.

Sie sprechen über die in der Fachwelt gefeierten Immuntherapien. Sie relativieren diesbezügliche Hoffnungen, da diese Therapien nur bei einigen Formen von fortgeschrittenem Krebs in Haut, Lunge und Niere und bei einer bestimmten Art von Leukämie wirken und die Überlebensdauer im Schnitt nur um einige Monate verlängert werden kann und dass davon „bloß eine kleine Gruppe von Patienten“ (Hämatologe) profitiert.

Ich finde es wesentlich, diese Daten zu veröffentlichen, glauben viele Krebskranke doch – und so wird es ja von der Pharmaindustrie großflächig vermittelt -,  dass die Immuntherapie (bislang) auch bei Brustkrebs eine Option ist, und dass damit Heilung erfahren werden kann.

Demgegenüber sagt der Onkologe im vorliegenden Interview, dass „wir immer noch nicht gut gerüstet (sind), wenn sehr häufige Krebsarten wie Darmkrebs oder Brustkrebs nach einer zunächst erfolgreichen Therapie wiederkommen.“

Sukzessive geht das Gespräch auf eine essentielle Ebene, es wird über die Machbarkeitsideologie gesprochen, die den Tod (durch Krebs) aus dem Leben ausschließen möchte.

Wertvolle Gesprächsimpulse kommen dazu naturgemäß von der Palliativmedizinerin.

Besonders berührend finde ich, wenn sie über den Umgang mit schwierigen Fragen oder Situation mit Krebskranken berichtet. Dann wenn sie zum Beispiel über den Umgang mit Prognosen spricht oder andere schwierige Aspekte innerhalb eines Krebsweges offenherzig benannt werden. Zum Beispiel der Umstand, dass oftmals bis zuletzt massive Therapien angewandt werden.

Wie schön ist es zu hören, wenn ein Arzt (in diesem Fall der Onkologe, der aus seiner Praxis spricht) den Patienten in seiner Ganzheit wahrnimmt und ihn darin respektiert. Wie schön auch, dass er sich davon anrühren lässt und dies auch ehrlich ausdrückt.

Das spricht auch ein anderes heikles Kapitel an – das der subjektiven Realität z.B. der Lebensqualität und wie sich ein Patient fühlt gegenüber den Daten, die man aus Röntgenbildern, Tumormarkern, Tumorgröße, gewinnt.

Und es wird auch angesprochen, dass der direkte Kontakt zwischen Ärztin und Patientin im Gespräch und im Erkunden dieser Lebensrealität aber auch die konkrete klinische Untersuchung –  face to face – gegenüber diesen technischen Daten sukzessive zu kurz kommt.

Und es wird auch darüber gesprochen,  dass „das fürsorgliche Unterlassen nicht belohnt (wird) “ (so der Onkologe), wo nicht auch noch die nächste Chemotherapie gegeben wird, wenn absehbar ist, dass sie weder Linderung noch Heilung verspricht.

Was für ein wunderbares Wort: „Fürsorgliches Unterlassen.“ Ein Unterlassen, das eine Gabe ist im Sinne des Menschen. Diese Gabe gilt es mit Feingefühl und Behutsamkeit zu vermitteln, damit sich der Patient nicht fallen gelassen fühlt. Es gilt auch Taten zu setzen, die vielleicht im Grenzbereich liegen, wo eine Infusion ohne Chemo nur mit Vitaminen und Kortison gegeben wird, um dem Menschen nicht den letzten Strohhalm an Hoffnung zu nehmen.

Und es zeigt sich, dass, wenn die Ärztin klar machen kann, dass sie den Patienten nicht fallen lässt, den Prozess sorgsam bis zuletzt begleitet, dass dann die Patienten nicht mehr an der Chemotherapie festhalten..

Das Interview lässt in wunderbarer Weise durchklingen, dass die ÄrztInnen dem Fluss des Lebens folgen, auch wenn es sich um das Sterben handelt, und dass auch Aspekte, wie zum Beispiel das Verdrängen der furchteinflößenden Realität einer Krebsdiagnose als eine Ressource, eine Schutzfunktion gesehen wird.

Sensationell finde ich die Aussage des Onkologen, der die Palliativmedizin als revolutionäre Kraft im Medizinbetrieb würdigt, weil „hier ein anderes Verhältnis zwischen Arzt und Patient (herrscht), eine andere Ethik, die die Grenzen des Machbaren anerkennt.“

Was für eine Aussage!  Wie würde ein Medizinbetrieb wohl aussehen, wenn die Bedürfnisse des Patienten berücksichtigt würden, wenn darauf geachtet wird, dass die Bedingungen so freundlich sind, dass sich ein Wohlbefinden, ein Wohlgefühl einstellen kann.

Wie absurd, dass diese Art der Fürsorge so oft erst zum Ende des Lebens stattfindet. Und ich könnte mir vorstellen, dass sich derartige Bedingungen zu einem früheren Zeitpunkt vielleicht sogar lebensverlängernd auswirken, dann nämlich, wenn ein Aufatmen, ein Aufgehoben sein stattfindet, dann kann vielleicht auch ein Auf-Leben stattfinden.

Das ganze Gespräch zwischen den drei MedizinerInnen ist sehr differenziert, es gibt kein plakatives Entweder-Oder, kein Schwarz – Weiß. Es wird das Leben (mit Krebs) so vielschichtig beantwortet, wie es ist.

Auch wenn es sich um den Akt des Sterbens handelt, wird der Individualität Rechnung getragen

Es wird betont, wie wesentlich es ist, auf Fragen über das Sterben zu antworten, aufzuklären, welche Möglichkeiten der Linderung es gibt.

Und es ist heilsam zu lesen, dass  „die Erfahrung lehrt, dass wir doch ein relativ friedliches Sterben ermöglichen können. Diese Vorstellung, die immer in den Köpfen herumschwirrt, Sterben ist Agonie, ist Kampf, ist immer mit Schmerzen verbunden – stimmt überhaupt nicht. “ so die Palliativmedizinerin.

Dann, wenn Klarheit über den Vorgang und die Hilfen beim Sterben besteht, und wenn der Mensch schmerzfrei ist und auch seine Wünsche nach einem würdevollen Sterben berücksichtigt werden, dann erübrigt sich auch der Wunsch nach einer Sterbehilfe.

Abschließend – als eine Art Credo, des Gesprächs möchte ich den Onkologen zitieren:

„Man lernt so viel über das Leben, wenn man mit Krebskranken arbeitet. Das ist der Grund, warum ich mich mit der Onkologie beschäftige. Und ich denke, das neue Zeitalter könnte darin bestehen, dass man beharrlich weiterforscht, die Therapien verbessert, aber gleichzeitig akzeptiert, dass es Grenzen gibt, da kann eine gute Palliativmedizin trösten und helfen. Aber dass man Krebs als Teil unseres Lebens versteht, denn er ist ein Teil davon.“

Das einzig Irritierende an diesem wunderbaren, hoffnungsstiftenden Gespräch ist der Umstand, dass nirgends eine Namensnennung dieser ÄrztInnen zu finden ist.

Ist es vielleicht ein Tabu, vielleicht sogar existenzgefährdend als Arzt/Ärztin, sich derart freimütig über den Umgang im Medizinbetrieb, über die übermäßige Großzügigkeit in der Anwendung von Chemotherapeutika, über die noch gar nicht so große Wirksamkeit von neuen Therapien zu äußern.

Ist es vielleicht gefährlich, den Krebs als Arzt nicht in erster Linie ausrotten zu wollen, sondern  ihn, und ja auch das Sterben, zum Leben gehörig zu sehen und ihn dementsprechend zu behandeln.

Das ganze Interview ist unter  www.zeit.de/2016/38/chemotherapie-krebs-immuntherapien-palliativmedizin-onkologie-haematologie

Alles gut! Über die Kraft der Gegenwärtigkeit

Alles gut!

Diese zwei Worte verbindet man nicht unbedingt mit einer Krebserkrankung.

Da scheint gar nichts gut.

Nein, vielmehr ist nichts mehr, wie es war.

Das Vertrauen in meinen Körper und das Leben ist erschüttert, der Blick angstvoll auf eine ungewisse Zukunft gerichtet.

Gleichzeitig wird durch diesen Ein-Schnitt der horizontale Weg von der Vergangenheit zur Zukunft mit einer nicht wahrgenommenen Gegenwart unterbrochen.

Und ich bin plötzlich ganz da.

Wie auch immer ….

Im Erleben des Schocks, der Überwältigung durch meine Gefühle, aber auch mit dem Wissen, dass ich mehr bin als mein Körper, meine Rollen, meine Angst und Schwäche.

Aus diesem Gegenwärtig sein im Jetzt tut sich ein Wissensraum auf.

Und ich kann erfahren, dass jenseits aller Vorstellung über meine Zukunft, dem Ausgang meiner Krankheit aber auch aller Ideen, warum ich krank geworden bin, ich einfach jetzt bin.

Und da ist es still und gut.

Still und gut und ohne Wollen und Abwehren und ohne Angst.

Hier gilt es zu verweilen, auszurasten, einfach zu sein.

Und dann taucht eine Gewissheit auf, was zu tun ist.

Ja genau das, zweifelsfrei, eindeutig weiß ich, welcher der nächste gute Schritt ist.

So ist das Vertrauen im Jetzt gebor(g)en.

Und bei all der Endlichkeit, die uns im Leben mit Krebs so bewusst wird, eröffnet dieses „stimmige Jetzt“ ein zeitloses Fenster, in welchem die zeitliche Grenze unbedeutend wird.

Und da ist alles gut.

Sowieso.

 

Diagnose Krebs – Alles ist richtig!

 

Die Art, wie die Betroffenen auf die Diagnose reagieren ist sehr unterschiedlich und teilweise für die Angehörigen oder Freundinnen nicht verstehbar.

Die meisten Menschen sind im Eindruck des Diagnoseschocks sehr gefasst.

Es gibt jedoch auch welche, die sofort in Tränen ausbrechen, die außer sich geraten, vielleicht auch toben, schreien, und so ihre Panik ausdrücken. Andere verstummen,  ziehen sich zum Leidwesen der Angehörigen, die ja dieses Erleben teilen und hilfreich sein wollen, in sich zurück. Manche beginnen eifrig zu handeln, indem sie sogleich telefonieren oder im Internet  recherchieren. Andere wollen immer wieder alle Details der Diagnose erzählen. Manche hingegen verschweigen die Diagnose, und versuchen ganz allein damit umzugehen. Und manche entscheiden sich, die Diagnose gar nicht ernst zu nehmen. Sie bleiben weiteren Untersuchungen fern, und verleugnen über lange Zeit die Tatsache ihrer Krebserkrankung.

All dies sind Formen der Bewältigung und sind richtig, so eigenartig sie uns vorkommen mögen. In der Traumatherapie gilt das Prinzip der Normalität, der zufolge alle Symptome als ein Selbstheilungsversuch, ein Versuch die belastenden Ereignisse zu verarbeiten,  gesehen werden.

Es  ist an uns, uns von Konzepten, wie die Reaktion auf eine Krebsdiagnose auszusehen hat, was normal und gesund ist, zu lösen. Ich hege immer sehr zwiespältige Gefühle, wenn in einer Zeitung ein tapferer und gefasster Umgang mit der Diagnose als vorbildhaft gelobt wird, ist das doch ein Hinweis, dass man nicht emotional sein soll. Sophie Sabbage ließ ihren Tränen inmitten der allgemeinen stoischen Stille im Warteraum der Ambulanz, wo sie auf ihre erste Bestrahlung wartete, freien Lauf. Sofort trat eine Schwester zu ihr, mit der Frage, ob alles in Ordnung sei. „Wahrscheinlich bin ich die Einzige hier, mit der alles in Ordnung ist“, antwortete sie.

Die eigene Angst, dass es auch mich treffen könnte, das Entsetzen, wie schnell es gehen kann, kann nur schwer verborgen werden. Auch werden Menschen mit Krebs oftmals gemieden, oder sie erhalten eine Flut von Ratschlägen und Deutungsversuchen über die Ursachen der Erkrankung. Das erzeugt einen großen Druck und behindert die Selbstheilungsvorgänge.

Ich kann mich noch gut an meine eigenen Erfahrungen erinnern: So sagte mir eine gar nicht freundliche Freundin, dass ich mich jetzt endlich meiner eigenen Tiefe und Abgründigkeit stellen müsse, oder eine etwas esoterisch angehauchte Frau teilte mir mit, dass Krebs in der linken (oder war es die rechte?) Brust für Schwierigkeiten in der Partnerschaft steht, und ich mir eine Trennung zu überlegen hätte. Eine Nachbarin schrie mir auf die Mitteilung meiner zweiten Diagnose entgegen, dass das alles Unsinn sei, und ich sicher keinen neuerlichen Krebs hätte.

All das prasselt ungefragt auf die ungewappnete Person ein und schwächt sie in der Bewältigung der Aufgaben, die sich ihr stellen. Viele Betroffen schweigen deshalb, weil sie die Überforderung der Mitmenschen nicht aushalten wollen. Er/sie spürt, dass es dem Angehörigen zu viel ist, dass er/sie ihre Reaktionen und Vorgangsweisen ablehnt. Das geschieht teilweise sehr subtil, und dennoch hat das weitreichende Folgen. „Ich kann die anderen nicht belasten, es ist ihnen zu viel, ich muss alleine damit fertig werden. Im Grunde bin ich allein“, ist daher eine häufige Aussage von Betroffenen. Hier an diesem Punkt findet oftmals das Verlassen – Werden statt.

Was ist zu tun:

Um mit den verschiedenen Reaktionsweisen unserer krebskranken Angehörigen umgehen zu können, ist es notwendig,  mich mir selbst zu zuwenden und wahrzunehmen, wie viel Angst und Schrecken in mir ist. Dies ist auch verständlich, haben wir als Angehörige und FreundInnen doch große Angst, den Liebsten zu verlieren, und sind selbst höchst verunsichert und überfordert mit der Situation. Diese Zuwendung zu mir selbst beugt den oben beschriebenen automatischen Reaktionsweisen vor, die der Abwehr von Gefühlen dienen.

Dann braucht es einen Mut zur Offenheit. Mut, damit ich, als Betroffene, sagen kann, dass ich beispielsweise beim Gegenüber einen kritischen Blick wahrnehme oder eine abwehrende Geste, die mich irritiert.  Und auch den Mut, eigene Wünsche zu äußern: „Ich möchte, dass Du mir nur zuhörst, damit ich meine Gedanken und Gefühle äußern kann, ich möchte, dass Du mich in den Arm nimmst, damit ich mich ausweinen kann, damit sich mein Zittern der Angst aus dem Körper herauslösen kann, dass Du mir Halt gibst und für mich da bist.“ Da es um eine existentielle Bedrohung durch die Krankheit geht, fällt es den Betroffenen in dieser Zeit relativ leicht, für sich selbst einzutreten, auch wenn es für die Person in all den vorhergehenden Jahren sehr schwierig war, Nein zu sagen oder um eine Hilfe zu bitten.

Aber auch die Angehörige, die Freundin hat das Recht offen zu äußern, dass ihr etwas zu viel wird,  dass sie zum Beispiel als Begleiterin beim Arztbesuch überfordert ist, dass sie für die nächsten Stunden Abstand braucht, für sich sein muss, um ihren Schock zu verarbeiten, um zu sich zu kommen und ihren eigenen Gefühlen Raum zu geben. Gut ist es, ganz konkrete umschriebene Vereinbarungen zu treffen. „Ich kann zwar dem (vermeintlichen) Anspruch nicht entsprechen, die ganze Zeit für Dich da zu sein, aber ich kann mit voller Aufmerksamkeit das letzte Erlebnis im Spital für die nächste Stunde aufnehmen, und wenn ich gefragt werde, auch meine Meinung, meine Resonanz dazu äußern.“

Sabbage  hat zwei Listen für ihre Mitmenschen erstellt – eine, in der sie Hilfreiches notierte, wozu auch ganz pragmatische Wünsche aufschienen, wie z.B. basisches, veganes  Bioessen zu kochen, sich um das Kind zu kümmern, aber auch „Es mir zu gestatten, zu fühlen, was ich gerade fühle, auch  Hoffnungslosigkeit und Angst.“  Auf der „Nicht-hilfreich“ Liste fand sich zum Beispiel, dass man ihr nicht sagen möge, dass sie positiv zu denken habe, auch das Analysieren, warum sie Krebs habe, und was das über ihr Karma aussagt, sei unerwünscht.

Ich habe in der Begleitung von Krebskranken und ihren Angehörigen die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, diese Notwendigkeiten  in einem unaufgeregten Kontext – vielleicht mit Begleitung eines Coach oder einer Therapeutin – grundsätzlich zu besprechen.

Zusammenfassend ist rund um die Diagnose Folgendes unterstützend: Ein Umfeld, welches die Angst und den Schock da sein lässt, ohne einzugreifen.  Menschen die einfach da sind, menschlich präsent, sodass sich der Schock herauslösen darf aus dem Organismus. Kongruenz, Authentizität, ein Bewusstsein, was in mir selbst abläuft, und eine authentische Vermittlung. Sagen, dass ich sprachlos bin, ausdrücken, was in mir vorgeht oder die schlichte Frage stellen – „Was brauchst du? Was kann ich für Dich tun?“ anstelle sich den Kopf zu zerbrechen, was wohl gewünscht ist.  Ebenso ist es notwendig, sich um eine eigenen Freiraum und auch eine Unterstützung bemühen.

Hilfreiche Bücher:

Fischer, G. (2013): Neue Wege aus dem Trauma. Erste Hilfe bei schweren seelischen Belastungen. Ostfildern: Patmos.

Jellouschek, H. (2010): Trotzdem Leben! Wenn ein Partner Krebs hat. Freiburg im Breisgau: Herder.

Sabbage, S. (2016): Die Krebsflüsterin. Der 8-Schritte-Kompass für einen selbstbestimmten Umgang mit der Krankheit. München: Irisiana.

Über-Gewicht

Es zählt wohl zu den häufigsten Neujahrsvorsätzen, ein paar Kilos zu verlieren.

Auch ist das bisweilen notwendig, weil Übergewicht gesundheitlich belastend sein kann, und bei einigen Krebsarten zu den Risikofaktoren zählt.

Viele Menschen versuchen mit Diäten ihre überflüssigen Kilos loszuwerden. Und oftmals sind diese Kilos bald wieder da, oder noch mehr.

Für mich ist Übergewicht die Folge davon,  dass ich zum Beispiel Dinge esse, die ich eigentlich jetzt gar nicht will – z.B. weil in der Weihnachtszeit alle Vanillekipferl essen,  dass ich also wo mitmache, unbewusst, weil alle das jetzt so tun. Es entsteht da, wo ich Alkohol trinke, weil man zu einem guten Abendessen in einem Restaurant Alkohol trinkt, anstelle des köstlichen alkoholfreien Cocktails. Also dann, wenn ich einer Idee und nicht einem organismischen Bedürfnis folge.

Aber Übergewicht ist für mich auch eine Folge davon, dass ich  mir grausliche Filme ansehe, wo wehrlose Menschen festgehalten und gequält werden von unbarmherzigen Menschen.  Und zwar sowohl im tatsächlichen Sinne – Untersuchungen bestätigen, dass längeres Fernsehen, vor allem, wenn man spannungsreiche Filme schaut, dick macht. Aber auch im energetischen Sinne, dass wir –  so empfinde ich das – eine natürliche Abwehr gegen Grausamkeit und dagegen haben, dass Menschen oder Tieren Gewalt angetan wird. Diese Abwehr bewirkt ein Entgegenhalten und verhindert damit den freien Fluss der Energie. Das ist und verursacht alles Über-Gewicht. Zuviel von jetzt für mich Falschem, Unbekömmlichem, Unverdaulichem, Unverträglichem.

Für mich gilt es in diesem Sinne vom Man zum Ich zu erschlanken, indem ich mich, meinen Körper frage, was ich jetzt wirklich will.

Und zwar auf jeder Ebene –  auf der Ebene des Essens und Trinkens ebenso wie der sozialen Kontakte, welche mich nicht nähren, wo ich meine, aushalten zu müssen, dass jemand eine Bestätigung von mir will, und ich nicht wage, sie ihm zu verweigern, obwohl ich ganz und gar nicht mit dem Gesagten übereinstimme. Dann wenn ich mir endlose Klagen anhöre, weil ich nicht unhöflich sein will und es nicht wage, die andere Person auf ihre Verantwortung für dieses ihr Leben hinweise.

Wenn ich Ja zu etwas sage, wo mein ganzer Organismus Nein sagt. Wenn ich  dieses Nein ersticke in einem Wust von Rechtfertigung – man muss die Menschen nehmen so wie sie sind, oder noch gefinkelter, aus einem spirituellen Eck, die anderen sind nur unser Spiegel, dann halte ich den Atem an, schlucke all das Wider runter, und das ist dann Schlacke, Stagnation und fest.

So vieles macht also Über-Gewicht. Auch wenn ich etwas zusage, wo ich schon beim Aussprechen weiß, dass ich es nicht will. Wo ich mich nicht gleich dem Unangenehmen stelle, und es dadurch über Tage und Wochen und vielleicht Monate mit mir rumschleppe. Dann ist das Über-Gewicht.

Man sagt Übergewicht ist eine Frage der Energiebilanz zwischen Aufnahme und Abgabe, ausgedrückt in Kalorien.

Für mich ist Übergewicht ein Ausdruck einer energetischen Stagnation, eines Zuviel von Unbekömmlichem, Falschem (in dem Sinne, dass es jetzt für mich nicht stimmt) in jederlei Hinsicht. Es ist eine Folge von Unbewusstheit, dass ich ohne zu spüren, zu schmecken, zu fühlen mir einfach irgendwas „reinziehe“.

Es ist aber auch eine Folge von Unausgedrücktem, Unterdrücktem, gesellschaftlichen Tabus, von Unfreiheit. Dann fließt es nicht mehr in meinem Organismus, der Atem flach befeuert nicht die Verdauung, es bleibt eine Schicht unergriffen von meinem lebendigen Sein.

Es funktioniert meiner Ansicht nach nicht, mich noch mehr zu kasteien, mir noch mehr zu verbieten, z.B. verbissen eine Sportart auszuüben, nicht aus Freude sondern aufgrund von  Vernunftgründen.

Vielmehr geht es darum, zu schauen, wonach es mich jetzt wirklich verlangt, was mein Organismus, oder wie ich es einmal in einem Artikel genannt habe, meine Seele wirklich begrüßt. Mich aber auch zu fragen, was ich jetzt sagen und ausdrücken und tun und verändern will.

Und es wäre im Sinne einer Krebsprophylaxe förderlich, dass wir einander ermutigen, diese unbequemen, aber auch schönen Wahrheiten („Wow, Du siehst gut aus, ich mag es, wie Du sprichst, ich danke Dir für das, was Du in die Welt gibst…“) zu schenken.

Und dann, wenn ich in einer Art Verliebtheitsgefühl bin, verliebt ins Leben, dann beginnt es zu fließen, der ganze Körper ist ergriffen und durchdrungen von dem, was Wilhelm Reich Strömen nennt.

Und schon purzeln die Kilos jeglicher Art.

Geburt-Sterben

Das ist eigentlich gar kein Thema – das Sterben zu Weihnachten – könnte man denken.

Aber so hat sie es sich ausgesucht, meine liebe Marianna*.

Damals vor 2 Jahren, am 24. Dezember in einem Wiener Krankenhaus.

Es war dies ein strahlender Wintertag, der Himmel wolkenlos blau, die Atmosphäre erwartungsvoll ausgerichtet auf die Christgeburt, als sie ihren letzten Atemzug tat.

Lange hatten wir einander nicht gesehen, nur manchmal noch telefoniert, auch das immer seltener.

Vieles hatten wir aufarbeiten können zusammen – Belastendes aus ihrer Kindheit, Operationen, Einsamkeit, Gewalt. Und immer fand im Zuge der EMDR Sitzungen eine Öffnung zum Spirituellen statt, zu dem, was größer war als sie selbst und das Schicksal.

So fand Versöhnung statt. Stück um Stück.

Sie, die ihr Leben lang sehr leise ihre Arbeit und ihre Liebesdienste verrichtete, wurde in den letzten Monaten noch stiller, eingekehrter in sich.

Dann war es klar, dass sie nicht mehr alleine zu Hause bleiben konnte, und so wurde ich ein paar Tage vor ihrem Tod von ihrer Tochter in Kenntnis gesetzt, dass sie nun in einem Krankenhaus sei, um ihre letzten Tage dort zu verbringen.

Sie, die sich stets mit oberflächlichen Kontakten und Gesprächen schwer tat, war nun in einem Zimmer mit 2 älteren Frauen untergebracht und sie, die immer Angst vor allem Ärztlichen hatte – kein Wunder bei all den traumatisierenden medizinischen Erlebnisse in ihrer Kindheit – erfuhr nun eine liebevolle, schmerzlindernde ärztliche Hilfe.

Ja sie wollte mich noch einmal sehen, da freute ich mich,  ist es mir doch immer wichtig, mich persönlich zu verabschieden von meinen lieben Krebsklientinnen, speziell wenn die Beziehung wie bei Marianna so zart und innig ist.

Es wurde vereinbart, dass ich am 24.12. auf dem Weg zum Weihnachtsfest bei meiner Mutter vorbeikommen sollte.

Dann in der Früh merkte ich einen „Ruf“,  und so machte ich mich nicht erst am Nachmittag sondern schon am späten Vormittag auf den Weg.

Wie immer empfand ich eine Scheu und auch eine Unsicherheit, wie ich diesen sterbenden Menschen wohl vorfinden werde.

Da lag sie, Marianna, noch zarter als ich sie erinnerte und tat ihre „Arbeit“ – ich empfinde es immer als eine (Geburts-) Arbeit, das Sterben.

Sie tat das unaufgeregt, wie das so ihre Art war und ganz und gar konzentriert.

Einatmen – Ausatmen. Immer weniger Einatmen, immer länger Ausatmen.

Wir – ihre Tochter und ich – saßen am Bettrand und sprachen über sie, über das, was wir mit Marianna erfahren hatten, und wer sie war.

Daneben im Zimmer waren ihre zwei Zimmergenossinnen, mit Lockenwicklern im Haar, wollten sie doch schön sein, wenn sie von ihren Angehörigen abgeholt wurden. Sie sprachen Belangloses, schienen die Größe des Ereignisses im Raum nicht zu bemerken.

Wie wunderbar, dachte ich, dass Leben auf so vielen Ebenen gleichzeitig stattfindet und wie schön, dass dieses selbstverständlich, einfach Menschliche den Hintergrund für Marianna´s letzte Lebensmomente bildete.

Dann eine Stunde nach meinem Weggehen tat sie ihren letzten Atemzug, so unscheinbar, dass es zunächst gar nicht bemerkt wurde.

Auch das so ganz Marianna.

Danke.

 

*den Namen habe ich aus Diskretionsgründen geändert.

 

Frei-Raum Schaffen

Eines der größten Geschenke meiner Krebsdiagnose war die Notwendigkeit und das Recht, mir einen Freiraum zu verschaffen.

Ich, die mich verpflichtet fühlte, jede freie Minute zu nutzen, um an etwas – einem Vortrag, einem Artikel, an meiner Selbstverwirklichung oder an meinem geistigen und körperlichen Wohl –  zu arbeiten, musste mich plötzlich ganz und gar um mich kümmern. Termine bei Ärzten mussten vereinbart werden, ich musste mich auf die OP vorbereiten und dann während der Bestrahlung für gute Bedingungen sorgen, um die Nebenwirkungen gering zu halten.

Und plötzlich war es ganz selbstverständlich, Kliententermine abzusagen, mich nach der ersten Diagnose für 4 Monate ganz aus den beruflichen Verpflichtungen zurück zuziehen.

Die Welt rückte ab, und ich wurde zu ihrem/meinem Mittelpunkt.

Dann 4 Jahre später erhielt ich die 2. Diagnose. Wieder war ich in eine Lebensweise zurück gefallen, welche von Absolvieren, zur Verfügung stehen und Überforderung geprägt war. Die Nebenwirkungen der Bestrahlung waren jedoch von einer unerwarteten Massivität, sodass ein Weiterhasten  nicht mehr möglich war. Und hier im Zuge einer Meditation wurde ganz klar, dass ich die Praxis zuzusperren hatte. Glücklicherweise war mir dies, da ich finanziell abgesichert war, möglich.

Und ich spürte, wie sogleich Heilung stattfand.

Es folgten eineinhalb Jahre mit Frei-Raum in Hülle und Fülle. Nein, ich nahm mir auch nichts vor für diese Zeit, ich musste die Zeit nicht „sinnvoll nutzen“.

Ich riskierte den Frei-Raum des Lebens. Ich lebte in den Tag hinein, wusste am Morgen nicht, ob ich das Haus überhaupt verlassen würde heute, oder doch lieber einen Schlafsack für das Enkelkind stricken, OE1 hören, in der Küche sitzend verbringen wollte.

Oder ich traf mich mit einer Freundin im Kaffeehaus und als ich mich verabschiedete und auf die Straße trat, begegnete mir eine andere, mit der ich sogleich ins Kaffeehaus zurückkehrte, um eine weitere Stunde dort zu verbringen.

Mein Organismus, die organismische Resonanz wie Carl Rogers diese innere Bewertungsinstanz nennt, die weiß, was jetzt im Augenblick zu tun ist, führte Regie.

Ich fand statt.

Und  lebte auf.

In derartigen Extremerfahrungen, wie es eine Krebsdiagnose und die nachfolgenden Behandlungen sind, ist es oftmals leichter, sich selbst bedingungslos Gehör zu schenken. Viele an Krebs erkrankte Menschen haben in dieser Zeit den Mut, weil sie auch das Recht haben – „Jetzt wo Du Krebs hast….“- für ihre Bedürfnisse einzustehen und sich zum Mittelpunkt zu machen.

Ein wesentliches Bedürfnis war und ist für mich das terminlose Alleinsein. Der Tag-  nicht zurückgestaut auf eine Reihe von einzuhaltenden Terminen – dehnt sich in mich aus und schafft einen kreativen Raum, aus dem Ent-Faltung stattfinden kann.

Das Leben wird nicht mehr absolviert sondern gelebt.

Und oft sind es ganz einfache Bedürfnisse, die dann entdeckt werden: in Stille sein, in der Natur, die Bedürfnisse nach gesunder Nahrung, nach Bewegung, nach Einkehr, nach kreativem Ausdruck….

Bald jedoch nach der uns zugestandenen Zeit der Rekonvaleszenz beginnt es wieder zu wuchern –  die Außenwelt-  und der „Weltinnenraum“, wie Rilke diesen Bereich des „Offenen“, der „Unbetretbarkeit“ nennt, droht erneut verloren zu gehen.

Da ist es wichtig, sich zu entsinnen, was und wann es zu viel wird. Und das sind oft auch Dinge, Ereignisse, die mir grundsätzlich Freude bereiten, wie FreundInnen zu treffen, ein Seminar zu besuchen, auszugehen in ein Theater, in ein Kino…

Dann gilt es, den Mut zu haben, abzusagen, für mich einen Frei-Raum zu schaffen, mich von dem Getose des außen zurück zu ziehen in mich.

Immer wieder und wieder.