Diagnose Krebs – Über das Placebo

Angeregt durch eine Radiokollegsendung auf OE 1 in der Woche vom 25.-28.1.2016 möchte ich der Frage nachgehen, inwiefern die Ergebnisse aus der Placeboforschung Relevanz in der Behandlung von Krebserkrankung haben.

Unter Placebo, das aus dem Lateinischen stammt und wörtlich übersetzt „ich werde gefallen“ bedeutet, versteht man ein Scheinarzneimittel, welches keine wirksame Substanz enthält und somit auch keine durch einen solchen Stoff verursachte pharmakologische Wirkung haben kann.

Unter Placeboeffekten versteht man positive Veränderungen, die sich im Zuge dieses -pharmakologisch unwirksamen – Mittels einstellen.

Placebo-Medikamente werden in klinischen (Doppel-Blindstudien) eingesetzt, um die therapeutische Wirksamkeit verschiedener, jeweils als Verum bezeichneter Verfahren möglichst genau erfassen zu können.

Das Gegenstück zum Placeboeffekt ist der Nocebo Effekt. Hierbei handelt es sich um unerwünschte Wirkungen, die analog einer Placebowirkung auftreten können.

Einen Hauptschwerpunkt der Untersuchungen bildet der Einsatz von Placebos in der Untersuchung der Wirksamkeit von Schmerzmitteln. Es zeigte sich, dass auch Placebos ohne schmerzlindernden Wirkstoff schmerzlindernd wirken, wenn die Erwartung auf Schmerzlinderung beim Patienten besteht. Umgekehrt ist es so, dass ein hocheffektives Medikament, selbst wenn es intravenös verabreicht wird, keine schmerzlindernde Wirkung hat, wenn dem Patienten vermittelt wird, dass diesen den Schmerz vielleicht sogar verschlimmert kann.

Die schmerzlindernden Effekte bei positiver Erwartung zeigen sich sowohl im Erleben /Verhalten als auch in der Ausschüttung von Opioiden, von Cannabinoiden und Dopamin. Im  Gegenteil dazu wird bei negativer Erwartung selbst ein starkes Opioid außer Kraft gesetzt. (Untersuchungen der Placebo Forschungsgruppe Ulrike Bingel der Universitätsklinik Essen).

Allerdings ist die Fähigkeit zur Bildung von positiven Erwartungen von Mensch zu Mensch unterschiedlich und kann durch eine Depression und Angst gehemmt sein.

Der zweite wesentliche Faktor sind Lernprozesse. Wie Pawlow in seinen für die Lerntheorie bahnbrechenden Untersuchungen zeigen konnte, reagiert ein Hund nach mehrmaliger Koppelung eines Signaltons mit der Darbietung von Futter auch bereits nach Ertönen eines Signaltons allein mit Speichelreflex – der Signalton wird somit zu einem konditionierten Reiz.

Am Universitätsklinikum in Tübingen unter der Leitung von Paul Enck nutzt man diese Lernprozesse, um die Dosis von Immunsuppressiva, welche z.B. bei Nierentransplantierten, Morbus Crohn oder Rheuma notwendig sind, zu reduzieren.

Im Zuge von Lernprozessen können negative Vorerfahrungen, die zum Beispiel in einem bestimmten Krankenhaus mit einem bestimmten Arzt oder einer Behandlungsform gemacht wurden, auch dann wach gerufen werden, wenn nur daran gedacht wird.

Der dritte wesentliche Faktor zur Wirksamkeit ist die Arzt-Patient Kommunikation. Wie Ulrike Bingel von der Universitätsklinik Essen meint, geht es nicht nur darum, welches Medikament verschrieben wird, sondern wie. Wenn der Arzt ein Medikament als wirksam darstellt, ist seine Wirkung doppelt so stark, als wenn dieser von der Wirkung nicht überzeugt ist.

Die Wirkung einer Behandlung wird noch dadurch verstärkt, wenn der Arzt mitfühlend ist. Auch das Einbeziehen des Patienten im Entscheidungsprozess für eine Therapieform hat einen wesentlichen Einfluss auf den Erfolg. In diesem gemeinsamen Entscheidungsprozess sollten von Seiten des Arztes seine Sachkompetenz ebenso spürbar werden wie eine positive Tönung der Aufklärung, wo nicht so sehr die negativen Auswirkungen in den Vordergrund gerückt werden sondern die positiven Erwartungen auf einen heilsamen Ausgang. Es sollte zudem Raum gegeben werden, dass der Patient seiner inneren Stimme Gehör schenken kann. Eine derart getroffene bewusste Entscheidung hat gute Aussichten, die Wirksamkeit einer Behandlungsmethode zu steigern.

Die Erkenntnisse aus der Placeboforschung lassen uns Einblick nehmen in Mechanismen der Geist – Materie Beziehung. Es konnte gezeigt werden, dass die Überzeugung, dass etwas wirkt  Heilungsprozesse in Gang setzt, auch wenn keine Substanz verabreicht wird. (siehe dazu auch das Buch von Dispenza „Du bist das Placebo – Bewusstsein wird Materie“. unter Buchempfehlungen auf dieser Seite).

Was bedeutet das konkret für die Krebserkrankung:

Auf der Ebene der Erwartungen :

– Es ist höchst notwendig, dass wir den „Krebs-Geist“ entdämonisieren, das Vorurteil entschärfen, dass es sich dabei in jedem Fall um eine tödliche Krankheit handelt. Damit entkräften wir eine diesbezügliche Erwartung.

– Dass man den Geist mit all den mittlerweilen unzähligen Berichten von Spontanremissionen speist, sodass die Patientin im Bewusstsein lebt, dass selbst bei Diagnosen wir Bauchspeicheldrüsenkrebs alles möglich ist (siehe dazu auch die Bücher „Spontanheilungen“ von Caryle Hirschberg und Marc Ian Barasch und „9 Wege in ein krebsfreies Leben“ von Kelly Turner).

– Dass bei der Diagnosestellung die Behandelbarkeit im Vordergrund steht, dass Prognosen also in dem Sinne relativiert werden, dass darauf hingewiesen wird, dass die Statistik nichts über den Einzelnen aussagt.

– Dass bei einer Chemo die Wirkweise in positiver Form ins Bewusstsein gerückt wird, sodass der/die Patientin Kraft ihrer Vorstellungskraft die genaue Wirksamkeit visualisiert und die negativen Nebenwirkungen demgegenüber im Hintergrund bleiben.

– Dass sich Ärzte für andere Behandlungswege öffnen und diese auf keinen Fall verdammen sondern im Gegenteil andere Heilungswege zulassen, wenn die Patientin tief im Innern spürt, dass diese erfolgversprechend sind.

– Dass die Genesung und vollständige Gesundung visualisiert wird. Dazu eignen sich zum Beispiel Methoden des EMDR.

– Da Depression und Angst die Bildung von positiven Erwartungen nachweislich hemmt, wäre eine medikamentöse/psychotherapeutische Behandlung notwendig.

In Bezug auf Lernerfahrungen:

– Ein gemeinsames Erkunden von guten Erfahrungen mit medizinischen Einrichtungen aber auch mit dem Heilwerden, sodass diese Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Selbstheilung im Bewusstsein wachgerufen werden können und somit positiv auf die Erwartung eines guten Ausgangs wirken.

– „Überschreiben“ bzw. Behandlung von negativen Erfahrungen – zum Beispiel im Zuge der Diagnosestellung, mit bestimmten Behandlungserlebnissen (Chemotherapie), mit Ärzten oder Behandlungseinrichtungen, damit diese Vorerfahrungen nicht negativ auf eine weitere Behandlungsunternehmung wirken. Hat sich eine Posttraumatische Behandlungsstörung entwickelt, d.h. ist der Mensch immer wieder von ängstigenden Erinnerungen getriggert, so ist es meiner Einschätzung nach unerlässlich, mit EMDR bzw. anderen traumaspezifischen Methoden diese posttraumatische Reaktion aus dem Körper heraus zu lösen, damit die Lebenskraft der Selbstheilung zur Verfügung steht.

– Eine Kenntnis über die Wirkweise der Therapie und eine bewusste Begleitung der Therapie durch den Patienten festigt Lernprozesse über die Wirksamkeit der Therapiemethode.

Zur Arzt-Patient Beziehung

– Achtung der Autorität der Patientin gegenüber, in dem Sinne, dass sie die Expertin für ihren Körper ist.

–  Ebenbürtigkeit: Mitgefühl mit dem  Patienten in Bezug auf die schmerzliche Realität einer Krebserkrankung und ihrer Folgen. Darüber hinaus eine Wahrnehmung der Patientin nicht nur als Patientin/Erleidende sondern in ihrer Ganzheit mit all ihren Ressourcen.

– Eine dialogische Therapiewahl, weil die Wirksamkeit einer Therapie nachgewiesenerweise größer ist, wenn sie nicht bloß erlitten, sondern  auf der Basis einer gemeinsam getroffenen Therapiewahl  auch mitgetragen wird.

Werden all diese Faktoren in der Begleitung auf dem Krebsweg berücksichtigt, hat die Therapieform – gleichgültig ob diese eine schulmedizinische oder eine komplementärmedizinische ist –  gute Chancen ein im wörtlichen Sinn verstandenes Placebo zu sein, also etwas was im gesamtorganismischen Sinne „gefällt“ und damit heilsam ist.

Diagnose Krebs – Geburtstag

Viele krebskranke Menschen empfinden ihre Diagnose oder auch den Zeitpunkt des Therapieabschlusses als einen Geburtstag – das zweite Mal geboren zu sein. Das wollen sie würdigen, indem sie dem Veränderten und dem was noch zu tun ist, Beachtung schenken, sich immer wieder daran erinnern, was richtig ist zu tun.

Das will ich heute tun, an meinem 59. Geburtstag:   Möchte den Geburtstag als Möglichkeit der Neuausrichtung mit mir selbst nutzen, achtsam möchte ich sein auf das, was wesentlich, meinem Wesen entsprechend ist.

Dann eröffnet sich ein Raum, ein Lebens-Raum, wo sich Wesentliches ereignen kann.

Und da ist zunächst meine Sehnsucht nach Einkehr, einkehren in mein Körper-Geist-Haus, still  werden, den Samen Raum zum Keimen geben, dann staunen, was da so alles entsteht aus dem vermeintlichen Nichts – schöpferisch Sein im sprichwörtlichen Sinn, etwas erschaffen, etwas durch mich sich erschaffen lassen, sodass sich das Göttliche über mich ausdrücken kann.

Mich neu, immer neu verbinden mit dem Über-Persönlichen, das ist Labsal, Nahrung.

Ja das möchte ich. Das will ich pflegen, auf dass ich mich im tieferen Sinne als die, die ich hier angelegt bin zu sein, immer wieder aufs Neue ins Leben gebäre.

Oder wie Rilke sagt:

Ach nicht getrennt sein,

Nicht durch so wenig Wandung

ausgeschlossen vom Sternenmaß.

Innres was ist´s,

wenn nicht gesteigerter Himmel,

durchworfen von Vögeln und tief

von Winden der Heimkehr.

 

Diagnose Krebs – Arztwahl

Krebs ist mittlerweilen in den meisten Fällen eine chronische Krankheit, das heißt, dass mein Onkologe oder auch Komplementärmediziner mich über eine lange Zeitspanne begleiten wird.

Auch hier wie in der Therapiewahl halte ich es für günstig, sich für die Arztwahl genügend Zeit zu lassen, verschiedene Kontakte aufzunehmen, bis die Entscheidung für einen Arzt oder eine Ärztin getroffen wird.

Da neben den schul- und komplementärmedizinischen Maßnahmen die Beziehung ein heilendes Agens ist, ist es wichtig, einen Arzt zu wählen, der neben seiner Kompetenz ein Engagement an mir und meinem Prozess, Mitgefühl und ein menschliches Verbundensein erkennen lässt.

Servan Schreiber schreibt in seinem Anti-Krebs Buch: „Ich wählte lieber einen Arzt, der mich am besten verstand, wer ich war und was ich erlebt hatte, und dessen direkter Blick und warmherzige Art mir gefielen. Ich fühlte mich in guten Händen, bevor er mich untersucht hatte“.

Ein absolutes No Go ist für mich, wenn Drohungen wie „Wenn Sie diese Behandlung nicht machen, dann werden Sie nicht mehr lange leben“ ausgesprochen werden,  wenn Druck ausgeübt wird, wenn  Geringschätzung meiner Expertise für meinen Körper und mein Leben spürbar ist.

Es ist wichtig, dass ich vertrauen kann, dass ich  keine Angst zu haben brauche, dass ich mich gut aufgehoben fühle, dass ich mich in meiner Ebenbürtigkeit geschätzt fühle. Mein begleitender Arzt, meine Ärztin ist offen für meine Fragen und schätzt mich  als ebenbürtige Partnerin auf dem Krebsweg. Es soll also ein im sprichwörtlichen Sinne  Arzt meines Vertrauens sein.

Dann kann ich mich sogar, wie in meinem Fall, auf die Begegnungen mit meinem Arzt freuen, weil ich auch das Interesse an mir als Mensch wahrnehme.

Darüber hinaus wäre es günstig, wenn der Arzt/die Ärztin gegründet ist in einem Wissen, dass alles möglich ist, jede heilsame Wendung sich vollziehen kann, der/die Vertrauen in die Selbstheilungskräfte hat.

Eugene Gendlin, der geniale Denker und Begründer der Focusing Therapie sagt in Bezug auf den Menschen einen schönen Satz: „Es ist immer jemand drinnen“ .

Ein Arzt, der diesen Jemand, der drinnen ist, in den Blick nimmt ist ein guter Arzt.

 

Krebs und Ernährung

 

Im Oktober wurde eine Studie der WHO veröffentlicht, wonach der regelmäßige Konsum von Fleisch, insbesondere Würste, Schinken und anders verarbeitetes Fleisch das Risiko an Darmkrebs zu erkranken erhöht.  In der Studie hat eine Arbeitsgruppe aus 22 Experten mehr als 800 Studien über den Zusammenhang von Fleischkonsum gesichtet und gezeigt, dass  das Darmkrebsrisiko bei einem Konsum von je 50 Gramm verarbeitetes Fleisch am Tag um 18 Prozent steigt. Natürlich wurde von allen Seiten – ich denke zu allererst von Seiten der Fleischindustrie, aber auch  von Ernährungsberatern und schulmedizinischen Ärzten Kritik laut und die Studie heftig in Frage gestellt.

Für mich ist schon lange klar, dass Fleisch aus Massentierhaltung mit all den Zusatzstoffen wie Antibiotika, Hormonen, aber auch dem unermesslichen Leid der Tiere, der Todesangst und der Bedingungen des Tötens, die wir ja alle zu uns nehmen, wenn wir Fleisch essen, nicht heilsam sein kann.

Die Krankheit hinter der Krankheit Krebs ist für mich ein Herausfallen aus der (kosmischen) Ordnung, ein Verlust der Verbundenheit mit den für den Menschen wesentlichen Bezügen – zuallererst  mit unserem Körper aber auch mit der Natur  und den Tieren.

So nehmen wir nicht mehr wahr, was wir zu uns nehmen, tun es, weil wir es so gewohnt sind, es alle tun, weil Fleisch Essen ideologisch wie Melanie Joy in ihrem klugen Buch  schreibt, durch die drei N´s gerechtfertigt wird:  es gilt als normal, natürlich und notwendig.

Die oben genannte Studie kann dazu führen, dass ein Mensch, welcher an Krebs erkrankt ist, oder Angst davor hat, seinen Fleischkonsum verringert oder gänzlich damit aufhört. Das ist sicherlich der Gesundheit förderlich.

Viel bedeutsamer erachte ich jedoch, dass ein Bewusstseinswandel stattfindet. Dass eine Heilung der hinter dem Krebs liegenden Krankheit – des Getrenntseins  – sich vollzieht.

Und auch das ist nicht so schwer, wie es klingen mag. Es bedarf nur, sich mit der Nahrung zu verbinden, sich kurz vor dem Essen bewusst zu sein, ob ich überhaupt Hunger verspüre oder nur einem äußeren Reiz gehorche, sodann eine organismische Wahl treffe, genau das esse, was mein Organismus jetzt begrüßt, mir vor dem Essen vergegenwärtige,  woher die Nahrung stammt, dass das Stück Fleisch zum Beispiel nicht etwas Abstraktes sondern von einem vormals lebendigen fühlenden Wesen stammt, mich sodann mit der Nahrung einlasse, indem ich über ein achtsames Essen die Qualität erspüren kann und letztlich auch aufhöre, wenn ich satt bin. Das alles bedarf ein bisschen Achtsamkeitspraxis, belohnt uns aber mit einem Gefühl der Zufriedenheit, der Freude und Dankbarkeit über die Lebens!mittel, die uns Gott sei Dank in unseren Breiten zur Verfügung stehen. Und – es bekräftigt mich in einer Verbindung zu mir selbst und zu allem, was mich umgibt und ist damit ein Beitrag für mein Heilsein.

Literatur zum Thema:

Safran Foer: „Tiere essen.“ Wunderschönes Buch in dem Safran Foer seine Reise in die Fleischproduktion beschreibst, sehr aus dem Herzen geschrieben, aber Achtung: Starke Nebenwirkungsgefahr, nie wieder Fleisch zu essen.

Melanie Joy: „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“. Sehr kluges Buch. Melanie Joy beschreibt die hinter dem Tierkonsum liegende Ideologie, den Karnismus.

Thich Nhat Hanh: „Achtsam Essen und achtsam leben. Der buddhistische Weg zum gesunden Gewicht.“ Der berühmte Zen-buddhistische Mönch und Lehrer schreibt mit vielen Übungsbeispielen über ein barmherziges Essen.

Jan Chozen Bays: „Achtsam essen. Vergiss alle Diäten und entdecke die Weisheit Deines Körpers.“  Achtsamkeitsübungen aus dem Buddhismus lassen zum Beispiel die verschiedenen Arten des Hungers (Augen-, Magen,- Zellhunger usw.) erkennen.

http://www.essenundkrebs.net : eine Initiative einer österreichischen Ärztin zur Untersuchung, wie sich eine vegane Ernährung auf die Krebserkrankung auswirkt.

Von der Selbstverständlichkeit zur Lebensintensität

Das Rausfallen aus der Selbstverständlichkeit meines Lebens durch eine Krebsdiagnose ist oftmals ein Weckruf, ein Aufwachen aus dem „Bett“ der Selbstverständlichkeiten. Dies ist begleitet von der Erkenntnis, dass dieses so gewordene Leben vielleicht gar nicht so gut war, wie es schien, dass es Unstimmigkeiten gab, ich vieles tat, was mir nicht wohl tat, vielleicht sogar schädlich war.

Oft sind das Erlebnisse spontaner Erkenntnis, eine Bestätigung von etwas, was ich schon länger tief in mir wusste, aber nicht wahrnehmen wollte. Manche Menschen, die mit einer Krebsdiagnose konfrontiert sind, wissen beispielsweise, dass ihre Ernährung krankmachend ist und dass hier Änderungsbedarf gegeben ist. Sie nehmen diese Notwendigkeit wahr und vielmehr noch, sie dürfen sie jetzt endlich ändern. Der Wunsch und die Notwendigkeit einer Ernährungsumstellung ist jetzt stärker als die lieb gewordene Gewohnheit. Wie die Beispiele in dem wunderbaren Buch „Spontanheilungen“ von  Hirshberg und Barasch  zeigen, kommen diese Erkenntnisse aus der von mir schon oftmals beschriebenen „wissenden Lücke“, jenem freien undeterminierten Bewusstseinsfeld, in welchem alle Informationen zur Verfügung stehen.  Da weiß etwas in mir – und dieses Spür- oder Zellwissen ist hinter der Angst, der Sorge, der Unwissenheit -, was jetzt zu tun ist. Und  das ist dann ganz und gar kein bedauernswertes Opfer sondern ein mit Freude begonnenes Unterfangen. Ja, ich darf meinen organismischen Bedürfnissen gerecht werden, ich muss nicht mehr mitmachen, ich darf mich um mich selbst kümmern, dafür sorgen, dass meine Nahrung, meine Beziehungen, meine Arbeit, mein Lebensstil heilsam sind. Wie jener im oben genannten Buch beschriebene Patient, der selbst seinen eigenen Koch auf seine Reisen mit nahm, weil er erkannte, dass seine Ernährung eine wesentliche Säule in seinem Heilsystem ist. Der große Aufwand, der bisweilen zu leisten ist, ist keine Belastung, vielmehr spiegelt es mir wieder, dass ich mir das Beste wert bin, weil mein Leben kostbar ist. So führt das Gewahrwerden meiner Endlichkeit, die Möglichkeit, dass ich an meinem Krebs sterben könnte, zu einer Verdichtung, einer Ver-Eigentlichung meines Lebensprozesses, welches sich auch in einer gesteigerten Lebensintensität ausdrückt.

Oder – um viel, viel schöner noch mit Rilke zu sprechen:

Mandelbäume in Blüte

Die Mandelbäume in Blüte: alles, was wir hier leisten können, ist, sich ohne Rest erkennen in der irdischen Erscheinung.

Unendlich staun ich euch an, ihr Seligen, euer Benehmen,

wie ihr die schwindliche Zier traget in ewigem Sinn.

Ach wers verstünde zu blühn: dem wär das Herz über alle

schwachen Gefahren hinaus und in der großen getrost.                                                                Rainer Maria Rilke

Diagnose Krebs – Von der Selbstverständlichkeit zum Selbstverständnis

Angeregt durch den Titel eines Workshops, das ich im November am Klinikum in Essen halten werde mit dem Titel „Diagnose Krebs – Verlust an Selbstverständlichkeit und Gewinn an Lebensintensität“, habe ich mich mit der Frage beschäftigt, welche Selbstverständlichkeiten es sind, die mit einer Krebs- Diagnose verloren gehen. Folgender Text ist daraus entstanden:

Was wir als selbstverständlich annehmen:

Dass ich mich auf meinen Körper in seiner Funktionstüchtigkeit verlassen, ihm vertrauen kann, dass das Leben ewig weitergeht, dass ich auch morgen in die Arbeit gehen werde, meine Kinder betreuen, mit meinen FreundInnen zusammen sein kann. Dass ich die bin, die ich gewohnt bin, zu sein, dass ich nur bestimmte Aspekte meines Seins realisiere, ver-wirk-liche, dass ich einen selbstverständlichen Lebensstil pflege, esse, was ich immer esse, zu mir nehme, was sich mir anbietet, dass ich Dinge tue, weil es andere auch tun, dass ich über meine Grenzen gehe, dass ich mich wohl verhalte, meine Wut unterdrücke, weil ich nur dann glaube, dass ich meinen Arbeitsplatz oder auch meine sozialen Beziehungen behalte.

Vor allem –  dass ich meine Sehnsüchte nicht mehr wahrnehme. Sehnsüchte nach einem intensiven Leben, das erfüllend und befriedigend ist.

So ist es oftmals im Leben von Krebskranken vor der Diagnose.

Sie berichten von einem Leben, das sich für sie nicht mehr sinnvoll anfühlt, von einem Leben der Entfremdung und Ent-Eignung, das zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Und dann die Diagnose. Ein Einbruch in das Festgefügte, Struktur Gewordene, Selbstverständliche. Das ist ein Schock.

Und auch eine Chance für einen, wie Le Shan sagt, „Wendepunkt und Neubeginn“.

Krebs berechtigt.

Es berechtigt uns, auf unser Leben zu schauen, wahrzunehmen, dass dies hier mein Leben ist, und dass dieses mein Leben geachtet werden will, befürsorgt und gelebt.

Und Krebs gibt Erlaubnis – endlich darf ich  für meine Bedürfnisse eintreten, Nein sagen, wo bislang ein Entsprechen – Wollendes Ja gestanden ist. Darf mir die Frage stellen,  was ich eigen-tlich will. Darf meinen schöpferischen und ursprünglichen Ideen und Impulsen Raum  geben.

Und augenblicklich gewinnt das Leben an Intensität.

Und – es ist ein Leben, das aus dem Einverständnis mit mir Selbst ein neues Selbstverständnis kreiert.

Diagnose Krebs – Traumatherapeutische Unterstützung

Der Campus lädt ein……

Leben dürfen – Leben wollen.

Über die Einbeziehung von traumaspezifischen Aspekten und EMDR in der psychotherapeutischen Begleitung von an Krebs erkrankten Menschen.

Ein Vortrag von Dr. Beatrix Teichmann-Wirth

Die Diagnose Krebs ist meist ein großer Schock, der nachhaltig wirkt.

In meinem Vortrag möchte ich darüber sprechen, wie wir in Bezug auf die ersten drei Stationen eines Krebsweges (die Diagnose, die Therapiewahl und die Therapiebegleitung) traumaspezifisches Wissen und die EMDR Methode so anwenden können, dass sich durch die Diagnosemitteilung keine posttraumatische Belastungsstörung ausbildet, und die Therapiewahl von der ganzen Person  getroffen wird. Außerdem werde ich darauf eingehen, wie Methoden der Traumatherapie und des EMDR förderlich in  der Begleitung der medizinisch, therapeutischen Maßnahmen zur Reduktion von Schmerzen und Unwohlsein eingesetzt werden können. Von Anfang an ist es am Krebsweg wesentlich, Zuversicht und Hoffnung zu fördern. Auch hier können Methoden wie Visualisationen und Methoden aus dem EMDR, die auf die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Lebenskraft bestärkende Wirkung haben, eingesetzt werden, sodass im Umgang mit der Krebserkrankung aus der Überforderung eine bewältigbare Herausforderung wird.

Eingeladen sind alle an dem Thema Interessierte, insbesondere PsychotherapeutInnen, PsychologInnen, TraumatherapeutInnen, BeraterInnen, ÄrztInnen und natürlich auch an Krebs erkrankte Menschen und deren Verwandte.

Wann: Donnerstag 26.11.2015 um 19 Uhr 30

Wo: Therapiezentrum Gersthof, TZG, Klostergasse 31-33, A-1180 Wien

Organisationsbeitrag: 10 Euro

Anmeldung bitte bis zum 20.11.2015 bei mir beawirth@yahoo.de.

Diagnose Krebs – Vom Überleben zum Leben

Und dann steht sie da, die Frage nach dem Weiter – Leben, dann nachdem die Therapien überstanden sind, die Symptome der Krankheit verschwunden und man aus  dem Eingebundensein in die medizinische Welt wieder in die eigene Lebensrealität eintritt. Dann steht sie da: was jetzt? was soll, mag ich ändern in meinem Leben, habe eine zweite Chance bekommen, die muss ich ja jetzt wohl nützen. Viele Wege liegen vor mir: die Ernährung, Sport, Gewohnheiten wie Rauchen, Trinken, der Umgang mit meinen Nächsten, Freunden, gehe ich in meinen Beruf zurück, was muss ich da ändern, dass es mich nicht neuerlich über-/oder unterfordert…Und mehr noch hinter all dem die Frage nach einem sinnvollen, erfüllenden Leben.

Viele von uns hören bereits als Kind, dass Ideen von einem selbstverwirklichenden Leben, so es nicht ein einträglicher, viel Geld verheißender Job ist, verrückt sind, oder wie Andre Heller in dem wunderbaren Gespräch mit Pachl-Eberharter  “ Vom Nährwert der Kreativität“ (Sendung am 2.8.2015 auf Ö1, bis zum 9.8.2015 zum Nachhören) sagt, dass wir nicht sein dürfen, was wir sind, sondern nur das, wo man sich im Leben leichter durchschlängelt.

Und so beginnen wir ein Leben zu führen, welches keinen Sinn macht, uns nicht interessiert, uns nicht an-spricht. Wir verlieren den Kontakt zu unserer Lebensmelodie – wie Le Shan in dem wunderbaren Buch „Diagnose Krebs – Wendepunkt und Neubeginn“ (siehe Buchtipps) schreibt. Bekräftigt durch die in der Welt so fest verankerte Meinung, dass wir keinen Anspruch auf den vollen Lebens-Genuss haben, auf Erfüllung, Angehobensein, schöpferisches Sein, wird es stumm in uns, wir überleben. Und dann die Krankheit, der Einbruch in diese feste undurchdringliche Struktur – und da tut sich eine Lücke auf, ein Einblick in eine andere Wirklichkeit – und diese „Brunnengrabung zu dieser Bibliothek des Wissens, die in uns ist“ (Heller ebda) wird möglich. So war meine Erfahrung. Ich kam in Verbindung mit dem, was Andre Heller das „göttliche, hohe, tiefe, weite Wissen der Kinder“ bezeichnet. Sehnsucht und Heimweh sind die begleitenden Gefühle. Heimweh nach mir selbst, die ich größer bin als die irdische Verkörperung, die in Verbindung ist mit dem Himmlischen.  Dann bin ich in meiner „Heimatschwingung“ (Andre Heller ebda), und diese mir ureigenste Schwingung  ist attraktiv, spricht andere Menschen an, die sich ihrerseits in ihrer Schwingung angeklungen fühlen- und dann, wenn ich zutiefst ich selbst, authentisch bin,  bin ich wirk-sam.

Und diese Schwingung ist nicht im Außen, nicht im Denken zu finden, weshalb man nicht verbissen suchen muss, was das Erfüllende sein kann – sie ist immer da, wenn ich jenseits vom Denken mit mir in Verbindung bin, wie ein Geschenk, besonders dann, wenn ich grade nichts will.

Es ist da, wenn ich mich mit meinem Atem verbinde, wenn ich mich öffne für das Jetzt, ganz einfach, den Blick hebe, die Bäume wahrnehme, einem Kind, das mir in der U-Bahn gegenübersitzt in die Augen  sehe. Sie kann da sein, wenn ich die Wäsche aufhänge, mich am Duft erfreue, ohne dabei an all die Dinge zu denken, welche ich heute noch zu tun habe.

Einfach Da-Sein.

Dann der nächste gute Schritt, aus mir heraus.

Jetzt.

Diagnose Krebs – die Gesundheit hinter der Symptomfreiheit

Die Gesundheit hinter der Symptomfreiheit lässt sich für mich ganz basal und einfach so beschreiben, wie das mein verehrter Lehrer, Carl Rogers, der Begründer der Personzentrierten Psychotherapie so einfach in den Begriff der organismischen Bewertung gebracht hat. Gesundheit ist in diesem und in meinem Verständnis dann gegeben, wenn der Organismus die Führung übernimmt im Leben, und nicht die Konzepte und Bewertungsbedingungen, wie ein wertvolles Leben auszusehen hat.

Dass ich nicht dem Leistungsdiktat gehorche, sondern vielmehr den Gesetzen des Lebens. Dass ich das  Verbunden sein im alltäglichen Leben pflege, in der Achtsamkeit für meinen Körper, seinen Rhythmen und Zyklen der Ausdehnung und des Rückzugs. Achtsam zu sein, wann ich Ruhe, Einkehr, Rückzug brauche, wann es mich zum Rausgehen, mich ausdrücken drängt, ganz einfach mich hinzulegen, wann ich müde bin, zu essen, wenn ich hungrig bin, mich zu bewegen, wenn ich einen Impuls verspüre. etwas zu gebären, wenn es Zeit für eine schöpferische Tat ist.

Die Bedingungen für Gesundheit

Auf einer gemeinschaftlichen Ebene geht es darum, uns um eine  Bewusstheit und Überprüfung unserer Werte zu bemühen, dass  z.B.  das Erbringen von Leistung ein wesentliches Anerkennungsmerkmal für Menschen ist,  dass es gewürdigt wird, wenn man tapfer ist, gefasst  und bereit ist,  sich über alle psychischen und physischen Grenzen hinweg  einzusetzen, zu verbrennen, sich aufzuopfern und auszubeuten für andere oder um einer Sache willen.

Dass wir Begegnungen pflegen, wo wie Dispenza (siehe dazu auch die Buchempfehlungen) meint, höhere Emotionen gefördert werden, als diese sind: Dankbarkeit, Staunen, Ehrfurcht, Mitgefühl, Freude, Inspiration, Begeisterung, Wertschätzung und Selbstbestimmtheit und vor allem  Vertrauen  – ganz wichtig, Vertrauen in das Leben. Und dass wir uns mit Menschen umgeben, die uns anheben in unserem Verständnis von uns Selbst, und in deren Zusammensein wir uns in unserem Besten und Höchsten wahrnehmen können.

Letztlich geht es um dieses unser Geburtsrecht, uns in unserem Angelegt sein zu verwirklichen, in dem wozu wir hier auf die Welt gekommen sind, voller Vertrauen, dass genau das gebraucht und willkommen geheißen wird, an-genommen.

Dass es dieser je eigenen Tönung nicht hinzuzufügen gibt, schon gar nicht wegzunehmen, weil es immer schon vollkommen ist.

Und dass dies Seelen-Räume braucht, wo wir einander begrüßen und erkennen wollen.

Räume zu schaffen, wo diese An-Erkennung ausgedrückt werden kann. Also einen Teppich an Wertschätzung zu weben.

Dies alles verhindert vielleicht nicht, dass eine Krebserkrankung den Einzelnen trifft, es bereitet jedoch einen prophylaktischen Menschheits-Boden, wo meine Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft nicht  über meine Angepasstheit an äußere und dann verinnerlichte Normen gesichert ist, sondern weil ich gewiss sein kann, dass ich durch meine je eigene Wesens-Tönung eine bereichernde Note in  der Melodie des Ganzen bin.